Terry Eagleton über Wuthering Heights – Ein Roman der ideologischen Wahrheit

Mythos, aber nicht versöhnend

Was geschieht, wenn ein Roman sich weigert, zu versöhnen? Wenn er statt Harmonie das Unversöhnliche ausstellt – und darin seine ästhetische Kraft entfaltet? Terry Eagletons marxistische Studie Myths of Power: A Marxist Study of the Brontës (1975) liest Emily Brontës Wuthering Heights genau auf diese Weise: als literarisches Monument der Unversöhntheit, als Tragödie des Klassenbewusstseins, als poetische Zurückweisung ideologischer Illusionen.

Eagleton setzt sich mit dem Begriff des „Mythos“ differenziert auseinander. Während Charlotte Brontës Romane wie Jane Eyre gesellschaftliche Gegensätze – zwischen Liebe und Stand, Individualität und sozialer Ordnung – ästhetisch harmonisieren, ist Wuthering Heights in einem anderen Sinn „mythisch“: Es wirkt wie ein in sich geschlossenes, symbolisch aufgeladenes Universum – aber gerade nicht versöhnend oder zeitlos. Eagleton will diese Deutung entmythologisieren: Wuthering Heights ist tief durchdrungen von sozialen Widersprüchen und Klassenkonflikten, und gerade das macht seine Form so stark.^[1]

„The world of Wuthering Heights is neither eternal nor self-enclosed; nor is it in the least unriven by internal contradictions.“^[2]

Heathcliff: das produktive Monster

Zentral für Eagletons Lektüre ist Heathcliff, der gesellschaftlich Unerklärbare: ein Findelkind ohne Herkunft, das zugleich das Produkt und die Negation der sozialen Ordnung ist. Heathcliff eignet sich später die Machtmittel des Kapitals an – Besitz, Enteignung, Kredit – und verwandelt sie in ein Instrument rücksichtsloser Rache. Er zerstört, was ihn ausgeschlossen hat, aber nicht als Rebell, sondern als Spiegel der Gewalt, die ihn hervorgebracht hat.

Heathcliff ist kein romantischer Held, sondern ein „produktives Monster“: ein Resultat ideologischer Verdrängung, das zurückkehrt, um die Ordnung mit ihren eigenen Mitteln zu unterwandern.

Catherine: Selbstverrat als Tragödie

Catherines berühmte Selbstbeschreibung – „Ich bin Heathcliff“ – ist für Eagleton nicht Ausdruck romantischer Einheit, sondern einer tragischen Spaltung. Ihre Entscheidung, Edgar Linton zu heiraten, bedeutet nicht nur eine soziale Strategie, sondern einen Verrat an ihrem existenziellen Selbst. Sie tauscht Affekt gegen Stand, Wahrheit gegen Konvention – und daran zerbricht sie. Eagleton nennt dies einen Akt der mauvaise foi, des Selbstbetrugs im Sinne Sartres: ein individuelles Begehren, das sich gesellschaftlichen Zwängen unterwirft und sich dabei selbst zerstört.^[3]

Struktur der Ambiguität

Im Gegensatz zu Charlotte Brontës tendenziös geführten Erzählstimmen lobt Eagleton die mehrschichtige Erzählstruktur von Wuthering Heights, die durch ihre Rahmenfiguren (Lockwood, Nelly Dean) keine eindeutige moralische Zuordnung erlaubt. Ambivalenzen – ist Heathcliff Dämon oder Opfer? Ist Nelly klug oder grausam? – bleiben offen und sind konstitutiv für den ästhetischen Raum des Romans. Das Werk erzeugt Klarheit nicht durch Auflösung, sondern durch beharrliche Vieldeutigkeit.

Kein Trost am Ende

Das häufig als hoffnungsvoll gedeutete Ende – die Liebesbeziehung zwischen Cathy II und Hareton – wertet Eagleton als eine ideologische Beruhigungsgeste. Zwar entsteht Zärtlichkeit, Bildung, gegenseitige Achtung. Doch strukturell bleibt der Roman seiner tragischen Analyse treu: Cathy und Hareton verlassen die Orte der Gewalt – sie transformieren sie nicht. Die Geschichte der gesellschaftlichen Gewalt wird nicht überwunden, sondern durch symbolische Restitution entkräftet, ohne politisch greifbare Konsequenz.

„The novel encloses its contradictions within a framework of apparent reconciliation.“^[4]

Ästhetische Wahrheit durch ideologischen Mut

Was Eagleton letztlich an Emily Brontës Roman schätzt, ist seine ästhetische Ehrlichkeit. Wuthering Heights verweigert sich der ideologischen Glättung, die Charlotte Brontë häufig vollzieht. Die Unversöhnlichkeit von Begehren und Ordnung, Natur und Konvention, Affekt und Eigentum bleibt sichtbar – und gerade dadurch gewinnt der Roman an dichterischer Kraft.

„The novel forges its unity of vision from the very heat those conflicts generate.“^[5]

Fazit

Terry Eagletons marxistische Analyse zeigt Wuthering Heights als ein Werk von seltener intellektueller und ästhetischer Integrität. Es ist ein Roman, der Widersprüche nicht tilgt, sondern zur Sprache bringt – als poetische Wahrheit. In einer Zeit, die literarische Komplexität oft durch Identifikationsangebote ersetzt, bleibt Brontës düsteres Meisterwerk ein Ort kritischer Reibung.

Eagleton, Terry. Myths of Power: A Marxist Study of the Brontës. Palgrave Macmillan, 2005, S. 97–98. Ebd., S. 98. Ebd., S. 100–101. Ebd., S. 101. Ebd., S. 99.


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Achim Spengler
Achim Spengler

In love with literature, photography, philosophy and history.

Artikel: 601

2 Kommentare

  1. Lieber Achim
    Eine interessante Lesart von Wuthering Heights, die ich nachvollziehbar finde. Die durch Ambivalenz erzeugte Vielschichtigkeit finde ich ein gelungenes Stilmittel.
    Mit herzlichen Grüßen vom sonnigen Meer
    Klausbernd 🙂

  2. Es ist wirklich interessant, wie die Differenzierung zwischen Charlotte Brontës Romanen und Emily Brontës Werk dazu anregen kann, den literarischen Raum als Ort der Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten zu verstehen, und zwar jenseits von Idealisierungen oder vermeintlicher Harmonie. Ich denke, dass Terry Eagletons Ansatz, den Mythos zu entmythologisieren und dabei die soziale Dimension in den Mittelpunkt zu rücken, die Bedeutung von Literatur als Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche aufzeigt, bzw. unterstreicht.

    Ja, und über die Kraft des Unversöhnlichen nachzudenken ist ein weiterer interessanter Aspekt: denn ist es nicht so, dass gerade in seiner Unvollkommenheit und Konfliktgeladenheit eine enorme Stärke liegt?

    Vielen Dank, Achim, für deine bereichernde Perspektive! Sie ist für mich eine Erinnerung daran, dass Literatur nicht nur zur Unterhaltung dient, sondern auch ein Mittel sein kann, um gesellschaftliche Realitäten kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen.

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