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Was geschieht, wenn Worte ihre Bedeutung verlieren – und trotzdem wirken? Eine Spurensuche inmitten einer Rhetorik, die sich jeder Moral entzieht.
Manchmal ist es ein Fehler – ein feiner Webfehler im Verständnis einer Geschichte –, wenn man versucht, sie mit der Moralkeule zu entschlüsseln. Die Sprache des Hasses, der Abgrenzung, der Gewalt und der Frauenverachtung ist so dicht gewoben, dass sie undurchschaubar wird. Sie spinnt sich scheinbar mühelos weiter, weil ihre Behauptungen sich keiner Argumentationsprüfung stellen müssen. Sie gleitet ab in ein monotones, einlullendes Brabbeln – oder besser: in eine Kakophonie aus Tweets, deren Inhalt gerade durch ihre Bedeutungslosigkeit bestimmt ist. Ihre Wirkung liegt in der absichtslos wirkenden Streuung, in ihrer Undurchsichtigkeit, in ihrer Immunität gegenüber jeder Moral.
Man kommt ihr nicht bei. Sie verfängt gnadenlos, weil sie sich des Ungeheuerlichen bedient – des Un-Fassbaren. Interpretation greift ins Leere, denn sie ist längst übergesprungen auf die Massen und nährt ein kollektives Bewusstsein, das sich rückkoppelnd mit genau dieser Sprache speist. Es verweigert sich jeder Textkritik.
Dieser Umstand hängt mit der Freiheit der Rezeption zusammen, die sich akademischen Dekonstruktionen – etwa jener der Trumpschen Rhetorik – gezielt entzieht. Begriffe wie decency, Moral oder Ethik landen in der Besenkammer. Stattdessen zählen: ein Essen auf dem Tisch, billiger Sprit, Steuererleichterungen, Löhne, die der Inflation standhalten. Gib ihnen Brot und Spiele – und sie werden süchtig danach. Wer sich über Trump mokiert, mokiert sie.
Was bleibt, sind freie Assoziationsketten, die wie in Trance von einem Thema zum nächsten taumeln – mäandernd, einem instinktlosen Instinkt folgend, der Volten schlägt. Und am Ende? Entsetzen beim Gegner. Häme. Und beim Freund ein Rausch. Raunende Hypnose.
Am Ende taumeln wir durch ein Labyrinth assoziativer Versatzstücke – von Empörung zu Empörung, von Reiz zu Reiz. Was bleibt, ist ein seltsames Gemisch aus Entsetzen, Häme und Erschöpfung. Die Sprache hat längst hypnotisiert.
Und nun? Gibt es ein Gegengift?
Vielleicht. Vielleicht kein Allheilmittel – aber ein Bündel von kleinen Bewegungen, Gegensprachen, widerständigen Gesten, die sich nicht in moralischer Pose erschöpfen.
Man muss nicht lauter sprechen als der Populist. Nur anders. Langsamer vielleicht. Klarsichtiger. Mit Bedacht. Statt den Pawlowschen Reflex der Empörung zu bedienen, könnten wir fragen: Was macht diese Sprache mit uns? Mit mir?
Es geht nicht darum, sie zu entlarven. Sie will nicht entlarvt werden. Was wir ihr entgegenstellen können, sind Gegenräume der Sprache, in denen nicht bloß reagiert, sondern erzählt wird. Erzählt vom Möglichen. Vom Gemeinsamen. Vom Vielschichtigen. Statt zu sagen, was falsch ist, erzählen wir, was richtig werden könnte.
Denn so sehr der Populismus von Verknappung lebt – seine größte Angst ist vielleicht genau das: Komplexität, die sich erzählen lässt. Geschichten, die nicht auf „wir gegen die“ hinauslaufen, sondern auf: wir in unserer Widersprüchlichkeit, in unserer Angst, in unserer Hoffnung.
Auch unsere Sprache darf unperfekt sein, aber sie muss auf etwas zielen, das sich dem simplen Reflex entzieht. Auf eine neue Form des Erzählens, die sich nicht von der Erregung treiben lässt, sondern von der Wirklichkeit: einer, die vielen gehört.
Und ja, Begriffe zurückerobern. Heimat darf nicht das Monopol derer bleiben, die sie mit Zäunen meinen. Volk ist nicht der, der „wir zuerst“ schreit, sondern der, der zuhört. Der das „Wir“ aushält, auch wenn es flimmert, flackert, fragmentarisch bleibt.
Vielleicht geht es nicht darum, den Diskurs zu gewinnen – sondern den Resonanzraum zu verändern. Nicht gegen die Sprache der Verblendung zu brüllen, sondern sie leise zu unterwandern.
Mit neuen Tönen. Mit Worten, die sich nicht sofort zu Botschaften verformen lassen. Mit Bildern, die sich der Deutung entziehen – und gerade deshalb zum Denken einladen.
Am Ende keine Strategie. Kein Plan. Kein Toolkit. Nur ein anderer Ton. Und vielleicht, inmitten des Lärms, ein Satz, der nicht überzeugt, aber zum Verweilen einlädt.
Key Takeaways
- Sprache hat eine hypnotisierende Wirkung und entzieht sich der moralischen Kritik.
- Populistische Rhetorik nutzt Verknappung und Einfachheit, um zu überzeugen.
- Gegensprachen und neue Erzählweisen machen komplexe Themen zugänglich und regen zum Nachdenken an.
- Es ist wichtig, Begriffe zurückzuerobern und eine Sprache zu schaffen, die das Wir in seiner Diversität zeigt.
- Wir sollten den Resonanzraum des Diskurses verändern, anstatt laut dagegen anzubrüllen.
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Ja.
Danke, Margarete! 🙂
Lieber Achim,
uns gefallen dein Überlegungen und gleichzeitig gefällt uns auch Umberto Ecos Analyse in ‚Travels in Hyperreality‘ über diesen „faith in fakes“. Die Bedeutungslosigkeit zieht sich überall durch unsere Begriffe, speziell im Netz wird man allerorten fündig. Die Kritik an dieser Sprache läuft u.a. ins Leere, da es keine Bedeutungen mehr gibt, und wo es keine Bedeutungen mehr gibt, gibt es auch keine Deutungen.
Danke für diese inspirierenden Gedanken
The Fab Four of Cley
🙂 🙂 🙂 🙂
Lieber Klausbernd,
bei Derridas „differance“ und bei Foucaults Diskurstheorie wird ja bereits die „Bedeutung“ als instabil aufgefasst, abhängig vom Spiel der Verschiebungen (der Signifikanten) und der Interpretationen, was der Sprache schon immer inhärent sei. Nichts grundsätzlich Neues also.
Ich wage zu behaupten, dass Bedeutung aber nicht nur instabil werden kann, sondern dass sie nur noch als Produkt eines Missverhältnisses von etwas Intendiertem (Ausgangstext) und dessen bewusst missverstehender Rezeption. Insofern bin ich jetzt bei einem sprachtheoretischen Pessimismus (oder: Realismus) angelangt, der auf der Beobachtung basiert, dass Sprache in digitalen Räumen systematisch manipuliert wird – Stichwort Fake News, Deepfakes, Memetik, Algorithmen-gesteuerte Rezeption etc.
Liebe Grüße an die kleine Stadt am Meer und die fab four.
Achim
Vielen Dank für die anregenden Gedanken. Das wichtigste Moment für mich ist allerdings der Trost, dass es immer auch noch andere Menschen mit ähnlichen Gedanken und Fragestellungen gibt. Das bedeutet Schwimmen gegen den Strom der Schwärme. Solitäre; einsam vielleicht aber nicht alleine.
Gruss, Robert
Lieber Robert,
wehrhaft sein und bleiben, das erscheint mir als die wichtige Parole. Nicht allein bleiben in diesem Kampf gegen die Gaukler und Lügner und Wahrheitsverdreher.
Gruß
Achim
Dein Text macht sehr nachdenklich, lieber Achim, ganz besonders bei der politischen Situation hierzulande.
Liebe Gruesse,
Pit
Lieber Pit,
du bist ja nahe genug dran, um das noch besser beurteilen zu können als ich. Fast hätte ich gesagt, ich bin weit weg vom Schuß, was ja ein Trugschluß ist, wenn ich an die Türkei, Ungarn, Italien und sogar an Frankreich denke. Überall wimmelt es von Autokraten und jenen, die es gerne werden wollen.
Ich hoffe, es geht euch gut, bei allem, was man gerade über Texas und den fürchterlichen Sturzfluten hört, die so viele junge Leben gekostet hat.
Liebe Grüße an Mary und dich.
Achim
Schön, ein Text, der tatsächlich mit einem Vorschlag endet.
Auch wenn diese Vorschläge noch mit soviel Anderem ergänzt werden müssen.
Von Herzen Dank, lieber Achim, für Deine Gedanken, Deine Worte, die „andere“ Räume öffnen und beleben …
Mit Grüßen aus dem bunten Westallgäu:
Pega
Liebe Pega,
ich danke dir 🙂
Herzliche Grüße an dich
Achim
Liebes Bruderherz,
dein Text trifft mich mitten ins Herz. Eine unglaublich zutreffende Analyse und ein Handlungsvorschlag der mich sehr berührt und ausdrückt was ich empfinde und zu leben versuche.
Danke