Es grollt und dräut

z0001_gewitterDer Blick zum Himmel ist der Eintritt ins Theater des Wetters. Der Orchestergraben stimmt sich ein. Der Vorhang wird gehoben. Wetterleuchten macht sich auf. Der Himmel ist übervoll und überfließt. Die Nähe zur Nässe erinnert an das Platzen einer Fruchtblase. Das romantische Bild einer Autopoiesis. Frei nach Richard Rorty: Die unverbrüchliche Einzigartigkeit des Wetters besteht in seinem poetischen Vermögen, einzigartige und dunkle Dinge zu sagen, nicht in seinem Vermögen, gewisse Trivialitäten nur zu sich selbst zu sagen.

Die Wetterlage handelt nicht nach den Vorgaben rationaler Erwartungen. Sie ist das System, das sich selbst reguliert, in endloser Selbstreferenz sich wandelt nach Maßgabe ihrer immanenten Launen. Es korrigiert sich selbst. Es ist das Unternehmen, das sich selbst in Zweifel zieht und jede der Behauptungen, wie es sich denn entwickeln mag. Wir wissen nichts über den Schlag des Flügels eines Schmetterling, wir wissen nichts über den Taifun, der sich daraus chaotisch austobt. Das Wetter ist die Praxis, deren Beobachtung keinen Aufschluss gibt über ein irgend geartetes festes Fundament, oder besser, über eine Wahrheit, die immun ist gegen ihre Revision.

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Homer sweet Homer

home sweet home
Home sweet Home

Home, castle, sweet. Mein Kollege, by the way, ein junger Halbgott, weil Halbgrieche, liegt mir seit Wochen in den Ohren, den Tempel der Erleuchtung, die Sakristei der Ideen, den Altar der Andächtigkeiten aufs Kamerakorn zu nehmen. Mein Herz ist weich und mein Erbarmen gibt  momentan jedem Wunsch nach. Obwohl Dimitrios kein Kenner der englischsprachigen Lyrik ist (er hat andere Sorgen und andere Qualitäten, Eurorettungsschirm und Webprogrammierung, ihr wisst schon), drängte er mich, meine Wohnung aus der Dylan Thomas Gedächtnisperspektive auf Platte zu bannen. Also Suff, Kreativität (in bescheidenen Dosierungen), Chaos und Entropie. Mit Leichtigkeit (ich trage im Sommer keine Socken, die mich runter ziehen könnten) und dem unbarmherzigen Blick eines Laien geschieht hier nun das Unvermeidliche.

Es heißt, die eigene Wohnung sei der Fingerabdruck der Seele (oder ist es umgekehrt?). Wenn ich sie mir so anschaue, scheint meine Seele ein ganz schön bunter Haufen zu sein. Oder so etwas wie chloroformierendes, steriles Weiß in Weiß. Oder etwas total Unaufgeräumtes, Iris Murdoch like, in den Tagen ihrer Demenz. Eine Müllkippe belletristischer Artefakte. Schiefe Lampenschirme als Äquivalente meiner Schrägheit. Und eine Robbe als Wink des Meeres (aaaaahhhhhh!! Das Meer, das Meer). But, beggars can’t be choosers. Aus der Walnussschale einer Altbauwohnung im vierten Stock eine Lifestyle Marmorperle zu schaffen, dazu fehlt mir die Lust zum Detail. Obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass aus innenarchitektonischem Chaos Ordnung entsteht, sofern man immer hübsch am Prozeß des Möbelrückens feilt und festhält. The heart is an unquiet house. Ich finde, das sieht man dieser Wohnung an.
Drücken Wohnungen Leidenschaften aus? Beherbergen sie wie griechische Urnen und Vasen den ganzen Bodensatz individueller Geschichte und der eingebetteten sozialen Geschichte gleich dazu? So nach der Manier von Alfred Tennyson?: „That which we are, we are. One equal temper of heroic hearts, made weak by time and fate, but strong in will, to strive, to seek, to find and not to yield.“
Auf der anderen Seite hat es Inspector Lewis (aus der englischen Serie LEWIS, sic!!) sehr schön formuliert: „But then I realized that passion is something that only happens to other people. In life, in books, in paintings, but never to me and never at HOME“. Seufzer.
Diese Aufnahmen sind ein Geschenk an meinen griechischen Freund und Kollegen. Er mag mir verzeihen, wenn ich auf ein Gegengeschenk verzichte. Denn bei Vergil heißt es: „Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen.“
Sünder, gottvergessen, machen vieles wett, Fiedeln für ein Essen, Küssen für ein Bett (Dorothy Parker).
I asked to be no other man than I am (Sophokles)

Sind es Hundsrosen? Keine Ahnung. Gewiss ist nur, dass sie welken.

I’ve lost all feeling in my right leg, but aside from that, it’s very comfortable.
The Iris (Murdoch) school of interior design.

Fussball, Emanzipation und Spieltheorie

WürfelWas ist Fussball anderes als das perfekte Geflecht von Ersatzhandlungen, getätigt durch all jene, die ansonsten unter dem Diktat von Verdrängungen leben. All die Geknechteten, politisch, ökonomisch und sozial, die die turnusmäßige Chance nutzen, in jedem zweiten Jahr sich dem großen Gefühl nationaler Eintracht und Gemeinschaft in die Arme zu werfen. Der Fussball als Theater, in dem sogar das Gelingen der Frauenemanzipation augenfällig ist. Immerhin ist der Frauenanteil der Besucher in den Stadien auf fast 40 Prozent gestiegen. Hier wird die Frauenquote tatsächlich gelebt. Böse Zungen behaupten freilich, dass genau diese Entwicklung nichts anderes zeigt, als dass die Frau noch keine emanzipatorische Reife zeigt, wenn sie sich in das männliche Krakeelen, den Besinnungslosigkeiten des Jubilierens, den emotionsgesteuerten Tsunamis von Wut und Euphorie  nahtlos eingliedert.
Als Mann, der den Fussball leidenschaftlich liebt und lebt, sollte ich mich des Themas Emanzipation feige enthalten. Als Träger des Hormons Testosteron wird mir kein unverfänglicher und sachlicher Blick darauf je möglich sein. Da hoffe ich auf die Frauen selbst, die mir zeigen, wo es wirklich lang geht.
Rede ich deshalb einfach nur von mir selbst. Europameisterschaft 2012. Nein, ich lasse mir keinen Bart wachsen, solange wir bei der EM dabei sind. Nein, ich werde mich nicht der Probe des Coolseins unterwerfen, dem verführerischen Gedanken aussetzen, intellektuelle und sachliche Distanz zu halten zu diesem Spiel.  Warum denken, wenn das Krakeelen, das Wutschnauben, der emotionale Overkill durch meine Adern rast? Zurück zum Jäger und Sammler. Zurück zum archaischen Urzustand von Actio und Reactio. Jeder gelungene Pass, jedes erfolgreiche Dribbling, jedes Tor trägt etwas in sich, was der Wiederbelebung der metaphysischen Betrachtungsweise unseres Lebens nahekommt. Ich muss gestehen, dass dieses Spiel meine Haltung zur Trennung des Sakralen vom Säkularen ad absurdum führt. Mein „religiöser “ Eifer nimmt in Zeiten solcher Turniere exponentiell zu.
Sollen sich die Spieltheoretiker ihre eigenen Gedanken darüber machen, ob sich der Fussball als Anschauungsobjekt der Analyse strategischer Entscheidungssituationen und sozialer Interaktion eignet.
Die Holländer gestern werden mir zustimmen: Fussball ist Chaos, Fussball ist irrational. Fussball ist nicht gerecht. Wie Napoleons geschlagene Armeen werden am kommenden Mittwoch die Marschkolonnen der Wohnwagen unserer Nachbarn den Rückzug aus der Ukraine antreten. Oder auch nicht.