Schlaf

Der Schlaf, an der Klippe hinunter zur Brandung, trug seine warmen Kleider, den Schal aus Dunst und wärmendem Tee. Das Gesicht verborgen in den Dornenprielen, den verwaschenen Vogelfedern, den Muscheln, deren Namen ich nicht kenne.

Gibt es ein Bestimmungsbuch des Schlafs, und wer liest Enzyklopädien über ihn, wenn er am Strand streunt, ein Mann mit tastenden Schritten, als fahre er die bedrückende Ernte des Alters ein. Oder ein Mädchen, durch dessen Hände die Wellenkämme rinnen, sie hängt sie aus in den Wind.

Was hat der Schlaf mit dem Meer, fragst du, es genüge, seinen sammelnden Fuß in den Schaum zu setzen, bevor sich das Wasser zurückzieht, in die Stille, die nichts vom Wollen weiß.

Nimm den Traum von der Stirn, wir folgen den Trippelschritten der Möwen, ihren dunklen Unterbäuchen, dem Tumult ihrer Schreie, ihrer selbstredenden Art, nur zu sein.

Ich flechte Dir den Reif aus Tang. Ich hörte einmal, dass er beredt mache, ein Raunen entlocke, man nennt es das Herz auf der Zunge, den küssenden postalischen Gruß aus der Ferne.

So klingt dein Atem aus. Du bist der Schlaf, in dem ich ohne Atem bin. An den Klippen hinunter zur Brandung. An der Schwelle des nächsten rastlosen Tages, ohne Wissen und ohne Zorn.

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Northumberland

Northumberland Landscape

Sie deutet dir nichts. Sie ist karg, Flechten und Moos.
Härmender Pelz.
Du schaust sie und denkst dich tapfer in der Weite, in der sie
trauerlos gründet. Sie wechselt die Farben im Lauf.
Gedecke von Grau und Grün. Grau ist die Summe ihrer Farben, ein Band zwischen Himmel und Grund.

Kein Zorn herrscht ihre Wildheit an. Sie ist eitel, marodierende Eiszeit und alle Gletscher, die sie gebärt.
Auf bloße Form gebracht. Nicht nachgiebig in ihrer Richtungslosigkeit, ihrer Bedeutungslosigkeit.

Protokolle setzt du von ihr auf,
unbestechlich,
mit dem kühlen Blick ihres Bergsees.

© Achim Spengler

We will never surrender

Boris Johnson als Politclown zu belächeln , das ist die eine Seite seines Kalküls, seiner grandios inszenierten Rolle als Politikhasardeur den kritischen Stachel zu nehmen. Die gravierendste Folge der Verächtlichmachung seiner Person ist jedoch die Neuwahlfalle, in die seine politischen Gegner hineintappten wie eine Herde Schafe.

Johnson der Cäsaropapist, der im Gewand des Volkstribuns daherschlendert und der am Ende eines Schachers, eines shakespearesken Bubenstücks, das bekommen wird, was er von Anbeginn an, hinter dem Schleier seiner Harlekiniaden, begehrte: Es darf neu gewählt werden. Diese Wahlen werden ihm am kommenden Montag, am Ende des parlamentarischen Gesetzgebungsverfahrens für einen No-No-Deal-Brexit, wie reife Früchte in den Schoß fallen. We will never surrender.

Johnson kann es vollkommen Schnuppe sein, ob sich die EU der beantragten Verlängerung der Ausstiegsfrist beugt oder nicht. No-Deal-Brexit oder den Ausstieg zu seinen von ihm diktierten Bedingungen (ohne Backstop etc.). Beides ist für ihn vollkommen tolerabel. Heute oder 5 Monate später.

Alle wollten ihn malen als Monster-Missgeburt auf Jahrmarktstafeln, mit der Schrift dazu: „Hier zeigt man den Tyrannen“.

Könnte man mit Shakespeare einmal von ihm behaupten „Viel, was er wagt, und noch zum unerschrocknen Geist dazu, da hat er Weisheit, die den Mut ihm lenkt, stets vorsichtig zu handeln“?

Oder kommt es für ihn wie Lady Macbeth es konstatierte? Nichts ist gewonnen, alles ist vertan, fehlt uns Zufriedenheit am End der Bahn“.

Am Ende der Bahn leuchtet aber auch Johnsons mögliche, alles vertuende Wahlniederlage. Sein eigener Bruder Jo ist ihm von der Fahne gegangen und die Anträge zur Registrierung junger Neuwähler schießen ins massenhafte Kraut. Es ist noch lange nicht gesichert, ob Johnson erhebliche Stimmenumfänge von Nigel Farages neuer Brexitpartei zurückgewinnen kann.

Dieses Land, es muss sich ja kaum noch erkennen, so aus dem Lot geraten, so instabil. Wenn es zu sich selbst nur reden könnte. In etwa so: „Fast bang, im Spiegel sich zu schauen. Man kann’s nicht Mutter nennen, nur noch Grab; wo niemand als der, der nichts weiß, noch ein Lächeln trägt; wo Seufzen, Stöhnen, Schrein die Luft zerreißt, und keinen kümmert’s mehr; wo wildes Leid wie Alltagsstimmung scheint „.

Und am Ende mag kein wenig Wasser reinigen von der Tat. Das gilt auf Sicht bei einer Wahlniederlage der Tories. Demnächst mehr in Her Majesty’s theatre.

Our little life is rounded with a sleep

Im Halbschatten unter dem Münster. Angenehm die Temperatur, angenehm das Bienengesumm des Marktplatzes. Die Händler bauen ihre Marktstände ab, der Moment, den ich mit schläfrigem Blick verfolge, September, alles dimmst du. Mein Auge klappt auf und zu im Rhythmus eines Echsenauges. Die Freiheit hinter der Sonnenbrille, Blicke richten können, ohne gerichtet zu werden. Auf dem Sterbebett soll man mir die Augen verschatten, damit Gevatter nicht in mich dringen kann. Und wenn die Augen brechen, dann ohne seinen Blick darauf.

Gedanken, durch die Triebfeder der Melancholie befeuert. Für diesen Gemütszustand ist die bevorstehende Reise nach Northumberland eine passable Entsprechung. Kalt soll es sein. Kalt mag ich, weil dieser Umstand mich innen ganz erhitzt. Auf dem heißen Rost der Kälte schärfen sich meine Sinne. Die Glut schneller endender Tage. Längere Fiebernächte, die mich umhertreiben zwischen Traumgeschichten, die wahrer sind als das Bewusstsein und seine trügerischen Fallstricke.

Die Melancholie besetzt die Nischen des Traumes. Mit ihr sickern die Worte unerschütterlich in die Sätze ein. Sätze, die die Bedeutung bewachen, wie diese Jungs mit den Bärenfellmützen, die britischen Grenadier Guards.

Wer Nazis wählt, ist Nazi

Die kognitive Dissonanz hat gewählt. Die Autoritätshörigkeit. Der Sandkastenblick auf die Welt, der bei der Beschissenheit der eigenen Lebenssituation stehenbleibt. Der deutsche Michel, dem man schon immer die Lockluder der Fremdenfeindlichkeit, der Nationaltümelei , der Elitenfeindlichkeit, der Pressefeindlichkeit vors Maul gehalten hat. Er frisst es, solange, bis er sich mit Wahlstimmen daran erbricht.

Dummheit oder Kalkül?

Kalbitz und Höcke, man darf sich jetzt wünschen, dass sie die Partei spalten, und sich der Rest der AFD vom braunsten aller Wurmfortsätze trennt. Aber wie das so ist, wenn das Wünschen nichts hilft. Ich befürchte, dass der blauäugige Popanz Meuthen und die alte Bittermiene Gauland nicht so recht begriffen haben, welches Stündlein ihnen schlägt, beim nächsten Parteitag zum Beispiel.

Es wäre zu wünschen, dass sich das braune Pack weiter radikalisiert, ja, dass man sie in dieses Messer laufen ließe. Wenn es nicht so grotesk anmuten würde, müsste man sie in die Regierungsausübung hineinputschen, damit sie endlich ihre Schafsmaske fallen lassen, den Beweis antreten müssten, wes Geistes Kind sie tatsächlich sind. Diese Berufsprotestler, Stänkerer und konzeptlosen Volksverführer, diese Klimakatstrophenleugner, diese Schrebergärtenfuzzis, deren suchtorientierter, alleiniger Beitrag zum gedeihlichen Gemeinwesen darin besteht, alles kaputt zu reden, und Eigenverantwortung abzuschieben, als wäre sie eine lästige Laus im Pelz ihrer Fremdenfeindlichkeit. Diese Obrigkeitshasser, die nicht kapieren, dass sie sich einen braunen Obrigkeitsstaat geradezu herbeisehnen, der ihnen das letzte Hemd demokratischer Meinungspartizipation bis auf die nackten Knochen ausziehen wird. Das kleine erbärmliche Stimmvieh völkischen Zaubers. Wer Nazis wählt ist Nazi. Der kann meinetwegen klagen und jammern, so lange er will.

Sich um die zukünftig zu kümmern, ist die Perle vor die Säue. Die krakelenden Abendlandverteidiger, die betriebsblinden Neidzerfressenen, die sich in ihrer angeblichen überdimensionalen Zukurzgekommenheit Suhlenden, die aufs Gemeinwesen Scheißenden. Nicht die möglichst bald zu exekutierende Anpassung der Löhne und Renten, nicht der sozialverträgliche Abbau der Kohleindustrie, nicht die mangelhaften Investitionen in die digitale und sonstige Infrastruktur der Länder. All das war es gerade nicht, so zu wählen wie sie es taten. Sie träumen von Staatsverhältnissen, die ihnen die Ärsche putzt, in der Gewissheit, dass es wenigstens deutschnationale Hände sind, die dies tun.

Es kommt inzwischen einer Tragödie gleich, dass parlamentarische Demokratie diese Eiterbeule an ihren Zitzen nähren muss. Treibt dieses braune Geschmeiss vor euch her, bis sie wie Lemminge über die Klippen springen. Das immerhin würde ihrer Ideologie entsprechen, deren Sehnsucht nach dem Tod der Demokratie lechzt.

Lasst die Zauberer verglimmen. Diese Höckes und Kalbitzes, diese Giftträufler ins Ohr des Restverstandes. Wir sind das Volk. Ihr habt lediglich den Beweis angetreten, dass ihr dem Ruf nach einem starken Staat folgen wollt, den ihr ansonsten mit Verachtung straft. Ihr wollt den Riss durch das demokratische System. Ihr wollt die Überlegenheit des weißen, verfetteten Mannes. Euer Rassismus tarnt sich mit der angeblichen Überlegenheit der westlichen Kultur.

Adornos Charakterisierung des autoritären Charakters, ihr habt ihr mit Inbrunst entsprochen. Mit eurer gotterbärmlichen Konventionalität, eurer schäfischen Unterwürfigkeit, eurer Agressivität, eurem Mangel an Empathie, euren Stereotypisierungen dessen, was den guten Deutschen ausmacht, eurer obsessiven Sudelei über das, was in euren Augen zum Umfang anständiger Ausrichtung von Sexualität gehört. Mit eurem pathologischen Glauben an objektiv falsche Aussagen in jederlei Sinn und Ausrichtung. Euren Verschwörungstheorien, mit denen ihr wieder Ordnung ins Chaos eurer Geistesverwirrtheit bringen wollt.

Das, „liebes“ Volk, ist die psychologische Grundierung deiner Persönlichkeit. Du wirst zur Fußnote der Geschichte, wenn sie über dich hinwegfegt. Der Nationalsozialismus sollte Dir ein Liedchen davon singen können. Diesen Schuss jedoch hast du noch nicht gehört.

Jemand wird bleiben

Aus der Höhe des Falken gehen zwei am Horizont einander fort, verstohlen, wie Scham, ein wehendes Haar leuchtet einmal noch, dann zerfällt es zu Gas, Staub, zur Koma des Abschieds.

Es wird jemand bleiben. Wenn das Eis eingesammelt ist, geschmolzen, zum Schweif gefroren des nächsten Kometen.

Der Blick des Falken ist stumm. Bevor er hinunterstürzte, berührte ihn nichts.

Rubber Duck in Downing Street

Ich bin noch am Grübeln, wie man diesem Eton-Enten-Furz die Luft rauslassen könnte. Die Navy Seals zum Schutz des Parlamentes, ach nee, die haben genug damit zu tun den Kongress zu bewachen. Truppen nach Schottland, um die Single Malt Destillen in die Unabhängigkeit zu führen? Endlich die Schlafapnoe der Queen behandeln? Wie könnte man sonst ihr Abnicken der Suspendierung des Parlaments erklären. Die Zeugen Jehovas an der inneririschen Grenze postieren? Die bräuchten natürlich vorher noch einen Crashkurs in Gälisch und sie müssten Oranje Boven Leibchen tragen, damit sich die Oranier in Nordirland nicht auf den Schlips getreten fühlen. Man könnte Parlamentssprecher John Bercow als Mörderpuppe über den Schornstein in Downing Street 10 einschmuggeln. Klein genug dazu isser ja, und sein „oorrrderr“ ist so tödlich wie der Biss der schwarzen Mamba. Vielleicht habt ihr andere Ideen.

No Clickbaiting anymore

Die Zeit ist knapp bemessen und das Leben zu kurz, um mich weiterhin mit Wörtern des Tages, dem Bild des Tages, dem Sinnspruch des Tages, der fremden Lyrik des Tages, dem Zitat des Tages herumlesen zu wollen, all diesen so wohlfeil eingestellten Dingen, die das schnelle Geld der Klicks einheimsen. Vor allem, wenn sie Like-Stimmen bekommen, die jene für auf Ballerinaspitzenschuhen dahertanzenden Herzbluttexte der eigenen Befindlichkeiten und Weltsichten weit übersteigen.

Mir ist bewusst, dass durch den WordPress Reader das Speed -Liking Einzug gehalten hat, das es so einfach macht, so zu tun, als hätte man wirklich gemocht, oder gar gelesen, oder gar sich angesprochen gefühlt, so dass es ein ehrliches Like würde sein können, das von Herzen kommt, Wertschätzung repräsentiert. Und diese wiederum dazu führen könnte, dass sich Qualität durchsetzt, hervorragender Content am Leben gehalten wird. Texte aus eigener Feder, die sich nicht mit fremden schmücken.

Wer all das nicht mehr lesen will, der beweist nichts anderes mehr als die grassierende Aufmerksamkeitsschwindsucht, die nur noch in der Häppcheninformation ihre Glückseligkeit zu finden glaubt, den Clickbaits der Inhaltsleere.

Die Sonne ist finster jetzt, Ariadne

Die Schultertasche, dein Zeughaus, der Mikrokosmos der Eitelkeit, es passt nicht zusammen, wenn sie an deine unsichtbare Hüfte schlägt.

Sie schlägt an den Chlamys, in dem du stöckelst, der kleinen Lichtmaschine hinterher, mit der du dein Lächeln in jeden toten Winkel der Labyrinthe zu Grabe trägst, mit zuschnappendem, erloschenem Auge.

Und spinne mir, darum bitte ich dich, nie rote Fäden, wenn du mit ihnen nur tote Schmetterlinge an tote Wände heften willst, anstatt die Welt hell aufzufädeln.

Ariadne, die Sonne geht finster jetzt, du feilschst mit dem Dunkel um deinen Schoß.

Der gefräßige Bildfaden der kleinen Maschine aus Licht ist das Mikroskop auf das Nichts, der versteinernde Blick der Medusa.

Rockland – Die Erinnerung

 Ich kannte da einen mit einer Konsequenz der Lebensführung, die mich schaudern ließ und anzog zugleich. Der große, blauäugige, blonde Existenzialist, der sich als Geworfener sah, als postmoderner Märtyrer, an dem sich eine Vielzahl junger Frauen abarbeitete, um ihn einzuhegen, zu binden, an seinen Lippen hängend wie Verdurstende, um sprudelnden Wortfluss seiner Mundfaulheit zu entlocken. Sich ihm entzogen, bevor sie im Strudel seiner selbstauferlegten Lebensuntüchtigkeit untergingen. Was ich an ihm hasste und bewunderte zugleich: Derjenige, der wenig Worte macht, steht vor der eigenen, gar fremden Gerichtsbarkeit immer formidabel da, weil er sich aller Möglichkeiten eigenverantwortlicher Existenz leichthin entziehen kann, da dieser Umstand zu seiner existentialistischen Programmatik gehörte, wie auch die Alkoholsucht, mit der er sich, seiner selbst stets und unerschütterlich gewiss, zu Tode trank.

 

 

Unsere Wohngemeinschaft nannten wir Rockland. Berüchtigte Berühmtheit erlangte das Greystone Park Psychiatric Hospital in New Jersey im Poem Howl des amerikanischen Beat Generation Dichters Allen Ginsberg, in dem es mit dem Namen Rockland referenziert wird. Das Langgedicht ist dem Schriftsteller Carl Solomon gewidmet, den Ginsberg 1949 im Warteraum besagten Hospitals traf, nachdem er selbst wegen des Besitzes von gestohlenen Waren verhaftet und dort eingewiesen wurde.

Selbstverständlich hatten wir auch ein Motto: Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren! aus Dantes Göttlicher Komödie.

Jedoch stellten wir die Reise durch die jenseitige Welt unserer eigenen Commedia  gewissermaßen auf den Kopf. Unser Weg führte uns vom paradiesischen Garten Eden (mit allen seinen Zutaten, wie den Bäumen der Erkenntnis, ausgiebiger Nacktheit, schlängelnden Verführungen, Boskop-Äpfeln und immerwährender Scham) hinab ins Purgatorium, wo er auch schon endete.  Man bemerke, dass uns die Hölle erspart blieb. Ich selbst hätte gerne noch in ihr Station gemacht, nur um mich von dort direkt ins himmlische Paradies zu beamen. Ja, auch in das alle Himmelsphären übersteigende Empyreum hätte ich gerne mal hineingeschnuppert.

Jeder Soziologe, der sich mit den verschiedenen Modellansätzen der Gruppendynamik auseinandersetzt, hätte an uns, einer Clique von Studenten der Literaturwissenschaft im Mainz der ausgehenden 70er und der frühen 80er Jahre, seine helle, forschende Freude gehabt. Und hätte er Gelegenheit gehabt, unseren gruppendynamisch sich formenden Mikroorganismus in einer Petrischale zu kultivieren, er hätte von ihm Klone züchten können, um sie den Wissenschaftinstituten  des Psychosozialen zu vertickern, als Anschauungsobjekt der Geschichte vom Beginn und dem Abgesang einer sechsköpfigen gruppendynamischen Hydra und all ihren Zwischenformen auf engstem Raum.

Die Eigenschaften und Fähigkeiten einer Gruppe sind immer verschieden von der Summe der Eigenschaften und Fähigkeiten der handelnden Mitglieder dieser Gruppe. So weit, so Eulen nach Athen getragen. Wer sich einmal durch die Nomenklaturen, theoretischen Modelle und deskriptiven Verfahren zur Erfassung gruppendynamischer Phänomene quält, dem gehen die Augen über, angesichts des Fundus an gelebter Übereinstimmung mit diesen, mit dem wir damals, in der Filterblase selbstempfundener Grandiosität, hätten dienen können.

Wir hatten die Alphas und die Betas, die Gammas und die Omegas. Hegelianer, Anhänger der Dekonstruktion, eine Liebhaberin Theodor Fontanes Laienmarxisten, den William Faulkner Enthusiast, die gewürdigte Semesterarbeit über Benjamins Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Philosophen ex Cathedra, rhetorische Allzweckwaffen. Liebende und Entliebte, das symbolische Kapital von Fähigkeiten und Kompetenzen jedweder Couleur. Wir hatten Hierarchien des Wissens, Machtanhäufung durch Belesenheit und exorbitanter Gedächtnisleistungen. Wir hatten Liebesverdruss und Liebesdividende, Liebeslohn und Liebesgratifikation. Wir nahmen Außenstehende auf und grenzten rücksichtslos aus. Es gab den Koch, den Dope-Beschaffer und Arno Holz Belesenen, die Auftragsdiebe, die Verführer. Wir harmonierten, wir trotzten, wir exkulpierten. Wir schlossen aus und schlossen ins Herz. Wir spielten Wechselbäumchen in Sachen Liebe. Wir lebten nach dem Modell rangdynamischer Ordnungen.Wir lebten in Harmonie, in Abhängigkeiten, mit Kämpfen, Paarbildungen und Konsensbildung, mit Fluchterscheinungen und Entzauberung. Das waren wir und soviel mehr.

Auch der blauäugige blonde Existenzialist gehörte zu uns und ich gedenke seiner mit einem Schluck Single Malt.

Die Inseldiktatur des Herr der Fliegen blieb uns erspart und am Ende unserer Reise wurde jedem Einzelnen, vielleicht durch die Glücksfälle sich entwickelnder stabiler Paarbeziehungen bedingt, ein kathartischer Ausgang beschert.

Es war, trotz all der Verwerfungen und der desillusionierten Sehnsüchte nach inniger Gemeinschaft, ein grandioses Experiment im Kleinen. Ich wäre heute nicht der, der ich bin, würde nicht denken können, was ich denke, nicht lieben können, wie ich damals liebte. Die Bücher, die ich lese, ich würde sie nicht lesen ohne diese prägenden vier Jahre. Ohne diese Menschen hätte ich einen anderen Begriff von Mitmenschlichkeit. Ohne die starken Frauen, die ich lieben und schätzen lernen durfte, dürfte es mir heutzutage um vieles schwerer fallen zu behaupten, ein Feminist zu sein. Slainte.

Wind

Nun ist es gut, dass der Wind aufkommt. Der alte Turner-Bricoleur, das Pastell des Ungefähren. Du sahst ihn, als er das Geißblatt besprang und das Plätschern des Sandstein-Springbrunnens gegenüber betatschte. Du sagst, ihn kümmere nicht, dass die Ameisen unter den betäubenden Tritten seiner Anschauungslust krepieren. Mit halbem Herz tadelst du ihn. Er zwänge deinen Hintern in den erträglichen Schatten. Und lobst ihn verhalten, des Bisses wegen in deine Hüfte. Ich sage, ihm die Obszönität des Brunnengeplätschers vorzuwerfen oder den sich aufrichtenden Flaum in der Rinne deines Rückens, hieße, den flatternden Sommerbändern in deinem Haar eine Geschichte anzudichten. Sie erzählen nur vom verwaschenen Wind und seinem speienden Ekel, wenn er weiterzieht. Ich sage, dass er nichts bei sich behält und das sei schließlich die nobelste Geste des Überdrusses. Und dass ich ihn liebe wie deinen Sichelmund, deine Dornenbrüste, so denke ich mir. Ich sei kein zärtlicher Improvisateur, nur der Ingenieur in der Etappe der Begierde. Das sei meine Bestimmung, von der Wiege, dem Bett, dem letzten Hauch. Du bindest das Sommerband um meine Augen und sagst: Wirf deine Worte in den Rachen des Windes, lass ihn von uns erzählen, doch erst, wenn du blind bist.

Erinnerung und Gedächtnis

Wenn die Vergangenheit aus den Kulissen hervortritt, erst die Ungläubigkeit, dann ein Erstaunen, das sprachlos macht. Erinnerung funktioniert, wenn es dem Gedächtnis gelingt, die Abraumhalde erlebten Geschehens dem Zugriff des Vergessens zu entziehen. Wenn es den Königsweg beschreiten kann, der zum Ziel hat, dass sich auch Unbewusstes jäh turmhoch aufschichten darf und daran die Abrissbirne Zeit nicht nagen kann.

Eine Binse ist das, eindeutig, und vielleicht gehört zu meinem Mannsein dazu, das in diesem Fall meine Erinnerung beginnt mit einem Zucken des Fleisches, dem Prickeln im Unterleib, den Deklinationen körperlicher Eskapaden. Aber vielleicht sind diese immer die Vorhut männlicher Erinnerung, ihr Kondensat. Danach erst treten die bitteren Zutaten ans Licht. Die Harmonie des Beisammenseins und ihr Bruch, Rauschzustände der Ruhe und das Aufkommen der heftigsten Ruhestörung. Wenn meine Erinnerung blankzieht, bin ich bis auf die Knochen der Gebärden eines Herzausreissers entblößt.

Ganz früh eines Morgens

Wir sind, mal mehr, mal weniger, die glücklose, gesichtslose Konkurrenz in der Vermessung der eigenen gespenstischen Stimme gegenüber den gespenstischen Stimmen anderer in der Welt des Bloggens.

Wir kreieren keine öffentlichen Räume, keine Flash-Mobs, nur die kurz aufflammende Idee eines Artikulationsraumes und ziehen dann wie Nomaden weiter. Gibt es so etwas wie die Möglichkeit der Introspektion, als das Verhütungsmittel gegen den subjektiv empfundenen Untergang der eigenen, charakteristischen Stimme in den Weiten der digitalen Rauschzustände und dem Haschen nach Resonanz? In diesem Medium wird die Selbstentblössung in der Masse untergehen. Der anschwellende Hass scheint die einzige Kategorie der Mitteilsamkeit zu sein, die als folgenreicher Resonanzkörper überdauern wird. Sein Furor ist nicht an den Einzelnen gebunden, das ist die Garantie seines Fortbestehens.

Was wohl auch überdauern wird ist die Informationsmüdigkeit, die als Information Fatique Syndrom Einzug gehalten hat in die Klinik psychischer Erkrankungen. Das Übermaß an Information verursacht eine zunehmende Lähmung analytischer Fähigkeiten. Es kommt zu Aufmerksamkeitsstörungen, zur allgemeinen Unruhe oder zur Unfähigkeit Verantwortung zu tragen. Das Denken verliert seine Exklusivität. Auch weil der Hass, der Zorn und die Wut sich nicht um Sachlichkeit, um Differenzierung kümmern muss, da es ihnen nur um den Willen nach Zerstörung rationaler Ansätze einer Welterklärung geht, scheinen sie, als Instanzen der Denkbefreitheit, der Informationsmüdigkeit nicht unterworfen. Sie stürzen sich unablässig und ausdauernd vehement wie Geier auf jeden Ansatz von Redlichkeit. Sie haben ausdauernden Atem, während uns die Luft ausgeht.

Münster unserer lieben Frau

Nach Schatten suchend, obwohl noch gletscherfrisch am Fuß des Münsters und seinen architektonischen Stilschichten (romanisch, gotisch und spätgotisch, das früher nie gewusst, liegt daran, dass ich kein Heimatheimchen geworden bin in meiner Wahlheimat, was nicht war, kann nur bedingt werden, nordenglisches Wetter hier einzuschleusen, damit könnte ich als Heisstemperatursensibelchen halbwegs leben).

Unterm schönsten Turm der Christenheit ein E-Zigarettchen schmauchend, was vormals undenkbar war, der Blick nach oben in sandsteingesäumte Durchsichtigkeit, Verweis auf die Glaubensfragilität, auf Sand gebaut, scheint mir zeitgemäß im Reich der Glaubenskrise. Weiters Blicke auf windumspielte Erotik, braungebrannte Beine, flatternde Röckchen, in enge Jeans gepackte Hinterteile. Bipolare Koexistenz von ehrwürdiger Geschichte und flanierendem Hedonismus, Wurstständen und Hochaltar, Gemüseverkäuferinnen und Maria Immaculata, Botox und Gargoyle-Restaurationen.

Noch weiblichen Reizen zugetan, später vielleicht Baukunst-Ästhetik, immer nach oben strebend, phallisch, bauen die Frauen unter den Baukünstlern in die maternale Breite, ausladend, rund?

Lieler Schlossbrunnen Wasser, sündhaft teuer unter sündenbewehrter Bauwucht, am Marktplätzchen mit guter Aussicht auf Mekkaerinnernde Rundgänge der Touristen um die Kaaba.

Unbestechlichkeit

Die Unbestechlichkeit der Kindheit

In der Innenfläche unserer  Hand
ratlose Runen, unser Staunen darüber,
wie sie aus Gelöbnis
Testamente des Zauderns schaffen.

Wir sind Schafe auf dem sich nach oben neigenden Hang.
Der Zweifel überdauert dort,
ein schwarzer Hund vergrämt die Treue.

Dein roter Schopf, freibeutend,
du deklinierst,
was falsch klingt in meinen Sätzen.

Höre einmal:
dass auf der Seite der Blindheit kein Auge wartet,
in dem du den Schlitten findest, die Kugel aus Schnee,
die Unbestechlichkeit der Kindheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Schaum der Tage

Ganz früh am Morgen und, leider nicht unter dem Dylan Thomas’schen Milchwald, in Unterwäsche auf dem Balkon. Die Maxime der jetzigen Nächte: Durchschlafen und früh, fast noch im Dunklen, dem Regen nachspüren und dem grandiosen Schauspiel des Wetterleuchtens der vergangenen Nacht. Merkwürdig der Drang nach verwunschenen Tagesprotokollen. Warum ich vom Verwunschenen schreibe, begreife ich als das Resultat der Ruhe, die mich seit Tagen in ihren Klauen hat. Trotz aller Anspannung und der Reue darüber, zu weit gegangen zu sein mit der Hitze und Heftigkeit, mit der ich inzwischen so oft meine Standpunkte vertrete.

Nichts Schöneres gibt es als die Aussicht auf ein Leben ausserhalb der Tretmühlen der Arbeit, als den Ausstieg aus jedweden Verpflichtungszusammenhängen und den schnöden, faktischen Zuständen der Welt. Ich bin sogar dem allerbarmherzigen Gott gegenüber recht duldsam, der von seinem hohen Ross der Untätigkeit gegen das menschliche Böse nicht heruntersteigen will.

Ich übe mich in der Kunst, dem sinnlosen Sein ein sinnvolles Dasein abzuzwacken, mein Leben, ganz im Heideggerschen Sinne, zu seiner Eigentlichkeit zu führen, zu seiner Angemessenheit. Das würde umfassen das Urvertrauen in den Fluss,  in dem meine Gedanken treiben wollen und in das Werk – Zeug des Schreibens, damit sie nicht untergehen.

Ein Zimmer für sich allein. Seinen eigenen Kopf haben. Sein eigener Herr sein. Abseits des Man, das die Anderen meint, das mich aber einschliesst, wenn ich wie sie denke und handele, weil man es nun einmal so tut.

Die dunklen Wolken hängen tief, sie treiben gemächlich dahin. Eine kleine Nebelbank über den Baumspitzen löst sich graziös auf. Den aufklarenden Tag darf ich als Indiz nehmen, dass die Welt sich weiterdreht und ich Gefallen daran finde, einfach nur zu sein und den Takt meiner Tage selbst vermessen darf. Jetzt prasselt der Regen herunter und ich schmecke den Schaum der Tage.

Möwe, Tau und Nebel

Heute Morgen in der Ferne ein Vogelschrei, dem einer Möwe ähnlich. Er entzündet die Raserei der Sehnsucht nach dem Meer, mindestens aber nach einem Bild von ihm. Nach dem in Grauschattierungen changierenden Horizont, von dem ich nie weiß, ob er nur die lähmende Melancholie widerspiegelt oder die Gefahr eines Aufbruchs, oder die Aufforderung nach Entladung jedweden Gefühls. Geronnene Gefühle sind das Kleid, in welchem die Verantwortungslosigkeit daherschlurft, die seelenlosen Begriffe, das verrätselte Verständnis von …. irgendetwas.

Wenn ich nahe genug an diese Sehnsucht herantrete, zeigt sich darin die Fratze gescheiterter Kommunikation. Das Für-sich-sein ist nur die Metapher von nicht mittendrin-sein-können. Ich vermag es nicht, Gefühl und Überzeugungen waschecht erscheinen zu lassen. Hinter jeder Äußerung steht ein Menetekel: Das Ja-Ja, mit dem es abgetan wird und belächelt.

Etwas an mir erinnert wohl an Schein. Den Stein den Berg von Vorurteilen hinauf zu rollen  ist entwürdigend und macht agressiv. Wüste Beschimpfung ist das Echo meiner wüsten Beschimpfungen.

Jemanden lange genug zu kennen ist ein unüberwindliches Dilemma. Niemand möchte den auf sich gerichteten Finger des So-bist-Du. Bleibe bei deinen Leisten, Schuster. Es ist doch so: Festgestellt zu sein im Lichtkegel eines Urteils wirft in mir die Frage auf, die an Rilke erinnert: Du musst dein Leben ändern. Und das genau will ich nicht. Es hätte nichts mehr mit mir zu tun. Ich würde mich verflüchtigen wie morgendlicher Tau und Nebel.

Efeu

Die wenige    Freiheit des vorgezogenen Ruhestands liegt im Erobern meines Balkons. Zum ersten Mal nach langer Zeit sitze ich am Abend beim dösenden Glimmen einer Kerze auf ihm und denke, am Gängelband der mir zuwachsenden Freiheit und der gleichzeitigen Emanzipation von ihr, über den Tonus der Stille nach, die sie mir bietet. Die mich plagenden Geräusche im Ohr sitzen schmollend in der stressfreien Zone und ich möchte Efeu wachsen lassen. Ein rankendes, giftiges Grün gegen die Hitze. Ein Grün gegen die Wunden, die dieser Tag geschlagen hat. Ein wucherndes Wunder, das diese Wunden nicht zu schließen vermag. Dann einen Schlummer über den Tag wirft und in die Nacht aufbricht, um ein Vergessen zu heucheln.
Das Hier und Jetzt ist das schlimmste Gefängnis, denn was würde einem Ausbruch daraus abverlangt werden? Alt bin ich, wenn man meiner Zukunft und dem Bedürfnis nach ihrer Gestaltung die Authentizität abspricht, mit dem ironischen Blick auf die Wünsche kleiner Träume.

Notate 29

Empörung grassiert. Oft heuchlerische Empörung, die andere, gleichartige oder gewichtigere Anlässe zu ihrer Existenz unterschlägt. Anlässe, zu denen sich Empörung äußert, anstelle anderer Regungen, die in der Lage wären, Potentiale abzurufen, die für den qualitativen Sprung des Denkens zum Handeln  unabdingbar sind. Also alles andere als die naive und niedliche Empörung, die zu Recht zu vernachlässigen sei.

 

                                                                      *

Alles in allem ist Freiheit ein perverser Begriff. Was soll das denn sein, die Freiheit unter dem Atomschirm? An diesem Begriff ist auch pervers, dass er uns vorenthält, was wirklich frei macht: Die Entscheidung darüber, den Zeitpunkt frei zu wählen, an dem wir sterben wollen.

                                                                       *

Die Zukunft ist weiblich, oder sie wird nicht sein, sondern lediglich Restlaufzeit. Also gehört die Parthenogenese dazu. Asexuelle, weibliche Nachfahren ausschließlich. Ausschluß eines weiblichen Machismo. Fürsorgemoral anstelle Gerechtigkeitsmoral. Eliminierung des Bösen durch genetische Manipulation. Voraussetzung hierzu: Dass sich die Männer endlich abschaffen, #time’s up. Unsere Zeit ist abgelaufen. Stürzen wir uns in unsere Messer, die in den Westentaschen von Westentaschentigern lauern. Unser manischer Narzissmus, das Geblöke von unserer Grandiosität, der ganze Verblödungszusammenhang, in dem wir uns ereifern, all das prädestiniert uns zur Selbstabschaffung. Für uns gilt der Andere nur als Fußabtritt, insofern ist der Weg zu unserer Reduzierung auf eine kleine Fußnote der Menschheitsgeschichte  nicht mehr weit.

Marie Sophie Hingst – Ein Nachruf

„I only ever am a greedy thief,
full of hunger for words.
And as you and the world
at large can see, it didn’t end well.“

[Marie Sophie Hingst, in einer ihrer Mails
an den Reporter der Irish Times, Derek Scally]

 

Ihren Blog Read on my dear, read on habe ich geliebt. Ich liebte die Melancholie, die im poetischen Sound ihrer kleinen Geschichten vom kleinen irischen Dorf und dem Haus am Meer eingewoben war. Ich liebte die Personen, die darin vorkamen, die Tiere. Den Tierarzt oder die Frau des Krämers liebte ich besonders, das Kälbchen, die Katzen, den alten Hund. Ich liebte das kleine Haus und die vor dem inneren Auge aufleuchtende graue irische See.
Eine fast täglich frei Haus gelieferte Postille über Irland, von einer großartigen imaginativen Kraft getragen, aus deren biografischen Elementen als  Fundament, als narratives, kompositorisches Element Sophie keinen Hehl machte.

Mir war immer bewusst, dass sie von den Freiheitsgraden des Fiktionionalen starken Gebrauch machte. Das zumindest betrifft die Geschichten, die in Irland spielen. Dort verschob sie die Grenzen des Realen und des Faktischen immer mehr  in Richtung einer Poesie, die sich auf dem warmen Kissen der Phantasie, ja des Phantastischen bettete.

Wann genau geschah es, oder war es immer schon präsent,  dass irgendwann die Fiktion durch ihren  Anspruch auf Wahrheitsgeltung kontaminiert wurde? Hätte Sophie nicht  einfach nur Geschichten erzählen sollen, die von Fräulein Read On handeln, dieser Figur, die nicht in eins hätte fallen müssen mit ihr selbst? Das wiederum hätte wohl bedeutet, dass sie ihr Ende hätte sehen müssen, oder dass sie es sah, als etwas aus ihrer Sicht Unausweichlichem. Wie wünschte ich mir im Nachhinein dieser Tragödie, dass sie einfach nur fabuliert hätte, erfunden, erdichtet, ohne Konnex zu ihrer Person. Ich bin mir sicher, dass die Schönheit ihrer Sprache, der Sog der Sprachmelodie, der wahrhaft menschenfreundliche und sich sorgende Impetus ihres Denkens, ihr den gleichen Ertrag eingebracht hätten, eine große, begeisterte Leserschaft nämlich.

Wenn die Fiktion ins  Leben hinaustritt und sich die Kleider der Realität überzieht, dann darf man diesen Umstand Lüge und Täuschung nennen. Sich eine jüdische Abstammung zu eigen machen, die leibliche Mutter verleugnen, und Yad Vashem eine Liste erfundener Opfer der Shoah einzureichen, diese Dinge waren mir, als sie ruchbar wurden, unerträgliche Auswüchse einer alles Vorstellbare übersteigenden Geltungssucht und bittere Mißachtung unserer besonderen Sorgfaltspflicht im Umgang mit dem Holocaust, und zuguter Letzt Verrat an ihrer Identität. Oder, positiv gewendet, der Aufschrei einer verzweifelten, einsamen, vor  Liebe berstenden Seele? Was davon ist wahr, was davon ist nichtig?

Die Konsequenzen dieser Lüge waren für Sophie verheerend, für uns als ihre  Leser  bedeuteten sie eine Erschütterung des Vertrauens in die Literatin und die schiere Unmöglichkeit, diesen lieben Menschen, der  psychologischer Hilfe bedurfte wie Wasser gegen das Verdursten, aufzufangen und seine Schuld auf unseren Schultern zu verteilen. Eine Schuld, die sie sich selbst nicht mehr eingestehen konnte, befand sie sich doch längst in den Klauen der Sucht nach externer Bestätigung, die dafür sorgte, dass durch Fabulierkunst befeuerte Phantasmen die letzten Spuren der Authentizität im grellen Licht der Lügen tilgten. Der Hunger nach Worten hat sie am Ende sprachlos gemacht.

Eine Moral darin? Die gibt es nicht. Außer, dass wir uns immer bewußt sein sollten, dass bisweilen auch in unseren Anstrengungen, objektiv  als falsch sich entpuppende Erinnerungen vor uns selbst und anderen als Tatsachengebäude auszugeben, eine große fehlgeleitete Energie steckt. Wir beschönigen und glätten, lassen aus, ergänzen um attraktive, erfundene Details. Wir glauben es am Ende. Wir verteidigen die Unschärfen und Ungenauigkeiten, manchmal bis aufs Blut. Wir sind Blogger, wir tun so etwas, in welchem Umfang auch immer. Menschen tun so etwas. Das ist ein Umstand, den das Schreiben unausweichlich mit sich bringt. Wir sind nicht immer ganz bei uns. Wir verdrängen die Gefahren, die den Bemühungen nach Authentizität auflauern. Wir gieren nach Anerkennung. Wir wollen gelesen und  verstanden, und am Ende gar gesehen und erkannt werden.

So redete ich es mir ein. So legte ich es mir zurecht. Vom Vorschuß meiner Bewunderung, gar der Verliebtheit in den Ton und Duktus ihrer Sprache, die manchmal an Formen religiöser Erbauungstexte und kleiner Predigten erinnerten, von diesem Vorschuss sollte über das Ende hinaus etwas überdauern dürfen. Ich schuldete dem Fräulein Read On, diesem erzählenden Faszinosum, viel.  Ich schulde ihr immer noch. Immer noch so viel. Und ich frage mich, warum das so ist und warum ich ihr verzeihe. Die einzige Antwort, die ich dafür habe, ist: Sie hat mich berührt. Etwas Humanes, Sorgendes, Sensibles hat mich angefasst. Etwas Aufrichtiges schien durch das Dickicht der Lügen. Die leise Melancholie ihrer Sätze hat mich ins Herz getroffen.

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“
[aus: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein]

 

 

 

Hitze

Hitze

Die Musik,
die vor der Hitze sich
in seichteste Kadenzen flüchtet,
ihr Ton am Pranger schaler Töne,
ihr Trommelwirbel wirbellos im Taumel.
Sie klingt schon nach Verklingen
und nach Bedauern,
dass sie umsonst
der Lust sich hingegeben,
dem Ohr sich zu verdingen.