Good Bye – Stephen Hawking

 

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No idea when I started drinking

Alles Grandiose gerät zu Kitsch, wenn Tausende davor stehen und es betrachten, als wäre es das Goldene Kalb. Der Wunsch nach Unsichtbarkeit unter Tausenden gerät zur geschmäcklerischen Arroganz. Kunst zu genießen heißt, sie in die Taschen meiner Weste zu packen und zu verschwinden, mit dem Wind, über den einen Torbogen in Cambridge hinweg, über dem man die personifizierte Alma Mater dieser Stadt sehen kann. Canta Brigia, das Steinrelief einer barbusigen Frau mit sprudelnder Muttermilch; sie trägt eine Sonne, eine Burg und einen Becher, dazu das Motto „Hinc Lucem et Pocula Sacra“  – die emblematische Ermahnung an die Studenten, hier von den Quellen des Lichts, der Weisheit und des Wissens zu trinken. Die schönsten Offenbarungen sind immer jene der Zuspätgekommenen. No idea when I started drinking.

Alma Mater, Canta Brigia
Alma Mater, Canta Brigia

Cambridge Diary 1

Cambridge St. Catherine's College
Cambridge St. Catherine’s College

Wie jeden Morgen stürme ich in St. Catherine’s Hall, um mir mein Frühstück einzuverleiben, dem ich in herzlicher Abneigung zugetan bin, je nach Tagesform, oder besser, je nach der Form des Schlafes in den Nächten davor. Eigentlich wollte ich über das englische Frühstück und englische Traditionen schreiben, bis mir aufging, dass beide ineinanderfallen. Traditionen sind dazu da, dass sie sich nicht ändern. Diesem Umstand verdanken sie ihre Existenzberechtigung und das Unabänderliche wird mit Recht von ihnen erwartet. Bei diesem intellektuell drittklassigen Urteil ließ ich es bewenden. Ich erklimme keine geistigen Höhenzüge beim Genuß einer unsäglichen Pampe von ausflockend-warmer Milch und Cerealien.
Was in diesen Tagen geradezu fehlt: Baked Beans in den schillernden olympischen Farben. Geschuldet dem überragenden Erfolg der britischen Sportler, bei denen ich nicht nur nebenbei voraussetze, dass sie sich allenfalls mit in Magermilch ertränkten Cornflakes gedopt haben. So tief hat sich inzwischen die Idee  britischer Fairness in meinen Teil des kollektiven Unterbewußtseins eingebrannt. Die Olympischen Sommerspiele beweisen, dass auch die insuläre Abgeschiedenheit, vor allem nach der Aufgabe imperialen Gehabes, sich aufschwingen kann zu Höherem, Weiterem und Schnellerem. Ganz eine Nation unter dem Baldachin des Sports vereint. Patriotismus auf eine entschiedene, aber unaufgeregte Art und jedem Chauvinismus abhold. Aber vielleicht trügen da meine Sinne und ich stelle den Briten nur einen Blankoschein auf Unverdächtigkeit in diesen Dingen aus.
Heute ist Nebel. Nebel, auf dem die Glast eines blauen Himmels drückt. Mal sehen, welche der beiden Urgewalten die Oberhand behält. Meine Informationen aus Deutschland sind rückständig. Sie hinken zwei Tage hinterher. Aus von mir nicht geliebten konservativen deutschen Gazetten entnehme ich, daß die Welt sich weiterdreht. Syrien versinkt in Blut und die deutschen Olympioniken haben Hochkonjunktur in der hehren Disziplin der Ausrede.
(Cambridge, August 2012)

 

 Cambridge St. Catherine's College_2

Cambridge St. Catherine's College_1

All pictures © Achim Spengler

Cambridge – Softly I am leaving

Cambridge St John College
Cambridge St John College
Cambridge Backs Steinblock mit asiatischer Inschrift
Cambridge Backs Steinblock mit asiatischer Inschrift
Cambridge
Cambridge
Cambridge Biggs Building
Cambridge Biggs Building Kühe
Cambridge Biggs Building
Cambridge Biggs Building

Cambridge Blaue Blumen_1

Cambridge Book of Common Prayer
Cambridge Book of Common Prayer
Cambridge Bridge of Sigh
Cambridge Bridge of Sigh
Cambridge Bridge Street Restaurant auf Dach
Cambridge Bridge Street Restaurant auf Dach
Cambridge Bridge Street
Cambridge Bridge Street
Cambridge Briggs Building
Cambridge Briggs Building
Cambridge Bullauge Garten
Cambridge Bullauge Garten
Cambridge Christ College
Cambridge Christ College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College Gartenbank
Cambridge Clare College Gartenbank
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College
Cambridge Clare College and King College
Cambridge Clare College and King College
Cambridge Clare College and King College
Cambridge Clare College and King College
Cambridge Clare College and King College
Cambridge Clare College and King College
Cambridge College Innenhof Figur
Cambridge College Innenhof Figur
Cambridge College Turm Uhr Sonnenuhr
Cambridge College Turm Uhr Sonnenuhr
Cambridge Gasse Nachts
Cambridge Gasse Nachts
Cambridge Gasse
Cambridge Gasse
Cambridge Gebäude Schattenriss
Cambridge Gebäude Schattenriss
Cambridge Glocke College
Cambridge Glocke College
Cambridge Heuschreckenfischuhr
Cambridge Heuschreckenfischuhr
Cambridge Kings College Chapel
Cambridge Kings College Chapel
Cambridge Kings College Chapel
Cambridge Kings College Chapel
Cambridge Kings College Chapel
Cambridge Kings College Chapel
Cambridge Kings College Chapel
Cambridge Kings College Chapel
Cambridge Kings College Court
Cambridge Kings College Court
Cambridge Kings College Court
Cambridge Kings College Court
Cambridge Kings College Court
Cambridge Kings College Court
Cambridge Kings College Turm
Cambridge Kings College Turm
Cambridge Kings Parade
Cambridge Kings Parade
Cambridge Kings Parade
Cambridge Kings Parade
Cambridge Kings Parade
Cambridge Kings Parade
Cambridge Leierkastenmann
Cambridge Leierkastenmann
Cambridge Lesender Mann Kings Parade
Cambridge Lesender Mann Kings Parade
Cambridge Mädchen am Fenster
Cambridge Mädchen am Fenster
Cambridge Magdalene College Pepys Library
Cambridge Magdalene College Pepys Library
Cambridge Market Hill
Cambridge Market Hill
Cambridge Mathematical Bridge
Cambridge Mathematical Bridge
Cambridge Pembroke Street
Cambridge Pembroke Street
Cambridge Pepys Library Broschüre
Cambridge Pepys Library Broschüre
Cambridge Round Church
Cambridge Round Church
Cambridge Schaufenster
Cambridge Schaufenster
Cambridge Senat House
Cambridge Senat House
Cambridge Spires
Cambridge Spires
Cambridge Spires
Cambridge Spires
Cambridge Spires
Cambridge Spires
Cambridge Spires
Cambridge Spires

 

Taking Leave of Cambridge Again

By Xu Zhimo

Softly I am leaving,
Just as softly as I came;
I softly wave goodbye
To the clouds in the western sky.
The golden willows by the riverside
Are young brides in the setting sun;
Their glittering reflections on the shimmering river
Keep undulating in my heart.

The green tape grass rooted in the soft mud
Sways leisurely in the water;
I am willing to be such a waterweed
In the gentle flow of the River Cam.
That pool in the shade of elm trees
Holds not clear spring water, but a rainbow
Crumpled in the midst of duckweeds,
Where rainbow-like dreams settle.

To seek a dream? Go punting with a long pole,
Upstream to where green grass is greener,
With the punt laden with starlight,
And sing out loud in its radiance.
Yet now I cannot sing out loud,
Peace is my farewell music;
Even crickets are now silent for me,
For Cambridge this evening is silent.

Quietly I am leaving,
Just as quietly as I came;
Gently waving my sleeve,
I am not taking away a single cloud.

(6 November 1928)

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All pictures ©Achim Spengler

Lady Lazarus in Cambridge – Sylvia Plath und Ted Hughes

Sie nahm sich am 11. Februar 1963 das Leben. Nachdem das „Schlimmste“ ihr geschehen war und sich zum Schlimmeren wendete. Kein Geistlicher war anwesend in der Stunde ihres Todes. Nur der Wohnungsnachbar, der diese Stunde ignorant übersah. Der sie als Hausfrau und Mutter wahrnahm, nicht mehr als das, und der sich wunderte, warum sie kein Interesse zeigte an seinem eigenen Werk und Schaffen. Immerhin war er Professor für Kunstgeschichte.

„Bald, bald wird das Fleisch, das in die Grube fuhr zuhause sein auf mir.“
(Sylvia Plath aus: Lady Lazarus)

Ted Hughes and Sylvia Plath
Ted Hughes and Sylvia Plath

„Dann geschah das Schlimmste, dieser große, dunkle, wunderbare Kerl, der einzige, der groß genug war für mich, der sich auf die Frauen stürzte und nach dessen Namen ich mich erkundigt hatte, gleich als ich ins Zimmer trat, ohne dass mir jemand eine Antwort gegeben hätte, kam herüber und schaute mir tief in die Augen, und es war Ted Hughes. Ich fing […] an zu brüllen, etwas über seine Gedichte, und zitierte „most dear unscratchable diamond“, und er schrie zurück, gewaltig, mit einer Stimme wie ein Pole „Gefällts dir?“ und dann fragte er mich, ob ich Brandy wolle, und ich schrie ja, und dann zogen wir uns ins andere Zimmer zurück […] und Boing war die Tür zu und er goß Brandy in ein Glas, und ich goß ihn dorthin, wo nach meiner letzten Erinnerung einmal mein Mund war. […] Und dann küßte er mich, Knall, Boing auf den Mund […] Und als er meinen Hals küßte, biß ich ihn heftig und lang in die Wange, und als er aus dem Zimmer ging, lief ihm Blut übers Gesicht. […] Und innerlich schrie ich und dachte: Ach, dir geb ich mich zerberstend, im Kampf.“
(Sylvia Plath, Tagebucheintrag)

Sylvia Plath - The Marylin Monroe of Poetry
Sylvia Plath – The Marylin Monroe of Poetry

Sie lebten reihenhausbürgerlich  in  jener kurzen Zeit in Cambridge, wo Sylvia  studierte (am Newnham Collge) und Ted in einer Jungenschule unterrichtete.  Das Haus und seine Fassade in 55 Eltisley Avenue  spiegelt nichts  von jenen wuchernden psychischen Tumoren wider, die beiden die Hölle bereiteten. Eine Hölle, in die das familiäre Leben und beider dichterische Karriere eingesperrt waren wie zwei sich abstoßende körperfremde Organe. Der aufkeimende Feminismus der 60er Jahre machte sie zur Märtyrerin der weiblichen Opferrolle, gefangen zwischen ehelichen und häuslichen Pflichten und dem Furor ihrer dichterischen Ambitionen.  Ihn machte er zum Monster des männlich Übergriffigen, zu einem Freibeuter sexueller Begierden, einem Womanizer, einem Blaubart, der all das auf dem Altar  dessen opferte, was sie besaßen und noch hätten besitzen können: Sich selbst,  die Familie, zwei Kinder und große Werke in Schubladen, später Ruhm und Sylvias Durchbruch, emanzipiert von ihrem Diktum :  „Er ist ein Genie. Ich bin seine Frau.“

Cambridge- Newnham College - Library Cambridge
Cambridge- Newnham College – Library Cambridge

Sylvia Plath hat sich in ihrem Gedicht „Lady Lazarus“ als solchen stilisiert: Die lächelnde Frau, die sich der Hölle der Schmerzen aussetzte, jedoch ohne Hoffnung auf Wiedererweckung.

Sterben ist eine Kunst, wie alles.
Ich kann es besonders schön.
Ich kann es so, dass es die Hölle ist, es zu sehn.
Ich kann es so, dass man wirklich fühlt, es ist echt.“

                                                      (Sylvia Plath aus: Lady Lazarus)

Das Gedicht wirkt die Geschichte von Lazarus um in ein Mysterium, welches ihr nie gegönnt war: Kein Ausweg aus ihren Depressionen, kein ungebückter Gang unter helleren Aussichten. Die Depressionen schlugen sie schon, da hatte sie New England noch nicht verlassen, da war sie als Wunderkind der Sprache fast noch weniger als ein Kind. Mit den Depressionen handelte sie schon in ihrem Roman „Die Glasglocke“, der erst nach ihrem Tod unter ihrem eigenen Namen publiziert wurde.  Die Elektroschocks verfolgten sie und ließen sie flüchten. Und auf dieser Flucht kam sie nach Cambridge und schon schiebt sich ihr Leben vor ihr Werk. Ihre Biographie ist luzid, statuarischer als ihre Verse. Wer diese liest, hat ihren Freitod als das Menetekel von Interpretationen immer vor dem Auge. Wer diese Verse genießen will, „against interpretation“, der ist doch nur gelähmt von der Wucht und den Ausweglosigkeiten ihrer Lebenskämpfe. Und man versteht die Strophen als Beichte ihres späteren Schicksals. Küssen, Kratzen, Beißen. Was gäbe es am Anfang der Beziehung zwischen ihr und Ted Hughes mehr zu sagen, mehr zu deuten? Alles vorweggenommen, der Kampf zweier literarischer Talente, der Neid auf die Worterrungenschaften des anderen. Die Freiheit und der Kerker. Griechische Tragödie. Beginnend mit den Schmerzen der Geburt.

„Liebe zog dich auf, eine dicke goldene Uhr.
Die Hebamme schlug deine Sohlen: dein kahler Schrei
Nahm seinen Platz ein unter den Elementen.“
(Sylvia Plath aus: Morgenlied)

„And here you come,
with a cup of tea wreathed in steam.
The blood jet is poetry, there is no stopping it.
You hand me two children, two roses…[…]“

(Sylvia Plath aus: from Kindness, Ariel 1963)

 

Ted Hughes and Sylvia Plath
Ted Hughes and Sylvia Plath

Als unverbesserlicher Romantiker sehne ich mich danach, dass begnadete Menschen die Gnade ihres Zusammenseins bis zur Neige auskosten mögen. Dass der künstlerische Bogen, der sie selbst und ihre  Werke überspannt, hinreichender und notwendiger Grund sein möge für das Bewahren einer Liebe. Einer Liebe, die aus  den emotionalen Quellen beider Seelen schöpft und gleichberechtigt ist in ihren Wirkungen und mit der gleichen Achtung für den gleichen späteren Ruhm versehen. Ein steter Strom transzendenter Güsse auf das Brachland gestorbener Gefühle und deren Wiederauferstehung. Lazarus. Was bei Hughes und Plath blieb:  Ein Krebsgeschwür von Verdächtigungen und die  Metastasen  einer Lyrik, mit der sich Ted Hughes in dem Gedichtband „The Birthday Letters“ schonungslos dem Tribunal der Verdächtigungen stellte und eine gewaltige künstlerische Antwort gab, als man ihm die Unterstellungen einer Schuld am Freitod seiner Frau um die Sinne schlug. Die  Gedichte aus „The Birthday Letters“ hat man als geschönte rezipiert, als Mythen, die der Wahrheit die Wahrheit abspenstig zu machen versuchen. Ihn hat dieses Urteil  vermutlich das Leben gekostet. In einem wahren Sinne, als er erfahren musste, dass sich das Schicksal seiner Frau nicht in Verse fassen ließ und ihre freien Rhythmen als gestelzte Lüge galten.  Als Reinwaschung von Schuld. Wie diesem Stigma entgehen, da auch seine zweite Frau, Assia Wevill, Selbstmord beging? Wie anders konnte es gewertet werden, als er  Sylvias  Tagebucheinträge aus den letzten drei Monaten ihres Lebens vernichtete (er wollte die Kinder schützen, so sagte er). Überdies strich er Passagen, die explizit erotischer Natur waren und solche, die sich kritisch mit Verwandten und Bekannten Sylvia’s auseinandersetzten. Was man ihm implizit vorwarf, war seine Untreue und mit ihr einhergehend seine Unfähigkeit als Funktion des Förderers ihrer Kunst. Er hätte sie zur künstlerischen Blüte bringen können, sie begleiten können, ihr helfen, so dass sie sich aus dem Schatten seiner sich anbahnenden Berühmtheit hätte herausschreiben können.
Sie „tobten sich aus mit Worten.“ Sylvia hatte ihre Wahnsinnsliebe gefunden. Er „trägt tagaus, tagein denselben schwarzen Pullover und dieselbe Kordjacke, die Taschen vollgestopft mit Gedichten, frischen Forellen und Horoskopen.“ Fünf Jahre nach der Hochzeit ist Sylvia an ihren Obsessionen gescheitert, nicht wegen Ted Hughes, sondern trotz. Das Ende einer komplizierten Liebesgeschichte, die auf der St.-Botolphs Party in Cambridge 1956 begann, dort, wo sie sich zum ersten Mal begegneten.

Es hat etwas von Vorsehung, wenn Ted Hughes in seinem Gedicht „Fulbright Scholars“ das Desaster seiner Romanze mit Sylvia vorwegnimmt:  

           „It was the first peach
            I ever tasted
            I could hardly believe
            how delicious
            At twenty-five I was dumbfounded
            By my ignorance of the
            Simplest things  …. „

Der Monat Februar in London 1963 ist ein eisiger. Kälter war es nur 150 Jahre zuvor. Die Wasserleitungen waren zugefroren.  Sylvia ist 30 Jahre alt, ihre Kinder Frieda  und Nicholas Farrar 2 Jahre und 8 Monate. In ihrer Wohnung in der Fitzroy Road 23 hatte einst William Butler Yeats für kurze Zeit gelebt. Ein gutes Omen, so dachte Sylvia. Es ist ein eisiger Montag.  Sie nimmt Schlaftabletten und legt ihren Kopf in die offene Herdklappe des Gasofens. Vier Wochen zuvor ist ihr Buch „Die Glasglocke“ unter dem Pseudonym Victoria Lucas erschienen. Der Roman wird in den 70er Jahren zum Klassiker.  Ihr lyrisches Spätwerk aus den Jahren 1962 und 1963 veröffentlicht Ted Hughes 1965 in der Gedichtsammlung „Ariel“. 1982 wurde Sylvia Plaths lyrisches Gesamtwerk in der Gedichtesammlung The Collected Poems publiziert und postum mit dem Pulitzer – Preis in der Kategorie Poesie ausgezeichnet.

Die Amsel

Du warst der Wärter deines Mörders –
Du saßt in seiner Haft.
Da ich dein Pfleger und Beschützer war,
Wurde ich mit dir bestraft.

Du wiegtest dich in Sicherheit. Die Nahrung,
Die ich gab, nahmst du.
Warfst mir wie ein Säugling
Verschlafene Blicke zu.

Du nährtest die Wut des Häftlings im Verlies
Durch das Schlüsselloch –
Dann kam er mit nur einem Satz
Die dunkle Treppe hoch.

Riesiger Klatschmohn glühte und verglomm
Vor dem Fenster: „Dort!“
Du zeigtest auf die Amsel, die den Wurm
Aus der Erde zog.

Der Rasen unberührt wie jene Seite,
Die wartet auf den Haftbericht.
Wer was auf ihr notieren wird,
War unwichtig für mich.

An der Ofentür auf seines Teufels Spieß
Krümmte sich ein stummer Mensch,
War ein Stift, der hinterließ
Falsch ist richtig, richtig falsch.

                                                                     (Ted Hughes)

Cambridge Afterglow Day 3 – Ludwig Wittgenstein

St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge

Cambridge St. Giles Cemetery. Auf der Suche nach dem Grab von Ludwig Wittgenstein. Von ihm stammt der Satz: „Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“ Das ist sozusagen der gewichtige Vorläufer des Satzes eines deutschen Kabarettisten, dessen Namen mir hier Nuhr nicht einfällt: „Wenn man keine Ahnung hat einfach mal Fresse halten.“ Dieser Satz klingt zugegebenermaßen sehr überzeugend, wenn es darum geht, sich in dieser Stadt der Sammelbände von allerlei Weisheiten einen Pfad zu schlagen, demütig und trotzdem wachen Sinnes.

Wittgenstein versuchte durch Klärung der Funktionsweise von Sprache den Sinn oder den Unsinn in philosophischen Aussagen aufzuspüren. Sprachkritik als Philosophiekritik. Linguistic Turn, blabla.
Sein späterer aphoristischer Schreibstil skelettierte seine Sprache bis auf die Grundfeste. Das Ballyhoo touristischer Massen an diesem frühen Montag interessierte dies herzlich wenig. Laut wird es auch dann, wenn sich hunderte Sätze,  auch wenn sie kurz und knapp gehalten sind, sich zu einem infernalischen Lärmberg überlagern. So machte ich mich also auf nach St. Giles, um dem Trubel zu entfliehen. Ich suchte nach dem Grab von Ludwig Wittgenstein.
Der Friedhof ist in Nummernareale gegliedert. Areal 5, dort sei sein Grab. Friedhöfe sind die letzten Bastionen der Ruhe. Ihr Charme liegt darin, dass dir niemand widerspricht, niemand etwas von dir will. Das liegt in der Natur von Gebeinen, sollte man meinen. So manch gewichtiges intellektuelle Leben liegt dort begraben, überwuchert vom Geflecht der schönsten Blumen und des schönsten Unkrauts. Da rufen keine geschundenen Seelen, die ewig umherirren und nach Hause wollen, wo immer das sein mag. Kein Weg zurück. Ich suchte das Grab von Ludwig Wittgenstein und fand es nicht. Was man nicht finden wird, nach dem sollte man nicht suchen. So einfach hätte es sein können.
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge
St. Giles Cemetery Cambridge

Cambridge Aftermath Day 2 Part 3 – Jamie Oliver

Jamie Oliver Cambridge Restaurant
Jamie Oliver Cambridge

Michel Foucault hat einmal gesagt, dass der Mensch ein Leben führe, in dem er seine Welt unausgesetzt interpretiert.
Da saß ich also nun. In einer Bar, die ich durch eine Seitenstraße betrat. Meine Kenntnisse über Bars sind durch Filme gefüttert oder aus der Erinnerung an meine Studentenzeit., also eher marginal und nicht der Rede wert.
So denke ich noch heute mit Schaudern daran zurück, als ich in Mainz 1980 in einer schummerigen Kaschemme zur vorgerückten Stunde (es war 04.00 Uhr) den Mut fasste, meinem Augenkontaktflirt endlich meine Aufwartung zu machen. Ich umschritt also den in der Mitte des Raumes hingeklotzten Tresen, um auf der anderen Seite festzustellen, dass die Interpretation meiner Welt von vollkommener Blindheit geschlagen war: Die über eine Entfernung von 3 m Luftlinie und über Stunden hinweg angehimmelte Lady of the Night entpuppte sich bei näherer Betrachtung als Exponentin einer Frauengeneration, der ich als machistisches Jungspundarschloch  jedes Recht auf erotische Ausstrahlung absprach. Mein Herz hing in den Socken als ich das Etablissement verließ. Diese Episode ist der Erwähnung wert, weil sie der Grund war, dass ich in späteren Jahren Bars flächendeckend mied.
Jetzt saß ich also hier in dieser Bar, überlebensgroß. Bis mir auffiel, dass eine Bar üblicherweise kein Essen an den Tisch liefert und es nur der Hunger war, der mich hierher getrieben hatte.
Indigniert darüber, dass mich keiner auf der Rechnung hatte, geschweige denn sich anschickte mich zu bedienen, stand ich auf, suchte den Ausgang im Eingang, der aber kein Ausgang war, schob mich lässig in anderer Richtung an von der Decke hängenden Schinkenbeinen und überdimensionalen Würsten vorbei und wow: Da stand ich inmitten des Sanctuariums der Götterspeisen und Jamie Oliver’s Konterfei grinste mich aus einer abgedunkelten Ecke heraus diabolisch an. Die Fläche des Restaurants ist so ausladend wie eine aus dem Nebel der Verdrängungen herauswachsende weibliche Hüfte. Darüber erhebt sich majestätisch eine moderne, klassizistische Kuppel. Ein Tempel eben. Mich messend an den Kleidern der Ladies und den Smokings der Herren, überschlug ich kurz mein Budget. Beim Überschlagen blieb es dann auch. Much too far above a beggars purse.
Aber das war nicht das sofortige Ende meines beschämenden Auftritts in Jamie’s Kathedrale der Genüsse. Ich zückte meine Kamera, schritt alle Enden des Restaurants gemessen ab und gerierte mich dabei wie ein Photograph, dem die VOGUE den Auftrag gegeben hatte, eine Bilderstrecke zu lancieren. Aber vermutlich kam ich eher wie der Auftragskiller der Konkurrenz rüber, die wissen will wie Jamie’s Suppen köcheln.
Anschließend EXIT (to Brooklyn). Ich war wieder auf den Gassen von Cambridge und mein Magen knurrte fürchterlich.

Jamie*s in Cambridge
Jamie Oliver Cambridge
Jamie*s in Cambridge
Jamie Oliver Bar Cambridge
Jamie*s Restaurant  in Cambridge
Jamie Oliver Cambridge
Jamie*s Restaurant in Cambridge
Jamie Oliver Cambridge
Jamie*s Restaurant in Cambridge
Jamie Oliver Cambridge
Jamie*s Bar in Cambridge
Jamie Oliver Cambridge
Jamie Oliver Restaurant Cambridge
Jamie Oliver Cambridge
Ham and Sausage Jamie Oliver in Cambridge
Jamie Oliver Cambridge
Ham and Sausage in Jamie's Restaurant in Cambridge
Jamie Oliver Cambridge

Cambridge Aftermath Day 2 Part 1 – Punting we will go

Punting on the River Cam in Cambdrige
Cambridge River Cam Punting

This is Rachel. The Punting Princess of the River Cam. Ihr verdanke ich eine exklusive Bootsfahrt auf dem Fluss. Eine Sänftenfahrt, die mich an den Sehenswürdigkeiten vorbeiführte, die am Ufer,  an einer Perlenkette aufgereiht ihr zeitloses Dasein fristen. Sie schmeicheln den Augen und lassen das Herz hüpfen. Rachel is punting smoothly. Sie umsteuerte souverän allerlei mögliche Karambolagen mit anderen Booten, die in der Hauptsache mit Gruppen asiatischer Herkunft bevölkert waren. So gar kein Fluss  himmlichen Friedens, so müssen diese die Achterbahnfahrten empfunden haben.

Rachel hatte manche Anedokten über die Geschichte der Colleges im Köcher. Auch diese meisterte sie mit großem Fachwissen. So erzählte sie mir, dass einige Colleges kaum Fenster zum Fluss ausweisen. Das hatte ursprünglich mit der sogenannten „Window Tax“ zu tun. Je mehr Fenster, umso höher die Abgaben darauf. In moderneren Zeiten nannte man diese Steuer „daylight robbery“, weil viele  sie als illegitimen Eingriff in das Finanzgebaren, vor allem der Colleges, empfanden. Die Steuer wurde erstmalig 1696 erhoben und zielte selbstverständlich auf die Mehrung des öffentlichen Ausgabenvermögens, ohne sie als „income tax“ deklarieren zu müssen, die damals mehr als einen schlechten Leumund hatte. Weitere Infos hierzu hier.
Rachel almost broke my heart. Here’s to you, Rachel. Ich gab ihr den Link zu meinem Blog und holte mir ihre Erlaubnis ein, Bilder von ihr hier zu platzieren. Dass Rachel nach Ablegen ihrer A-Levels nach Birmingham gehen wird, um dort Psychologie zu studieren, macht mich traurig. Cambridge hat Rachel verdient. Cambridge wird ärmer sein ohne sie.
Cambridge River Cam Punting
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Cambridge Calling

Cambridge King's College Chapel
King’s College Chapel
Hummeln im Hintern und Vorfreude satt. Wetterlage? Schaust du hier: Wetter Cambridge. Logistisch, emotional und mental bin ich topfit  auf  das Highlight meiner diesjährigen Erlebniswelt vorbereitet. Anders als eine Vielzahl unserer Olympioniken, die  in deutschbräsiger Peinlichkeit ihre teilweise erschreckenden Leistungen vor einem Millionenpublikum wieder gerade zu brabbeln versuchen. Oder nehmen wir Franziska van Almsick. Sie co-kommentiert die Schwimmwettbewerbe, als hätte sich die Schlafkrankheit in ihr eingenistet.  Aber fürs dumme Rumstehen und für einen Schlafzimmerblick, der noch nicht mal sexy ist, würde ich mich auch gerne mal bezahlen lassen. Bestleistungen abrufen bei einem solchen Event, darum geht es doch. Aber ich schweife ab mit meinem Chauvinismus.
Ich möchte Cambridge nicht nur mit dem interesselosen ästhetischen Wohlgefallen eines Museumgängers erleben. Ein bißchen Geschichte atmen und dem Herzschlag der Colleges lauschen, das wäre schön. In den Clinch gehen mit der Stadt und ihrer Geschichtsträchtigkeit. Auf den Spuren ihrer Heroen in Wissenschaft, Philosophie und Literatur wandeln. Fish und Chips großzügig umschiffen. Fleischgerichte in Minzsauce ebenfalls. Rauchen und Schreiben. Fotografieren und lustwandeln. Walken und Punten. Sitzen und Sinnen.
Und am Abend totmüde ins Bett meiner Collegeunterkunft fallen und im Muff und der Patina eines altehrwürdigen Studentenzimmers baden.

Cambridge und Chimäre

St. Catherine's
Cambridge St.Catherine’s Main Court
Das Wetter ist eine Chimäre. Damit ist jetzt nicht die Ziege aus dem Altgriechischen gemeint. Eher dieses Dingsda, dieses Mischwesen und Trugbild. Gestern hat es meinen Hut leicht gelüftet, heute packt es meine wetterfühligen Gelenke, lässt mich frösteln und an den Herbst denken. Sogar die sachten, gestrigen Anflüge erotischer Treibsätze verkommen unter der Grauganshimmelsdecke. Wiehat letztens ein forsches Jungwesen in den Raum gestellt: Nachdenklichkeit sei der Sex des Alters. Ich wusste bis dato nur vom Essen als Surrogat des Sex. Denn wenn es die Nachdenklichkeit wäre, hätte ich Sex im Überfluß schon von Anbeginn meines Daseins und bis zu seinem bitteren Ende. Flugs, ich bin ja nicht faul, bin ich auf der Suche nach schönen Dingen zur heiteren Aufstockung meines Serotonin Spiegels fündig geworden. Ich hatte es hier schon angedeutet und brachte es nun in trockene   Tücher. Cambridge, im August dieses Jahres. Eine Woche, untergebracht in St. Catherine’s College. King’s College war leider schon ausgebucht, im Nachhinein bin ich darum nicht traurig. St.Catherine’s ist ein kleines College, schmuck und ganz um die Ecke von King’s- und Queens‘ College gelegen.
Das Frühstück in der St. Catherine’s Hall, in schönster Ruhe. Der nächste Term beginnt im Oktober. Im August sind im Kalender des Colleges überhaupt keine Termine vorgesehen. Das hat seine Vorteile, ich muss mich nicht zum virtuellen elder undergraduate stilisieren. Den August habe ich mir ausgesucht, weil ich meine Hoffnungen in angenehmes spätsommerliches Wetter setze. Andererseits sollte ich mein Glück diesbezüglich nicht überstrapazieren. Ich kenne England bislang nur von seiner besten Wetterlagenseite.
Obwohl ich davon ausgehe, dass auch in Cambridge lectures gelesen werden, die sich mit der „Chimeara“ der griechischen Mythologie auseinandersetzen. Malcom Lowry hat in St.Catherine’s studiert, bevor er sich mit seinem sensationellen Buch „Unter dem Vulkan“ und unzähligen Eskapaden ins ewige Delirium soff.  Das darf natürlich kein Omen für mich sein. Ich halte es mit Sir Ian McKellen. Auch er unter den Alumni des College und im fortschreitenden Alter immer noch rüstig für die Besetzungslisten des Kinos.

Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

Aufzeichnungen aus einem Totenhaus
Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

 

„Wir sind Studenten, verdammt, andere Menschen machen uns die Betten und räumen unsere Zimmer auf. Wir wohnen in mittelalterlichen Zimmern mit getäfelten Wänden. Wir haben Theater, Druckereien, erstklassige Cricket Pitches, einen Fluss, Boote, Bibliotheken und alle Zeit der Welt zur Entspannung, für Spaß und Vergnügen. Welches Recht haben wir, zu maulen und zu mosern und in der Gegend umherzuschleichen wie geschunden?“

Um es vorweg zu sagen: Der Titel dieser Aufzeichnungen ist der Titel eines Prosastücks von Fjodor M. Dostojewski, des russischen Erzählers weltliterarischen Ranges, dessen Biographie unter anderem einige Aufenthalte in Heilsanatorien und Gulags aufzuweisen hat. Das Zitat gleich darunter stammt aus Stephen Fry’s wunderbarem zweiten Band seiner „Fry Chronicles“, der Autobiographie, der ich mit wachsender Zuneigung, gar Liebe, zugetan bin.
Wer Stephen Fry nicht kennt, der möge sich den Film „Oscar Wilde“ anschauen. In diesem spielt Fry, neben Jude Law als Wilde’s Liebhaber, die Titelrolle. Mit der herzzerreißenden Intensität eines am Gebrechen und Verbrechen seiner Leidenschaften zugrunde gehenden Dandys und Spiritus Rector eines neuen, ausschweifenden literarischen Tons in der englisch-irischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Obiges Zitat illustriert die wunderbaren, wechselhaften Studienjahre von Fry und Hugh Laurie in Cambridge. Ja, Hugh Laurie ist ein waschechter Cambridge Man, bevor es ihn, Jahre später, nach Los Angeles in die Rolle des Dr. House gespült hat.  
Es lässt sich fragen, wozu diese Präambel an Informationen über einige meiner Heroen aus Literatur und Film? Der Grund ist bieder. Befinde ich mich doch in einem dreiwöchigen Kuraufenthalt mit der Garantie tödlicher Langeweile und der Aussicht auf nachhaltige Verblödung, unter dem Dauerbeschuss ärztlicher Direktiven, schwesterlicher Niedertrachten und diesem Essen, dessen Frugalität meinem Vorhaben, abzuspecken, entgegenkommt wie ein 40 Tonner, beladen mit Popcorn und heißer Luft.  
Das Zitat ist die romantisierende Gegenwelt dessen, was ich in den heiligen Hallen dieses Kurheilsanatoriums zu erwarten fürchte. Ich bin kein Student mehr, hier macht keiner für mich die Betten oder räumt das Zimmer auf. Ich kann mich glücklich schätzen, dass der Staub, der sich wie Patina auf Alles legt, an jedem zweiten Tag notdürftig entsorgt wird.  Unsere Zimmer sind nicht mittelalterlich, sie kommen in ihrer standardisierten Ausstattung und ausgeleierten Funktionalität einem 2 Sterne Hotel nahe, ohne Minibar, ohne Fön (!!), aber mit dem obligatorischen Neuen Testament. Ich war schon immer der Meinung, dass die Auslage der Memoiren der Josephine Mutzenbacher oder der Fanny Hill den sexuellen und spirituellen Bedürfnissen männlicher Übernächtig(t)er um so viel näher kommen dürfte. 
 Ich bin froh, dieses in Terrassenbeton gemeißelte, auf sequentielle Eintönigkeit getrimmte Klinikmonstrum aus den frühen 70er Jahren mit Stephen Fry betreten zu dürfen, dessen virtuelle Anwesenheit mir eine gewisse britische Noblesse und aufmüpfige Haltung einhaucht, mit der ich hier über die Runden komme. Mit Jokus, mittelprächtigem Esprit und der Chuzpe, jeden zu Kreuze kriechenden Fußlahmen mit einem munteren „Guten Tag“  in die Arme zu schließen. 
Ich, der moderne Christus, der alles Leid, alle Neurosen und alle Ängste auf sich lädt, um mit Erschrecken festzustellen, dass es das markerschütternde Gewicht der eigenen Unzulänglichkeiten ist, welches ich mit magerem Brustkorb auszuhalten habe und mich zum Stellvertreter meines eigenen Selbst und seiner volltönigen Psychosen stigmatisiert. 

Sturmtief

Sturmtief
Sturmtief

Sturmtief Joachim hat die Nation im Griff, nomen est omen, fällt mir dazu ein. Mein selbst erzeugtes Sturmtief hält jetzt schon einige Tage und Wochen an und verdirbt den werten Mitarbeitern die Frühstückslaune samt Buffet. Sogar mein eigener Chef, ein Ausbund niederrheinischer Lebensfreude, schlägt einen Bogen in Form einer Ellipse um mich herum. Ich versprach ihm, bei Eintritt des nächsten Frühlings, meine Tai Chi Übungen auf der Sommerwiese in üblicher, fröhlicher Gelassenheit wieder aufzunehmen.
Das Jahr neigt sich dem Ende zu und alle versicherungstechnischen Maßnahmen sind in trockenen Tüchern eingetütet. Der Urlaub ist halbgar verplant, die Spritzen in die Lendenwirbelgegend sind gesetzt, Zuversicht macht sich breit wie eine Gürtelrose und mit der gleichen Nachhaltigkeit. Weitere Ausblicke aufs neue Jahr sind noch verstellt, was vor allem an der tranigen Wetterlage liegt. Wenn es nach meiner Kniearthrose ginge, ich betone den Konjunktiv, würde ich quietschfidel und einem Heuschreckenschwarm gleich, in Cambridge und Stratford upon Avon einfallen. Und am Grab von Shakespeare ein Röschen in Form eines elisabethanischen Sonetts hinterlassen. Meine Vorfreude kann nicht größer sein.
Andererseits hat es mir die schottische Insel Islay angetan, „the Queen of the Hebrides“. An den Meeresarmen Loch Gruinart und Loch Indaal gelegen, verschlägt es mir bereits den Atem bei der lautmalerischen Schönheit dieser Namen. Heimlicher, oder besser offenkundiger Grund für die heftige Liebelei mit diesem Reiseziel ist natürlich das Überschwappen kulinarischer Lüste bei der Vorstellung, in diversen „Wässerchen des Lebens“ vortrefflich mit allen Gaumensinnen baden zu dürfen. Bruichladdich, Bunnahabhain, Caol Ila, Kilchoman, Lagavulin, Laphroaig …….
Liebe Leute, wenn ich diese Whiskysorten nicht nur genießen, sondern auch auszusprechen in der Lage sein werde, ist kein eingefleischter Schotte mehr von meiner Wenigkeit zu unterscheiden. Von der Ebenbürtigkeit meines William Wallace Schopfes ganz zu schweigen.
Ja nun, der Qual der Wahl ist die Schleuse geöffnet und mein Blick richtet sich scheel auf die Inhalte diverser Geldbörsen. Mein Chef versprach mir eine Gehaltserhöhung, mal sehen, ob es zum Schnüffeln an den Whiskyfässern hinreicht oder für eine Woche Übernachtung im King’s College, Cambridge selig.