Konvolute des Trostes 1

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© Achim Spengler

KONVOLUTE DES TROSTES

Der Erfindungsreichtum einer Argumentation für den Erhalt der schlechten Sache ist die andere Seite jener Medaille, auf der das Gute keine Parteigänger benötigt.
Die Wahrheit aller Stimmen liegt im Gewirr, auch das ist tröstlich.
„Do not stand at my grave and cry, I am not there; I did not die.“
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Blogsprache der Nierentische

NierentischNicht nur im Internet widmen sich junge Menschen leidenschaftlich ihren Interessen. Fashion, Fantasy, Lifestyle, Ich-Generation, Partyritter und Partyprinzessinen. Idiome kristallisieren sich heraus. Noch ein Spruch, Kieferbruch. Wenn du meine Sprache nicht sprichst, bist du raus, such dir ne andere Disco. Wortetiketten werden geboren, die sich auf der Zeitachse des „In-Seins“ wie Modelabels gegenseitig ablösen. Hip, hipper,  Hennes & Mauritz.
Ok, ich gestehe, die Sprache der Jugend war immer schon die Motorsäge am Holz vor der Hütte der Spießersprache. Wenn ich zurückdenke fällt mir aber auf, dass ich schon in meiner Adoleszenz ein Outcast der Sprache war. Mein damaliges soziales Sein war in etwa so gegen den Strich gebürstet wie heute. Ich führte den Zweifrontenkrieg. Einen Krieg gegen die Rabulistik der Jugend. Einen Krieg gegen die Sprache der Nierentische. Ich erinnere mich: Ich habe so manche Runde Flaschendrehen ausgelassen, um auf der Flucht nach Hause hell leuchtende Sterne leidenschaftlich anzuflehen, sie mögen mir doch die  Sprache der Poesie wie ein Brandmal aufdrücken. Eine Leidenschaft, die ich für mich allein genoß. Eine solitäree Leidenschaft, die ich nicht auf den Altären gruppendynamischer Leidenschaften opfern wollte.
Wenn ich jedoch einen Psychologen um Rat gefragt hätte, dann liebe Freunde, hätte dieser es auf einen konzisen Punkt gebracht: „Von wegen Poesie, der du alles untergeordnet hast. Deine Schüchternheit allein hat dein Aufgehen im dionysischen Rausch der Jugendbewegtheit verhindert. Flaschendrehen gehört nun mal  nicht zu deiner Vorstellung des Ideals angehimmelter Mädchen.“ Recht hast du, du alter Sack. Mit deiner grauen Strickjacke, der braunen Cordhose und der durchwetzten Couch aus den Dinosaurierjahren Sigmund Freuds.
Wenn ich mich in der Welt des Bloggens umschaue,  fühle ich mich wie aus der Gegenwart der Sprache herausgefallen. Von wegen Generationenkonflikt. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand, im Überlebenskampf einer aussterbenden Spezies. Da stürmen Horden von virilen Bloggern wie die Marianne der französischen Revolution über die Festungsanlagen der Bourgeoisie hinweg. Stürmen die Höfe der Spracherbschaften von Klassik und Romantik. Swag und Style. Von Achselfasching bis Zehentanga. Die Postmoderne der Postmoderne. Es stampft wie eine Büffelherde. Wut- und Fluchsprache. Alles schwimmt auf der Oberfläche des Authentischen. Im Zeitraffer werden Sekunden eines Gefühls gedehnt. Aktualität wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Aber auch beeindruckende Aufrichtigkeit und Hingabe an ein Thema. Foren der Verletzlichkeit. Es brodelt und lebt. Als Dinosaurier am Nierentisch schnabuliere ich meine Henkersmahlzeit und warte auf den Einschlag der Asteroiden. Bis dahin, Mittelfinger.

Fremdwörter

FremdwörterIch liebe Fremdwörter. Ich sammele sie und nehme die Last der Lästereien auf mich, die mir aufgrund des Einsickerns dieser Wörter in die Senkgrube meiner Alltagsrede aufgebürdet wird.
Mir ist dagegen noch keine hieb- und stichfeste Replik eingefallen. Einige sammeln Briefmarken und ich will mich nicht entblöden, diesen bedauernswerten Kreaturen vorzuwerfen, dass es damit für sie nur um bloße Illusionen geht. Die blaue Mauritius ist schon längst vergeben und hinter dickem Panzerglas geborgen. Das stubengemütliche, bourgeoise Briefmarkenalbum setzt sich also zusammen aus dem Bodensatz von Marken, die schon alle besitzen.
Hach, aber die Fremdwörter. Man kann sie in ewigen geistigen Besitz nehmen. Man drapiert mit ihnen viele ansonsten totlangweilige Phrasen, peppt durch sie Sätze mit fiktivem Bedeutungsreichtum auf. Man stolziert mit ihnen auf der Promenade der Gewöhnlichkeit umher wie ein Stenz, ein Dandy, ein Geck, um den lesefreudigen Damen, den lieblichen, parfümierten Plaudertäschchen in ihren Puffärmeln und spitzenbesetzten Rüschenblüschen einen Hauch von Weltläufigkeit auf das Wangenrouge zu küssen.
Wer den Fluss des Redens entdecken will, muss auch ins Wasser gehen, mit dem Behelf von Wörtern, die vor dem Ertrinken retten.
Merkwürdigerweise kritisieren die radebrechenden Zeitgenossen, deren grammatikalische und semantische Talente sich auf die Erfindung von „Affensperma“ als Neuhochdeutschidiom für einen Bananenmilchshake reduzieren lassen, ausschließlich meine Verwendung von Wörtern lateinischen oder altgriechischen Ursprungs.
Dass auch unsere postmoderne Hochkultur dort noch immer ihre Wurzeln hat, stört sie nicht im Geringsten. Dass an allen Ecken und Enden unserer sprachkulturellen Infrastruktur Anglizismen und Frankozismen ihre Aufwartung machen, gehört für sie zum guten Ton des linguistischen Zeitgeistes. Auch scheint ihnen die  Tatsache entgangen zu sein, dass dieser „Zeitgeist“ oder der „Kindergarten“ oder die „Angst“ oder der „Bildungsroman“, der „Blitzkrieg“, der „Dachshund“, der „Flugtag“, der  „Geist“, das „Fräuleinwunder“ und das „Entscheidungsproblem“ und der „Weltschmerz“  den Weg in die Sprachperformanzen der Engländer und Amerikaner gefunden haben, die Osmose des Wörteraustausches also durchaus in beide Richtungen geht.
Trotzdem. „Ich quatsche eure Sprache nicht, ihr müllt im Unsinn. Tollwütig hebt ihr euer sprachliches Holzbein und duftmarkiert jede Nische mit Wortkreationen, deren Zerfallsdaten an einem Finger abzuzählen sind. Ihr Brüllaffen im Allegreto à tempo. Ihr Sinnkipplaster, ihr Marionettenpuppen von Rap und Slam Poetry. Ihr Markenvampire, ihr anämischen Opfer des Ku-Klux-Klan-Kommerz.“
Diese Art von Suada würde ich gerne über jene kübeln, die auf dem Kriegspfad gegen Latinismen und Gräzismen sind. Allein, mir fehlen zu Untermalung einer solchen Schmährede noch ein paar fremdsprachliche Juwele. Ich arbeite daran.
(Wen eine Liste der deutschen Wörter im Englischen interessiert, der werde hier weiter fündig: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_W%C3%B6rter_im_Englischen ).

Grace

Grace Gnade
Grace

Grace. Dieses besitzergreifende Wort hat von „Liebreiz“ bis „Anmut“ allerlei weitere deutsche Bedeutungen. Um zum Punkt zu kommen: Ich mag es nicht besonders. Es hat für mich vor allem die Konnotation von „Gnade“ und „Gnadenfrist“. Nicht zu vergessen den französischen „coup de grâce“, mit dem ich noch überzeugter auf Kriegsfuß stehe. Gnadenschuß und Gnadenstoß, das klingt nach einem exekutierten Ausstieg in das angebrochene neue Jahr.

Letzthin dümpelte ich also in ein Freiburger Etablissement selbigen Namens. Grace.
Postmoderner ästhetischer Schick, Bar und Lounge, ein Tresen wie aus dem Bilderbuch innenarchitektonischer Fließbandarbeit. Sitzmöbel, die dem Arsch nicht schmeicheln, in denen er hin- und herrutscht, um am Ende festzustellen, dass die Gemütlichkeit inzwischen eine Legende ist, im Mäandern der Stile untergegangen und weggeschwemmt.
Allerlei soziale Minderheiten tummeln sich dort. Schwule und Lesben, Lifestyle Fetischisten und sogar ein Anflug gewisser Angehöriger der Russendiscomafia, wie mir schien. Auch eine Strickliesel aus den seligen Zeiten der Ökobande. So fehl am Platz wie ein Eiterpickel nach der Menopause.
Eine brasilianisch anmutende Schönheit mit einem ganzen Zuckerhut wallenden schwarzen Haars schickte ein Lächeln in meine Richtung ab, adressiert an einen alten Hagestolz, der diesen Blick mitnichten als grazile Anmache interpretierte, eher als Aufforderung, meine hausbackene Brille samt Anhängsel doch bitte im nächstgelegenen Starbucks zu parken. Wie dem auch sei.
Ich habe keine Ahnung, wie man den Stil dieser Einrichtung tituliert. Eine Bildungsreise dort hinein verschließt sich mir wie die Mutterbrust (ich war ein Flaschenkind). Außerdem bin ich „ein zu alter Hund, um noch neues Gebell anzustimmen“ (Stephen Fry).
Ich trinke neuerlich koffeinfreien Kaffee. Das hat mehrere Gründe, auf die einzugehen mir aktuell die Muse fehlt. Ich erwähne diesen Umstand nur, weil er in engem Zusammenhang mit meiner posttraumatischen Flucht aus diesem Etablissement steht.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“ oder alternativ (5 Sekunden später) „Alles gut bei Ihnen“?
Zu oft hörten wir diese Worte, von einer Kellnerin an uns alle gerichtet und heute an mich, der ich ihr liebend gerne den lauwarmen Kaffeeausguß vor die Füße gespieen hätte. Beide aufgeworfenen Fragen lassen erahnen, was passiert, wenn eben nicht alles in Ordnung ist. Man fühlt sich dabei wie vor einem Fanal zum selbstzerstörerischen Stoßangriff auf die feindlichen Schützengräben vor Verdun, oder als käme man schnurstracks aus der Hölle einer Waterboarding Folter. Hier kommt die tiefenpsychologische Bedeutung des coup de grâce wieder ins Spiel.
Ich nuschelte etwas von „könnte besser gehen“ und „meine Frau liegt in den Wehen“, drangsalierte mein Buch und meine Kladde zurück in den Rucksack, wischte mir den Rest der labbrigen Brühe vom Munde und düste Richtung Ausgang, als wären die apokalyptischen Reiter hinter mir her. Draußen atmete ich. Ich schlug die Hände zum Himmel und murmelte „Gnade“. Vom natürlichen Recht auf einen guten Kaffee schwieg ich ………  Grace!!