Marie Sophie Hingst – Ein Nachruf

„I only ever am a greedy thief,
full of hunger for words.
And as you and the world
at large can see, it didn’t end well.“

[Marie Sophie Hingst, in einer ihrer Mails
an den Reporter der Irish Times, Derek Scally]

 

Ihren Blog Read on my dear, read on habe ich geliebt. Ich liebte die Melancholie, die im poetischen Sound ihrer kleinen Geschichten vom kleinen irischen Dorf und dem Haus am Meer eingewoben war. Ich liebte die Personen, die darin vorkamen, die Tiere. Den Tierarzt oder die Frau des Krämers liebte ich besonders, das Kälbchen, die Katzen, den alten Hund. Ich liebte das kleine Haus und die vor dem inneren Auge aufleuchtende graue irische See.
Eine fast täglich frei Haus gelieferte Postille über Irland, von einer großartigen imaginativen Kraft getragen, aus deren biografischen Elementen als  Fundament, als narratives, kompositorisches Element Sophie keinen Hehl machte.

Mir war immer bewusst, dass sie von den Freiheitsgraden des Fiktionionalen starken Gebrauch machte. Das zumindest betrifft die Geschichten, die in Irland spielen. Dort verschob sie die Grenzen des Realen und des Faktischen immer mehr  in Richtung einer Poesie, die sich auf dem warmen Kissen der Phantasie, ja des Phantastischen bettete.

Wann genau geschah es, oder war es immer schon präsent,  dass irgendwann die Fiktion durch ihren  Anspruch auf Wahrheitsgeltung kontaminiert wurde? Hätte Sophie nicht  einfach nur Geschichten erzählen sollen, die von Fräulein Read On handeln, dieser Figur, die nicht in eins hätte fallen müssen mit ihr selbst? Das wiederum hätte wohl bedeutet, dass sie ihr Ende hätte sehen müssen, oder dass sie es sah, als etwas aus ihrer Sicht Unausweichlichem. Wie wünschte ich mir im Nachhinein dieser Tragödie, dass sie einfach nur fabuliert hätte, erfunden, erdichtet, ohne Konnex zu ihrer Person. Ich bin mir sicher, dass die Schönheit ihrer Sprache, der Sog der Sprachmelodie, der wahrhaft menschenfreundliche und sich sorgende Impetus ihres Denkens, ihr den gleichen Ertrag eingebracht hätten, eine große, begeisterte Leserschaft nämlich.

Wenn die Fiktion ins  Leben hinaustritt und sich die Kleider der Realität überzieht, dann darf man diesen Umstand Lüge und Täuschung nennen. Sich eine jüdische Abstammung zu eigen machen, die leibliche Mutter verleugnen, und Yad Vashem eine Liste erfundener Opfer der Shoah einzureichen, diese Dinge waren mir, als sie ruchbar wurden, unerträgliche Auswüchse einer alles Vorstellbare übersteigenden Geltungssucht und bittere Mißachtung unserer besonderen Sorgfaltspflicht im Umgang mit dem Holocaust, und zuguter Letzt Verrat an ihrer Identität. Oder, positiv gewendet, der Aufschrei einer verzweifelten, einsamen, vor  Liebe berstenden Seele? Was davon ist wahr, was davon ist nichtig?

Die Konsequenzen dieser Lüge waren für Sophie verheerend, für uns als ihre  Leser  bedeuteten sie eine Erschütterung des Vertrauens in die Literatin und die schiere Unmöglichkeit, diesen lieben Menschen, der  psychologischer Hilfe bedurfte wie Wasser gegen das Verdursten, aufzufangen und seine Schuld auf unseren Schultern zu verteilen. Eine Schuld, die sie sich selbst nicht mehr eingestehen konnte, befand sie sich doch längst in den Klauen der Sucht nach externer Bestätigung, die dafür sorgte, dass durch Fabulierkunst befeuerte Phantasmen die letzten Spuren der Authentizität im grellen Licht der Lügen tilgten. Der Hunger nach Worten hat sie am Ende sprachlos gemacht.

Eine Moral darin? Die gibt es nicht. Außer, dass wir uns immer bewußt sein sollten, dass bisweilen auch in unseren Anstrengungen, objektiv  als falsch sich entpuppende Erinnerungen vor uns selbst und anderen als Tatsachengebäude auszugeben, eine große fehlgeleitete Energie steckt. Wir beschönigen und glätten, lassen aus, ergänzen um attraktive, erfundene Details. Wir glauben es am Ende. Wir verteidigen die Unschärfen und Ungenauigkeiten, manchmal bis aufs Blut. Wir sind Blogger, wir tun so etwas, in welchem Umfang auch immer. Menschen tun so etwas. Das ist ein Umstand, den das Schreiben unausweichlich mit sich bringt. Wir sind nicht immer ganz bei uns. Wir verdrängen die Gefahren, die den Bemühungen nach Authentizität auflauern. Wir gieren nach Anerkennung. Wir wollen gelesen und  verstanden, und am Ende gar gesehen und erkannt werden.

So redete ich es mir ein. So legte ich es mir zurecht. Vom Vorschuß meiner Bewunderung, gar der Verliebtheit in den Ton und Duktus ihrer Sprache, die manchmal an Formen religiöser Erbauungstexte und kleiner Predigten erinnerten, von diesem Vorschuss sollte über das Ende hinaus etwas überdauern dürfen. Ich schuldete dem Fräulein Read On, diesem erzählenden Faszinosum, viel.  Ich schulde ihr immer noch. Immer noch so viel. Und ich frage mich, warum das so ist und warum ich ihr verzeihe. Die einzige Antwort, die ich dafür habe, ist: Sie hat mich berührt. Etwas Humanes, Sorgendes, Sensibles hat mich angefasst. Etwas Aufrichtiges schien durch das Dickicht der Lügen. Die leise Melancholie ihrer Sätze hat mich ins Herz getroffen.

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“
[aus: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein]

 

 

 

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Letzte Sätze 20 – Edna O‘ Brien – Das einsame Haus – House of Splendid Isolation

Ich dachte, der Tod meiner Mutter würde mir mein Leben schenken, aber ich habe mich wohl geirrt. So wie der Soldat dachte, wenn er einem Engländer das Leben nimmt, könnte er jahrhundertelanges Unrecht sühnen, aber wie sollte das jemals möglich sein. Das Herz des Soldaten war voll von dunklen, gewalttätigen Gedanken, aber die Engländer haben uns gar kein Herz entgegengebracht. Als meine Mutter im Sterben lag, hat sie geschrien. Wenn wir Leben nehmen, schreien wir mit einer Stimme, wenn wir es verlieren, mit einer anderen. Zwei Akkorde, die sich treffen müssen. Wie oft habe ich ihr, als ich sie in einem der Zimmer vorm Spiegel oder beim Nägelpolieren gesehen habe, ihr Leben und ihre Schönheit mißgönnt, mir gewünscht, sie wäre tot. Jetzt ist sie tot und begraben, und der Soldat wird ein alter Mann sein, ehe er wieder über die Felder streifen kann.
Die Berge verändern des Nachts ihre Farbe, werden ernst und feierlich, so wie sich die Menschen verändern, wenn es ans Schießen geht. Dann wird alles bedroht. Dann wird alles zerstört. Der Schießende ebenso wie der Erschossene. „Der Mörder ist dem Ermordeten am nächsten.“ Ein Jammern und Zähnekirschen aus naher und ferner Vergangenheit. Gräber und Hügel, immer mehr Gräber, eine Statue und eine gefärbte Nelke, um den Ort des jähen Blutbads zu bezeichnen. Das Land weint, und wen sollte das ändern? Aber das Land kann nicht genommen werden. Das hat die Geschichte bewiesen. Das Land wird niemals genommen werden. Es ist immer da. „Der Mörder ist dem Ermordeten am nächsten.“ So steht es geschrieben. Aber jemandem körperlich oder im Kampf mit dem Bajonett nahe zu sein, das reicht nicht aus. Hineinzugehen, nach innen, das ist die blutigste Reise von allen. Erst dort lernen wir uns kennen, verstehen, daß aus dem Feind das gleiche Blut, die gleichen Tränen rinnen wie aus uns selbst, wenn auch nicht immer im gleichen Maße. Sich mitten ins Herz des Hasses und des Unrechts zu begeben, davon zu zehren und verzehrt zu werden. Das steht nirgends geschrieben. Das ist das zukünftige Wissen. Das Wissen, das noch kommen wird.

 

Edna O’Brien

Das einsame Haus

Aus dem Englischen
von Irmela Erckenbrecht

 

Verlag Hoffmann und Campe

ISBN 3-455-05722-5

Irland – Pubs – Zivilisation

Der liebe Gott, so Brendan Behan, habe den Alkohol nur erschaffen, um die Iren davon abzuhalten, die Welt zu beherrschen. Aber es gelang ihnen  immerhin, die abendländische Zivilisation zu retten, wie es Thomas Cahill in seinem Buch „How the Irish saved Civilisation“ ausführt.
Eine Behauptung, die auf den ersten Blick übertrieben scheint. Sehr viel ist geschrieben worden über die Anstrengungen irischer Mönche und  Priester bei der Verbreitung des Christentums im kontinentalen Europa. Dass die Insel der Heiligen und Gelehrten ein durch den heiligen St. Patrick importiertes Gefühl für das Lesen und Schreiben beherbergte, wie es nach dem Untergang des römischen Imperiums bis zum Mittelalter nirgendwo sonst existierte, dieser Umstand erstaunt mich schon ein wenig. Zumal Cahill in Irland gleichermaßen den Hort der westlichen Zivilisation und den  Garanten ihres Überlebens zu erkennen glaubt, gewissermaßen im Alleingang gegen die hunnischen und germanischen Barbaren, die den Kontinent überrannten.
Wie auch immer, Irland, dieser dämonischen Insel, so reizend und so verrückt, ist alles zuzutrauen. Der Besuch in einem Dubliner Pub kann ein kleines Liedchen singen von der Vehemenz, mit der die Iren die Fahnen der Literatur und der Musik hochhalten. Und sollte zur Zivilisation  der gemeinschaftlich zelebrierte überbordende Konsum von Alkohol gehören, so sind sie die trinkfesteste Ausprägung zivilisatorischen Verhaltens.

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Colm Tóibín – Nora Webster

Nora WebsterEs gibt Sätze, die sich der Welt enthalten, weil sie selbst eine Welt sind. Niemand ist verantwortlich für die ganze Welt, aber jeder dafür, wie seine Welt genesen kann, wenn sie in Trümmern liegt, verantwortlich ist dafür, dass sie Neues bereithält. So dass aus der genauen Betrachtung der individuellen Welt ein Verständnis entstehen kann für die Welt der irischen Provinz an der Südostküste, für die dortigen Kleinstädte wie Enniscorthy und  weiter  für die geschlagenen Wunden des irischen Unabhängigkeitskrieges. So entsteht auch Verständnis für den Katholizismus und den politischen Konservatismus und zuletzt, mit deren Übertretung, sogar ein Verständnis für die  ungeschriebenen Konventionen, nach denen eine Witwe in ihren Vierzigern sich zu verhalten hat. Es handelt sich dabei immer auch um ein überschreitendes Verständnis im moralischen Sinne, da es der Welt um Nora Webster anzudeuten vermag,  wie wiederum ein Verständnis ihr gegenüber  aussehen könnte.

„Jetzt suchte er sie wieder heim, sein Tod. Sie dachte an die, die da gewesen waren – Jim und Margaret, Schwester Thomas, die besondere Gebete gesprochen hatte, und der alte Pater Quaid. Die letzten zwei Tage lang war Nora nicht von seinem Bett gewichen. Aber er war schon weit von ihnen abgerückt gewesen, so weit, dass sie wie bloße Schatten gewesen sein mochten, für ihn schon Abhandengekommene. Vielleicht konnte er sie sich alle nur als unbestimmte Wesenheiten denken, die, die er geliebt hatte, doch Liebe zählte damals kaum, so wie der Nebel hier und jetzt bedeutete, dass die Trennlinie zwischen den Dingen kaum noch zählte.“

Wir lernen etwas über Trauer. Trauer, auf die sich fremde Blicke zu richten versuchen in einer Mischung aus wirklicher Sorge, Fluchtreflex, heuchlerischer Anteilnahme und  unverhohlenem Erstaunen über die konventionsresistente Kratzbürstigkeit der Romanheldin. In diesem Mischungsverhältnis treten diese Blicke immer auf und sie sind  graduell verschieden nur in ihren Ausgeprägtheiten, ihren Ungleichzeitigkeiten und den  emotionalen Näheverhältnissen zum obskuren Trauerobjekt ihrer Begierde. Aber wir sehen, dass Noras Trauer so tief in ihr verschlossen ist, dass sie kein reflektierender Spiegel sein kann für die Welt jenseits von ihr. Dass dorthin, wo die  Trauer Nora in ein Schweigen eingehüllt hat, das Verständnis der Anderen nicht folgen kann.

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Für Nora ist die Trauer identisch mit dem Stillstand aller Dinge.  Ihre Trauer ist identisch mit dem Ende allen Sehnens. Wenn es ein Sehnen gäbe, das sich lohnte, dann ist es die Sehnsucht nach einer Welt, die gekennzeichnet wäre durch Noras Herausgehobenheit aus dem familiären Gefüge und durch ihre Flucht vor den Zumutungen der kleinstädtischen Gesellschaft. Gekennzeichnet auch durch ihre Abwesenheit in einem Refugium  fortdauernder Stille und Ruhe. Ihre Trauer ist die instinktive Bindung an ein Nichts, weil nur die Vorstellung eines Nichts die Dimension ihres Verlusts auszudrücken in der Lage ist.

Die Fähigkeit zur Trauer ist der Gradmesser der Einzigartigkeit eines Menschen. Wir lernen, dass Trauer eine unverwechselbare  Stimme hat, die niemand hören kann. Wenn Trauer glückt, ist sie der Beginn eines emanzipatorischen Weges aus ihr selbst hinaus. Sie kann den Weg weisen zu einem von Konventionen unverstellten Blick auf das je eigene Dasein. Vielleicht müssen wir erst an ihr verzweifeln,  um den Zweifel an das mögliche Gelingen unseres Lebens abzulegen. Wie Phoenix entsteigt Nora Webster aus der Asche ihrer Trauer, jedoch ohne dessen flammend rote Pracht.  Stattdessen trägt sie ihr Haar mit neuem modischen Schnitt und lässt es sich rot färben. Ein Sakrileg in den Augen der Anderen, aber Teil der kleinen, behutsamen Schritte hin  zur  rigorosen Selbstbestimmtheit.

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„Aber bestimmt würde jemand, den sie kannte, sie sehen und ihr sein Mitgefühl aussprechen wollen. Die Worte waren leicht gesagt: „Es tut mir leid“ oder „Es tut mir leid für Sie“ oder „für dich“. Sie sagten alle das Gleiche, aber für die Entgegnung gab es keine feststehende Formel. „Ich weiß“ oder „Danke“ klangen kalt, fast hohl. Und dann standen sie da und sahen sie an, bis sie es nicht mehr erwarten konnte, von ihnen wegzukommen. Es hatte etwas Hungriges, wie sie ihre Hand hielten oder ihr in die Augen sahen.“

Es gibt Sätze, die kommen  mit einer welterklärerischen Attitüde daher,  nach der sich alles Erzählte zu fügen hat. Literarische Form und Inhalt sind insofern die Funktionen der autoritativen Gesinnung des Erzählers/Autors.  Und dann gibt es Sätze wie in Nora Webster, die sich einer geistigen Durchdringung der größeren  Welt  verweigern  und stattdessen eine Welt individueller Befindlichkeiten entstehen lassen, die gleichsam  in statu nascendi vor unsere Augen gestellt wird, und die das ganze emotionale und gedankliche Universum einer Person repräsentiert. Aktuelle Geschehnisse von Rang dienen dabei nur als akzidentielle  Kulisse des Erzählten. Jeder Satz muss zeigen, dass die Gründe seiner Existenz nicht der Neigung zur Welterklärung entspringen, sondern einer Poetologie des Zeigens, Aufweisens und Beschreibens. Jeder  Satz ist eine Prämisse, die sich aus den Sätzen davor und danach erklären lässt. Die Summe aller Prämissen  lassen gleichsam auf dem Weg einer Induktion ein Allgemeines aufscheinen. Eine pointillistische Stickerei, an deren Ende eine Existenz in all ihren Facetten aufleuchtet.
Diese Sätze SIND Nora,  sie entstammen ihrer Erzählstimme, die in indirekter Rede zu uns spricht und deren eingeschränkte erzählerische Perspektive auf das Außen das Spannungsverhältnis zur inneren Erfahrungswelt der Protagonistin am Brodeln hält.  Diese Sätze sind einfach und konzis und  je weniger sie dramatische Begebenheiten wiedergeben, desto heftiger treffen sie uns ins Herz.

Powerscourt Estate and Gardens

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Powerscourt Estate liegt in unmittelbarer Nähe zur Ortschaft Enniskerry im County Wicklow. Es war ursprünglich eine wichtige strategische Festung der Anglo-Normannen, die im 12. Jahrhundert nach Irland kamen. Dort, wo Powerscourt Estate and Gardens sich heute ausbreiten, befand sich im 13. Jahrhundert ein mittelalterliches Schloß, bewohnt von einer Familie Le Poer, von der Powerscourt seinen Namen erhielt. In den nachfolgenden Jahrhunderten war Powersourt Zankapfel mächtiger irischer Sippen, die um das Schloss und die dazugehörigen Ländereien kämpften.

1602 gelangten Powerscourt und die 16.000 Hektar großen Ländereien in den Besitz von Richard Wingfield. Ihm wurden sie durch Königin Elisabeth I. als Belohnung für seine militärischen Verdienste übereignet. Die Legende besagt, dass sich Richard Wingfield nach einer gewonnenen Schlacht lediglich den Schal, den Elisabeth I um ihre Schultern trug, als Siegeslohn erbat. Die Königin ihrerseits legte ihm den Schal über seine  Schultern, ließ ihn zum Ritter schlagen und ernannte ihn darüber hinaus zum Marshal of Ireland. Seine Nachkommen blieben für weitere 350 Jahre im Besitz von Powerscourt.

 

Der deutsche Architekt Richard Cassels erbaute in den Jahren 1731 – 1741 das Herrenhaus Powerscourt, welches die bis ins Mittelalter zurückreichende Schloßburg ersetzte. Nach langjährigen Renovierungsarbeiten brannte das Haus 1974 bis auf die Grundmauern nieder. Ausgerechnet anlässlich des Empfangs, mit dem die abgeschlossenen Arbeiten gewürdigt werden sollten.

Erst 1997 war der Glanz des Herrenhauses wieder hergestellt. Powerscourt House entstieg erneuert wie der Vogel Phoenix  aus der eigenen Asche.  Die Instandsetzung des Hauses wurde mit EU-Geldern unterstützt. Der öffentliche Teil des Herrenhauses dient heute als Restaurant, Souvenirkaufhaus und Besucherzentrum. Das Herrenhaus wurde um die mittelalterliche Burg im Stile der klassischen italienisch-palladianischen Architektur entworfen und zeigt barocke Türme auf beiden Seiten des Daches. Mit den Worten eines architektonischen Historikers gibt dies dem Haus  die massive Würde einer großen italienischen Renaissance-Villa.

 

 

Auf der Südseite des riesigen Geländes erstrecken sich der italienische und der japanische Garten. Gestutzte Hecken, Blumenrabatte, riesige Blumenkübel und Teiche mit klassischen Statuen, darunter der Teich des Meeresgottes Triton, charakterisieren den italienischen Garten mit seiner strengen Symmetrie.
Auf der Westseite dieses Gartens gelangt man in die Walled Gardens, den früheren Blumen- und Küchengarten. Vergoldete Blätter verzieren die Gittertore Bamberg Gate und Chorus Gate, die in diesen Garten hineinführen und ihn abschließen.
Der japanische Garten, südseitig zum italienischen gelegen, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt. Seine Anlage verdeutlicht den Wandel im Geschmack der Gartenbaukunst und verschafft dem Terrain eine zusätzliche exotische Note, mit einem fließenden Übergang zum weitestgehend naturbelassenen Areal weiter östlich.

 

Glendalough – Ireland

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Glendalough, das Tal der zwei Seen. Eine von Eiszeitgletschern geformte Bergwelt, in deren Senke sich zwei Seen (Upper Lake, Lower Lake) hintereinander in westlicher Richtung der Wicklow Mountains erstrecken. Das Tal befindet sich etwa 40 km südlich von Dublin und wird von Buslinien angefahren. Einige davon fahren ausschließlich zu diesem Ziel, während andere Glendalough im Huckepack mit dem Besucherziel Powerscourt Estate  anfahren. Über die Powerscourt Estate and Gardens werde ich später in diesem Blog noch berichten.
Das Tal war schon in der Bronzezeit besiedelt. Die Siedler waren wohl Bergarbeiter und Schmelzer, fanden sich doch in den umliegenden Bergen Vorkommnisse von Quarz, Blei-, Silber- und Zinkerzen, die von ihnen ausgebeutet wurden. Der Ruhm des Tales und auch des Ortes Glendalough gründet sich auf die im Laufe von Jahrhunderten statthabende, gegenseitige Durchdringung von Mythos, Legende und Geschichte. Der Heilige Kevin war es, der sich im 6. Jh. als Einsiedler in das Tal zurückzog. Nach ihm folgten weitere Einsiedler, Schüler und Mönche. Es entstand eine Klosterstadt, deren Reste heute noch zu sehen sind. Um die Person des Heiligen Kevin ranken sich Dichtung und Wahrheit, Legenden und biografische Tatsachen.

Glendalough wuchs zur Klosterstadt heran. Immerhin wohnten damals fast 5000 Menschen dort und die Stadt machte Karriere als Bischofssitz. Mönchs- und Bauernleben hielten sich die Waage. Spirituelles und Profanes lebte in Eintracht. Die Landwirtschaft und das Kopieren und die Illustrierung heiliger Schriften waren die Professionen am Ort. Im 17.Jh verließen die letzten Mönche Glendalough. Bauern hielten die Erinnerung an die heilige Stätte aufrecht. Heute ist Glendalough Wallfahrtsort und Touristenmagnet in einem.

 

 

Am oberen Ende des Upper Lake zeugen noch heute das Gebäude einer Mine und Schlackenhalden vom Bergbau, der bis 1920 im Tal betrieben wurde. Mittelpunkt der Klosterstadt ist der weithin schaubare, im 19.Jh. sanierte und neu bedachte Rundturm. Der Turm diente gleichermaßen als Ausguck und Fluchtburg. Der Eingang in den Turm war nur durch eine Leiter zu erreichen. Weitere Gebäude sind die im 9.Jh. begonnene winzige Kathedrale und das sog. Priest’s House, eine Grabkapelle oder Schrein, das als ein Kandidat mehrerer vermuteter Ruhestätten des Heiligen Kevin gilt.

Zu den Wundergeschichten, die sich um den Heiligen Kevin ranken, gehört, dass er glühende Kohlen mit bloßen Händen anfassen konnte, ohne Schaden zu nehmen. Außerdem habe er in einem hohlen Baum gelebt, sich von Beeren und Kräutern ernährt und die Bäume des Waldes hätten in Ehrfurcht vor dem vorbeikommenden Heiligen ihre Wipfel gebeugt. Weithin bekannt ist auch die Legende von der Amsel, die ihre Eier in Kevins Hände gelegt hatte. Worauf dieser mit ausgestreckten Armen so lange verharrte, bis die Amseljungen ausgebrütet waren.
Die Geschichte der Prinzessin Kathleen jedoch wirft einen wenig schmeichelhaften Schatten auf das Leben des Einsiedlers. Kathleen hatte sich unsterblich in den Heiligen verliebt und verfolgte ihn, der nur den geistigen Genüssen zugetan war, auf Schritt und Tritt. Es wird überliefert, dass er vor den Nachstellungen der Prinzessin in eine Höhle floh. Als Kathleen Kevin in der Höhle aufspürte und ihn mit ihrer engelsgleichen Schönheit in fleischliche Versuchung brachte, warf er sie in den Upper Lake, wo sie ertrank.

Irische Reminiszenzen 1 – Die Liffey hat die Farbe von Tee ohne Milch

Tara Hall - Howth - Irland
Tara Hall – Howth

„… und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten
er soll doch nochmal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume
und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen daß er meine Brüste
fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.“
(Molly Bloom in „Ulysses“von James Joyce)

St Patricks Cathedral 01
St. Patrick’s Cathedral

Kormorane sitzen auf den Erhebungen des steinigen Strandes wie trauerbringende Paare.
Es wird Zeit für Memorabilien, dachte er. Die Zeiten halten sich nicht auf bei den Meereshängen von Howth.
Die Zeiten halten die Wasser nicht zurück bei Sandycove. Es wird Zeit. Blicke werden schwer und trüb,
wie hinter der Augenklappe von Séamus  Seoighe. Tritte klammern sich am wunden Rücken fest,
sie gehen gebeugt und ergeben und holen die Springfluten der Kindheit zurück.
Sollte er ruhen? Sollte er das? Das Innere der St. Patrick’s Kathedrale verströmte das Ambiente der Verwesung.
Und es war augenfällig, wie sehr doch einer ganzen Herde Menschenseelen der Tod
und die Erinnerung an das nicht mehr rückholbare Leben am abgeklemmten Herzen liegt.
Danach, als er am Strand niederkniete und ihre je verehrte Hand küsste, behauptete er
von der Erde, dass sie kein lieblicheres Land in ihren Armen hielt, oder ein schöneres Leben gelte,
als dieses, was es wert war gelebt zu werden. Der letzte Tag bot den Harnisch von Gedanken,
und die Jahre gehen hinaus mit dem Ausblick aufs flatternde Meer.

(© Achim Spengler)


Letzte Sätze 7 – John Banville – Die See

John Banville - Die SeeDer Himmel war dunstverhangen, kein Lüftchen bewegte das Wasser der See, an deren Ufer sich in einer langen Linie die kleinen Wellen lustlos brachen, um und um, wie ein Saum, den eine schläfrige Näherin wieder und wieder wendet. Es waren nur wenige Leute am Strand, und diese wenigen waren weit von mir entfernt, und irgendetwas in der dichten, reglosen Luft machte, dass es so schien, als kämen ihre Stimmen von noch weiter her. Ich stand bis zur Taille im Wasser, das vollkommen durchsichtig war, so dass ich unter mir ganz deutlich den gewellten Sand des Meeresbodens sehen konnte und kleine Muscheln und zerbrochene Krabenscheren und meine Füße, fahl und fremd, wie Präperate unter Glas. Und während ich dort stand, ging plötzlich, nein, nicht plötzlich, eher wie ein allmähliches Heranwallen, ging da ein Wogen durch die ganze See, und das war keine Welle, sondern ein sanft rollendes Ansteigen, das aus den Tiefen heraufzukommen schien, als hätte sich dort unten ein gewaltiges Etwas geregt, und ich wurde kurz hochgehoben und ein Stückchen näher zum Ufer hin getragen und abgesetzt und stand wieder auf meinen Füßen, als wäre nichts geschehen. Und es war wirklich nichts geschehen, ein bedeutungsschweres Nichts, nichts als einfach nur wieder einmal ein gleichgültiges Achselzucken der großen Welt.
Eine Krankenschwester kam heraus, um mich zu holen, und ich drehte mich um und folgte ihr ins Haus, und es war, als ginge ich in die See.

(John Banville – Die See – The Sea)