Welcome to my blog
Die folgenden Worte spricht der Engel Abdiel in John Miltons Paradise Lost vor dem Kampf der himmlischen Heerscharen gegen den abtrünnigen Satan und seine Verbündeten. Angewendet auf die aktuellen kriegerischen Konflikte besitzen sie hellsichtigen Charakter.
„Warum verschwindet nicht, wo Tugend schwand, auch Stärke, zeigt sich mindstens um so schwächer, je dreister sie als unbezwinglich prahlt? Wohlan denn, auf der Allmacht Hilfe bauend, will dessen Kraft ich prüfen, des Verstand sich irr und krank erwies. Gerecht nur scheint’s dass, wer im Kampf um Wahrheit obgesiegt, im Waffenkampfe gleichfalls Sieger sei; Unedel ist ein Streit und tierisch roh, wo der Vernunft Gewalt entgegensteht, vernünftig drum, dass ihn Vernunft gewinne.“
Die tragischen Momente des Jahres durch den getrübten Blick der Festtagfreude gesehen. Der erinnernde Jahresrückblick ist, ohne Schaden zu nehmen an einem Trauma, nur möglich in der Hoffnung, dass der Schrecken sich nicht wiederholen möge. Aber er wiederholte sich und es steht zu befürchten, dass die Sinnlosigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen die vergifteten Herzen nicht zur Einsicht bringen. Es gibt und wird sie immer geben, diese Singularitäten des Schreckens, die alles vernichten. Das Neue Jahr. Welch Euphemismus in dem Begriff des Neuen liegt, so jungfräulich, so erbarmensswürdig, das platonisch Gute, welches wieder auf Erden wandeln darf. Oder nie.
Was mir bleibt ist eine mürrische Gelassenheit. Die Verachtung, als die dominante menschliche Regung. Die Beckett’sche Haltung eines Stoizismus und einer Leidenschaftslosigkeit gegenüber der in vielen Situationen empfundenen Sinnlosigkeit menschlicher Existenz. Mein Eindruck, dass es nichts auszudrücken gibt. Keine Kraft, etwas auszudrücken und kein Verlangen, das Nichterklärbare oder das Erklärbare, die bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet ineinander übergehen, zu erklären.
In meinem Kopf herrscht das Chaos. Hilflosigkeit und Zuversicht prügeln aufeinander ein. Das Banner universal geltender moralischer Grundfesten liegt zerfetzt am Boden. Und die Verlockung, sich auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen, nimmt bisweilen überhand. Meine Hoffnung: dass die Geschichte darüber richten wird, wer auf der falschen Seite stand, ob beide, einer oder keiner. Bevor der Mensch zum Besteck des Räsonnement greift, lässt er seinen Instinkten und seiner psychischen Erregbarkeit erst einmal freien Lauf.
Hinter der Gewalt steht immer ein Kalkül. Dieses bedarf ausübender Organe. Diese sind leicht massenhaft zu züchten. Die Kalküle sind mir wesensfremd. Die Ermächtigung durch diese, auch hinsichtlich ihrer Grenzenlosigkeit, sind mir fremd. Es lässt sich feststellen, dass der Moment der Versuchung durch Grenzenlosigkeit einfach existiert. Die Frage „Warum“ ist schlichtweg müßig. (…) Wir wissen, dass starkes Legitimationsempfinden nicht nur die Erregbarkeit steigert, sondern auch die Grausamkeit (Jan Philipp Reemtsma).
Gibt es die Unfähigkeit zu trauern? Trauer sei die Verinnerlichung des Anderen, sagt Jaques Derrida. Wir wissen es, wir wünschen es, wir erinnern uns – vor dem Tod des Geliebten, dass das In-mir-sein, und das In-uns-sein von der Möglichkeit der Trauer aus konstituiert wird. Unsere Aufmerksamkeit für das Leiden anderer scheint jedoch nur so, als wäre sie natürlich wie ein Schluckreflex. Das Mitleid für alle Opfer scheint abgedankt zu haben.
Den Menschen ihren Schmerz und die Trauer und die Verzweiflung, den Zorn belassen, da diese Emotionen zum Weiterleben Antrieb sind? Der Zorn, der auf beiden Seiten vorherrscht und sich mit Rachsucht vermischt ist auf der Ebene der Instinkte genauso wenig aufzuhalten wie Neid, Geltungssucht, Angst oder Furcht.
Es ist oft so, dass der säkulare Heilsplan, den Emmanuel Levinas die Sorge für den Anderen nennt, nicht existiert. Diese Sorge siege über die Sorge für sich selbst. Und er nennt diesen Umstand Heiligkeit. Menschlichkeit bestünde darin, dass wir den Vorrang des Anderen anerkennen könnten und dass es die Sprache sei, die sich immer dem Anderen zuwendet und dass das eigene Denken sich immer um den Anderen sorgt. Unsere Zeit ist dabei, diese Überlegungen ad absurdum zu führen.
Den Anderen, den scheint es nicht zu geben. Was es gibt ist der Rückzug in den symbolischen Mutterbauch, in dem jedweder Schrecken abwesend ist. Andererseits die bis zur Unkenntlichkeit des Individuums hinausgeschleuderte Aggression, die im Anderen nur noch den haftbar zu machenden Sündenbock sieht. Der Glaube, ausschließlich in diesem sich als Person rückversichern zu können, ist die Lunte, an die das Streichholz aller Konflikte gelegt wird.
In der Quantenphysik gibt es den Begriff der Superposition. Er besagt, dass verschiedene Kräfte, die alle einzeln auf den gleichen Körper wirken, dasselbe bewirken, als würde lediglich ihre Summe auf den Körper wirken. In diesem Zustand befindet sich mein Denken. Was bleibt? Dass das milliardenhafte Denken sich in der Summe immer wieder zur Verteidigung der Menschenwürde, als der Menschheit Selbstzweck, bekennt.
Ich bedanke mich bei allen meinen Lesern und wünsche allen ein gutes und gesundes Jahr.
Entdecken Sie mehr von A Readmill of my mind
Melden Sie sich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.





das ist sehr ehrlich.
hab dank, lieber Achim!
herzliche grüße: pega
http://www.driftout.wordpress.com
herzliche grüße: pega
http://www.driftout.wordpress.com
Liebe Pega,
Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr. Hab Dank für deinen Kommentar.
Herzliche Grüße
Achim