Die Freiheit der Anderen


Der Tidenhub der Gefühle ist enorm. Jeder mache sich dazu ein eigenes Bild. Gefühle mäandern zwischen Furcht und Hoffnung, Krieg und Frieden, Liebe und Hass. Kann man noch zu sich selbst kommen oder fühlt man sich wie Schilf im Wind? Ist uns der Boden des Wohlstands entzogen, auf dem wir lustwandeln? Oder begreifen wir die schrecklichen Zeiten als Aufforderung abzurüsten in jedweder Hinsicht materiellen Überflusses? Frönen wir dem Gedanken des Teilens, legen wir die Fratze des Wettbewerbs ab und ersetzen wir sie durch das ungeschminkte Gesicht der Kooperation?

Vielleicht genügt ein Blick in die eigene Kindheit, in der das miteinander Teilen nur durch elterliche Autorität gelang. Auch dort herrschte das Problem der Knappheit und es handelte sich insofern bei meinem Nächsten um den Feind im Kampf um Pfründe. Der kleine und der große Mensch sind aufgrund dessen, was ein Freudianer als das Spiel des Unmöglichen, des Mangels und des elterlichen Gesetzes bezeichnen würde, notwendig vom Menschen getrennt. Und wenn man es auf die argumentative Spitze treiben würde, ließe sich sagen, dass es zwischen den Menschen kein mögliches Einverständnis, keine mögliche Verschmelzung im vollzogenen Akt des Teilens und der Teilhabe gibt.

Thomas Hobbes Diktum, dass der Mensch dem Anderen ein Wolf sei, ist bei Jean-Paul Sartre definiert als der Blick des Anderen auf mich, der mich zu seinem Objekt macht. Wir werden durch diese Objektivierung unserer selbst bewusst. Erfahren aber zugleich die Existenz des Anderen und zugleich den Abgrund, der zwischen uns und den anderen liegt. Der argwöhnische Blick der Anderen auf uns macht aus unserem präreflexiven ein reflexives Bewusstsein. In uns kommt Scham darüber auf, im Blick des Anderen zum Objekt gemacht worden zu sein. Darin liegt jedoch eine Bedrohung: Der Andere raubt mir einen Teil meiner Freiheit, und zwar durch dessen eigene Freiheit als betrachtendes und objektivierendes Subjekt. Hieraus entspringt nach Sartre der unauflösliche Konflikt zwischen den Individuen. Denn die Freiheit des Einen ist immer eine Beschneidung der Freiheit des Anderen, weswegen auch so etwas wie die Achtung der Freiheit des Anderen gar nicht existieren kann.

Es sieht also schlecht aus um unser friedliches Miteinander, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen und die Interessen der Anderen abzuwehren. Was im kleinen beginnt, wurde auf der Ebene des Zusammenlebens von Nationen und Großmächten immer schon fortgesetzt. Es geht um Interessenverfolgung in geostrategischem Maßstab. Es geht um Einflussphären, Rohstoffe, Energiequellen, Kapital, Know-Show, Arbeitskräfte. Der Kampf darum ist nichts anderes als der argwöhnische Sartre’sche Blick der einen Großmacht auf die andere. Darin gleichen sie sich, das ist ihr genetischer Code. Und es ist müßig darüber zu urteilen, welche Macht mit größeren vertretbaren Rechten welche Dinge tut. Es gibt kein Schiedsgericht, keine elterliche Autorität, die das entscheiden könnte.

Der Krieg war immer ein Mittel, den Gegner mit der Vorstellung der eigenen Freiheit zu überziehen. Es ist jetzt eine Zeit gekommen, zu erkennen, dass die Ultima Ratio dessen, was das Aufbürden der eigen Freiheitsvorstellung auf den Feind anbetrifft, der Einsatz atomarer Waffen ist. Und das ganz im Sartre‘schen Sinne: Frei ist das Individuum dann, wenn es nichtet. Welcome, brave new world.

Kategorien:Allgemein

2 Kommentare

  1. Lieber Achim,
    Sind wir Le Mont-Saint-Michel in der Normandie, jener Pilgerort oder eher der zerstörerische Tsunami nach einem gewaltigen Beben? Der eine gewaltige Tidenhub geschieht regelmäßig mit den Gezeiten über einen Höhenunterschied von 14 Metern, mit der Schnelligkeit und Kraft einer Büffelstampede in der Prärie und der andere ist eine Naturkatastrophe, die alles zerstört.

    Geschwisterliches Teilen machte in der Kindheit Spaß, solange es nicht von anderen verlangt wurde, sondern etwas Freies sein durfte, wie das auf den warmen Treppenstufen geschwisterlich oder freundschaftlich geteilte Tütchen Gummibärchen oder das Eis. Was steht dahinter? Ein Blick in die Kindheit verrät: der Wunsch, etwas Gutes oder Schönes mit wem zu teilen, den ich mag, von dem ich mir wünsche, dass er partizipiert…denn ein Genuss macht zu zweit erstens noch mehr Spaß als alleine und zweitens schafft das Teilen ein Band zwischen Menschen und stärkt die Fähigkeit zum gemeinschaftlichen Denken und dieses erwächst aus der Gewissheit, gemeinsam stärker sein zu können und sein zu wollen.

    Doch wie sieht die Wirklichkeit in der kleinsten hierarchischen Machtstruktur, der Familie denn aus? Und wie sieht sie aus in den größeren Strukturen unter dem Kollegen- dem Nachbar-, dem Freundes- und Bekanntenkreis?

    Der neu geborene Mensch begehrt was er sieht, es ist das erste was er tut: er begehrt. Im Idealfall lernt das Baby im Laufe der Jahre, dass es nicht alles bekommt, was es sieht und begehrt. Andere bringen es ihm bei, die ihm verweigern, was es will und die ihm im besten Fall Umsicht und Realitätsnähe in seinen Wünschen vermitteln. und was lernt das Kind spätestens im Kindergarten? Dass es sich nur in der Gesellschaft durchsetzen kann und gesehen wird, wenn es die Ellenbogen einsetzt. Und an dieser Stelle beginnt schon Krieg und endet die friedliche Bereitschaft abzugeben und zu teilen.

    Wir sind allein von dem Moment an, wenn die Nabelschnur durchtrennt wird, wir nicht mehr ein Körper, verbunden mit einem anderen Körper und am einsamsten sind wir immer den Augenblicken, wenn wir erkennen müssen, dass jeder und jede allein sind und dass uns die Abgründe unserer Einzigartigkeiten und Existenzen für immer trennen werden und dass wir allein geboren werden und auch allein sterben werden- selbst wenn eine Hand die unsere hält. Am Anfang und am Ende des Lebens reisen wir allein.

    Ich stehe vor der schwierigen Frage, wie ich einen Bogen schlagen könnte, von dem Ursprung des Teilens, dem egozentrischen Einzelkind hin zu einem Diktator, der nur noch in der Zerstörung ein Vorwärtskommen erkennen kann, der nur noch morden kann, um seine Interessen durchzusetzen und so wie er agiert, erschrecke auch ich zutiefst vor den Möglichkeiten, die dieser Wahnsinnige ausschöpfen könnte, weil ich ahne, dass es ihm egal wäre, so egal wie anderen Wahnsinnigen, die für ihre gierigen Träume bereit sind, ganze Völker auszulöschen. und fruchtbare Erde in verseuchte Erde zu verwandeln. So egal wie es dem Attentäter ist, der mit seinem Auto in die Menschenmenge rast um ein Zeichen zu setzen.

    Vielleicht ist es so und die Gier lauert in uns allen, der Wunsch nach mehr Macht, nach mehr Einfluss und Reichtum, diese Gier und der Wunsch zu nehmen, egal um welchen Preis, denn Freiheiten werden nicht gegeben, sie werden genommen. Nicht nur, wer brave new world von Huxley las, lernt das irgendwann, wenn er gut aufgepasst hat.

    Putin agiert wie ein Pate in mafiösen Strukturen. Und was ist Putins Soma…?
    Propaganda und Protztum?
    Mit welcher Droge versucht er wohl sein überwiegend armes und ausgebeutetes Volk so hörig, dösig und glücklich zu machen, dass es weiterhin still hält?

    Sehr nachdenkliche Grüße von Amélie

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    • Liebe Amelie,

      „Die Freiheit wird nicht gegeben, sondern genommen.“ Da stimme ich dir zu. Die Freiheit eines Einzelnen erfährt ihre Grenze durch die Freiheitsansprüche des Anderen. Ihr wird also etwas genommen. Dieser Umstand ist die Basis der Funktionstüchtigkeit eines sozialen Gefüges. Diese Freiheit erfährt also eine Einschränkung immer dann, wenn sie übergriffig wird. Eine im luftleeren Raum individuellen Selbstanspruchs existierende grenzenlose Freiheit kann es nicht geben. Die Voraussetzung für eine solche Existenz, wie sie ja von einigen postuliert wird, katapultiert sie auch schon hinaus in ein Ich-Universum, das sich von sozialer Verantwortung unbehelligt dünkt. Man sitzt im Elfenbeinturm der Selbstgenügsamkeit und übersieht, dass es sich dabei um ein Wolkenkuckucksheim handelt. Ein Leben nach den Kriterien unbedingter Selbstbestimmheit ist nicht möglich. Es ist eine Chimäre.
      Die sog. Weltmächte hatten und haben einen Hang zum Gigantismus. Da herrschten und herrschen Vorstellungen eines Gigantismus, eines moralischen Überlegenheitsgefühls und eines Sendungsbewusstseins als Auserkorene bei der Bestimmung der Geschicke und des Laufs von Geschichte. Auch hier sind Parallelen zu ziehen zwischen dem individuellen Verhalten und dem von Nationen. Vom egozentrischen EInzelkind bis hin zum Diktator, wie du es beschreibst. Wir sind zwar getrennt von der Nabelschnur zur Mutter. Aber in den Phasen der Entwicklung eines Kleinkindes hin zu einem gesellschaftlichen Wesen stellen wir fest, dass wir ohne das Sich-Einlassen auf soziokulturelle Sitten und Gebräuche nicht überlebensfähig wären.Putin würde ich einen Solitär nennen. Durch Rückkopplungseffekte mit seinem Volk verbunden, als der einsame, starke Interesenvertreter dieses Volkes. Wobei aktuell nicht auszumachen ist, ob dieses Volk indoktriniert, müde oder apathisch sich an den Restglauben der Grandiosität der russischen Nation klammert.

      Liebe Grüße

      Achim

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