„I only ever am a greedy thief,
full of hunger for words.
And as you and the world
at large can see, it didn’t end well.“

[Marie Sophie Hingst, in einer ihrer Mails
an den Reporter der Irish Times, Derek Scally]

 

Ihren Blog Read on my dear, read on habe ich geliebt. Ich liebte die Melancholie, die im poetischen Sound ihrer kleinen Geschichten vom kleinen irischen Dorf und dem Haus am Meer eingewoben war. Ich liebte die Personen, die darin vorkamen, die Tiere. Den Tierarzt oder die Frau des Krämers liebte ich besonders, das Kälbchen, die Katzen, den alten Hund. Ich liebte das kleine Haus und die vor dem inneren Auge aufleuchtende graue irische See.
Eine fast täglich frei Haus gelieferte Postille über Irland, von einer großartigen imaginativen Kraft getragen, aus deren biografischen Elementen als  Fundament, als narratives, kompositorisches Element Sophie keinen Hehl machte.

Mir war immer bewusst, dass sie von den Freiheitsgraden des Fiktionionalen starken Gebrauch machte. Das zumindest betrifft die Geschichten, die in Irland spielen. Dort verschob sie die Grenzen des Realen und des Faktischen immer mehr  in Richtung einer Poesie, die sich auf dem warmen Kissen der Phantasie, ja des Phantastischen bettete.

Wann genau geschah es, oder war es immer schon präsent,  dass irgendwann die Fiktion durch ihren  Anspruch auf Wahrheitsgeltung kontaminiert wurde? Hätte Sophie nicht  einfach nur Geschichten erzählen sollen, die von Fräulein Read On handeln, dieser Figur, die nicht in eins hätte fallen müssen mit ihr selbst? Das wiederum hätte wohl bedeutet, dass sie ihr Ende hätte sehen müssen, oder dass sie es sah, als etwas aus ihrer Sicht Unausweichlichem. Wie wünschte ich mir im Nachhinein dieser Tragödie, dass sie einfach nur fabuliert hätte, erfunden, erdichtet, ohne Konnex zu ihrer Person. Ich bin mir sicher, dass die Schönheit ihrer Sprache, der Sog der Sprachmelodie, der wahrhaft menschenfreundliche und sich sorgende Impetus ihres Denkens, ihr den gleichen Ertrag eingebracht hätten, eine große, begeisterte Leserschaft nämlich.

Wenn die Fiktion ins  Leben hinaustritt und sich die Kleider der Realität überzieht, dann darf man diesen Umstand Lüge und Täuschung nennen. Sich eine jüdische Abstammung zu eigen machen, die leibliche Mutter verleugnen, und Yad Vashem eine Liste erfundener Opfer der Shoah einzureichen, diese Dinge waren mir, als sie ruchbar wurden, unerträgliche Auswüchse einer alles Vorstellbare übersteigenden Geltungssucht und bittere Mißachtung unserer besonderen Sorgfaltspflicht im Umgang mit dem Holocaust, und zuguter Letzt Verrat an ihrer Identität. Oder, positiv gewendet, der Aufschrei einer verzweifelten, einsamen, vor  Liebe berstenden Seele? Was davon ist wahr, was davon ist nichtig?

Die Konsequenzen dieser Lüge waren für Sophie verheerend, für uns als ihre  Leser  bedeuteten sie eine Erschütterung des Vertrauens in die Literatin und die schiere Unmöglichkeit, diesen lieben Menschen, der  psychologischer Hilfe bedurfte wie Wasser gegen das Verdursten, aufzufangen und seine Schuld auf unseren Schultern zu verteilen. Eine Schuld, die sie sich selbst nicht mehr eingestehen konnte, befand sie sich doch längst in den Klauen der Sucht nach externer Bestätigung, die dafür sorgte, dass durch Fabulierkunst befeuerte Phantasmen die letzten Spuren der Authentizität im grellen Licht der Lügen tilgten. Der Hunger nach Worten hat sie am Ende sprachlos gemacht.

Eine Moral darin? Die gibt es nicht. Außer, dass wir uns immer bewußt sein sollten, dass bisweilen auch in unseren Anstrengungen, objektiv  als falsch sich entpuppende Erinnerungen vor uns selbst und anderen als Tatsachengebäude auszugeben, eine große fehlgeleitete Energie steckt. Wir beschönigen und glätten, lassen aus, ergänzen um attraktive, erfundene Details. Wir glauben es am Ende. Wir verteidigen die Unschärfen und Ungenauigkeiten, manchmal bis aufs Blut. Wir sind Blogger, wir tun so etwas, in welchem Umfang auch immer. Menschen tun so etwas. Das ist ein Umstand, den das Schreiben unausweichlich mit sich bringt. Wir sind nicht immer ganz bei uns. Wir verdrängen die Gefahren, die den Bemühungen nach Authentizität auflauern. Wir gieren nach Anerkennung. Wir wollen gelesen und  verstanden, und am Ende gar gesehen und erkannt werden.

So redete ich es mir ein. So legte ich es mir zurecht. Vom Vorschuß meiner Bewunderung, gar der Verliebtheit in den Ton und Duktus ihrer Sprache, die manchmal an Formen religiöser Erbauungstexte und kleiner Predigten erinnerten, von diesem Vorschuss sollte über das Ende hinaus etwas überdauern dürfen. Ich schuldete dem Fräulein Read On, diesem erzählenden Faszinosum, viel.  Ich schulde ihr immer noch. Immer noch so viel. Und ich frage mich, warum das so ist und warum ich ihr verzeihe. Die einzige Antwort, die ich dafür habe, ist: Sie hat mich berührt. Etwas Humanes, Sorgendes, Sensibles hat mich angefasst. Etwas Aufrichtiges schien durch das Dickicht der Lügen. Die leise Melancholie ihrer Sätze hat mich ins Herz getroffen.

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“
[aus: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein]

 

 

 

18 Antworten auf „Marie Sophie Hingst – Ein Nachruf

      1. Ich kannte sie nicht, habe aber viel in den letzten Tagen über sie gehört und gelesen.
        Deinen Beitrag habe ich sehr gern gelesen und musste ein paar Mal schlucken.
        Möge sie ihren Frieden finden!

        Lieben Gruß auch dir.

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  1. „Keine jüdische Familie. Keine Slum-Klinik in Indien. Keine Aufklärungsstunde. Nur ein gutes Herz, das zu früh aufhörte zu schlagen, weil es nicht mehr krank sein wollte.“

    (Text der Todesanzeige)

    Danke und

    Liebe Grüße,
    Amélie

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Achim,
    Ich las letzte Woche noch etwas von einer Bloggerin, die traurig ist. Ich las auch die Artikel aus Spiegel, Focus, Welt und so weiter. Immer wenn ich etwas dazu sagen will, schleimt sich Pathos an, ich trau mich gar nicht….
    Nur, dass ich an Geschichtenerzähler glaube. Wir brauchen sie nämlich für Visionen und ich glaube, sie war auch visionär, denn sie träumte von Frieden und Menschlichkeit. Ich kannte nicht einmal ihren blog…das beschämt mich grad. Erst als die Stimmen laut wurden, verfolgte ich ihre Geschichte bis zu diesem unglaublich traurigen Ende.
    Jetzt bin ich ihr Fan und versuche nachzuholen, etwas zu finden, das sie schrieb und dabei zu hoffen, dass mein mickriges Englisch ausreicht…
    Dieser Text aus der Todesanzeige wirkte auf mich so lebendig und warm wie ihr kluges und offenes Gesicht.

    Liebe Grüße,
    Amélie

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  3. Liebe Amélie,

    schau dir diesen Link an, dort findest du ihren ganzen Blog aus dem Wenarchiv. Ihr Blog selbst ist ja nicht mehr erreichbar.

    http://web.archive.org/web/20190409045618/http://readonmydear.com/

    Je öfter ich wieder darin lese, um so mehr erschüttert bin ich angesichts ihres Todes. Welche Verschwendung, welche Fehlgeleitetheit durch Krankheit.

    Noch ein Link:

    https://www.deutschlandfunk.de/der-fall-hingst-lea-rosh-attackiert-den-spiegel.2849.de.html?drn:news_id=1034923

    Das regt schon etwas zum Nachdenken an.

    Liebe Grüße

    Achim

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  4. Ich habe die Geschichte in der Irish Times, die du am anfang zitiert hast, gelessen. Sehr behrührend geschrieben. Ob sie noch am Leben wäre, hätte der Spiegel sich nicht in seinem Post Relotiuns Fuor eingemischt, bleibt da offen.

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    1. Ich möchte mich an den Spekulationen auch nicht weiter beteiligen. Der Fallm ist tagisch genug. Wenn hinter der Berichterstattung der Mensch verschwindet, dann sagt das manchmal mehr über denjenigen aus, der berichtet, nicht immer nur die noble Absicht.

      Gefällt 1 Person

  5. Ich kannte weder die Frau Hingst persönlich noch ihren Blog oder ihre Schreibarbeiten. Über das Schicksal, welches sie für sich wählte, erfuhr ich durch befreundete Blogs. Danach habe ich mich massvoll zu ihrem Fall informiert.

    Mir gefällt Ihr Nachruf, Herr Spengler, denn er hebt sich wohltuend von dem hysterisch geschwätzigen Gerede ab, gleich ob es betroffentriefend oder abwertend und anklagend daherkommt. Und das in unterschiedlichen Medien. Wer wollte in einem solchen Fall sich anmassen zu urteilen, zu beurteilen oder zu verurteilen?

    Der gewählte Ausweg dieser jungen Frau ist nicht der erste und wird auch nicht der letzte Fall sein, der in den Medien und der auch in der Blogwelt, zumindest kurzfristig, Wellen schlägt. Andere Ereignisse werden sich vielleicht schon in diesem Moment bereits anbahnen.

    Mein Fazit ist eher persönlicher Natur: Menschen, die zu tief in die virtuellen Welt abtauchen, werden diese virtuelle Welt früher oder später mit der Realität nicht nur verwechseln, sondern überdies Gefahrlaufen, auf die eine oder andere Weise in dieser virtuellen Welt unterzugehen.

    Mit schönen Grüssen, Herr Ärmel

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    1. Der Gefahr, die sie im letzten Abschnitt ihrer Replik benennen, sind wir alle mehr oder weniger unterworfen. Wie befreiend könnte es da sein, dass man sich darüber im Klaren ist und ganz bewußt die Fiktion mit ins Spiel bringt, bevor der Leser in einen Mahlstrom der Ununterscheidbarkeit zwischen Biographie und Erfindung untergeht.

      Vielen Dank für Ihre Äußerungen, lieber Herr Ärmelk.

      Viele Grüße

      Achim Spengler

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      1. Ich kann Ihre Argumentslinie, die sich auf den Leser richtet, gut nachvollziehen.
        Es setzt jedoch ein gewisses Mass an Selbsterkenntnis seitens der VerfasserInnen der publizierten Texte voraus. Und genau da scheint mir die Krux zu liegen.

        Ich habe als Leser wahrscheinlich den Vorteil, mich den meisten Texten – von den ganz wenigen, die ich konsumiere – eher literaturwissenschaftlich zu nähern. Erzählperspektive, literarisches oder erzähltes Ich, Fokalisierung etc. Da erkenne ich meist rasch, woher der Zug und wohin er weiterfahren wird.
        Oder anders gesagt: es ist wie beim Betrachten einer Fotografie. Meist wird nur das gesehen, was vor dem Objektiv geschehen ist. Es ist jedoch auch erlernbar, zu sehen, was zum Zeitpunkt der Aufnahme hinter dem Objektiv geschah. Also die Haltung und Einstellung des fotografierenden Menschen.

        Schöne Grüss, Herr Ärmel

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