W.G.Sebald – Austerlitz – Ein Prosabuch unbestimmter Art.


W.G.Sebald - Austerlitz

„Das Außer-der-Zeit-Sein, sagte Austerlitz, das für die zurückgebliebenen und vergessenen Gegenden im eigenen Land bis vor kurzem beinahe genauso wie für die unentdeckten überseeischen Kontinente dereinst gegolten habe, gelte nach wie vor, selbst in einer Zeitmetropole wie London. Die Toten seien ja auch außer der Zeit, die Sterbenden und die vielen bei sich zu Hause oder in den Spitälern liegenden Kranken, und nicht nur diese allein, genüge doch schon ein Quantum persönlichen Unglücks, um uns abzuschneiden von jeder Vergangenheit und jeder Zukunft.“

„Wir tun ja fast alle entscheidenenden Schritte in unserem Leben aus einer undeutlichen Bewegung heraus“.

„Jedesmal, sagte Austerlitz, wenn ich auf dem Rückweg ins East End in der Liverpool Street Station ausgestiegen bin, habe ich mich ein, zwei Stunden zumindest dort aufgehalten, saß mit anderen, am frühen Morgen schon müden Reisenden und Obdachlosen auf einer Bank oder stand irgendwo gegen ein Geländer gelehnt und spürte dabei dieses andauernde Ziehen in mir, eine Art Herzweh, das, wie ich zu ahnen begann, verursacht wurde von dem Sog der verflossenen Zeit“.

„Hier und da geschah es noch, daß sich ein Gedankengang in meinem Kopf abzeichnete in schöner Klarheit, doch wußte ich schon, indem dies geschah, daß ich außerstande war, ihn festzuhalten, denn sowie ich nur den Bleistift ergriff, schrumpften die unendlichen Möglichkeiten der Sprache, der ich mich früher doch getrost überlassen konnte, zu einem Sammelsurium der abgeschmacktesten Phrasen zusammen. Keine Wendung im Satz, die sich dann nicht als eine jämmerliche Krücke erwies, kein Wort, das nicht ausgehöhlt klang und verlogen. Und in dieser schandbaren Geistesverfassung saß ich stunden- und tagelang mit dem Gesicht gegen die Wand, zermarterte mir die Seele und lernte allmählich begreifen, wie furchtbar es ist, daß sogar die geringste Aufgabe oder Verrichtung, wie beispielsweise das Einräumen einer Schublade mit verschiedenen Dingen, unsere Kräfte übersteigen kann. Es war, als drängte eine seit langem in mir bereits fortwirkende Krankheit zum Ausbruch, als habe sich etwas Stumpfsinniges und Verbohrtes in mir festgesetzt, das nach und nach alles lahmlegen würde. Schon spürte ich hinter meiner Stirn die infame Dumpfheit, die dem Persönlichkeitsverfall voraufgeht, ahnte, daß ich in Wahrheit weder Gedächtnis noch Denkvermögen, noch eigentlich eine Existenz besaß, daß ich mein ganzes Leben hindurch mich immer nur ausgelöscht und von der Welt und mir selber abgekehrt hatte.“

„Diese Selbstzensur meines Denkens, das ständige Zurückweisen einer jeden in mir sich anbahnenden Erinnerung, erforderte indessen, so Austerlitz weiter, von Mal zu Mal größere Anstrengungen und führte zwangsläufig zuletzt zu der fast vollkommenen Lähmung meines Sprachvermögens, zur Vernichtung meiner sämtlichen Aufzeichnungen und Notizen, zu den endlosen Nachtwanderungen durch London und den immer öfter mich heimsuchenden Halluzinationen, bis auf den Punkt meines im Sommer 1992 erfolgten Zusammenbruchs.“

Eine schöne Rezension zu „Austerlitz“ gibt es hier zu lesen: http://caterinaseneva.wordpress.com/2011/12/05/geschichte-eines-geschichtslosen/

Alle Zitate aus W.G. Sebald:  „Austerlitz“, Fischer TB Verlag: Frankurt 2003, ISBN 3-596-14864-2

 

 

Kategorien:Allgemein, Belletristik, Literatur, W.G. SebaldSchlagwörter: ,

6 comments

  1. Lieber Achim, guten Abend,
    großes Lob! Siri, Selma und ich finden, dass du die Zitate äußerst geschickt ausgewählt hast, richtig toll.
    Ganz liebe Grüße von der sonnig warmen Küste Norfolks 🌞 🇬🇧 nach Freiburg
    Die munteren Buchfeen Siri und Selma und Klausbernd 👭🚶
    Wir wünschen dir eine angenehme Woche 🍀

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  2. Es gibt Dinge, die in Worten unausdrückbar sind!
    „Außer-der-Zeit-Sein“ ist eine bemerkenswerte Wort Kombination, die vieles, nicht nur das Zitierte beschreibt!

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  3. austerlitz, sehr schön!

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  4. Merci für die Verlinkung!

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  5. lieber Achim,

    Zitate, die mir an die Nieren gehen, der Schlüssel für all das was folgt, scheint mir in diesem Satz zu liegen: „genüge doch schon ein Quantum persönlichen Unglücks, um uns abzuschneiden von jeder Vergangenheit und jeder Zukunft“. Ich glaube, dass es viel Kraft und Aufmerksamkeit bedarf, auch in Zeiten von Unglück, weiterhin die Schönheit des Lebens zu sehen, noch wichtiger: sie zu spüren und damit verbunden in der Freude zu bleiben … Es ist nicht nur Kraft, die wir brauchen, um alt und älter zu werden, sondern eine Art Disziplin in den Uebungen, die uns in der Verbundenheit belassen, anstatt dass uns die Wege des Lebens und deren Schläge in die finsteren Abgründe ziehen … Etwas, dass mich immer wieder melancholisch/traurig werden lässt, wenn es wieder einmal Jemanden passiert- oder gar mir selbst, denn auch ich kenne ja die Höhen und die Tiefen, die bunten und die vernebelten Tage …

    danke dir für diesen Artikel
    herzliche Grüsse, nun wieder vom Berg
    Ulli

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