Notate 14 – Schwarze Schwäne

Vielleicht klingen die Melodien des Untergangs besonders melancholisch, weil sie mich gefangen halten wie Sirenen, ohne die gebundenen Augen jedoch oder gar die verstopften Ohren. Die Bewegung der Resignation, noch bevor die Anstrengungen angedacht worden sind, derer es bedarf etwas Kleines zu tun, wie, sagen wir, den Planeten zu retten. Es wird niemand mehr da sein, der in aufopferungsvoller Kameraderie das Schiff um die Klippen lenkt.  Das, so geschrieben, ist melancholisch. Mit mir ist kein Staat zu machen, keine Republik, kein weltweites Regime gegen den Verlust unserer Welt. Zu wenig getan. Vielleicht ist Melancholie ein Kleid, in dem ich mich gerne zeige, ein Erkennungsmerkmal der Traurigkeit, das Gewand des stoischen Nichtstuns. Diese von Schelling so bezeichnete allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern nur zur ewigen Freude der Überwindung dient.

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Am besten lässt sich von dem reden, von dem man nichts oder nur wenig weiß. Von Gerüchten, von Verschwörungen, von vermuteter Wirklichkeit. Wir betrachten nur das, was unser Wissen oder Halbwissen oder Nichtwissen bestätigt. Wir betrachten nur das, was sich vorhersehbar erweist, sich wiederholt, weil es unser Wissen bekräftigt. Wir reihen Anekdoten aneinander, weil sie zu einer Geschichte passen, weil sie unsere Geschichte sind. Wer nach Bestätigungen sucht, wird immer welche finden, um sich selbst zu täuschen. Zur Selbsttäuschung eignen sich Mitgliedschaften in Filterblasen und Peergroups besonders. Die Geschichte eines unvorhersehbaren Wissens, eines Sinne sprengenden Wissens, diese Geschichte wird von Katastrophen geschrieben, von Ereignissen, mit denen wir nicht gerechnet haben, von Schwarzen Schwänen, über die Nassim Nicholas Taleb in seinem lesenswerten Buch Der schwarze Schwan schreibt. Vielleicht waren die Vorkommnisse beim G20 Gipfel in Hamburg ein solcher Schwarzer Schwan,  den niemand auf der Rechnung hatte.

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Schwarze Galle

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Albrecht Dürer – Melancholie

Der Herbst naht.  Und mit ihm die Jahreszeit, in der die Funktionstüchtigkeiten meines Muskelkorsetts und meiner Sehnen erschlaffen. Meine Blicke sind nicht mehr viril. Sie richten sich nicht mehr nach außen, auf Sonne etwa, oder Licht oder den ganzen Abglanz der körperlichen Reizkultur. Der Abschied vom Sommer doppelt meine Myopie. Sie wird ergänzt durch willentliche Kurzsichtigkeit, durch Reiz – und Triebabwehr und durch das bewußte Verschatten der Lust, sich die Welt durch reges Tun und mutwilliges Locken untertan zu machen. Es naht die Nachtblindheit am hellichten Tag. Es naht die Melancholie.

Man wird nun einwenden wollen, dass hier die bloßen Kräfte der Evolution am Werk seien, dass das Diktat der Gene und der Hormone sein seelenloses Spielchen treibe. Jedoch handelt es sich hier nicht um das Überfließen schwarzer Galle in mein Blut. Insofern verweise ich die Viersäftelehre in das Reich  antiker hippokratischer Fabeln. Ich behaupte, dass die Melancholie als historisch komplexe medizinisch-psychologische Begrifflichkeit nicht weiß, in welcher Art Dienst sie bei mir steht. Und damit einher geht, dass ich sie mir als Begriff lediglich ausleihe, um mein eigenes Süppchen ihrer Fassbarkeit, nach eigenem individuellen Rezept, zu kochen. Sie dient mir als Vehikel der Behauptung, dass sie fleischgewordenes Gefühl ist, ex motis, also aus einer Bewegung oder Erregung heraus erwachsen.  Und sie hilft mir dabei, mich von der Gretchenfrage zu lösen, ob ich männlichen Geschlechtes BIN oder nur Zeitzeuge kultureller Zuweisungen meiner Geschlechterrrolle als MANN. Ich mache es mir hübsch einfach und konstatiere: Ich bin MELANCHOLIKER nach Maßgabe dessen, für was meine männlichen oder weiblichen Anteile die Melancholie halten.

Sigmund Freud hat folgendermaßen versucht, die Melancholie in seinem Kaleidoskop der Psyche zu verorten:  „Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tiefe schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung der Strafe steigert.“  Und an diesem Punkt ist es an der Zeit, die Melancholie aus ihrem freudschen Spinnennetz zu befreien, in dem sie sich hoffnungslos verheddert hat. Sie sozusagen mit diametralen Symbolgehalten aufzuladen und für mich nutzbar zu machen.

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Arnold Böcklin – Die Toteninsel

Denn einen Nutzen hat sie für mich allemal. Weder steht sie bei mir in inzestiöser Nähe zur Depression, noch unter dem Verdacht der Nähe zur Niedergeschlagenheit. Sie ist nicht der Bärenschlaf im Winter. Auch der Lebenslust erweist sie keinen Bärendienst.  Sie ist all das, wonach im Herbst meine Sinne und Gefühle lauthals rufen: Sie rufen sie herbei als Okular und Brennglas, unter deren zugeschärften Blicken sich die Innenwelt der Außenwelt, und vice versa, auftun als das zu befahrende Meer der vorletzten Geheimnisse meiner  bescheidenen Existenz. Mit jedem Schritt aus dem Allgemeinen dieser Existenz hinaus hilft sie mir dabei, kein Ding nur unter dem Aspekt der Ewigkeit zu begreifen. Stattdessen nimmt sie mich an die Hand, um in fortwährenden Gesprächen mit mir selbst und anderen mich auszutauschen über individuelle Vorstellungen und gesellschaftliche Ziele.  Sie hilft mir dabei,  „Wittgensteins Sprachspiele“ zu spielen, in denen „Alles“ einen Sinn hat, sofern er nur konsensuell ist.. Das alles ist weit entfernt von Freud’s schmerzlicher Verstimmtheit, dem Verlust der Liebesfähigkeit und weit entfernt von der Hemmung jeder Art von Leistungsfähigkeit.

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Robert Burton – Anatomy of Melancholy

Michel Foucault sagte einmal, dass jeder Mensch ein Leben führe,  in dem er seine Welt unausgesetzt interpretiert. Ich interpretiere die Melancholie als psychische Instanz, die aus meinen Emotionen Gefühle macht. Gefühle, die sich aus geistigen Bewertungsprozessen zusammensetzen. Gefühle, die mir die Freiheit geben, Vorstellungen auszulösen, die so komplex sind, dass sie weder von der Psychologie, noch von der Hirnforschung wissenschaftlich dingfest gemacht werden können. Die Melancholie ist nicht der Feind der Sozialkompetenz und auch nicht das Menetekel, das drohend über kreativen Schaffensprozessen hängt  und sie zum Versiegen bringt.  Sie wurde einfach nur falsch interpretiert. In dunklen Monaten richtet sich mein Blick nach innen. Von einer Aufhebung des Interesses an der Außenwelt kann dabei aber keine Rede sein. Vielmehr erfährt die Welt dort draußen in mir den notwendigen subjektiven Anstrich: Interpretation. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Im Konsens, wenn irgendmöglich, da man Pippi Langstrumpf Welten auch mal entwachsen muss.