Freiheit ?

Wir sollten innehalten und überlegen, wie beschaffen unsere Vorstellung von Freiheit wirklich ist, die wir in diesen Zeiten glauben verteidigen zu müssen. Wie beschaffen unsere Ideen von Gleichheit und Brüderlichkeit tatsächlich sind. Ob der Reflex der Fremdenangst sich nicht nur auf das unfassbare Außen richtet, sondern seine kalten, menschenverachtenden Tentakel schon  immer auf diejenigen gerichtet hat, die unsere Nachbarn sind. Nachbarn des gleichen Viertels, der gleichen Straße, des gleichen Hauses. Nachbarn der gleichen politischen Idee eines freien Europa.
Wenn Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit Träume waren, so sind wir schon lange daraus erwacht.  Von den Werten der sogenannten freien Welt zu träumen heißt, beim Erwachen in nicht nur diesen Tagen in die reale Fratze des Raubtierkapitalismus zu blicken. Und wir wissen, daß wir auf die erfindungsreichen Märchen unseres Verdrängungsapparates angewiesen sind, ohne den wir ganz und gar  an den Strategien der Verwertungsmaschinerien von Mensch und Material verzweifeln müssten. Freiheit, die ihren Namen verdient, oder Brüderlichkeit, entfalten sich vollständig erst in der Nähe zu einem Fremden. Oder sie scheitern kläglich, weil sie das Fremde nicht mitdenken, es zur disponiblen Masse von Abwehrhaltungen herabwürdigt.  Aber ohne die ausgehaltene Nähe zum Fremden sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nichts.
Der islamistische Terror, als dessen umtriebiger Co – Geburtshelfer der Westen sich jeden Tag aufs Neue bewährt, vielleicht ist dieser Terror nur der Zwilling des Terrors einer sinnbefreiten Leere, die in uns herrscht, da es uns an wahrer Liberté, Egalité und Fraternité systemisch gebricht. Betroffenheit und Erschütterung sind nicht das moralische Privileg des Westens. Noch sind es Trauer und Wut. Der Blutzoll der Muslime, die dem gleichen Terror zum Opfer fallen, ist dem Westen in den Gazetten des Mainstreams nur eine Fußnote wert und wiegt doch um so vieles mehr. Unsere Trauer ist wählerisch. Unser Zorn sektiererisch. Der Begriff der Freiheit ist ohne das Eingeständnis eigener Schuld und der Demonstration von Scham nichts wert. Nothing comes from nothing.

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IS – Islamischer Staat

Aufgewacht, heute Morgen, im Traum gebadet wie in Ratatouille ersoffen. Wir sind die, die wir beschützen und die, die wir bekämpfen. Das ist der Nachklang jener Nacht. Nur, gleiches sagen jene auch von sich selbst und sehen in uns das absolute Böse, das es in Blut zu ertränken gilt. Man könnte mit Slavoy Zizek sagen,  dass der Westen gut daran täte,  die Ursachen für den Wahnsinn, der sich im Zweistromland abspielt, nicht zu überfrachten mit erkenntnistheoretischem oder psychologischem Gelabere als die Vehikel einer Ursachenforschung. Dieses Schlachten ist kein Stoff, sich darüber epistemologisch auszutoben, weil es die ontologische Komponente dieser Raserei unterschlägt und unsere westlichen Vernunftbegriffe, säkular unterfüttert oder durch joviale christliche Tugendlehre unterminiert, vor den Köpfen dieser Geißel notgedrungen zum Halten kommen müssen.

Die Barbarei entzieht sich unseren erklärenden sprachlichen Mitteln, während hingegen jene auf der bildsprachlichen Klaviatur des Zynismus spielen, bis es jeder hier versteht. Und natürlich ist der Zynismus selbstidentisch mit dem kalkulierten Wahnsinn, den sie in ihren Köpfen entfachen. Bloß, der Begriff  Wahnsinn ist lediglich eine westliche Kategorie des Verständnisses eines Unverständlichen. Für jene ist er der realitere Ausdruck der Nähe zum Göttlichen, die sie im Furor eines Alleinstellungsmerkmals für sich reklamieren. Das Antigöttliche ist der diesseitige Feind, mithin der Mensch. Ihre „Entmenschlichung“  ist insofern in ihren Augen überlebensnotwendig und die Antwort auf die Frage ihres Auserkorenseins, da sie sich ansonsten selbst zum Kreuzgang führen müssten. Was wir als Aberwitz und Wahnsinn begreifen, ist für die Schlächter nichts weiter als der psychedelische Aufbruch über die letzte Hürde einer Angst und die Selbstfindung in der puren Selbstverständlichkeit eines rechtgetanen Grauens. Es ist das Aufgehen der Egomanie in der egomanischen Masse. Wir schauen in das Herz der Finsternis und sehen sein diabolisches Grinsen, das aus den Inszenierungen seiner Unberührbarkeit und Unerschütterlichkeit zu uns hinüberbleckt.

Es ist dies die Spiritualisierung des Politischen, so würde es Foucault wohl formulieren. Oder die Ästhetisierung des Bösen, so würden es vielleicht verquere Künstler nennen. Wobei die IS Schergen an dieser Zuschreibung durchaus perversen Gefallen finden. Aus dem Buch „Die Ästhetik des Bösen“ des Literaturwissenschaftlers Peter-André Alt stammt folgendes Zitat: „Die Dynamik des Überwältigenden, die Vorstellung einer dunklen Bedrohung und nicht beherrschbaren Gegenmacht, den Effekt der Ordnungsstörung und das dramaturgische Muster des Kampfs, das eine Konfrontation der Leidenschaften mit den Abwehrkräften der Ratio abbildet.“ Der Westen diskutiert, mehr oder minder vernünftig, mehr oder minder leidenschaftlich, ob man dem IS-Mentekel mit massiver Waffengewalt beizukommen habe. Ob mit der demokratisiert-gestimmten Ratio dem ontologischen Bösen beizukommen ist, das zu prüfen überlässt man im Augenblick den Kurden. Wobei ich persönlich nicht zu entscheiden weiß, ob nicht doch irrationale Wut den Blick ins dunkle Herz erhellen kann. Und die „Erhellung“ dann nichts weiter ist als das zynische Gewand, in dem die Ausmerzung daherkommt.