Syrien – Reloaded

Den folgenden Beitrag schrieb ich  im Oktober 2012. Interessant ist es zu sehen, wie die Lage sich in den letzten zwei Jahren in diesem Krisengebiet bis heute entwickelte. Auch meine Haltung dazu hat sich geändert, mindestens in Teilen.

„Der Menschenrechtler ist, wie der Missionar, in Wirklichkeit oft ein unverbesserlicher Feind der Menschen, als deren Freund er sich ausgibt, weil er weder genügend Phantasie hat, um sich in ihre wahren Bedürfnisse hineinzudenken, noch genügend Demut, um ihre Bedürfnisse zu achten, als wären es seine eigenen. So kommen dann Arroganz, Fanatismus, Zudringlichkeit und Imperialismus in der Maske der Menschenliebe daher.“ (George Santayana)

Syrien im Bürgerkrieg. Der Diktator schlachtet die Unbotmäßigen seines Volkes. Und es könnte sein Kalkül sein, die Türkei samt Natobündnisstaaten in den Konflikt zu verwickeln.
Andere Stimmen vermuten  jedoch die Provokation der Türkei durch syrische Rebellen selbst. Was so schizophren nicht ist, wenn es den Aufständischen damit gelänge, die NATO  am Konflikt zu beteiligen. Vorausgesetzt, sie könnten die Übergriffe auf türkisches Gebiet erfolgreich als die des Regimes ausgeben. Auch ist vorstellbar, dass das Baath-Regime mit dem Beschuß türkischen Gebiets die Nagelprobe auf die loyale Unterstützung durch Russland, China und den Iran machen möchte. Je ausufernder der Konflikt und je näher ein Flächenbrand rückt, desto vorstellbarer sind die Überlebenschancen des Regimes. Es setzt  voraus, dass die Nato nach realpolitischen Grundsätzen handelt und sich nicht in ein desaströses Abenteuer hineinziehen lassen wird. Und dass die USA nach ihrem Debakel im Irak lernfähiger und demütiger geworden sind.
Das Regime zündelt am Pulverfass und spekuliert mit der militärischen Enthaltsamkeit des Westens. Ihm kommt entgegen, dass auf der Seite des Westens vitale ökonomische Interessen keine Rolle spielen. Insofern kein vernünftiger Anlass besteht, sich in einen innerstaatlichen und religiösen Konflikt zu stürzen. Darüber hinaus besteht kein geostrategischer Grund, einen Diktator zu stürzen, der einen Anteil daran hat,  dass der Nahe Osten von symmetrischen Konflikten verschont blieb.
Ich betrachte sämtliche Ausgänge dieses Konfliktes und die damit zusammenhängenden Rollen der verwickelten Parteien als pervers, gleich, ob deren Rollen sichtbar sind oder sich in Akten der Geheimdiplomatie austoben. Ich will dazu keine parteiische Haltung haben, weil alles Rationale, was es  dazu abzusondern gäbe,  sich an der Irrationalität und Borniertheit des religiösen Fundamentalismus einerseits und des manichäischen Kampfes gegen die Achsen des Bösen andererseits, eine blutige Nase holt.
Diese Borniertheiten existieren hüben und drüben. Sie gründen auf machtpolitischen Motiven und sind erlösungsgetriebener Natur. Sie kommen mit dem Impetus von Bewegungen daher, die sich zur Entscheidungsschlacht apokalyptischen Ausmaßes aufmachen. Und es wird sich zeigen, dass der Versuch der Zerschlagung des säkularen Despotismus mit dem Blutzoll anarchischer Theokratie zu bezahlen  sein wird. Der extreme Flügel der sunnitischen Rebellen wird bei einer  Machtübernahme kein Pardon gelten lassen. Der Hass  auf Schiiten und Alawiten, Christen, Kurden und Drusen wird überfließen. Jene Gruppen lebten unter dem Schutz des säkularen Regimes. Die als Häretiker geltenden Alawiten wird die Unterstützung Assads teuer zu stehen kommen.
Mit  „hüben“ ist die westzivilisatorisch – demokratische Verfasstheit gemeint, die sich moralisch überlegen dünkt. Dabei ist der  „Kapitalismus mit unmenschlichem Antlitz“ gleich mitgemeint. Wir vergessen gerne, dass jener sich im globalen Wettkampf um ökonomische Ressourcen befindet  und in einem Kreuzzug gegen all jene Bilder, die sich andere von dem „Einen Gott“ machen. Und diese Motive sind durch den sich selbst auferlegten Auftrag verschleiert, die beste aller möglichen Staats- und Regierungsformen zu erwirken: Demokratie.
Mit dem „drüben“ meinen wir  all die wirtschaftlich und  moralisch, religiös und politisch rückständigen Nationen, denen man gefälligst „Mores“ in Sachen Freiheit und Wohlstand beizubringen hat.  Dies ist die Grundhaltung, die das expansionistische Bestreben und das imperialistische Spiel der liberalen Westdemokratien unterfüttert. Sich die Hegemonie im Nahen Osten zu sichern, mit einer neuen Form des Imperialismus, der sich perfide auf Menschenrechtsprinzipien beruft.
Der kurzsichtige Blick des Westens auf den Islam erhellt die angebliche Beweislage für dessen Rückständigkeit in jederlei Bezug. Es seien dies die  innerreligiösen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten in der Gesamtschaft der islamischen Welt. Es seien dies die kreuzreaktionären Diktaturen à la Saudi-Arabien, es sei dies die Scharia und die erniedrigte Stellung der Frauen. Es sei der Dschihad in seiner extremsten  Ausprägung in Gestalt der Al Qaida. Es sei Mohammed, der „unserem“ Jesus nicht das Wasser reichen kann. Den man blasphemieren darf, als wäre es ein Schaustück aus der säkularisierten, spaßigen Ecke der Unterhaltungskultur. Es sei dies der Koran, der das Töten des Ungläubigen propagiert, wo immer er anzutreffen ist. Es seien dies die Facetten von Nationen, Menschen und Regierungsformen, die wir nicht begreifen können und begreifen wollen. Denn, wie kann es der Islam zu Wohlstand bringen, wenn seine Anhänger fünfmal am Tag gen Mekka knien und beten? Dieses Argument ist angelehnt  an die Klimatheorie der Armut, erhoben aus der Perspektive aufklärerisch sich gerierender westlicher Arroganz. Diese Denkungsart ist der Ausläufer jener neokonservativen Doktrin, die sich in den Jahren der Bush Ägide zur Ideologie einer universal herrschenden Demokratie nach US-amerikanischem Vorbild verstieg. Eine Ideologie, die liberal daherkam, hehre Ziele vorgab und als Heilmittel im Kampf gegen das Böse zu gelten hatte.  Sie war Auswuchs von millenarischen Überzeugungen und sie galt bei ihren Kritikern als das „Symptom einer kognitiven Dissonanz, bei der die normale Anbindung der Wahrnehmung an die Realität zusammengebrochen ist.“ (John Gray)
Die im Westen vorherrschende Mär von der motivlos rasenden islamistischen Paranoia , das Märchen von den unbegründeten „psychopathischen“ Übergriffen auf die moralische Wohlanständigkeit des Westens muss ein Ende finden. Aufhören muss auch die Wahrnehmung eines Hasses, der sich grundlos auf alles richtet, was westlich ist. Denn grundlos, sinn- und haltlos ist davon nichts. Weil die unterstellte Irrationalität des islamischen Aufbegehrens auf der Hybris des westlichen Überlegenheitswahns fußt, in politischen, militärischen und ökonomischen Dimensionen gedacht.
Auch wenn man sich von quasi-religiösen Heilserwartungen als subkutane Bestandteile westlicher Politik mittelfristig verabschiedet, werden im Nahen – und Mittleren Osten die erlittenen Demütigungen überdauern.
Nimmt man den Amerikanern ihre Bigotterie, so nimmt man ihnen damit nicht den industriell – militärischen Komplex als mächtigste säkulare Waffe schlechthin. Wenn man mit „we shall overcome“ als Handlungsmaxime die islamische Religion verlacht, verhöhnt, sabotiert und reduziert, darf man sich nicht wundern, wenn aus Demütigung und Identitätsverlusten Hass entsteht und die Rattenfänger des Extremismus Hochkonjunktur haben.
Freiheitliche Gesellschaften ertragen es offenbar nicht, wenn ihre Freiheit als nicht heilsbringend qualifiziert wird. Die Regierung Obama muss jetzt erhebliche moralische Anstrengungen unternehmen und sich von der Hoffnung nach Weltverbesserung verabschieden. Der durch religiöse Erlösungsstrategien unterfütterte missionarische Eifer des modernen Imperialismus wird sich weiter zurückziehen müssen als nur aus dem Irak und Afghanistan. Er hat zu konstatieren, dass die Völker und Staaten selbst über ihr Wohl und Wehe entscheiden werden.
Lassen wir die Geschichte wirken. Was sie bewirkt und wohin sie führt? Zur Entschleierung der Frauen und zu ihren Wahlrechten? Zu der Tatsache, dass sie Auto fahren und demonstrieren dürfen? Dass sie sich nach Mekka aufmachen dürfen? Das mag alles sein, wäre aber eine wünschenswerte Folge von Entscheidungen dieser Staaten selbst. Und kein westliches Wunschkonzert.
Zurzeit stehen weitere Abenteuer des amerikanischen Imperialismus auf dem Prüfstand seiner Finanzierbarkeit. China wird die defizitäre Haushaltslage der Vereinigten Staaten nicht weiterhin durch den Kauf amerikanischer Schuldverschreibungen stützen, sollten diese sich zu einem invasiven Eingriff in den Syrienkonflikt entscheiden. John Gray: „Die Abhängigkeit von China verträgt sich nur schlecht damit, dass Amerika weltweit als Hüter liberaler Werte daherkommt.“

 

 

 

 

 

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IS – Islamischer Staat

Aufgewacht, heute Morgen, im Traum gebadet wie in Ratatouille ersoffen. Wir sind die, die wir beschützen und die, die wir bekämpfen. Das ist der Nachklang jener Nacht. Nur, gleiches sagen jene auch von sich selbst und sehen in uns das absolute Böse, das es in Blut zu ertränken gilt. Man könnte mit Slavoy Zizek sagen,  dass der Westen gut daran täte,  die Ursachen für den Wahnsinn, der sich im Zweistromland abspielt, nicht zu überfrachten mit erkenntnistheoretischem oder psychologischem Gelabere als die Vehikel einer Ursachenforschung. Dieses Schlachten ist kein Stoff, sich darüber epistemologisch auszutoben, weil es die ontologische Komponente dieser Raserei unterschlägt und unsere westlichen Vernunftbegriffe, säkular unterfüttert oder durch joviale christliche Tugendlehre unterminiert, vor den Köpfen dieser Geißel notgedrungen zum Halten kommen müssen.

Die Barbarei entzieht sich unseren erklärenden sprachlichen Mitteln, während hingegen jene auf der bildsprachlichen Klaviatur des Zynismus spielen, bis es jeder hier versteht. Und natürlich ist der Zynismus selbstidentisch mit dem kalkulierten Wahnsinn, den sie in ihren Köpfen entfachen. Bloß, der Begriff  Wahnsinn ist lediglich eine westliche Kategorie des Verständnisses eines Unverständlichen. Für jene ist er der realitere Ausdruck der Nähe zum Göttlichen, die sie im Furor eines Alleinstellungsmerkmals für sich reklamieren. Das Antigöttliche ist der diesseitige Feind, mithin der Mensch. Ihre „Entmenschlichung“  ist insofern in ihren Augen überlebensnotwendig und die Antwort auf die Frage ihres Auserkorenseins, da sie sich ansonsten selbst zum Kreuzgang führen müssten. Was wir als Aberwitz und Wahnsinn begreifen, ist für die Schlächter nichts weiter als der psychedelische Aufbruch über die letzte Hürde einer Angst und die Selbstfindung in der puren Selbstverständlichkeit eines rechtgetanen Grauens. Es ist das Aufgehen der Egomanie in der egomanischen Masse. Wir schauen in das Herz der Finsternis und sehen sein diabolisches Grinsen, das aus den Inszenierungen seiner Unberührbarkeit und Unerschütterlichkeit zu uns hinüberbleckt.

Es ist dies die Spiritualisierung des Politischen, so würde es Foucault wohl formulieren. Oder die Ästhetisierung des Bösen, so würden es vielleicht verquere Künstler nennen. Wobei die IS Schergen an dieser Zuschreibung durchaus perversen Gefallen finden. Aus dem Buch „Die Ästhetik des Bösen“ des Literaturwissenschaftlers Peter-André Alt stammt folgendes Zitat: „Die Dynamik des Überwältigenden, die Vorstellung einer dunklen Bedrohung und nicht beherrschbaren Gegenmacht, den Effekt der Ordnungsstörung und das dramaturgische Muster des Kampfs, das eine Konfrontation der Leidenschaften mit den Abwehrkräften der Ratio abbildet.“ Der Westen diskutiert, mehr oder minder vernünftig, mehr oder minder leidenschaftlich, ob man dem IS-Mentekel mit massiver Waffengewalt beizukommen habe. Ob mit der demokratisiert-gestimmten Ratio dem ontologischen Bösen beizukommen ist, das zu prüfen überlässt man im Augenblick den Kurden. Wobei ich persönlich nicht zu entscheiden weiß, ob nicht doch irrationale Wut den Blick ins dunkle Herz erhellen kann. Und die „Erhellung“ dann nichts weiter ist als das zynische Gewand, in dem die Ausmerzung daherkommt.

Wut

Wer jetzt noch schlafen kann, dem sollte wenigstens davon träumen, dass Vernunft und Menschlichkeit und Menschenrecht hingeschlachtet werden wie ein Stück Vieh, dessen Gewährung eines menschliches Antlitzes nicht zur genozidalen Nomenklatura eines viehisch religiösen Hasses passt.
Aber wer bin ich, westlich orientierter Humanist, aus dessen politisch lahmen Arsch kein Furz entweichen kann, der einen Einfluss auf das Ende der Massaker haben könnte, auf das Ende aller Tage von religiös und anderswie motivierten Genoziden. Es heißt, Wut sei ein schlechter Ratgeber. Ich bin davon nie überzeugt gewesen. Und wenn ich mir die Tableaus des Grauens anschaue, möchte ich eher an meiner Wut ersticken, als den schöngefärbten Worten der Reisediplomatie den Glauben zu schenken, den ich schon lange verloren habe. Ich würge nach Parteilichkeit für das, was in den Delusions of Grandeur, in den Tsunamis der Angst, in den Indoktrinationen des Hasses auf der Strecke bleibt: die durchschnittenen Hälser von Menschenkindern.

Ich danke Sherry http://iranique.wordpress.com/2014/08/08/klick/#more-8442