Søren Kierkegaard, der dänische Philosoph des 19. Jahrhunderts, wird oft als der erste Existenzialist bezeichnet. Sein Denken kreist um die Frage, wie der Mensch sich selbst finden kann – nicht durch abstrakte Theorien, sondern durch ein radikales, persönliches Engagement in der eigenen Existenz. Seine Philosophie ist eine Herausforderung an den modernen Menschen, der sich allzu oft in der Sicherheit objektiver Wahrheiten wiegt, anstatt sich auf das Wagnis des Glaubens einzulassen: Den Sprung des Glaubens.
1. Die Kritik an der Hegelschen Systemphilosophie
Søren Kierkegaard war ein scharfer Kritiker des Hegelschen Systems, das die Wirklichkeit als eine rational geordnete Totalität verstand. Er war der Meinung, dass die Hegelsche Philosophie die Bedeutung des Einzelnen vernachlässigte. Während Hegel die Welt in universellen Begriffen zu fassen suchte, argumentierte Kierkegaard, dass die Wahrheit für den Einzelnen immer eine subjektive Erfahrung ist. Die Vernunft kann dem Menschen keine endgültigen Antworten auf seine tiefsten Fragen liefern – dazu ist eine existenzielle Entscheidung notwendig.
2. Die Stadien auf dem Lebensweg: Ästhetiker, Ethiker, Religiöser
In seinem Werk „Entweder – Oder“ beschreibt Kierkegaard drei Existenzweisen, durch die sich der Mensch bewegt:
- Das ästhetische Stadium: Hier lebt der Mensch im Streben nach Vergnügen und Schönheit. Er flieht vor der Verantwortung, sucht Zerstreuung und vermeidet es, sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen. Dieses Leben ist letztlich unbefriedigend, da es den Einzelnen nicht zu einem tieferen Sinn führt.
- Das ethische Stadium: Der Mensch erkennt die Notwendigkeit von Moral und Verantwortung. Er lebt nach festen Prinzipien und stellt sich den Herausforderungen des Lebens. Doch auch diese Existenzform ist nicht die endgültige, denn sie bleibt im Bereich der Vernunft verhaftet.
- as religiöse Stadium: Hier vollzieht der Mensch den „Sprung des Glaubens“. Er erkennt, dass er sich nicht auf seine Vernunft oder seine moralischen Prinzipien verlassen kann, sondern in ein persönliches Verhältnis zu Gott treten muss – ein Akt des Vertrauens, der keine objektive Gewissheit bietet.
3. Søren Kierkegaard: Der Sprung des Glaubens als existenzielle Entscheidung
Für Kierkegaard ist der Glaube kein intellektuelles Für-wahr-Halten religiöser Dogmen, sondern ein existenzieller Akt. Der Mensch steht vor einer paradoxen Situation: Der Glaube erfordert, dass man sich völlig auf Gott verlässt, obwohl es keine objektiven Beweise für dessen Existenz gibt. Hier zeigt sich die berühmte Kierkegaardsche Formel: „Wahrheit ist Subjektivität.“ Der Glaube ist ein Sprung in das Ungewisse, ein Risiko – aber genau darin liegt seine tiefste Bedeutung.
4. Kierkegaard und die Moderne: Relevanz für die heutige Zeit
In einer Welt, die von Rationalismus, Materialismus und der Illusion von Kontrolle geprägt ist, hat Søren Kierkegaards Philosophie eine ungebrochene Aktualität. Viele Menschen leiden heute unter einer existenziellen Leere, die durch oberflächliche Zerstreuung, Leistungsdruck und die Suche nach externer Bestätigung nur kurzzeitig verdeckt wird. Kierkegaard würde sagen: Der moderne Mensch hat die Angst vor der eigenen Existenz verdrängt. Doch wahre Freiheit entsteht erst, wenn man sich dieser Angst stellt und eine Entscheidung trifft – sei es für den Glauben oder gegen ihn. In einer Zeit, in der viele nach Sinn suchen, könnte Kierkegaards radikale Subjektivität eine Antwort sein.
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Lieber Achim,
du hast Kierkegaard ja toll zusammengefasst.
Seine Philosophie ähnelt in erstaunlicher Weise teilweise dem Sufismus. Allerdings hat sich seine Philosophie nicht für ihn selbst bewährt. Er war zeitlebens abgrundtief unglücklich besonders auch in seiner Beziehung zu Regine Olsen. Für meinen Geschmack ist auch seine Philosophie zu spekulativ uns subjektivistisch; ich halte es eher mit seinem ‚Feind‘ Hegel.
Mit herzlichen Grüßen vom sonnigen Meer in die Stadt der Bächle
Klausbernd 🙂
Lieber Klausbernd,
ich bin kein Anhänger von Hegel. Ich schätze ihn für seine Anstrengung (vielleicht die letzte dieser Art), ein letztgültiges philosophisches System zu etablieren, das in der Geschichte der Menschheit eine progressive Selbstoffenbarung des absoluten Geistes ausmacht (Gott oder Geist oder Weltgeist, egal, wie man es nennen mag). Die Geschichte sei die rationale Entwicklung hin zur objektiven Wahrheit. Dieses System lässt sich durchaus als grandios gescheitert betrachten. Wie der Marxismus übrigens auch. Bei Hegel ist jedes Individuum Teil eines größeren Ganzen und es hat sich dem quasi gesetzlichen Lauf der Geschichte unterzuordnen (for the greater good). Kierkegaard lenkt den Blick nach innen und setzt das Individuum wieder in sein Recht ein, selbstbestimmt sein Leben zu führen und darüber zu urteilen, anstatt sich einem System unterzuordnen. Das macht ihn mir sympathisch, gleichwohl ich seiner conclusio, Gott sei die Lösung für menschliche Angst, Furcht oder Krankheit (oder der Sprung des Glaubens zu ihm) nicht folgen kann. Bei Kierkegaard lautet wahre Erkenntnis nicht die systematischen Erfassung der Wirklichkeit, sondern leidenschaftliche Aneignung der Wahrheit durch den Einzelnen. Wahrheit ist subjektiv. Jedes Individuum gibt eine andere Antwort darauf. Insofern kann Geschichte keine kulminierende Bewegung hin zu einem Telos, Geist , Prinzip oder ähnlichem. sein SIe verläuft nicht gradlinig, eher verläuft sie zirkulär oder auch chaotisch oder zufällig.
Liebe Grüße hinauf zum kleinen Dorf am Meer. Grüße mir den Rest der Familie
Achim
Lieber Achim,
danke für deine ausführliche Antwort.
Ich finde das Individuum und das Individuelle wird meistens maßlos überbetont.
Ich liebe an Hegel den Versuch der systematischen Erfassung der Realität. Die Einführung des Weltgeistes ist auch nach meinem Geschmack und besonders, dass dieser sich dialektisch bewegt. Von den idealistischen Philosophen ist mir Hegel einer der Liebsten.
Ganz liebe Grüße nach Freiburg von uns allen
The Fab Four of Cley
🙂 🙂 🙂 🙂
P.S.
Was Kierkegaard über Angst und Furcht schrieb, finde ich jedoch wesentlich und auch lebenspraktisch.
Der „Sprung des Glaubens“
Søren Kierkegaard hatte betont, dass der Glaube nicht rational begründbar ist. Glaube ist nicht zu beweisen oder logisch herzuleiten. Stattdessen ist er ein Sprung ins Ungewisse – ein existenzieller Akt, ohne Sicherheiten.
Dieser Sprung ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine ständige Entscheidung: »Der Mensch muss sich immer wieder aufs Neue in das Paradox des Glaubens hineinwagen«.
Die Angst („Angst“ vs. „Furcht“)
Furcht: richtet sich auf ein konkretes, äußeres Objekt (z. B. Angst vor einer Gefahr).
Angst: ist und sitzt viel tiefer – sie entspringt der menschlichen #Freiheit.
Für Kierkegaard ist die Angst die Erfahrung,
dass Menschen unendliche Möglichkeiten haben – und dass sie sich entscheiden müssen (nicht neu).
Diese Offenheit ist zugleich befreiend und auch erschreckend. Angst ist daher nicht nur negativ, sondern auch der „Schwindel der Freiheit“: Angst und Schwindel zeigen, dass ein Mensch wirklich frei und ungebunden ist.
Der „Ritter des Glaubens“ und der „Ritter der Resignation“
Ritter der unendlichen Resignation: Dieser verzichtet auf irdische Erfüllung und findet Trost in einer höheren geistigen Haltung. Ein Ritter des Glaubens: geht noch einen Schritt weiter. Dieser vertraut darauf, dass er trotz des Verzichts alles von Gott zurückerhalten kann – durch ein Wunder des Glaubens.
((Abraham ist für Kierkegaard das Vorbild des Ritters des Glaubens: Er war bereit, Isaak zu opfern, vertraute aber gleichzeitig darauf, dass er Isaak durch Gottes Gnade zurückerhält)).
Mögliche Bedeutung heute zeigt, dass die Analyse im Vordergrund ist und die »wahre« Freiheit sich darin ausdrückt, dass wir Entscheidungen ohne objektive Sicherheiten treffen müssen.
Angst ist nicht nur ein Problem, sondern ein notwendiger Begleiter des Menschseins.
Der „Sprung des Glaubens“ steht symbolisch für jede existentielle Entscheidung, die wir nicht rational absichern können – sei es in Religion, Liebe oder Lebensführung.