Lady Lazarus in Cambridge – Sylvia Plath und Ted Hughes

Sie nahm sich am 11. Februar 1963 das Leben. Nachdem das „Schlimmste“ ihr geschehen war und sich zum Schlimmeren wendete. Kein Geistlicher war anwesend in der Stunde ihres Todes. Nur der Wohnungsnachbar, der diese Stunde ignorant übersah. Der sie als Hausfrau und Mutter wahrnahm, nicht mehr als das, und der sich wunderte, warum sie kein Interesse zeigte an seinem eigenen Werk und Schaffen. Immerhin war er Professor für Kunstgeschichte.

„Bald, bald wird das Fleisch, das in die Grube fuhr zuhause sein auf mir.“
(Sylvia Plath aus: Lady Lazarus)

Ted Hughes and Sylvia Plath
Ted Hughes and Sylvia Plath

„Dann geschah das Schlimmste, dieser große, dunkle, wunderbare Kerl, der einzige, der groß genug war für mich, der sich auf die Frauen stürzte und nach dessen Namen ich mich erkundigt hatte, gleich als ich ins Zimmer trat, ohne dass mir jemand eine Antwort gegeben hätte, kam herüber und schaute mir tief in die Augen, und es war Ted Hughes. Ich fing […] an zu brüllen, etwas über seine Gedichte, und zitierte „most dear unscratchable diamond“, und er schrie zurück, gewaltig, mit einer Stimme wie ein Pole „Gefällts dir?“ und dann fragte er mich, ob ich Brandy wolle, und ich schrie ja, und dann zogen wir uns ins andere Zimmer zurück […] und Boing war die Tür zu und er goß Brandy in ein Glas, und ich goß ihn dorthin, wo nach meiner letzten Erinnerung einmal mein Mund war. […] Und dann küßte er mich, Knall, Boing auf den Mund […] Und als er meinen Hals küßte, biß ich ihn heftig und lang in die Wange, und als er aus dem Zimmer ging, lief ihm Blut übers Gesicht. […] Und innerlich schrie ich und dachte: Ach, dir geb ich mich zerberstend, im Kampf.“
(Sylvia Plath, Tagebucheintrag)

Sylvia Plath - The Marylin Monroe of Poetry
Sylvia Plath – The Marylin Monroe of Poetry

Sie lebten reihenhausbürgerlich  in  jener kurzen Zeit in Cambridge, wo Sylvia  studierte (am Newnham Collge) und Ted in einer Jungenschule unterrichtete.  Das Haus und seine Fassade in 55 Eltisley Avenue  spiegelt nichts  von jenen wuchernden psychischen Tumoren wider, die beiden die Hölle bereiteten. Eine Hölle, in die das familiäre Leben und beider dichterische Karriere eingesperrt waren wie zwei sich abstoßende körperfremde Organe. Der aufkeimende Feminismus der 60er Jahre machte sie zur Märtyrerin der weiblichen Opferrolle, gefangen zwischen ehelichen und häuslichen Pflichten und dem Furor ihrer dichterischen Ambitionen.  Ihn machte er zum Monster des männlich Übergriffigen, zu einem Freibeuter sexueller Begierden, einem Womanizer, einem Blaubart, der all das auf dem Altar  dessen opferte, was sie besaßen und noch hätten besitzen können: Sich selbst,  die Familie, zwei Kinder und große Werke in Schubladen, später Ruhm und Sylvias Durchbruch, emanzipiert von ihrem Diktum :  „Er ist ein Genie. Ich bin seine Frau.“

Cambridge- Newnham College - Library Cambridge
Cambridge- Newnham College – Library Cambridge

Sylvia Plath hat sich in ihrem Gedicht „Lady Lazarus“ als solchen stilisiert: Die lächelnde Frau, die sich der Hölle der Schmerzen aussetzte, jedoch ohne Hoffnung auf Wiedererweckung.

Sterben ist eine Kunst, wie alles.
Ich kann es besonders schön.
Ich kann es so, dass es die Hölle ist, es zu sehn.
Ich kann es so, dass man wirklich fühlt, es ist echt.“

                                                      (Sylvia Plath aus: Lady Lazarus)

Das Gedicht wirkt die Geschichte von Lazarus um in ein Mysterium, welches ihr nie gegönnt war: Kein Ausweg aus ihren Depressionen, kein ungebückter Gang unter helleren Aussichten. Die Depressionen schlugen sie schon, da hatte sie New England noch nicht verlassen, da war sie als Wunderkind der Sprache fast noch weniger als ein Kind. Mit den Depressionen handelte sie schon in ihrem Roman „Die Glasglocke“, der erst nach ihrem Tod unter ihrem eigenen Namen publiziert wurde.  Die Elektroschocks verfolgten sie und ließen sie flüchten. Und auf dieser Flucht kam sie nach Cambridge und schon schiebt sich ihr Leben vor ihr Werk. Ihre Biographie ist luzid, statuarischer als ihre Verse. Wer diese liest, hat ihren Freitod als das Menetekel von Interpretationen immer vor dem Auge. Wer diese Verse genießen will, „against interpretation“, der ist doch nur gelähmt von der Wucht und den Ausweglosigkeiten ihrer Lebenskämpfe. Und man versteht die Strophen als Beichte ihres späteren Schicksals. Küssen, Kratzen, Beißen. Was gäbe es am Anfang der Beziehung zwischen ihr und Ted Hughes mehr zu sagen, mehr zu deuten? Alles vorweggenommen, der Kampf zweier literarischer Talente, der Neid auf die Worterrungenschaften des anderen. Die Freiheit und der Kerker. Griechische Tragödie. Beginnend mit den Schmerzen der Geburt.

„Liebe zog dich auf, eine dicke goldene Uhr.
Die Hebamme schlug deine Sohlen: dein kahler Schrei
Nahm seinen Platz ein unter den Elementen.“
(Sylvia Plath aus: Morgenlied)

„And here you come,
with a cup of tea wreathed in steam.
The blood jet is poetry, there is no stopping it.
You hand me two children, two roses…[…]“

(Sylvia Plath aus: from Kindness, Ariel 1963)

 

Ted Hughes and Sylvia Plath
Ted Hughes and Sylvia Plath

Als unverbesserlicher Romantiker sehne ich mich danach, dass begnadete Menschen die Gnade ihres Zusammenseins bis zur Neige auskosten mögen. Dass der künstlerische Bogen, der sie selbst und ihre  Werke überspannt, hinreichender und notwendiger Grund sein möge für das Bewahren einer Liebe. Einer Liebe, die aus  den emotionalen Quellen beider Seelen schöpft und gleichberechtigt ist in ihren Wirkungen und mit der gleichen Achtung für den gleichen späteren Ruhm versehen. Ein steter Strom transzendenter Güsse auf das Brachland gestorbener Gefühle und deren Wiederauferstehung. Lazarus. Was bei Hughes und Plath blieb:  Ein Krebsgeschwür von Verdächtigungen und die  Metastasen  einer Lyrik, mit der sich Ted Hughes in dem Gedichtband „The Birthday Letters“ schonungslos dem Tribunal der Verdächtigungen stellte und eine gewaltige künstlerische Antwort gab, als man ihm die Unterstellungen einer Schuld am Freitod seiner Frau um die Sinne schlug. Die  Gedichte aus „The Birthday Letters“ hat man als geschönte rezipiert, als Mythen, die der Wahrheit die Wahrheit abspenstig zu machen versuchen. Ihn hat dieses Urteil  vermutlich das Leben gekostet. In einem wahren Sinne, als er erfahren musste, dass sich das Schicksal seiner Frau nicht in Verse fassen ließ und ihre freien Rhythmen als gestelzte Lüge galten.  Als Reinwaschung von Schuld. Wie diesem Stigma entgehen, da auch seine zweite Frau, Assia Wevill, Selbstmord beging? Wie anders konnte es gewertet werden, als er  Sylvias  Tagebucheinträge aus den letzten drei Monaten ihres Lebens vernichtete (er wollte die Kinder schützen, so sagte er). Überdies strich er Passagen, die explizit erotischer Natur waren und solche, die sich kritisch mit Verwandten und Bekannten Sylvia’s auseinandersetzten. Was man ihm implizit vorwarf, war seine Untreue und mit ihr einhergehend seine Unfähigkeit als Funktion des Förderers ihrer Kunst. Er hätte sie zur künstlerischen Blüte bringen können, sie begleiten können, ihr helfen, so dass sie sich aus dem Schatten seiner sich anbahnenden Berühmtheit hätte herausschreiben können.
Sie „tobten sich aus mit Worten.“ Sylvia hatte ihre Wahnsinnsliebe gefunden. Er „trägt tagaus, tagein denselben schwarzen Pullover und dieselbe Kordjacke, die Taschen vollgestopft mit Gedichten, frischen Forellen und Horoskopen.“ Fünf Jahre nach der Hochzeit ist Sylvia an ihren Obsessionen gescheitert, nicht wegen Ted Hughes, sondern trotz. Das Ende einer komplizierten Liebesgeschichte, die auf der St.-Botolphs Party in Cambridge 1956 begann, dort, wo sie sich zum ersten Mal begegneten.

Es hat etwas von Vorsehung, wenn Ted Hughes in seinem Gedicht „Fulbright Scholars“ das Desaster seiner Romanze mit Sylvia vorwegnimmt:  

           „It was the first peach
            I ever tasted
            I could hardly believe
            how delicious
            At twenty-five I was dumbfounded
            By my ignorance of the
            Simplest things  …. „

Der Monat Februar in London 1963 ist ein eisiger. Kälter war es nur 150 Jahre zuvor. Die Wasserleitungen waren zugefroren.  Sylvia ist 30 Jahre alt, ihre Kinder Frieda  und Nicholas Farrar 2 Jahre und 8 Monate. In ihrer Wohnung in der Fitzroy Road 23 hatte einst William Butler Yeats für kurze Zeit gelebt. Ein gutes Omen, so dachte Sylvia. Es ist ein eisiger Montag.  Sie nimmt Schlaftabletten und legt ihren Kopf in die offene Herdklappe des Gasofens. Vier Wochen zuvor ist ihr Buch „Die Glasglocke“ unter dem Pseudonym Victoria Lucas erschienen. Der Roman wird in den 70er Jahren zum Klassiker.  Ihr lyrisches Spätwerk aus den Jahren 1962 und 1963 veröffentlicht Ted Hughes 1965 in der Gedichtsammlung „Ariel“. 1982 wurde Sylvia Plaths lyrisches Gesamtwerk in der Gedichtesammlung The Collected Poems publiziert und postum mit dem Pulitzer – Preis in der Kategorie Poesie ausgezeichnet.

Die Amsel

Du warst der Wärter deines Mörders –
Du saßt in seiner Haft.
Da ich dein Pfleger und Beschützer war,
Wurde ich mit dir bestraft.

Du wiegtest dich in Sicherheit. Die Nahrung,
Die ich gab, nahmst du.
Warfst mir wie ein Säugling
Verschlafene Blicke zu.

Du nährtest die Wut des Häftlings im Verlies
Durch das Schlüsselloch –
Dann kam er mit nur einem Satz
Die dunkle Treppe hoch.

Riesiger Klatschmohn glühte und verglomm
Vor dem Fenster: „Dort!“
Du zeigtest auf die Amsel, die den Wurm
Aus der Erde zog.

Der Rasen unberührt wie jene Seite,
Die wartet auf den Haftbericht.
Wer was auf ihr notieren wird,
War unwichtig für mich.

An der Ofentür auf seines Teufels Spieß
Krümmte sich ein stummer Mensch,
War ein Stift, der hinterließ
Falsch ist richtig, richtig falsch.

                                                                     (Ted Hughes)

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