Notate 16 – Gott – Schwarze Löcher – Moral

Es gibt es keine gewichtigeren Beweise für die Nicht-Existenz Gottes als die Barbarei derer, die ihm huldigen. Andererseits ist es kein Beweis für seine Existenz, sollte sich jemand aufmachen und dieser Babarei ein Ende machen. Im Übrigen wird Gott selbst froh sein, nicht zu existieren, denn wer will sich schon mit der Barbarei gleichgesetzt sehen. Anstatt über Gott nachzudenken, sollten wir konstatieren, dass wir uns moralisch und sinnbezogen immer mehr in die Richtung eines schwarzen Loches bewegen. An seinen Rändern herrschen physikalische Bedingungen, welche die Zeit aufheben in der ein Sinn aufscheinen könnte, und wo ein Ort aufgehoben ist, in dem Moral sich vollziehen könnte. Insofern leben wir wirklich in „gottlosen Zeiten“. Nach Kant ist die moralische Vernunft Gottes nicht beweisbar. Sie liegt außerhalb unserer Erkenntnis. Das Böse und das Leid können jedoch nicht wegerklärt werden. Auch sei es unzureichend und gar widerwärtig, dies zu versuchen. Kant sagt, es sei besser Hiobs Haltung einzunehmen, und sich ohne Erkenntnis der Moral zu unterwerfen. Natürlich meinte er die „göttliche“ Moral. Wir müssen uns an  eine menschengemachten Moral orientieren.

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Blasphemie

Wenn religiöse Zungen meinen Unglauben lästern, darf ich das Blasphemie nennen? Und wäre dieser Tatbestand auch justiziabel, da sie nicht meinen öffentlichen Frieden stört, aber meinen privaten, z.B. durch lauten Glockenschlag in unmittelbarer Nachbarschaft?  Die Beleidigungen und Verhöhnungen, denen  sich die Vernunft durch Glaube und Unvernunft ausgeliefert sieht, Blasphemie zu nennen, könnte den  Begriff endlich aus seiner etymologisch-semantischen Geißelhaft befreien. Vielleicht wäre das der erste Sargnagel aller Religionen, der Arbitrarität und Konventionalität ihrer Zeichensysteme.

Giftköder – Literatur

So manche vom Glauben Besessene, jedweder Glaubenscouleur, schreien es reflexhaft in die Gazetten hinaus. Dass sie dafür eintreten, die Würde und die Ehre von Frauen zu schützen. Weil es Koran und Bibel und Thora nun mal so gebieten. Dass sich die Ehre und Würde der Frauen nur Geboten zu verdanken haben, ist dummdreiste Logik und macht mich wütend. Da sie mich zwingt, an etwas zu glauben, was mich jeden neuen Tag mit den umtriebigsten Formen wetterwendischer Auslegungen anrempelt. Mich zwingt, dankbar dafür zu sein, dass es die Giftköderliteraturen der monotheistischen Religionen gibt. Denn im Umkehrschluß wird das Argument vom Zaun gebrochen, dass die Frau noch vogelfreier wäre ohne sie. Erbärmliche Zeiten, in denen wir leben.

Himmel und Hölle

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Ein Mann, in Shorts und T-Shirt, seine Beine dünn wie der Schnabel eines Kolibris, seine Haut weiß wie ein Leichentuch. Er steht an der Aorta des Straßenbahnverkehrs, in der Mitte meiner Stadt. In der Hand ein selbstgebasteltes Plakat mit der Aufschrift: Wenn du Jesus nicht liebst, wirst du die Hölle sehen.
Ich bewundere seinen Mut. Genauso, wie ich den Mut all derer bewundere, die sich mit dem Bauchladen ihrer Überzeugungen und großer Inbrunst durch das Dickicht der vorherrschenden Ignoranz schlagen. Ich achte den Mut von Wanderpredigern, nicht wegen der Inhalte, die sie skandieren, sondern  der radikalen Selbstüberwindung wegen, die es kosten muss, sie unters Volk zu bringen. Aber vielleicht kann ich ja nicht ermessen, wie wenig insgeheim dazugehört, sich mit Leib und Seele an etwas zu verschreiben und dem Verschriebenen dankbar und lauthals seine Aufwartung zu machen. Sie rufen und predigen gegen das weiße Rauschen einer Lärmkulisse an, die zusammengesetzt ist durch das Bienenschwarmgeräusch der modernen Konsumwut. Ein Rufer in der Wüste, also.
Während mir all diese Überlegungen durch den Kopf schossen, bin ich auf gleicher Höhe mit ihm und schaue in seine blauen Augen. Sein Blick zurück ist entrückt. Ich glaube eine gewisse Anspannung zu spüren. Wenn meine Spiegelneuronen mich nicht täuschen, liegt unter seiner asketischen Haut doch mehr als die schiere Überzeugungskraft von Ideen. Eine leichte Unsicherheit, die ich wiedererkenne, weil ich sie in jungen Jahren selbst in mir verspürte, als ich zum ersten Mal für politische Überzeugungen ein Plakat enthüllte.
Jetzt muss man wissen, dass die Mitte meiner Stadt der Knotenpunkt der Betriebsamkeit ist. Hier laufen alle Fäden der Verkehrsinfrastruktur zusammen. Hier lauert oft genug Gefahr für Körper und Seele. Vor dem Verlust der Seele versucht dieser Mensch zu warnen. Vor dem Verlust von Körpergliedmaßen warnt nur der eigene Instinkt.
Eine Straßenbahn nähert sich meinem Mann scharf von rechts. Und trotz der Hektik des Bimmelns und des wuseligen und unübersichtlichen Passantenstroms, hat er es sich in der Mitte der Straßenbahngleise stoisch gemütlich gemacht. Achtet nicht auf die Gefahr, die sich ihm nähert. Ich schnappe also nach seinem Arm und ziehe ihn zurück ans sichere Ufer. Sein Blick geht zuerst zu seinem Plakat, als wollte er sich vergewissern, dass der Inhalt seiner Botschaft noch der gleiche ist. Dann schaut er mich ungläubig (!) an und bedankt sich artig. Kein Thema, sage ich und gehe weiter.
Am liebsten hätte ich ihm zugerufen, dass ich das auch für einen Ketzer und Häretiker getan hätte. Auch für den Muslim oder den orthodoxen Juden. Sogar für Jesus, den heiligen Geist und den Rest der heiligen Dreifaltigkeit. Nicht jesusgläubig zu sein und mit einem Bein schon in der Hölle. Wie zynisch kann die Ironie sein, wenn sie den Verkünder von Höllenqualen vor dem vorzeitigen Eintritt in den Himmel bewahrt. Aber, ich bewundere den Mut.

Paradox

Einmal gesetzt, es käme jemand aus dem zurück, was man das ewige Leben oder die Erlösung von den Sünden, das Jungfrauenparadies oder den Himmel oder die Hölle, den Lohn der wahren Gläubigen oder die Strafe der Ungläubigen, was man das Dschanna oder Dschahannam nennt, oder die Beisitzung zur Rechten Gottes, den Garten Eden, die Wiedergeburt, das Glücksmodell der Transzendenz oder die Wiederkehr des Mahdi und des Messias, die Endzeit oder die Aufhebung des irdischen Unrechts. Und gesetzt, dieser fände die Worte, das Nichts und die Leere zu benennen, die dort auf ihn warteten. Ich würde ihm die Hand auf die Schulter legen, ihn trösten und zu ihm sagen: Du bist der wahre Prophet. Du bist der, der einzig davon sprechen darf, dass die törichte Hoffnung auf ewigen Frieden im Himmel auf Sand gebaut hat. Wer jedoch würde dir glauben, dass es den Himmel nicht gibt, sondern nur die Hölle auf Erden? Dass du zurückgekehrt bist?

© Achim Spengler