Missolunghi, Fanny Brawne und Viareggio

Jetzt muss ich auf das zurückkommen, wozu dieser Blog einmal inhaltlich angetreten ist. Auf den Wunsch nach Rekonstruktion von Geschichte und auf die Nacherzählung der Schicksale einiger meiner Helden, die in dieser Geschichte lebten  und sich ins kollektive kulturelle britische Gedächtnis liebten und schrieben. Es geht um die Sehnsucht nach und um Vorliebe für die Wahrnehmung vergangener und doch gegenwärtiger Lebensentwürfe. Entwürfe, die ich mir selbst gerne über meine ereignislose Gegenwart drapieren würde.  Das klingt wie aus der Zeit gefallen, aber gegen derartige Sehnsucht wächst kein Kraut. Und hat man nicht die gleichen künstlerischen Mittel zur Hand, so doch wenigstens die tiefempfundene Anteilnahme an den Lebensläufen dieser literarischen Heroen.
Wir lieben das, was wir sehen, und begehren  das, wozu wir selbst nur wenig befähigt sind. Wie begehren auch die Zeiten, in denen das Begehrte sich zutrug. Wer will, schlage die Stichworte im Titel dieses Beitrages nach, und er/sie wird wissen, um was es mir geht.
John Keats betrachtete „schöne Ausdrücke mit den Augen eines Liebenden“. Seine erste Schaffensperiode ist geprägt vom Streben, das eigene Ich aus seinen Werken herauszuhalten, als hätte es nach den Codizes der klassizistischen Lyriktheorie dort nichts zu suchen. Dann verliebte er sich in Fanny Brawne, und seine Person als der Charakter eines großen Liebenden,  brach sich in seinen letzten Gedichten Bahn. In diesen entdeckte er das Du der Geliebten und huldigte diesem während des kritischen Verlaufes seiner Tuberkulose zunehmend verzweifelt.
Über Lord Byron sagte Nietzsche: „Das Auszeichnende, aber auch Gefährliche in den dichterischen Naturen ist ihre erschöpfende Phantasie, die, welche das, was wird und werden könnte, vorwegnimmt, vorweg genießt, vorweg erleidet und im endlichen Augenblick des Geschehens und der Tat bereits müde ist.“
Wie recht er damit hatte und wie synonym dazu sich Byrons Eigencharakteristik darstellt:
„Das große Ziel meines Lebens ist das Empfinden – zu spüren, dass wir existieren – wenn auch unter Schmerzen – es ist diese sehnsuchtvolle Leere, die uns antreibt zum Spielen- zu Schlachten – zu Reisen – zu zügellosen, aber heftig empfundenen Unternehmungen jeder Art, deren hauptsächlicher Reiz in der Erregung liegt, die mit der Durchführung untrennbar verbunden ist.“ Sein Tod durch Malaria, erlitten bei Missolunghi  in den Wirren der griechischen Revolution gegen das Osmanenreich, ist mehr als nur zufälliges Zeugnis und Urteil über sich selbst.
Für den einen ist es die Liebe, für den anderen das spielerisch überdehnte und konsequente Lebensabenteuer: Antriebskräfte literarischer Talente, auch eine Art Ersatz der Religion, in der die drei auf ihrer Suche nach transzendentalen Sinngehalten keine Zuflucht fanden.
Und wenn man den Tod Shelleys im Meer bei Viareggio hinzurechnet, so ist das Maß  dessen voll, was man sich tragischer und zugleich pittoresker  in Bezug auf die  negativen Lebenshöhepunkte nicht vorzustellen vermag. Von der Todessehnsucht, die bei allen Dreien subkutan schlummerte, ganz zu schweigen.

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Moonlighting

Und thront vielleicht die Mondenkönigin
Im Haufen aller ihrer Sternenfeen;
Nur Licht scheint keines sacht
Als jenes, das vom Himmel Brisen dünn
Durchs dunkle Grün und Moos der Wege wehn.
 …
 (John Keats: Auszug aus „Ode to a Nightingale).

Die Zeilen passen schön zu diesen Bildern und zu meiner Stimmung. Vollmond ist der Feind meines Schlafs, da hilft kein Jammern und auch kein Beten. Schlafversuche stelle ich bei dieser Art Mondlicht in Zukunft ein. Nicht mal zum Schlafwandeln reicht es da. Da liege ich lieber krauchend auf der Couch und serviere mir Häppchen von John Keats Lyrik.
Dieser junge Genius der englischen, romantischen Lyrik war somnambul und traf sein Liebchen Fanny Brawne, welche im Stand einige Stufen unter seinesgleichen stehend, im Mondenlicht in der Nähe blühender Rosenhecken.
Auch hier gilt: Die Besten sterben zuerst und sie sterben jung. Ich sollte mich schämen, bin ich doch mit einem lyrischem Talent gesegnet wie die Wüste mit Wasser. Und doppeöt schämen, habe aber Keats doch bereits um fast 30 Jahre überlebt.
Das menschliche Schicksal ist eine Hure und verstreut das Glück nach zufälligen Prinzipien. Wenn man bedenkt, dass John Keats an Schwindsucht starb und diese Krankheit in früheren Jahrhunderten als Metapher  für künstlerisches Vermögen herhalten musste, so fühle ich mich erst recht vom Schicksal gebeutelt. Die gleiche Krankheit fiel mich in jungen Jahren an, zum Künstler jedoch reicht es nur in vorgerückten, alkoholumnebelten Stunden der Illusion. Schwamm drüber.

Als sich der Mond verbarg und silberbleich
Ein Zwielicht spann, schob er an Bettes Seite
Leis einen Tisch, warf halb in Angst ein reich
Gewand darauf, drin Rot, Gold, Schwarz sich reihte.
O jetzt ein schläfernd Morpheus-Amulet,
Da plötzlich schrill die Festtrompeten werben,
Die Kesselpauke und die Klarinett!
Die Saaltür fällt zurück – ein jäh Ersterben,
So wie Krystall, das schrill zersprang, verstummt in Scherben.
(John Keats: Auszug aus „Sankt Agnes Abend – IV).
Und kraftlos sank ins Kissen auf ihr Haar
Sein warmer Arm. Umsonst sein leises Sprechen.
Des Traumes Bann, der Mittnachtzauber, war
Unmöglich wie vereister Strom zu brechen.
Der Teller Glanz erstrahlt im Mondenlicht,
Dem Schmuck und Fransen hundert Spiegel liehen,
Doch hinter dunklen Vorhang leuchtet’s nicht,
Nichts kann die Herrin ihrem Traum entziehen,
Der Nacht so tief verstrickten Wunderphantasieen.
(John Keats: Auszug aus „Sankt Agnes Abend – IV)
.Moonlighting , Mondlicht, Mond