Was tut die Zeit, wenn sie nicht heilt?

Wohin es uns führt, wenn wir über die Zeit spekulieren, erhellt sich an der Frage, was denn mit ihr  geschieht,  wenn das Universum in den Grenzen dessen, was uns vom  ihm bekannt ist, endet. Oder ein neues entsteht.  Isaac Newtons absolute Zeit, die an sich verfließt, und dies gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand, diese solcherart aufgefasste Zeit hat kein Ende, da sie weder an die mikroskopisch kleinsten, noch an die makroskopisch größten vorstellbaren Dinge gebunden ist. Sie ist auch nicht an Bewegungen gebunden. Sie existiert, egal, ob wir existieren, ob wir versuchen sie zu beobachten oder ob wir sie mit deskriptiven Begriffen einzuhegen suchen. Sie ist. Für jeden Beobachter ist sie universell gleichermaßen gültig und in ihrer Indifferenz messbar. Das ihr unterstellte Fließen suggeriert dabei, dass sie keinen Unterbruch kennt und keinen Richtungswechsel. Schopenhauer  jedoch spricht vom stehenden Jetzt, dem nunc stans, welches das Wesen der Zeit sei. Der mit ihr einhergehende Wechsel von Erscheinungen und Begegebenheiten sei eine bloße Folge unserer Auffassungen derselben in den Anschauungsformen der Zeit. Die Anschauungsformen der Zeit erst machen aus ihr einen in die Zukunft gerichteten Zeitpfeil. Kant seinerseits spricht von der Zeit als notwendige Vorstellung, die allen unseren Anschauungen zugrunde liegt, insbesondere, wenn es um die Betrachtung unseres zerfallenden Körpers geht. Und zuguterletzt die Sensation, dass die Zeit eine relative Größe sei, gebunden an Bezugssysteme, unterscheidbar gemessen, wenn jene Systeme  sich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit zueinander hin- oder fortbewegen. Uhren lügen nicht, sagte Einstein und Zeit sei, was Uhren anzeigen.

Diese Dichotomien können verwirren. Noch verwirrender ist allerdings für mich die Frage, was die Zeit denn tut, wenn sie nicht heilt? Die liebe Candy Bukowski (hier gehts zu ihrer Seite) hat sie mir gestellt. Eine veritable Nussknackerfrage, mit Fallstricken und Spekulationen versehen, tiefen Blicken in die tiefsten Abgründe der Zeit und dem zeitlosen Bemühen, sie verstehen zu wollen. Obwohl Wittgenstein beschied, dass die Frage Was ist die Zeit?, keine sinnvolle Frage sei.

Zeit1Aber hier soll es nicht um die Frage nach dem Wesen der Zeit gehen. Wenn man behauptet, die Zeit heile alle Wunden, unterstellt man ihr, dass sie bei der Rückgewinnung unserer seelischen und körperlichen Gesundheit eine aktive Rolle ausübt. Hat sie dann auch ein Wesen, ist sie dann eine kommunikative Instanz, eine Persönlichkeit, die ich auffordern kann, zu heilen?  Und was sind die Konsequenzen, für mich und die Zeit selbst, wenn sie es nicht tut? Kann ich klagen? Allein der Indikativ, den wir der Zeit zukommen lassen, wenn wir sagen sie zeitigt, gibt unserer Überzeugung Ausdruck, dass sie mehr für uns ist als nur der ferne Hauch ihres Vergehens.

Wir empfinden, dass sie hinter unserer Individuation steckt und unser Leben in ein Davor und Danach unterteilt, sie uns am Ende vielleicht doch noch als religiös verbrämtes Vehikel ewigen Lebens metaphysischen Trost zu spenden in der Lage ist. Heilt sie aber auch, weil sie es kann, aktiv, mit oder sogar ohne Aufforderung? Angesichts meiner Vergänglichkeit, so mein Urteil, ist die Beantwortung dieser Frage nicht notwendig, weil sie nicht wichtig ist. Es ist meine Annahme, dass ich an meinem Lebensende alle geistes- und naturwissenschaftlichen Begriffsbindungen zur Zeit leichthin  würde kappen wollen, wollen würde, dass sie nicht mehr um mich sei, wenns ans Sterben geht. Würde ihr das Recht absprechen wollen, meinen Körper als unheilbares Gefäß meiner Seele zu zeitigen, obwohl mir bewußt ist, dass er im Prozeß des Zerfallens das Korrelat des thermodynamischen Zeitpfeils darstellt, der in die Richtung vollständiger Entropie verweist. Am Ende aber heilt sie nicht, die Zeit, es scheint gegenteilig so zu sein, als lege sie mit zwischenzeitlichem, potentiellem Heilen nur eine falsche Spur der Illusion, dass es mit ihren lebenserhaltenden Potentialen immer so weiter gehen würde.

Die Newton`sche Zeit hätte gleichwohl alle Zeit der Welt, zu heilen, unabhängig davon, was denn zu heilen wäre. Liebeskummer, Verlust, Schmerz, sogar den Krieg, dem sie irgendwann einmal den Frieden schenkt. Alle Zeit der Welt zu haben entzieht sie aber auch dem Umstand, haftbar gemacht werden zu können, wenn sie es nicht schaffen sollte, im zeitlichen Erwartungshorizont eines trauernden Menschenwesens zur angemessenen Rechtzeitigkeit seelische Entlastung zu bringen. Und was ist, wenn sie es überhaupt nicht schaffen will, sozusagen nie? Dieses Nie ist doch nur ein vorläufiges NIE, innerhalb unserer begrenzten Lebenszeit.

Im Tod sind alle gleich und die große Wunde des Lebens ist für immer geschlossen. Vielleicht denkt so die Zeit und was kümmert es sie dann, wenn wir trauern? Kümmert sie sich um uns? Heilt sie vornehmlich in überschaubaren fristgerechten Zeitblöcken, eingedenk unserer kurzen Zeit, die wir auf Erden verbringen? Heilt sie innerhalb von Zeitabschnitten, die es uns ermöglichen, den Fortschritt unserer Seelenlage hin zur Heilung bewußt erleben zu können? Ist es nicht anmaßend von uns, von der Zeit individuelle Heilung zu fordern, während sie doch Wichtigeres zu tun hat, nicht an anderen Orten, sondern überall zugleich? Vielleicht ist Zeit wirklich nur die Methode der Natur, zu verhindern, dass alles auf einmal passiert, wie es John A. Wheeler einmal trefflich formuliert auf einer Toilette in Austin, Texas, fand. Ist das Wichtigere für sie nicht das Element, aus dem sie besteht, nämlich dem Vergehen hin in Richtung auf ihre Unendlichkeit, ihre Ewigkeit? Diesem Paradoxon? Ihrem nunc stans? Und ist es infolgedessen nicht logisch zu behaupten, bei all den Prämissen bis hierher, dass sie vergeht, nicht nur wenn sie nicht heilt, sondern grade auch dann, wenn sie es tut?

Schwindelmachende Abgründe. Eines ist dabei gewiss: Zeit als physikalische Größe, als Abfolge von Ereignissen, deren Reihenfolge unumkehrbar ist, diese Zeit macht nicht wieder alles gut, exakt so wie es davor war. Der Zeitpfeil, liebe Heilsuchende, ist unumkehrbar. Das betrifft auch die Wunde, die nicht mehr in ihren Vorläufer, die nicht vorhandene Wunde, zurückverwandelt werden kann. Insofern ist das Heilen, wie es die Zeit vermag, gebunden an die Tatsache, dass sie nicht wiedergutmachen kann, sondern allenfalls kann sie vergessen machen. Das scheint mir plausibel zu sein. Der einzige Aggregatszustand der Heilung ist das Vergessen dessen, was es einmal als narzistische Kränkung gab. Auch der Ersatz dient dem Vergessen. Oder das Neue. Das neue Interessante. Thomas Mann hat in seinem Roman Der Zauberberg davon gesprochen,

York - Shambles
York – Shambles

Wir alle wissen, wenn es zum Liebeskummer kommt, wie die Zeit sich dehnt, wie sie kriecht, wie sie liebäugelt mit ihrem Stillstand und wie das immer wieder zu unserer größten anzunehmenden Verzweiflung führt. Die Rettung naht gewiss nicht nicht mit Newtons absolutem Zeitbegriff. Auf diese Art von Zeit haben wir keinen, die Nöte erleichternden Einfluß. Bei der relativistisch zugerüsteten Zeit dagegen braucht es schon einen Anflug von Lichtgeschwindigkeit, mit der wir uns und unsere Trauer bewegen, damit überhaupt ein heilender Effekt vergleichbar gemacht werden könnte, verglichen mit den heilenden Effekten der Zeit auf die konventionell sich fortbewegenden Trauerreisenden. Erst dann gerinnen das Trauern und das Heilen zu relativen, zeitlichen Größen, die unterschiedlich dauern. Die Quintessenz? Wir haben es selbst in der Hand, wie schnell zur Heilung geschritten werden kann, da es auch an uns lag, wie ausgeprägt die Trauer war, und wie schnell wir ihr davonfliegen. Nicht die Zeit heilt, sondern wir geben uns Zeit, damit etwas heilen kann. Dieser Tatbestand inthronisiert die Passivität  der Zeit, welche einfach nur vergeht. Es sei denn, wir reisten, als Zwilling, mit Lichtgeschwindigkeit, zusammen mit unseren Wunden.  Dann ist es so, dass unsere Wunden bei der Rückkehr zu dem Ort, wo wir unser Zwillingsgeschwister verlassen haben, vielleicht geheilt sein mögen. Währenddessen die Wunden des zurückgebliebenen Zwilling schon meterdick verschorft sind, im Orkus des Vergessens verschwunden. Dann mag es sein, dass er einen Menschenpartner gefunden hat, der ihm das Vergessen ans Herz gelegt und die seelische Wunde in eine  Archivnotiz der Biografie verschoben hat.

ÄskulapstabIch befürchte, die Wunden sind immun gegen die Zeit. Sie flackern in der Höhle unserer Erinnerung immer noch als Restwahrnehmungen einer Erschütterung. Die Zeit heilt keine Wunden. Es ist die Hand, die heilt, die uns führt, das Herz, das für uns schlägt, der Arm, der uns umfasst. All das heilt, wir erleben es jeden Tag. Die Zeit selbst hat von ihrem Vergehen keinen Begriff, obwohl sie es tut, weil wir ihr dabei zuschauen, immer dann, wenn wir unseren Körper beobachten. Wie kann sie dann einen Begriff von Heilung haben? Die Frage, was die Zeit tut, wenn sie nicht heilt, ist eine poetische Frage. Sie entstammt dem großen Fundus märchenhafter Narrative. Dort führt sie ein Eigenleben, ist nicht gebunden an den Takt und die Struktur unserer Lebensführung. Sie setzt sich als Absolutum über unsere jeweiligen Eigenzeiten hinweg und hat in ihrem Tornister das Riechsalz gegen die Ohnmacht. Das Besteck gegen den Hunger nach Liebe. Das Antibiotikum gegen den bakteriellen Befall des Liebesentzuges. Wir wünschten uns so sehr, dass sie heilen möge. Vielleicht tut sie es, weil wir daran glauben.

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