Münster unserer lieben Frau

Nach Schatten suchend, obwohl noch gletscherfrisch am Fuß des Münsters und seinen architektonischen Stilschichten (romanisch, gotisch und spätgotisch, das früher nie gewusst, liegt daran, dass ich kein Heimatheimchen geworden bin in meiner Wahlheimat, was nicht war, kann nur bedingt werden, nordenglisches Wetter hier einzuschleusen, damit könnte ich als Heisstemperatursensibelchen halbwegs leben).

Unterm schönsten Turm der Christenheit ein E-Zigarettchen schmauchend, was vormals undenkbar war, der Blick nach oben in sandsteingesäumte Durchsichtigkeit, Verweis auf die Glaubensfragilität, auf Sand gebaut, scheint mir zeitgemäß im Reich der Glaubenskrise. Weiters Blicke auf windumspielte Erotik, braungebrannte Beine, flatternde Röckchen, in enge Jeans gepackte Hinterteile. Bipolare Koexistenz von ehrwürdiger Geschichte und flanierendem Hedonismus, Wurstständen und Hochaltar, Gemüseverkäuferinnen und Maria Immaculata, Botox und Gargoyle-Restaurationen.

Noch weiblichen Reizen zugetan, später vielleicht Baukunst-Ästhetik, immer nach oben strebend, phallisch, bauen die Frauen unter den Baukünstlern in die maternale Breite, ausladend, rund?

Lieler Schlossbrunnen Wasser, sündhaft teuer unter sündenbewehrter Bauwucht, am Marktplätzchen mit guter Aussicht auf Mekkaerinnernde Rundgänge der Touristen um die Kaaba.

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Notate 29

Empörung grassiert. Oft heuchlerische Empörung, die andere, gleichartige oder gewichtigere Anlässe zu ihrer Existenz unterschlägt. Anlässe, zu denen sich Empörung äußert, anstelle anderer Regungen, die in der Lage wären, Potentiale abzurufen, die für den qualitativen Sprung des Denkens zum Handeln  unabdingbar sind. Also alles andere als die naive und niedliche Empörung, die zu Recht zu vernachlässigen sei.

 

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Alles in allem ist Freiheit ein perverser Begriff. Was soll das denn sein, die Freiheit unter dem Atomschirm? An diesem Begriff ist auch pervers, dass er uns vorenthält, was wirklich frei macht: Die Entscheidung darüber, den Zeitpunkt frei zu wählen, an dem wir sterben wollen.

                                                                       *

Die Zukunft ist weiblich, oder sie wird nicht sein, sondern lediglich Restlaufzeit. Also gehört die Parthenogenese dazu. Asexuelle, weibliche Nachfahren ausschließlich. Ausschluß eines weiblichen Machismo. Fürsorgemoral anstelle Gerechtigkeitsmoral. Eliminierung des Bösen durch genetische Manipulation. Voraussetzung hierzu: Dass sich die Männer endlich abschaffen, #time’s up. Unsere Zeit ist abgelaufen. Stürzen wir uns in unsere Messer, die in den Westentaschen von Westentaschentigern lauern. Unser manischer Narzissmus, das Geblöke von unserer Grandiosität, der ganze Verblödungszusammenhang, in dem wir uns ereifern, all das prädestiniert uns zur Selbstabschaffung. Für uns gilt der Andere nur als Fußabtritt, insofern ist der Weg zu unserer Reduzierung auf eine kleine Fußnote der Menschheitsgeschichte  nicht mehr weit.

Marie Sophie Hingst – Ein Nachruf

„I only ever am a greedy thief,
full of hunger for words.
And as you and the world
at large can see, it didn’t end well.“

[Marie Sophie Hingst, in einer ihrer Mails
an den Reporter der Irish Times, Derek Scally]

 

Ihren Blog Read on my dear, read on habe ich geliebt. Ich liebte die Melancholie, die im poetischen Sound ihrer kleinen Geschichten vom kleinen irischen Dorf und dem Haus am Meer eingewoben war. Ich liebte die Personen, die darin vorkamen, die Tiere. Den Tierarzt oder die Frau des Krämers liebte ich besonders, das Kälbchen, die Katzen, den alten Hund. Ich liebte das kleine Haus und die vor dem inneren Auge aufleuchtende graue irische See.
Eine fast täglich frei Haus gelieferte Postille über Irland, von einer großartigen imaginativen Kraft getragen, aus deren biografischen Elementen als  Fundament, als narratives, kompositorisches Element Sophie keinen Hehl machte.

Mir war immer bewusst, dass sie von den Freiheitsgraden des Fiktionionalen starken Gebrauch machte. Das zumindest betrifft die Geschichten, die in Irland spielen. Dort verschob sie die Grenzen des Realen und des Faktischen immer mehr  in Richtung einer Poesie, die sich auf dem warmen Kissen der Phantasie, ja des Phantastischen bettete.

Wann genau geschah es, oder war es immer schon präsent,  dass irgendwann die Fiktion durch ihren  Anspruch auf Wahrheitsgeltung kontaminiert wurde? Hätte Sophie nicht  einfach nur Geschichten erzählen sollen, die von Fräulein Read On handeln, dieser Figur, die nicht in eins hätte fallen müssen mit ihr selbst? Das wiederum hätte wohl bedeutet, dass sie ihr Ende hätte sehen müssen, oder dass sie es sah, als etwas aus ihrer Sicht Unausweichlichem. Wie wünschte ich mir im Nachhinein dieser Tragödie, dass sie einfach nur fabuliert hätte, erfunden, erdichtet, ohne Konnex zu ihrer Person. Ich bin mir sicher, dass die Schönheit ihrer Sprache, der Sog der Sprachmelodie, der wahrhaft menschenfreundliche und sich sorgende Impetus ihres Denkens, ihr den gleichen Ertrag eingebracht hätten, eine große, begeisterte Leserschaft nämlich.

Wenn die Fiktion ins  Leben hinaustritt und sich die Kleider der Realität überzieht, dann darf man diesen Umstand Lüge und Täuschung nennen. Sich eine jüdische Abstammung zu eigen machen, die leibliche Mutter verleugnen, und Yad Vashem eine Liste erfundener Opfer der Shoah einzureichen, diese Dinge waren mir, als sie ruchbar wurden, unerträgliche Auswüchse einer alles Vorstellbare übersteigenden Geltungssucht und bittere Mißachtung unserer besonderen Sorgfaltspflicht im Umgang mit dem Holocaust, und zuguter Letzt Verrat an ihrer Identität. Oder, positiv gewendet, der Aufschrei einer verzweifelten, einsamen, vor  Liebe berstenden Seele? Was davon ist wahr, was davon ist nichtig?

Die Konsequenzen dieser Lüge waren für Sophie verheerend, für uns als ihre  Leser  bedeuteten sie eine Erschütterung des Vertrauens in die Literatin und die schiere Unmöglichkeit, diesen lieben Menschen, der  psychologischer Hilfe bedurfte wie Wasser gegen das Verdursten, aufzufangen und seine Schuld auf unseren Schultern zu verteilen. Eine Schuld, die sie sich selbst nicht mehr eingestehen konnte, befand sie sich doch längst in den Klauen der Sucht nach externer Bestätigung, die dafür sorgte, dass durch Fabulierkunst befeuerte Phantasmen die letzten Spuren der Authentizität im grellen Licht der Lügen tilgten. Der Hunger nach Worten hat sie am Ende sprachlos gemacht.

Eine Moral darin? Die gibt es nicht. Außer, dass wir uns immer bewußt sein sollten, dass bisweilen auch in unseren Anstrengungen, objektiv  als falsch sich entpuppende Erinnerungen vor uns selbst und anderen als Tatsachengebäude auszugeben, eine große fehlgeleitete Energie steckt. Wir beschönigen und glätten, lassen aus, ergänzen um attraktive, erfundene Details. Wir glauben es am Ende. Wir verteidigen die Unschärfen und Ungenauigkeiten, manchmal bis aufs Blut. Wir sind Blogger, wir tun so etwas, in welchem Umfang auch immer. Menschen tun so etwas. Das ist ein Umstand, den das Schreiben unausweichlich mit sich bringt. Wir sind nicht immer ganz bei uns. Wir verdrängen die Gefahren, die den Bemühungen nach Authentizität auflauern. Wir gieren nach Anerkennung. Wir wollen gelesen und  verstanden, und am Ende gar gesehen und erkannt werden.

So redete ich es mir ein. So legte ich es mir zurecht. Vom Vorschuß meiner Bewunderung, gar der Verliebtheit in den Ton und Duktus ihrer Sprache, die manchmal an Formen religiöser Erbauungstexte und kleiner Predigten erinnerten, von diesem Vorschuss sollte über das Ende hinaus etwas überdauern dürfen. Ich schuldete dem Fräulein Read On, diesem erzählenden Faszinosum, viel.  Ich schulde ihr immer noch. Immer noch so viel. Und ich frage mich, warum das so ist und warum ich ihr verzeihe. Die einzige Antwort, die ich dafür habe, ist: Sie hat mich berührt. Etwas Humanes, Sorgendes, Sensibles hat mich angefasst. Etwas Aufrichtiges schien durch das Dickicht der Lügen. Die leise Melancholie ihrer Sätze hat mich ins Herz getroffen.

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“
[aus: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein]

 

 

 

Loving benches – Warum ich Bänke liebe

“Life stand still here”; Mrs. Ramsay making of the moment something permanent (as in another sphere Lily herself tried to make of the moment something permanent)— this was of the nature of a revelation. In the midst of chaos there was shape; this eternal passing and flowing (she looked at the clouds going and the leaves shaking) was struck into stability. Life stand still here, Mrs. Ramsay said. “Mrs. Ramsay! Mrs. Ramsay!” she repeated. She owed it all to her.
(from: To the Lighthouse by Virgina Woolf)

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Notate 16 – Gott – Schwarze Löcher – Moral

Es gibt es keine gewichtigeren Beweise für die Nicht-Existenz Gottes als die Barbarei derer, die ihm huldigen. Andererseits ist es kein Beweis für seine Existenz, sollte sich jemand aufmachen und dieser Babarei ein Ende machen. Im Übrigen wird Gott selbst froh sein, nicht zu existieren, denn wer will sich schon mit der Barbarei gleichgesetzt sehen. Anstatt über Gott nachzudenken, sollten wir konstatieren, dass wir uns moralisch und sinnbezogen immer mehr in die Richtung eines schwarzen Loches bewegen. An seinen Rändern herrschen physikalische Bedingungen, welche die Zeit aufheben in der ein Sinn aufscheinen könnte, und wo ein Ort aufgehoben ist, in dem Moral sich vollziehen könnte. Insofern leben wir wirklich in „gottlosen Zeiten“. Nach Kant ist die moralische Vernunft Gottes nicht beweisbar. Sie liegt außerhalb unserer Erkenntnis. Das Böse und das Leid können jedoch nicht wegerklärt werden. Auch sei es unzureichend und gar widerwärtig, dies zu versuchen. Kant sagt, es sei besser Hiobs Haltung einzunehmen, und sich ohne Erkenntnis der Moral zu unterwerfen. Natürlich meinte er die „göttliche“ Moral. Wir müssen uns an  eine menschengemachten Moral orientieren.

Das Diminuitiv von Stein

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Ich spiele meine Rolle, nicht weiter schlimm, so muss es sein. Es geht um die Statik des Ganzen, da ist der Stein zwischen den Strebepfeilern wichtig. Immerhin, er ist gut behauen und braucht nur wenig Mörtel bis alles hält, paßsüchtig wie er ist. Schlüpft hinein in den Handschuh Gottes, auf eigenes Risiko, da schon Spinoza lehrte, dass wir nicht erwarten könnten, dass Gott uns wiederliebt. Der Stein liegt oder steht, eine Frage der Perspektive, als Teil oder Ganzes, und hat im Regen und der Trockenheit alle Zeit, über Sinn und Zweck seines Daseins nachzudenken, darüber, rissig zu werden oder nur moosüberwachsen, dörrend oder verwaschen. So sollte es sein und es ist nicht weiter schlimm.
Die Kirche darüber oder darunter, vielleicht ist es gar eine Kathedrale, ein Wunder des Glaubens, ein Himmelstor, manifest in den Blicken der Schafe, der Schuldbeladenen und des Lamento. Vielleicht ist es gar Agape und die vier Kreise der Hölle zugleich. Die Kirche darüber oder darunter, vielleicht ist es auch nur ein Haus in den Bäumen, steingetarnt, in dem die Vergangenheit Verstecken spielt oder ein Murmelspiel anstimmt, als es noch verheißungsvoll war, sich den Schleier des Schlafs von den Augen zu wischen und zu sehen, dass der Tag nur sich selbst hingegeben war und nicht vor der Zukunft kuschte wie ein Hofhund an kurzer Leine, dessen Gebell töricht ist und seine Ergebenheit wahrlich hündisch.
Also nenne ich es die Kirche, weil meine Rolle darin, als Stein, etwas Erhabenes erfährt. Als trüge ich einen Frack  oder eigens geschusterte Schuhe, die derb sind im Gang, spurig im Takt und offen für schnelle Richtungswechsel der Heuchelei, der Verstellung. Verstellung, welche Sprache benutzt, um etwas zu verbergen und mit Worten nichts anderes macht, als sie in eine stabile Seitenlage zu bringen während des Bombardements durch profane Tatsachen.
english-churchIch nenne es also die Kirche, da es der Inbegriff des Geistigen sei. Nicht unbedingt der Geist eines belastbaren Intellekts, eines kritischen, vorlauten. Eines Geistes, der vom Zweifel heimgesucht ist wie Hundefell von Räude. Über alles Irdische hinausweisend verweist dieses Geistige in Dimensionen, wohin der Kierkegaard’sche Sprung des Glaubens noch zu kurz gerät und infolgedessen tödlich ausfällt. So genau nehme ich es nicht. Den Stein entfernen, meine Rolle aufgeben, durch eine Rolle rückwärts sozusagen?  Ich frage das mit einigem Spott, der die Existenz erträglich macht, ein Gewürz, das der Säuernis und Bitterkeit ein paar Krumen aus den knochigen Krallen reißt. Diese Rolle hinter sich zu lassen hätte ja keine Bedeutung von Belang. Es brechen Kartenhäuser weg, nun gut, ein paar unernste Freundschaften, kann man aushalten. Vertrauen, sowieso von innen  aufgefressen und vom Firnis der Unaufrichtigkeit geschlagen. Blutsbande, was soll’s auch, wenn die unterschiedlichen Rhythmen des Alters unterschiedliche Geisteshaltungen hervorbringen, die sich der Geschichte des Anderen nicht mehr nähern wollen. Diese Rolle übernahm bisher der Stein. Gewichtige Rollen, Schlußsteine, Stützpfeiler und tragende Wände, Scheitelsteine. Von wegen und von Weitem betrachtet, nur Scharade und Gaukelei. Es gibt das Diminuitiv von Stein. Staub.

Herrenvariante der Hermeneutik

In Bezug auf den amerikanischen Herrn mit der orangefarbenen Fluglandebahn auf dem Kopf zitiere ich mich einmal selbst.

Wen der Anlass meines Statements interessiert, der schlage hier nach: https://bersarin.wordpress.com/2017/01/21/good-morning-america/

„Dazumal hatte man das Oberlippenbärtchen auch nicht auf der Hindenburg’schen Rechnung. Weltanschauung kann sich auch von konkreten Handlungsschritten ableiten lassen. Er hat noch keine Wannseekonferenz einberufen, klar. Wenn man sich aber anschaut, wie Trump Mauern bauen lässt, Obamacare auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt, Umweltschutz zu Grabe trägt, Presse boykottiert, Einwanderungspolitik als obsolet erklärt, alternative Fakten schafft etc., dann liegt eine Tendenz so bloß wie der Knochen, der aus dem Fleisch herausschaut. Mich beschleicht der Verdacht, dass insbesondere auf hiesigem Blog, aber auch bei denen ähnlicher Gesinnung, ein Elitismus um sich greift, der Empörung und Kritik als naiv und niedlich brandmarkt, nur weil er den eigenen Stallgeruch nicht wiederstinkt. Da kommt es dann zu semantischen Spreizungen, wo man Rassismus als kleinere Gefahr observiert, wenn er „nur“ ressentimentgeleitet daherkommt, anstatt ideologisch verbrämt. Es schmoren mir einige Salonauguren des linken Biotops zu sehr im Saft der Herrenvariante von Hermeneutik (bersarin nennt das nur anders: „Ich möchte endlich mal eine kühle sachliche Kritik an Trump: der Blick des kalten Analytikers.“). Das postmoderne, orakelnde Motto: Die Augen sind geschlossen, insofern wird schon alles nicht so schlimm. Wollen wir hoffen, dass die kalten Analytiker in einigen Jahren nicht zu Voodoopuppen greifen müssen, um das Böse abzuwehren. “

 

Fact follows fiction – Philip Roth – Verschwörung gegen Amerika – The Plot against America

Die folgende  Inhaltsangabe des Romans ist Wikipedia entnommen. Das Buch von Philip Roth habe ich 2006 gelesen. Im Roman geht es um das Leben der jüdischen Familie Roth während der Präsidentschaft des Atlantiküberquerers und von den Nazis hofierten Charles Lindbergh. Dieser setzt sich im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner gegen den amtierenden republikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt durch. Die Auseinandersetzungen in diesem Kampf sind geprägt von Lindberghs propagiertem amerikanischen Isolationismus  einerseits und dem von Roosevelt geforderten Eintritt Amerikas in den zweiten Weltkrieg andererseits. Mir erscheint es dringlich,  diese herausragende Fiktion auf das desaströse Faktum der Präsidentschaft Trumps treffen zu lassen. Meine Erschütterung über den Wahlausgang und die Angst vor seinen Folgen wird von Roth’s Altenativweltgeschichte in eindringlichere Worte gekleidet, als es meine eigenen könnten.

 

Wikipedia:

verschwoerung_gegen_amerikaVerschwörung gegen Amerika (englischer Originaltitel The Plot Against America) ist ein 2004 erschienener Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth. Die deutsche Übersetzung von Werner Schmitz erschien im August 2005 im Münchener Hanser Verlag. Der Roman ist dem Genre der Alternativweltgeschichte zuzurechnen. Der fiktionale Ich-Erzähler Philip Roth erinnert sich darin an seine Kindheit, in der er und seine jüdische Familie zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zu Opfern einer faschistischen Machtübernahme in den USA wurden.

Der Roman zeichnet den Weg der Familie Roth in den Jahren 1940–42 nach. Die Familie lebt zunächst in einem vorwiegend jüdischen Stadtteil von Newark vor den Toren New Yorks ein recht beschauliches Leben. Vater Herman Roth hat als Versicherungsvertreter ein kommodes Auskommen, die Mutter sorgt sich als Hausfrau um den siebenjährigen Philip, den zwölfjährigen Sandy und den gerade volljährig gewordenen verwaisten Neffen Alvin.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 gerät die Familie Roth in die politischen Wirren des Landes. Alvin meldet sich bei der kanadischen Armee freiwillig zum Kriegseinsatz, verliert im Feldkampf ein Bein und kehrt so auf Krücken und lebensmüde nach Newark zurück. Die Republikanische Partei  wirft derweil Präsident Franklin D. Roosevelt vor, eine pro-interventionistische Politik zu betreiben, also den Eintritt der USA in den europäischen Krieg an der Seite Englands in die Wege zu leiten. Der Luftfahrtpionier Charles Lindbergh,  der in den 1930er Jahren in Deutschland von Hitler  und Göring hofiert worden war und sich in der Folge durchaus wohlgefällig über den deutschen Nationalsozialismus geäußert hatte, schwingt sich zum Präsidentschaftskandidaten der Partei auf.

Mit der berühmten Spirit of St. Louis, dem Flugzeug, mit dem ihm 1927 die erste Nonstop-Atlantiküberquerung im Alleinflug der Luftfahrtgeschichte gelang, tourt Lindbergh nun durch alle 48 Bundesstaaten und wirbt mit dem Slogan Vote for Lindbergh or vote for war („Wählt Lindbergh oder wählt den Krieg!“) für seine Kandidatur. Unter den Juden Newarks breitet sich Angst aus, doch ausgerechnet einer der angesehensten Rabbiner der Stadt macht sich bei Lindberghs Visite in Newark zu seinem Fürsprecher. Für die Familie Roth ist dieser Umstand auch bedeutend, da dieser Rabbi Bengelsdorf kurz darauf Evelyn, die Tante Philip Roths, heiratet – die Roths bleiben der Hochzeit fern.

Lindbergh gewinnt die Wahl in einem Erdrutschsieg und zieht als 33. Präsident der USA in das Weiße Haus ein, und die antisemitische  Stimmung im Land verstärkt sich. Die Familie Roth muss dies bei einem Ausflug in die Bundeshauptstadt Washington D.C. am eigenen Leibe erfahren: Das Zimmer, das sie in einem Hotel gebucht hatten, wird ihnen ohne weitere Gründe verweigert, und auch andernorts muss sich Vater Herman als „vorlauter Jude“ beschimpfen lassen. Um Lindbergh entwickelt sich zwar kein staatlich verordneter, aber dennoch merklicher Personenkult dem auch Philips älterer Bruder Sandy verfällt. In Sandys High School wirbt die Jugendorganisation Just Folks dafür, die Schollenverbundenheit der amerikanischen Jugend zu stärken, und so wird Sandy über den Sommer auf eine Tabakfarm in Kentucky geschickt. Nach seiner Rückkehr hat er die quasi-völkische Ideologie des Programms verinnerlicht und entfremdet sich zunehmend seiner Familie. Einen Höhepunkt erreicht dieser familiäre Konflikt, als Sandy von Rabbi Bengelsdorf und seiner Frau Evelyn als Repräsentant von Just Folks ins Weiße Haus eingeladen wird, wo Präsident Lindbergh ein Festessen für den deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop veranstaltet. Vater Roth verbietet Sandys Teilnahme, und Mutter Roth verweist ihre Schwester Evelyn des Hauses.

Ribbentrops Besuch wird von vielen amerikanischen Juden als Vorbereitung zum Kriegseintritt der USA an Seiten der Achsenmächte gedeutet, und eine mit den Roths befreundete Familie wandert aus Furcht nach Kanada aus. Ihre Befürchtungen sehen sie bestätigt, als mit einem Gesetz namens Homestead 42 die Umsiedlung jüdischer Familien aus den jüdischen Siedlungszentren der Ostküste ins amerikanische Hinterland in die Wege geleitet wird. Für diesen Zweck wird eigens eine eigene Bundesbehörde gegründet, das Office of American Absorption („Amt für amerikanische Absorption“), bei dem auch Philips Tante Evelyn arbeitet. Vorgebliches Ziel dieser an die Erfolge des Homestead Act von 1862 rührenden Umsiedlung ist es, die Isolation der Juden innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu beenden und eine harmonische Assimilation herbeizuführen, doch tatsächlich geht es den Machthabern darum, den Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft und so auch ihren Einfluss bei lokalen Wahlen zu brechen. Die Roths sollen nach Kentucky umgesiedelt werden, doch Vater Herman widersetzt sich. Er kündigt bei seinem Arbeitgeber und arbeitet fortan als Lagergehilfe für seinen Bruder, Philips Onkel Monty.

Die politische Opposition, also die Demokratische Partei verhält sich bis zu diesem Zeitpunkt recht ruhig, doch nach dem Erlass des Umsiedlungsgesetzes setzt sich der scharfzüngige jüdische Zeitungs- und Rundfunkkommentator Walter Winchell an die Spitze einer Gegenbewegung. Nachdem er in seiner von Millionen Amerikanern gehörten Radiosendung Lindbergh und seine Gefolgschaft als Fünfte Kolonne Hitlers verfemt hatte, wird er von seinem Brotgeber William Randolph Hearst  entlassen, erklärt aber daraufhin seine Absicht, bei der nächsten Präsidentschaftswahl antreten zu wollen. Winchell beginnt sodann seine Wahlkampftour in New York. Bei seinen Auftritten in anderen Städten kommt es zu Unruhen, Attentaten und schließlich Pogromen, bis er bei einer seiner Reden erschossen wird. Seine Beerdigung in New York gerät zu einer Demonstration gegen den Präsidenten Lindbergh, die vom Bürgermeister La Guardia angeführt wird. Auch die jüdische Gemeinde Newarks rüstet sich gegen ein Pogrom in ihrer eigenen Stadt, als kurz darauf Lindbergh mit seinem Flugzeug spurlos verschwindet und sich die Meldungen und Gerüchte über das Schicksal Lindberghs überschlagen. Vizepräsident Burton K. Wheeler übernimmt die Amtsführung, was einem faschistischen Putsch gleichkommt. Regimegegner wie der New Yorker Bürgermeister LaGuardia und der vorherige Präsident Roosevelt werden verhaftet. Lindberghs Frau , die immer zur Besonnenheit gemahnt hat, wird in eine psychiatrische Klinik geschafft. Auch Rabbi Bengelsdorf wird als Rabbi Rasputin festgenommen; seine Frau sucht Zuflucht bei den Roths. Schließlich gelingt es Lindberghs Frau zu fliehen. Sie fordert in einer Radioansprache die Amerikaner auf, Wheeler die Gefolgschaft zu verweigern, und ihr Ansehen als First Lady verhilft dem Appell zum Erfolg. Lindberghs und Wheelers Herrschaft wird als mutmaßliche Verschwörung Nazideutschlands enttarnt, und bei der nächsten Präsidentschaftswahl gewinnt Roosevelt. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour treten die USA in den Krieg ein – die Weltgeschichte verläuft wieder in den „tatsächlichen“ Bahnen.

Totenmeer

Mahnmal Flüchtlinge Lampedusa
Mahnmal Flüchtlinge Lampedusa

 

Das Meer ist die Enge, in die man stirbt.
Untiefen, die vom versinkenden Mund
ein ungläubiges Raunen rauben, finalen Zorn, ureigen und satt.

Die Stille, die Cellobögen schaffen,
wenn sie die Zärtlichkeit des Streiches neu erfinden.
Worüber nun ein lustiger Tag am Meer urteilt,
henkt und in enger Luft vergeht.

Erzähle vom Riss,  der uns spaltet,
vom erbarmungslosen Nicht-Verständnis,
vom regellosen Hass in exekutierten Gesprächen,
von westlicher Raffinesse der Raffgier
und von der satten Selbstverständlichkeit des Wohlergehens.

Riss, der uns zerrissen wähnt,
weil der Fremde zur Pietà zwingt, der wir uns nicht fügen.
Wir sind das kalte Sentiment,
in Erz geschlagen, grausam, ganz aus Glas.
Die Via Dolorosa auf feigem Rückzug in ein schattigeres Hinterland.
Übers Meer gekommen, fließt euch ein Blick schon von Rauch zu,
aus dem man Todesfugen macht.

© Achim Spengler

Mengenlehre der Demokratie

Habe ich da ein Ermächtigungsgesetz verpasst, mit dem sich das Pack als Volk ausgeben und verraten fühlen darf? Höchste Zeit, dass die Teilmenge Pack aus der Grundmenge demokratisch gesinnter Staatsbürger eliminiert wird, in der sie dreist schmarotzt.

Weniger und Mehr

Das Mehr mit dir war jetzt das Weniger mit mir. Davor gab es keine Stille, auf deren Schwingen die Einsamkeit flaniert. Wie kann es sein, dass etwas sich auffüllt und ohne es, allein, weniger zurückbleibt als leere, notgefüllte Freiheit? Wir verweilen in Allem. Wir verweilten im Geschmack von Kirschen, dem Versteck in den Holunderbüschen, marodierenden Hütten aus Moos. Wir trinken Bluttropfentau aus Fingerhüten, schließlich lauern große Erwartungen am Saum deiner Lippen. Wir waren das, was die anachrone Zeit uns aufgab. Wesen aus einer anderen, durchsubjektivierten Welt, deren Rauschzustände unaufhaltsam sind und von Dauer. In der Sommerhitze trank ich Wasser aus der Kehle deiner Hand und dachte, dass die Kindheit das Narrativ ist des Zugleichs, und dass wir Berserker sind, willige Gefährten der Triebtäterin Natur.
Am ersten Tag saß ich neben dir und neben der barbarischen Nervosität meines nach unten gerichteten Blicks. Heute weiß ich, es war der verpasste Augenblick, diese winzige Leerstelle, in der sich das Bleiben versammelt oder die Rückkehr in den Normalzustand meiner Sinne. Meinem starren Blick, blutleer und voller Verzückung auf das ganze Unerreichte, danach. Ich weiß jetzt, dass ich dich nie begriff. Das Dunkel in dir, eine pechschwarze Haut, die nichts reflektiert, bis du überraschend einen Hinweis darauf gibst, der im Zorn meiner Neugierde zerfällt. Dann dein Gesicht, der kleine Mund, das vorsichtige Streicheln meines Unterarms. Du musstest wissen, dass dieser Platz, diese Markisen und der sachte Regen, die Sonne in den Ästen der Platanen sich in uns brennen würden, schon gezeichnet durch die Aussicht auf das Scheitern. Um uns herum das Nichts von Stimmen, manchmal ein Lachen, der kleine Junge und sein Spielzeugauto. Für ihn sind Jahreszeiten nur die Unterschiede zwischen Jubelschrei und Freude. Für uns sind sie Zäsuren, die uns trennen.

© Achim Spengler

Brexit

Nigel Farage
Nigel Farage

Das sind die Gesichter , die die Zukunft von Generationen auf dem Schafott des populistischen Revanchismus meuchelten. Die vom Independance Day schwafelten und der Weltoffenheit den Garaus machen. Die den eminenten Beitrag des Landes zur Wahrung des kontinentalen Friedens aufkündigten.
Das sind die Gesichter,  die von nationaler Unabhängigkeit faselten und Fremdenfeindlichkeit meinen. Die in den Exklaven ihrer Schrebergärten einen Traum von grandioser Vergangenheit träumen, einer Vergangenheit, die so tot ist wie sie es selbst bald sein werden. Die einen Sieg errungen haben, ohne eine einzige Kugel abfeuern zu müssen.  Mit Ausnahme natürlich der Kugel, die Remain Befürworterin Jo Cox traf, aber hey, mit Kollateralschäden ist in solch heftiger Gemengelage immer zu rechnen.
Steht zu hoffen, dass das Mutterland der parlamentarischen Demokratie in der Hitze des Gefechts sich nicht genötigt fühlt, zu den Waffen zu greifen, um seinen geografischen und politischen Zerfall aufzuhalten.

 

Das Elend der Altersvorsorge

Die private Altersvorsorge ist die Investition in die eigene Vergänglichkeit.  Eine Investition in einen langsam heruntergewirtschafteten Körper. In den, wäre er zum Beispiel ganz materialistisch betrachtet, sagen wir,  eine Bruchbude unter Denkmalschutz, niemand investieren würde. Der alternde Mensch wird zweifach bestraft.  Durch die nachlassende Physis und die Besteuerung seiner mühsam angesparten Rente.  Man sollte darüber nachdenken, ob die Akkumulation ersparten Kapitals durch ein Modell abgezinster  Dekumulation ersetzt werden sollte. Dahinsiechende Kapitalveräußerung bei hinsiechendem Körper und die Gewähr, dass die Nachkommenschaft keine Rendite mehr verprassen kann.

Vom fruchtbaren Schoß, aus dem das kriecht

Alles hat seine Zeit. Nur die Utopie nicht. Sie sei aufgrund menschlichen Versagens nicht durchführbar. Hat Stephen Hawking gesagt. Die braune Utopie der 20er bis 40er Jahre des letzten Jahrhunderts war natürlich undurchführbar, gemessen an ihrer prognostizierten 1000jährigen Herrlichkeit. Doch der Preis für ihr unmenschliches Zwischenspiel  war ungeheuer, offensichtlich jedoch bezahlbar, zumal mit Milliarden US-Dollar des General George Marshall.
Die Frage darf auch heute noch gestellt sein, warum dem barbarischsten aller Völker überhaupt wieder auf die Beine geholfen wurde, zu welchem Gewinn,  zu welchem Zweck?  Befehlsnotständler, Mitläufer, Mitwisser und Straußenvögel, all jene hätten ein verstepptes Deutschland, mit landwirtschaftlichem Zuschnitt zur Selbstversorgung, allemal verdient gehabt.
Die Nachkriegsgeschichte war gnädig mit uns und es kommt in mir das Gefühl auf, als wüssten sie es, als ahnten sie es, dass man ihnen auch heutzutage keinen ernstgemachten Strick drehen wird, dass man irrationales Verständnis haben könnte für ihre dummdreisten, geschwätzigen, inhumanen Verlautbarungen und ihre kleingeistig-arrogante Faktenresistenz. Oder steckt dahinter eine selbsterfüllende Prophezeiung, über die wir nicht nachdenken wollen, dem Motto gemäß, was nicht sein darf, kann nicht sein? Das darf man ja wohl noch sagen dürfen.  Darf man nicht, und da es unbelehrbare Sätze sind, bleibt nur der körperliche Schmerz, das Faustrecht, das Recht auf Notwehr. Und der endgültige  Ausschluß aus der Liste der gerechten Völker, sofern es diese Liste tatsächlich geben würde. Das Volk hat sich wahrlich bis aufs Knochenmehl blamiert. Unbelehrbarkeit ist sein Stigma. Und das ist etwas, was dauerhaft über die Arendt’sche Banalität des Bösen hinausgeht. Dieser unbelehrbaren selbstverständlichen Selbstverständlichkeit kann man mit Worten nicht begegnen. Nie. Daran haben sich vorzüglichere Geister schon versucht. Oder Sozialpsychologen. Ideologische Borniertheit, wenn sie sich in der Borniertheit einer ganzen Gruppe aufgehoben fühlt, geht einher mit Narzismus, Grandiosität, Gigantomanie, rein und unverfälscht. Wer auf diese überhöhten Selbstbilder freiwillig verzichten möchte, hat eine gegenläufige Art von Gehirnwäsche vor sich, oder er findet eine Droge, die das Gegenteil des  aufgeblähten Egos, das kleine gehirnamputierte Würstchen, im Rauschzustand erzeugt.

Diejenigen, die jetzt auf Geschichte pfeifen, auch auf ihre eigene, z.B. im Streichelzoo des real existierenden Sozialismus, sind die gleichen, die Geschichte wiederholen. Das Volk von Demokraten, das Volk von Rechtstaatlichkeit und Grundgesetz, das Volk  von  Montagsdemonstrationen sind sie nicht. Weil sie nicht klug genug sind, um einen solchen geistigen Diebstahl überhaupt begehen und verkaufen zu können.
Alexander Mitscherlich hat von des Volkes Unfähigkeit zu trauern gesprochen. Daran scheint sich nichts geändert zu haben. Hinzu kommt die Unfähigkeit zur Scham, zur bewußtseinserweiternden (Selbst)reflexion. Es gibt keine Gegenwart oder Zukunft, nur die Vergangenheit, die immer und immer wieder geschieht, jetzt. Das sagte Eugene O’Neill, der große irisch-amerikanische Dramatiker. Und sein Satz scheint zu gelten besonders dann, wenn die niedersten, egoistischsten, verleumderischsten, hetzerischsten Umtriebe augenscheinlich werden. Wenn man dieser Charakterisierung von Geschichte folgt, so passt das Bild vom Ewiggestrigen zur Totalen eines vermuteten deutschen Charakters, von dem Churchill einmal gesprochen hat, dass er entweder Stiefel leckt oder einem an die Kehle will, aus aufklärerischen Gründen natürlich und im Namen der Rettung des Vaterlandes. Viel aufklärerisches Licht schüttet sich gerade über Flüchtlingsheime aus, aber diejenigen, die da schütten, bleiben doch selbstverschuldet unmündig im Kontext chauvinistischer Brand- und Schandreden. Das Wehret den Anfängen ist in diesem Zusammenhang immer das zu Spätgekommene. Anfänge gibt es nicht, subkutan schlummert das sittlich Erbärmliche immer, schlummert die unausrottbare Xenophobie.

Den Tonfall ändern. Die ganze Tonspur ändern, alles auf den Prüfstand verunmöglichter Kommunikation stellen. Das, was aus dem noch fruchtbaren Schoß gekrochen kommt, ist an der Quelle selbst zu stellen und zu bekämpfen. Wenn der chauvinistische Krakeel zündelt, die ewiggestrige braune Sauce überschwappt, dann hilft dagegen kein Verweilen im Wolkenkuckucksheim besoffener Besinnlichkeit, in der Hoffnung, die Zeit würde,  im Marschschritt, alles wieder in den guten Ausgang der Geschichte wenden. Die Anstrengungen argumentativer Vermittlung kann man sich ersparen. Man kann es sich eskapistisch am Bollerofen recht gemütlich machen, vorausgesetzt, man befindet sich nicht in Ruf- und Hör -und Moralweite eines Flüchtlingsheims. Der Rückzug ins Private, in die Schrebergärten, bietet keinen Schutz vor den antagonistischen Parolen der Welt.

Was tut die Zeit, wenn sie nicht heilt?

Wohin es uns führt, wenn wir über die Zeit spekulieren, erhellt sich an der Frage, was denn mit ihr  geschieht,  wenn das Universum in den Grenzen dessen, was uns vom  ihm bekannt ist, endet. Oder ein neues entsteht.  Isaac Newtons absolute Zeit, die an sich verfließt, und dies gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand, diese solcherart aufgefasste Zeit hat kein Ende, da sie weder an die mikroskopisch kleinsten, noch an die makroskopisch größten vorstellbaren Dinge gebunden ist. Sie ist auch nicht an Bewegungen gebunden. Sie existiert, egal, ob wir existieren, ob wir versuchen sie zu beobachten oder ob wir sie mit deskriptiven Begriffen einzuhegen suchen. Sie ist. Für jeden Beobachter ist sie universell gleichermaßen gültig und in ihrer Indifferenz messbar. Das ihr unterstellte Fließen suggeriert dabei, dass sie keinen Unterbruch kennt und keinen Richtungswechsel. Schopenhauer  jedoch spricht vom stehenden Jetzt, dem nunc stans, welches das Wesen der Zeit sei. Der mit ihr einhergehende Wechsel von Erscheinungen und Begegebenheiten sei eine bloße Folge unserer Auffassungen derselben in den Anschauungsformen der Zeit. Die Anschauungsformen der Zeit erst machen aus ihr einen in die Zukunft gerichteten Zeitpfeil. Kant seinerseits spricht von der Zeit als notwendige Vorstellung, die allen unseren Anschauungen zugrunde liegt, insbesondere, wenn es um die Betrachtung unseres zerfallenden Körpers geht. Und zuguterletzt die Sensation, dass die Zeit eine relative Größe sei, gebunden an Bezugssysteme, unterscheidbar gemessen, wenn jene Systeme  sich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit zueinander hin- oder fortbewegen. Uhren lügen nicht, sagte Einstein und Zeit sei, was Uhren anzeigen.

Diese Dichotomien können verwirren. Noch verwirrender ist allerdings für mich die Frage, was die Zeit denn tut, wenn sie nicht heilt? Die liebe Candy Bukowski (hier gehts zu ihrer Seite) hat sie mir gestellt. Eine veritable Nussknackerfrage, mit Fallstricken und Spekulationen versehen, tiefen Blicken in die tiefsten Abgründe der Zeit und dem zeitlosen Bemühen, sie verstehen zu wollen. Obwohl Wittgenstein beschied, dass die Frage Was ist die Zeit?, keine sinnvolle Frage sei.

Zeit1Aber hier soll es nicht um die Frage nach dem Wesen der Zeit gehen. Wenn man behauptet, die Zeit heile alle Wunden, unterstellt man ihr, dass sie bei der Rückgewinnung unserer seelischen und körperlichen Gesundheit eine aktive Rolle ausübt. Hat sie dann auch ein Wesen, ist sie dann eine kommunikative Instanz, eine Persönlichkeit, die ich auffordern kann, zu heilen?  Und was sind die Konsequenzen, für mich und die Zeit selbst, wenn sie es nicht tut? Kann ich klagen? Allein der Indikativ, den wir der Zeit zukommen lassen, wenn wir sagen sie zeitigt, gibt unserer Überzeugung Ausdruck, dass sie mehr für uns ist als nur der ferne Hauch ihres Vergehens.

Wir empfinden, dass sie hinter unserer Individuation steckt und unser Leben in ein Davor und Danach unterteilt, sie uns am Ende vielleicht doch noch als religiös verbrämtes Vehikel ewigen Lebens metaphysischen Trost zu spenden in der Lage ist. Heilt sie aber auch, weil sie es kann, aktiv, mit oder sogar ohne Aufforderung? Angesichts meiner Vergänglichkeit, so mein Urteil, ist die Beantwortung dieser Frage nicht notwendig, weil sie nicht wichtig ist. Es ist meine Annahme, dass ich an meinem Lebensende alle geistes- und naturwissenschaftlichen Begriffsbindungen zur Zeit leichthin  würde kappen wollen, wollen würde, dass sie nicht mehr um mich sei, wenns ans Sterben geht. Würde ihr das Recht absprechen wollen, meinen Körper als unheilbares Gefäß meiner Seele zu zeitigen, obwohl mir bewußt ist, dass er im Prozeß des Zerfallens das Korrelat des thermodynamischen Zeitpfeils darstellt, der in die Richtung vollständiger Entropie verweist. Am Ende aber heilt sie nicht, die Zeit, es scheint gegenteilig so zu sein, als lege sie mit zwischenzeitlichem, potentiellem Heilen nur eine falsche Spur der Illusion, dass es mit ihren lebenserhaltenden Potentialen immer so weiter gehen würde.

Die Newton`sche Zeit hätte gleichwohl alle Zeit der Welt, zu heilen, unabhängig davon, was denn zu heilen wäre. Liebeskummer, Verlust, Schmerz, sogar den Krieg, dem sie irgendwann einmal den Frieden schenkt. Alle Zeit der Welt zu haben entzieht sie aber auch dem Umstand, haftbar gemacht werden zu können, wenn sie es nicht schaffen sollte, im zeitlichen Erwartungshorizont eines trauernden Menschenwesens zur angemessenen Rechtzeitigkeit seelische Entlastung zu bringen. Und was ist, wenn sie es überhaupt nicht schaffen will, sozusagen nie? Dieses Nie ist doch nur ein vorläufiges NIE, innerhalb unserer begrenzten Lebenszeit.

Im Tod sind alle gleich und die große Wunde des Lebens ist für immer geschlossen. Vielleicht denkt so die Zeit und was kümmert es sie dann, wenn wir trauern? Kümmert sie sich um uns? Heilt sie vornehmlich in überschaubaren fristgerechten Zeitblöcken, eingedenk unserer kurzen Zeit, die wir auf Erden verbringen? Heilt sie innerhalb von Zeitabschnitten, die es uns ermöglichen, den Fortschritt unserer Seelenlage hin zur Heilung bewußt erleben zu können? Ist es nicht anmaßend von uns, von der Zeit individuelle Heilung zu fordern, während sie doch Wichtigeres zu tun hat, nicht an anderen Orten, sondern überall zugleich? Vielleicht ist Zeit wirklich nur die Methode der Natur, zu verhindern, dass alles auf einmal passiert, wie es John A. Wheeler einmal trefflich formuliert auf einer Toilette in Austin, Texas, fand. Ist das Wichtigere für sie nicht das Element, aus dem sie besteht, nämlich dem Vergehen hin in Richtung auf ihre Unendlichkeit, ihre Ewigkeit? Diesem Paradoxon? Ihrem nunc stans? Und ist es infolgedessen nicht logisch zu behaupten, bei all den Prämissen bis hierher, dass sie vergeht, nicht nur wenn sie nicht heilt, sondern grade auch dann, wenn sie es tut?

Schwindelmachende Abgründe. Eines ist dabei gewiss: Zeit als physikalische Größe, als Abfolge von Ereignissen, deren Reihenfolge unumkehrbar ist, diese Zeit macht nicht wieder alles gut, exakt so wie es davor war. Der Zeitpfeil, liebe Heilsuchende, ist unumkehrbar. Das betrifft auch die Wunde, die nicht mehr in ihren Vorläufer, die nicht vorhandene Wunde, zurückverwandelt werden kann. Insofern ist das Heilen, wie es die Zeit vermag, gebunden an die Tatsache, dass sie nicht wiedergutmachen kann, sondern allenfalls kann sie vergessen machen. Das scheint mir plausibel zu sein. Der einzige Aggregatszustand der Heilung ist das Vergessen dessen, was es einmal als narzistische Kränkung gab. Auch der Ersatz dient dem Vergessen. Oder das Neue. Das neue Interessante. Thomas Mann hat in seinem Roman Der Zauberberg davon gesprochen,

York - Shambles
York – Shambles

Wir alle wissen, wenn es zum Liebeskummer kommt, wie die Zeit sich dehnt, wie sie kriecht, wie sie liebäugelt mit ihrem Stillstand und wie das immer wieder zu unserer größten anzunehmenden Verzweiflung führt. Die Rettung naht gewiss nicht nicht mit Newtons absolutem Zeitbegriff. Auf diese Art von Zeit haben wir keinen, die Nöte erleichternden Einfluß. Bei der relativistisch zugerüsteten Zeit dagegen braucht es schon einen Anflug von Lichtgeschwindigkeit, mit der wir uns und unsere Trauer bewegen, damit überhaupt ein heilender Effekt vergleichbar gemacht werden könnte, verglichen mit den heilenden Effekten der Zeit auf die konventionell sich fortbewegenden Trauerreisenden. Erst dann gerinnen das Trauern und das Heilen zu relativen, zeitlichen Größen, die unterschiedlich dauern. Die Quintessenz? Wir haben es selbst in der Hand, wie schnell zur Heilung geschritten werden kann, da es auch an uns lag, wie ausgeprägt die Trauer war, und wie schnell wir ihr davonfliegen. Nicht die Zeit heilt, sondern wir geben uns Zeit, damit etwas heilen kann. Dieser Tatbestand inthronisiert die Passivität  der Zeit, welche einfach nur vergeht. Es sei denn, wir reisten, als Zwilling, mit Lichtgeschwindigkeit, zusammen mit unseren Wunden.  Dann ist es so, dass unsere Wunden bei der Rückkehr zu dem Ort, wo wir unser Zwillingsgeschwister verlassen haben, vielleicht geheilt sein mögen. Währenddessen die Wunden des zurückgebliebenen Zwilling schon meterdick verschorft sind, im Orkus des Vergessens verschwunden. Dann mag es sein, dass er einen Menschenpartner gefunden hat, der ihm das Vergessen ans Herz gelegt und die seelische Wunde in eine  Archivnotiz der Biografie verschoben hat.

ÄskulapstabIch befürchte, die Wunden sind immun gegen die Zeit. Sie flackern in der Höhle unserer Erinnerung immer noch als Restwahrnehmungen einer Erschütterung. Die Zeit heilt keine Wunden. Es ist die Hand, die heilt, die uns führt, das Herz, das für uns schlägt, der Arm, der uns umfasst. All das heilt, wir erleben es jeden Tag. Die Zeit selbst hat von ihrem Vergehen keinen Begriff, obwohl sie es tut, weil wir ihr dabei zuschauen, immer dann, wenn wir unseren Körper beobachten. Wie kann sie dann einen Begriff von Heilung haben? Die Frage, was die Zeit tut, wenn sie nicht heilt, ist eine poetische Frage. Sie entstammt dem großen Fundus märchenhafter Narrative. Dort führt sie ein Eigenleben, ist nicht gebunden an den Takt und die Struktur unserer Lebensführung. Sie setzt sich als Absolutum über unsere jeweiligen Eigenzeiten hinweg und hat in ihrem Tornister das Riechsalz gegen die Ohnmacht. Das Besteck gegen den Hunger nach Liebe. Das Antibiotikum gegen den bakteriellen Befall des Liebesentzuges. Wir wünschten uns so sehr, dass sie heilen möge. Vielleicht tut sie es, weil wir daran glauben.

Die Stille unter Kathedralen – Hortus Conclusus und Entropie

 

„Als ich stürzte, hüllte Dunkelheit mich ein wie ein dicker Filz. Darauf habe ich mein Leben lang gewartet, war mein Gedanke. Auf diese Dunkelheit, eine absolute Stille“ (Rachel Kushner: Flammenwerfer)

 

Edward Hopper’s October on Cape Cod oil
Edward Hopper – October on Cape Cod

Die Rettung des Ich aus den Klauen des fanatisierten Kollektivs. Was noch kaum  möglich ist, weil meine Antennen für das Fremde noch nicht justiert sind, und mir der Fanatismus als größter anzunehmender Zweifel an der Gewissheit gilt, gegen den kein Kraut gewachsen ist, aus welchem Schoß er auch immer kroch. Mein Ich als „Hortus Conclusus“ zu begreifen, als schützender Ort von Meinungsstärke und Überzeugungskraft, ich mache  mir nichts vor: Der Kampf um die Würde des fremden Menschen beginnt in mir, und damit steht und fällt ein letztgültiges moralisches Urteil über mich selbst. Mein Humanismus war bis hier und heute kein elementar herausgefordertes Stück Moralität oder Fremdenfreundlichkeit oder Empathie. Mitten durch meine durchschnittlichen Herzlande wird sich erweisen,  ob ich mich einer hehren Idee von Mitmenschlichkeit wenigstens würdig zeige. Es wird sich ergeben, ob ich aus den Kerkern des kollektiven Wahns hinaufsteigen kann wie aus „dem sechsten Kreis der Hölle“ an das Licht. Rilke sagt, ein jeder Engel ist schrecklich. Insofern möchte ich kein Engel sein. Ich möchte auch kein Flammenschwert ziehen müssen gegen Hamlets Meer von Plagen und im Anrennen dagegen enden, sterben oder schlafen. So daß ein Horatio, der aus seiner Freundeshaut nicht konnte, ewiger Zeuge ist,  Zeitgeist und Biograph des Schreckens.

Die Stille als Reflex, die sich durch die Rosinenpickerei geschichtlicher Betrachtungen ergibt, immer dann, wenn man den teuflischen Schrecken im Relief der Geschichte glattbügelt und die Idyllen der Friedensdividenden exkludierend in den Adelsstand eines  guten Endes von Geschichte hebt. Fehlgetan. Die Zyklen der Gewalt schreiben Geschichte. Die Bitternis schreibt Geschichte, die sich als Fratze über das Gesicht der Hoffnung stülpt. Die Frauenfeindlichkeit schreibt Geschichte, die Unterdrückung des weiblichen Elementes noch in jeder Nische der Anwendung des anthropischen Prinzips in der Betrachtung der Bedingungen des beobachtbaren Universums. Jenes Universum, welches durch den Anthropos beobachtbar ist, weil es lebenermöglichende Eigenschaften besitzt, die seine Beobachtung durch bewusstseinsfähiges Leben  erst ermöglicht. Nur dass der ANTHROPOS der MANN ist und nicht wenigstens der MENSCH. Von der bewußtseinsfähigen FRAU ist im Krakeel des besoffenen Machismo sowieso keine Rede. So dass, ich gestehe, ein schwarzer Regen kommen möge, der die Horden des machtberauschten Testosterons an den Testikeln packt und von den Straßen spült, weltweit. Nicht was sich ziemt, nur, was wir fühlen, sagen, sagt Edgar in König Lear. Mehr fühle ich nicht, mehr nicht.
Wir leben nicht in der Kenoma, der Leere oder des leeren Raums der Gnostiker. Außerdem scheint diese mir kein erstrebenswerter Geisteszustand zu sein, und wenn, so ist sie, wie die Stille, nicht mehr zu haben. Davor steht das Pleroma der Postmoderne , die schreckliche „Fülle des Lebens“, in ihrer modernen Abart von Gewalt und Hass, von ökonomischen, ökologischen und religiösen Ausbeutesystemen. Ein Hintergrundrauschen, so heftig, dass aus der erstrebten Stille des Individuums ein Ort entsteht zu einer Zeit, in der alle Lautdifferenzen den Kältetod gestorben sind. So, wie man es in thermodynamischen Systemen als einheitliche Ausgleichstemperatur erwartet, im Zustand der Entropie. Nur, dort geht es um energetische Prozesse. Der entropische Zustand der Menschheit am Ende der Menschheitsgeschichte, begriffen als abgeschlossenes thermodynamisches System, wird  im atomaren Overkill der Wärmetod sein. Enden im Tohuwabohu, der in der Genesis erwähnten formlosen Öde. Das Eintreten ihres Kältetodes durch die Bewahrung eines ewigen Friedens ist nach Lage der Dinge dagegen nicht sonderlich realistisch. Immerhin, endlich Stille. Müssten wir sonst nicht irre werden an uns selbst? Und enden wie König Lear, im Wahnsinn? Oder wie Hamlet, im Nihilismus?  Oder wie Nietzsches „toller Mensch“, der auf den Marktplätzen der Welt nach Gott sucht?  Das Schlimme daran ist, dass er längst gefunden wurde und gebrandmarkt ist für immer und als Wechselbalg jedweder Art von Schrecken seine Clownsrolle übernehmen muss. Ich bin mir sicher, wenn es ihn gäbe, er würde sich die Clownsmaske vom Gesicht reißen. Würde er den toten Christus, oder Mohammed vom Weltgebäude herabreden lassen, dass kein Gott sei?

Der Schrei Edvard MunchNietzsche meint, wir hätten die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. Ich sage, wir haben Kathedralen, in deren Schatten Frauen sich nicht sicher fühlen können. An dieser Wahrheit kann man leicht zugrunde gehen. Wenn ich also über Stille schreiben will, dann kollidiert das mit den äußeren Befunden von Laut und Schrei und Klage und Zorn und Wut und Hass. Um aktuell etwas über die Stille schreiben zu wollen – als die ersehnte innere Haltung der Gelassenheit –  müsste ich mich zum Boykott meiner eigenen Wut und meiner Trauer und meines Zorns aufrufen.  Vielleicht ist das Skandalon des Alters genau dieses: Den seligen Urständen eines Nihilismus letztlich entsagen zu müssen, mit dem man sich Jahrzehnte lang hat heftig arrangieren können. „Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen (König Salomo)“. Vor dieser, damaligen Haltung steht jetzt die Klage über die eigene Vergänglichkeit. Ein Neubestand an Trauer steht davor, Trauer etwa über die  zerfledderte Existenz, weil es wohl wirklich so ist:  „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt (Thomas Hobbes)“. Dass wir an der Wahrheit der Kathedralen nicht zugrunde gehen mögen, noch die Stille an dem Schrei zugrundegehen mag, dieser krakenhaften Tapeterie aller Zeitalter der Gewalt.  Die Stille zu suchen, sich in ihre Richtung aufzumachen, bedeutet aber, den Schrei nie loszuwerden. Die Stille ist das Passepartout, die Hand, die in den Handschuh der Gewalten passt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Freiheit ?

Wir sollten innehalten und überlegen, wie beschaffen unsere Vorstellung von Freiheit wirklich ist, die wir in diesen Zeiten glauben verteidigen zu müssen. Wie beschaffen unsere Ideen von Gleichheit und Brüderlichkeit tatsächlich sind. Ob der Reflex der Fremdenangst sich nicht nur auf das unfassbare Außen richtet, sondern seine kalten, menschenverachtenden Tentakel schon  immer auf diejenigen gerichtet hat, die unsere Nachbarn sind. Nachbarn des gleichen Viertels, der gleichen Straße, des gleichen Hauses. Nachbarn der gleichen politischen Idee eines freien Europa.
Wenn Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit Träume waren, so sind wir schon lange daraus erwacht.  Von den Werten der sogenannten freien Welt zu träumen heißt, beim Erwachen in nicht nur diesen Tagen in die reale Fratze des Raubtierkapitalismus zu blicken. Und wir wissen, daß wir auf die erfindungsreichen Märchen unseres Verdrängungsapparates angewiesen sind, ohne den wir ganz und gar  an den Strategien der Verwertungsmaschinerien von Mensch und Material verzweifeln müssten. Freiheit, die ihren Namen verdient, oder Brüderlichkeit, entfalten sich vollständig erst in der Nähe zu einem Fremden. Oder sie scheitern kläglich, weil sie das Fremde nicht mitdenken, es zur disponiblen Masse von Abwehrhaltungen herabwürdigt.  Aber ohne die ausgehaltene Nähe zum Fremden sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nichts.
Der islamistische Terror, als dessen umtriebiger Co – Geburtshelfer der Westen sich jeden Tag aufs Neue bewährt, vielleicht ist dieser Terror nur der Zwilling des Terrors einer sinnbefreiten Leere, die in uns herrscht, da es uns an wahrer Liberté, Egalité und Fraternité systemisch gebricht. Betroffenheit und Erschütterung sind nicht das moralische Privileg des Westens. Noch sind es Trauer und Wut. Der Blutzoll der Muslime, die dem gleichen Terror zum Opfer fallen, ist dem Westen in den Gazetten des Mainstreams nur eine Fußnote wert und wiegt doch um so vieles mehr. Unsere Trauer ist wählerisch. Unser Zorn sektiererisch. Der Begriff der Freiheit ist ohne das Eingeständnis eigener Schuld und der Demonstration von Scham nichts wert. Nothing comes from nothing.

Die Arbeit als Ding an sich

The Hakushu
I confess. Einen Schluck “The YAMAZAKI Single Malt “ am vorgerückten Vormittag  und dann eine selbstgedrehte “Samson Bright Blend” auf nüchternen Magen. Das erinnert an Urlaub, aber nicht an  gesundheitsbewusste  Correctness.  Ich bin geladen. Echauffage pur. Ist der Herbst grausam, weil er die Blumen verwelken lässt? Ist der Beruf grausam, weil er mich aus meiner meditativen Gelassenheit herausreißt wie ein durchgeknallter Gärtner das Unkraut, samt Dornröschen und Schneeweißchen?
Ist der Herbst meiner Arbeitswelt grausam, weil ich erinnert werde an das Ding, das meinen Lebensunterhalt garantiert wie eine Hoverboatfahrt über klüftige Meeresspiegel der Armut? Hat die Arbeit nützliche Beiträge zur Zivilisation geleistet? Nie nicht.
Ich kratze mir genüsslich am Hintern, stimme mich mit Koffeinduft und zerlaufenem Camembert auf eine dienstägliche Orgie des Abhängens ein, und zack: Der Anruf aus der Anderwelt. Glitschige Tentakeln aus dem Immerland. Problemhäufchen, die sich zu  Gebirgsketten aufgeschobener, nie aufgehobener Stressbrocken auftürmen. LMAA. Vier Buchstaben, die keine Probleme lösen, aber emotional entlasten. Das können sie  besser als jedes Palindrom.
Ich rufe: “Oh Sir! Die Besten sterben zuerst. Und deren Herzen trocken sind wie Sommerstaub, verbrennen bis auf den Grund.”  Trotzdem. Ich mache mir nichts vor. Dieses Ding an sich ist real, ist erfahrbar, erkennbar. Ist. Ist die Arbeit. Ist keine Frage der individuellen Perspektive. Ist alles was ich weiß. Dringt in jede Pore. Ist der unentdeckte Bandwurm. Ist das Akabane-Virus, das jetzt von Mensch zu Mensch, von Mann zu Frau springt. Es springt sogar zwischen Eselsbrücken hin und her. Hat die Eselsbrücken meiner Arbeitsverweigerung gekapert.
Was tun, was nun? Verbrennen die Arbeit bis auf den Grund? Die Freizeit erfinden, weil es sie nicht gibt? Mich zum Lorenzo von Matterhorn der IT-Abteilung stiliseren? Zum Spion, der aus der Hängematte kam? Zum dritten Mann, der einen Ablasshandel mit Arbeitsstunden betreibt? Oder doch agieren wie nach Voltaire, der das Gift des folgenden Zitats in meine Ohren träufelt: “Alles ist gut, wenn man nur das Ende des Tages erreicht, dann isst und schlafen geht. Mehr sollte man nicht verlangen. Ertragen wir das Leben. Es ist keine so große Angelegenheit. Und der Tod ist es noch weniger”.
Vom Tod ließe sich leicht reden, wenn davor die Arbeit nicht käme. LMAA Voltaire. The HAKUSHU aufkorkt….. Single Malt ….. 1o Years !

Himmel und Hölle

himmel-und-hoelle

Ein Mann, in Shorts und T-Shirt, seine Beine dünn wie der Schnabel eines Kolibris, seine Haut weiß wie ein Leichentuch. Er steht an der Aorta des Straßenbahnverkehrs, in der Mitte meiner Stadt. In der Hand ein selbstgebasteltes Plakat mit der Aufschrift: Wenn du Jesus nicht liebst, wirst du die Hölle sehen.
Ich bewundere seinen Mut. Genauso, wie ich den Mut all derer bewundere, die sich mit dem Bauchladen ihrer Überzeugungen und großer Inbrunst durch das Dickicht der vorherrschenden Ignoranz schlagen. Ich achte den Mut von Wanderpredigern, nicht wegen der Inhalte, die sie skandieren, sondern  der radikalen Selbstüberwindung wegen, die es kosten muss, sie unters Volk zu bringen. Aber vielleicht kann ich ja nicht ermessen, wie wenig insgeheim dazugehört, sich mit Leib und Seele an etwas zu verschreiben und dem Verschriebenen dankbar und lauthals seine Aufwartung zu machen. Sie rufen und predigen gegen das weiße Rauschen einer Lärmkulisse an, die zusammengesetzt ist durch das Bienenschwarmgeräusch der modernen Konsumwut. Ein Rufer in der Wüste, also.
Während mir all diese Überlegungen durch den Kopf schossen, bin ich auf gleicher Höhe mit ihm und schaue in seine blauen Augen. Sein Blick zurück ist entrückt. Ich glaube eine gewisse Anspannung zu spüren. Wenn meine Spiegelneuronen mich nicht täuschen, liegt unter seiner asketischen Haut doch mehr als die schiere Überzeugungskraft von Ideen. Eine leichte Unsicherheit, die ich wiedererkenne, weil ich sie in jungen Jahren selbst in mir verspürte, als ich zum ersten Mal für politische Überzeugungen ein Plakat enthüllte.
Jetzt muss man wissen, dass die Mitte meiner Stadt der Knotenpunkt der Betriebsamkeit ist. Hier laufen alle Fäden der Verkehrsinfrastruktur zusammen. Hier lauert oft genug Gefahr für Körper und Seele. Vor dem Verlust der Seele versucht dieser Mensch zu warnen. Vor dem Verlust von Körpergliedmaßen warnt nur der eigene Instinkt.
Eine Straßenbahn nähert sich meinem Mann scharf von rechts. Und trotz der Hektik des Bimmelns und des wuseligen und unübersichtlichen Passantenstroms, hat er es sich in der Mitte der Straßenbahngleise stoisch gemütlich gemacht. Achtet nicht auf die Gefahr, die sich ihm nähert. Ich schnappe also nach seinem Arm und ziehe ihn zurück ans sichere Ufer. Sein Blick geht zuerst zu seinem Plakat, als wollte er sich vergewissern, dass der Inhalt seiner Botschaft noch der gleiche ist. Dann schaut er mich ungläubig (!) an und bedankt sich artig. Kein Thema, sage ich und gehe weiter.
Am liebsten hätte ich ihm zugerufen, dass ich das auch für einen Ketzer und Häretiker getan hätte. Auch für den Muslim oder den orthodoxen Juden. Sogar für Jesus, den heiligen Geist und den Rest der heiligen Dreifaltigkeit. Nicht jesusgläubig zu sein und mit einem Bein schon in der Hölle. Wie zynisch kann die Ironie sein, wenn sie den Verkünder von Höllenqualen vor dem vorzeitigen Eintritt in den Himmel bewahrt. Aber, ich bewundere den Mut.

Die Satire und die Lügenpresse

Da faseln tatsächlich einige übersättigte Bildungsbürger, aus ihren behaglichen Ohrensesseln und aus der Etappe der Gemütlichkeit heraus, raunend von der möglichen Mitschuld von Satirikern an ihrem eigenen Tod. Sie setzen diesen Menschen einen Grabstein mit etwa einer Aufschrift wie: „Hey Junge, das hättest du eigentlich kommen sehen müssen. Das nächste Mal sei ein bißchen vorsichtiger, hm? Wir verstehen uns.“

„… gesellschaftlicher Diskurs – das klingt gut. Aber wie soll dieser sich darstellen, wenn die eine Seite mehrfach und mit größtem Nachdruck darauf hingewiesen hat, daß Grenzen (des Anstandes oder religiöser Art oder welche auch immer) überschritten wurden, die andere Seite aber den Dolch nicht nur in der Wunde beläßt, sondern gar noch tiefer bohrt (weil sie ein Recht für sich reklamiert, mit dem sie anderen nach Herzenslust beleidigen „darf”)?“ (2.)

Natürlich geht es in diesem Zitat nicht um die Verletzung der Grenzen eines Anstandes. Über Anstand lässt sich trefflich streiten. Hier geht es um die frappante Gleichsetzung der unmittelbaren Wirkungen einer Kugel der Kalashnikov und der Spitze einer satirischen Feder. So zynisch es sein mag, einen Unterschied mag diese Art von Konfabulation erst dann zu erkennen, wenn sie selbst in den Lauf einer automatischen Waffe blickt. Der „Dolch“ wird haftbar gemacht für das Scheitern eines gesellschaftlichen Diskurses? Die Waffe, im Umkehrschluß dieser verqueren Logik, dient also als diskursfördernd?

Die gleichen saturierten Zyniker entblöden sich nicht, im Gefolge der Ereignisse von Paris eine ästhetisch-moralische Diskussion vom Zaun zu brechen darüber, was Satire darf und vor allem, was sie nicht darf. (3.) Und, um sich schon einmal zu wappnen, dass man ihnen dabei nicht nur schmeichlerisch um den Mund geht, das Ganze wiederum als Satire deklariert. Wir können auch Satire, soll das wohl heißen, rufen sich dabei aber lediglich selbst auf, als verlängerter Arm einer konservativen, satirefeindlichen Zensur. Ach was, sie sind dieser Arm, der ihnen im Hintern steckt. Beispiele gefällig?

„Betrachten wir das, was Charlie Hebdo in der Vergangenheit repräsentiert hat, wird offensichtlich, daß wir es hier beileibe nicht mit einem Vorzeigemodell für die Belange der Redefreiheit zu tun haben. Nein, wie so viele andere linksgestrickte „Menschenrechtler“ endeten sie schließlich damit, die imperialistischen Kriege US-amerikanischer Prägung gegenüber aller Welt zu lobpreisen und zu verteidigen.“ (1.)

Mir ist, als bräche sich in diesem Satz, sozusagen subkutan, die klammheimliche Freude über den verdienten Lohn einer bestimmten, missliebigen Form von Satire Bahn. Es geht also um den linksgestrickten Menschenrechtler und seinen anbiedernden tiefen Fall in die Arme des US-Imperialismus. Und um den naiven „Gutmenschen“, der dieser Volte, die keine ist, auf deren publizistischen Wegen folgt. Starker Tobak. Wie viel Hirnriss ist notwendig, Charlie Hebdo in die neokolonialistische Ecke zu pfriemeln? Zweitens geht es natürlich auch um den durch die Hintertür schleichenden Wunsch, dass die Meinungsfreiheit und Redefreiheit doch bitte halt machen mögen vor dem gefallenen linken Milieu, aus Gründen grundsätzlicher Missliebigkeit. Kriegt es in eure Köpfe, sie gelten beide für alle Äußerungen, wie unvorbildlich sie eurer Meinung nach auch immer daherkommen. Von den möglichen Rechtstiteln, die es auch in Frankreich gibt, um dagegen vorzugehen, ist nur insofern zu reden, als es bis heute der Redaktion von Charlie Hebdo gestattet ist, ihrer Arbeit nachzugehen. Das mag in euren Augen irgendwie verwerflich sein, bringt euch aber gewiss der Antwort näher als ihr denkt, warum es ausgerechnet in Frankreich so ist.

„Kurzum, Charlie Hebdo ist ein radikales Beispiel dafür, was falsch ist mit der „politischen Korrektheit“ der zeitgenössischen französischen Linken. Die Ironie liegt dabei darin, daß dieses schreckliche Attentat, diese sich eigentlich bereits auf dem Rückzug befindliche adoleszente Revolte, die mittlerweile immer weiter an Beliebtheit verlor, schlagartig dem ewigen Banner sowohl einer Freien Presse wie auch dem der Meinungsfreiheit weihte.“ (1.)

Sehr schön ist hier zu sehen, um was es dem Autor tatsächlich geht. Dass er seine Haltung mit ein wenig Trauer über „dieses schreckliche Attentat“ garniert, geschenkt. Diese inhaltliche „JA – ABER“ Konstruktion setzt der Perfidie seiner Argumentationen erst recht die Krone auf. Charlie Hebdo und die gesamte französische Linke ist verantwortlich dafür, dass  „die bereits auf dem Rückzug befindliche adoleszente Revolte“ wieder auf dem Vormarsch ist? Klopf, Klopf, jemand zu Hause? Von der nachlassenden Beliebtheit des religiösen Fundamentalismus kann vermutlich nur der reden, der den Exodus junger Männer und Frauen in die von der IS geknuteten Wüste als Ausflug ins urlaubliche Sommerparadies verwechselt. Eine wahre Pracht gemütlicher Ohrensesselei und Eselei.

Noch ein Letztes aus dem Fundus jenes Geschwurbels.

„Und was, bitte, haben Blockierungen von Demonstrationen sowie die unselige Dauerpropaganda auf allen Presse-, Radio- und Fernsehkanälen mit ihrer ständigen moralischen Dauerbelehrung hin zu einer offensichtlich gewünschten und angestrebten Einheitsmeinung mit einer „offenen Gesellschaft“ zu tun? Wenn es heute Pegida ist, wer ist es dann morgen bitte? Oder erinnern Sie sich nicht mehr an den evangelischen Religionsgelehrten Martin Niemöller und seine berühmt-berüchtigten Worte:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Hierzu nur so viel: ich hoffe, dass Pfarrer Niemöller, egal, wo immer er sich befinden mag, sich diesen Tort nicht antun muss. In obigen Sätzen und in dem Zusammenhang, in dem sie heuchlerisch verwendet werden, lässt der Wolf seinen Schafspelz fallen. Ein veritabler Zynismus ist ihm hier gelungen, chapeau. Aber ich kann ihm versichern, dass seine Unkenrufe auf unfruchtbaren Boden fallen, mal abgesehen von den Claqueuren seines Beitrags, die an seinen Lippen hängen, als würde es Manna vom Himmel regnen. Ich kann ihn beruhigen. Es stehen keine Konzentrationslager für PEGIDA und Konsorten ins Haus. Sie müssen sich lediglich gefallen lassen, dass ihnen das “Volk”, das zu sein sie sich exkludierend auf die Fahne geheftet haben, aufs Maul schaut. Und auf das Maul des Herren Autor gleich mit, in seiner selbstgefälligen Attitude der Volksverdummung. So wie es auch, so hoffe ich, die “Lügenpresse” tut, von der gebetsmühlenartig gesprochen wird und in deren Verunglimpfung der Autor mit einstimmt wie ein panisches, gehetztes Herdentier. Wohl, weil er sich sonst nicht als die letzte heilige, verlässliche Bastion vorurteilsbefreit daherkommender Information gerieren könnte.

„Nahezu die gesamte Polit- und Presseprominenz überschlägt sich darin, über die Verletzung des Demonstrationsrechtes und der Meinungsfreiheit zu jauchzen. Im Radio wurde berichtet, dass die Bärgida-Demo vom roten Rathaus zum Alex wollte, und aufgrund der Blockaden erst gar nicht vom roten Rathaus weggekommen wären. Und Berlin hält sich – darauf muss man mal hinweisen – allen Ernstes selbst für tolerant. Ich halte Berlin für einen der intolerantesten Orte Deutschlands. Ideologie und Konformität standen hier schon immer vor Grundrechten. Ohne die Berliner Mentalität wären das dritte Reich und die DDR so nicht möglich gewesen. Hier findet sich die Bevölkerung, aus der sich die Nazis und die DDR ihre Mitläufer und Denuntianten, ihr Fußvolk und ihre Blockwarte rekrutiert haben. Dieselbe Sorte Mensch springt heute auf, um andere von Demonstrationen abzuhalten. Die Ironie daran ist, dass sie sich heute einbilden, sie würden damit gegen Nazis demonstrieren. In ihrem Gewalteinsatz für ihre Ideologie gleichen sie Nazis weit mehr, als sie zu bekämpfen.“

Jedem bleibt überlassen, wie er sich zu diesem letzten Zitat stellt, das nicht vom Autor selbst stammt, im Beitrag aber  erscheint und in Zeugenhaft für dessen Argumente genommen wird. Ich bin kein Nazi. Ich achte das Demonstrationsrecht. Ich achte die Rede- und Meinungsfreiheit. Die Satire. PEGIDA demonstriert. Die BÄRGIDA scheiterte. Sie scheiterte nicht an der Verweigerung ihres Demonstrationsrechtes. Sie scheiterte an der Abstimmung der Füße. Nennt es meinetwegen Blockade. Ich nenne es das Aushebeln der Versammlungsfreiheit von Idioten durch zivilen Ungehorsam einer Gegendemonstration. Das haben sie gefälligst auszuhalten, ohne gleich die Leier von tendenziöser, parteiischer Politik anzustimmen und von dem Schutz, der ihnen die Politik angeblich nicht gewährt. Die AfD und die CSU werden sich darob sicher grämen, weil PEGIDA einfach nicht merken will, dass sie mit diesen bereits im gleichen Bettchen schläft.

Quellenangaben der verwendeten Zitate:

1.) http://salvaveniaxxl.wordpress.com/2015/01/08/jesuischarlie-pegida-und-das-versagen-der-politik/

2.) http://sinnsucht.wordpress.com/2015/01/08/hebdo_terror/

3.) http://sinnsucht.wordpress.com/2015/01/11/satire/

Paradox

Einmal gesetzt, es käme jemand aus dem zurück, was man das ewige Leben oder die Erlösung von den Sünden, das Jungfrauenparadies oder den Himmel oder die Hölle, den Lohn der wahren Gläubigen oder die Strafe der Ungläubigen, was man das Dschanna oder Dschahannam nennt, oder die Beisitzung zur Rechten Gottes, den Garten Eden, die Wiedergeburt, das Glücksmodell der Transzendenz oder die Wiederkehr des Mahdi und des Messias, die Endzeit oder die Aufhebung des irdischen Unrechts. Und gesetzt, dieser fände die Worte, das Nichts und die Leere zu benennen, die dort auf ihn warteten. Ich würde ihm die Hand auf die Schulter legen, ihn trösten und zu ihm sagen: Du bist der wahre Prophet. Du bist der, der einzig davon sprechen darf, dass die törichte Hoffnung auf ewigen Frieden im Himmel auf Sand gebaut hat. Wer jedoch würde dir glauben, dass es den Himmel nicht gibt, sondern nur die Hölle auf Erden? Dass du zurückgekehrt bist?

© Achim Spengler

Demarkationslinie – zwischen Emuna und Pistis

Vielleicht ist der Glaube die Brücke, die über die Demarkationslinie zwischen Wahn und geistiger Gesundheit geschlagen wird. Die Frage ist nur, ob sie von beiden Seiten aus geschlagen werden kann.
Die Literatur, die sich vom Mythos gelöst hat, und eine Wirklichkeit erfindet, die zutiefst indivuell ist. Vielleicht ist sie das Zelt, in dem wir auf dem Scheitelpunkt der Brücke übernachten, im freien Spiel eines poetischen Vermögens, auch dunkle Dinge sagen zu können, die an den Mythos nur erinnern oder an den Logos, nachdem wir ihn aus seinen empirischen Fesseln und seinem nur Gedachten und Berechneten befreit haben.

 

Zweifeleis

Meine Hand greift nach den Rückleuchten der Zeit, und jede Geste deines Kleides strömt als Erinnerung heran, ein sachtes Streifen federleichter Fingerspitzen. Zu spät ins Heute, zu spät aus dem Damals ins Immer. Das fahle Menetekel eines Gestern färbt sich nun herbstlich, es färbt sich im wiegenden Raunen eines sorglosen Kindes, als wären Tränen Rufe eines ruhelosen Wanderers nach heimatlichen Früchten, nach dem Gedeck von Nähe in einem wachen Schlaf.  Du bist das Nachttier, das zur gleichen Lecke pirscht, mit der Gewissheit von Instinkten. Ein Wesen, aufgehoben in dem Lauf von Witterungen. Ein Wandervogel, der in keinem Land je überwintert. Der Menschenstaaten überfliegt und die Konventionen der Gedanken auch. Wenn deine Stirne meine Augen überdenken, dann sage: Wohin gehst du, wenn du bleibst, wo wirst du bleiben, wenn du gehst? Das Liebesmeer speist sich aus Zweifeleis. Wir treiben, treiben. Wir frieren fest im Anblick eines ausgebliebenen Wunders. Wir warten auf das Warten und auf den gehetzten Blick im Kegel unserer Augenlichter. Wir sind so starr im Glauben, endlich erkannt und festgestellt zu sein.

(© Achim Spengler)

Bob Dylan – „It used to be like that … and now it goes like this!“

"Bob Dylan"
Bob Dylan

Das Genießen ist die Trauerarbeit der Jugend. Der Genuss im Alter ein Repetitorium der abnehmenden Fallhöhe zum ewigen Schlaf. Wundmale, Brandmale, die Märtyrerpfeile des heiligen Sebastian. Der prägende intellektuelle Kopf der amerikanischen Musik wird ohne eigenes Erbarmen oder einer Ausicht auf einen je zurechnungsbefähigten Epitaph auf seinem Grab zur grandiosen Dörrpflaume. Zynismus ist seine musikgewordene Rache an der eigenen Vergänglichkeit und das mythische Wabern seiner Texte ist die Aufhebung der humanistischen Begriffe: Barmherzigkeit und Mitleid. Weil sie nichts taugen. Indem er das tut, leitet er das Leben auf seine Ursprünge um. Es ist nicht dazu da, um uns an die Hand zu nehmen. Wir müssen schon selbst das Laufen lernen. Andere alternde Menschen machen sich rar, werden starr und stumm, weil sie ohne Ende beschäftigt sind mit dem erhabenen, schluchtenweiten Widerspruch, Träger einer Hoffnung zu sein in einem verfaulenden Körper. Skandalon. Sie verschwinden hinter den Masken ihrer Masken. Sie arbeiten an Archiven, damit die Erinnerung etwas zu lachen hat. Darüber, dass die Schriftfarben verblassen und die Stundenbücher der Zeit am Ende so leer sind wie am jungfräulichen Anfang.
Dylan ist und bleibt der Shakespeare der modernen Zeit, der an seinen eigenen Archiven arbeitet, die sich immer wieder neu erfinden. Er beschreibt noch die letzten leeren Blätter der Sinnlosigkeit mit raunendem Nuscheln, hinter dem er zaghaft erkennen lässt, dass es ihm um Sinnfragen nie gegangen ist. Weg ist Ziel.  Auch wenn er bisweilen klingt, als stehe er zum Sterben an der Dusche für Nichtseßhafte an. In irgendeiner Form bleibt er der Androgyne der Musik. Nicht zuordenbar. Ein Hermaphrodit, den die Frauen und die Männer gleichermaßen hassen und lieben. Aber auch ein Berserker der Arbeit, der nicht hätte arbeiten können, wenn er sich als Erfüllungsgehilfe eines Publikumgeschmacks prostituiert hätte. Und je länger die Schatten über seinem Antlitz Schatten werfen, um so sichtbarer wird er für uns bleiben. Schon damals, beim Übertritt  hin zum Gebrauch der elektrischen Gitarre  anstelle der akustischen, hätte Dylan, so wie er es später in einem anderen Zusammenhang tat, sagen können: „It used to be like that … and now it goes like this!“

„It’s not where you take things from – it’s where you take them to“

Lovis Corinth - Tojanisches Pferd
Lovis Corinth – Tojanisches Pferd

Im Englischen heißt Geschenk „gift“. Jedem bleibt überlassen, ob er diesem translatorischen Wink auf das Doppelbödige des Schenkens mehr als nur zufällige Bedeutung beimessen möchte. Für mich steht fest, dass dem weihnachtlichen Ritual des Schenkens das Lockluder des materiellen Wettbewerbs latent beigemischt ist. Die Stiftung von Aufmerksamkeit und Zuneigung ist das Eine, wenn aber beide erschlagen unter einem Berg heuchlerischer Investitionen daniederliegen, wird die Essenz der Nächstenliebe ausgetrickst und korrumpiert.
Im Englischen heißt Geschenk auch „pressie“. Und pressieren tut es tatsächlich. Man muss sich nur die Girlanden blauer Flecke vorstellen, die sich mit der Hatz und Gier schenkenwollender Kreuzzüge einstellen. Der Konsum betet seine Rosenkränze. Nehmen wir nur die Raserei des Zupackens in den Auslagen, denn  zu spät darf niemand sein. Das Projekt des Schenkens manifestiert sich als eine Variable der Zeit, die sich zu Weihnachtszeiten verdickt und einen regen Ablasshandel mit den unterjährig verpassten Chancen immaterieller Wertschätzungen wie Lob, Anerkennung und Respekt betreibt.
Das Gift entfaltet sich auch dort, wo sich die Absicht des Gebenden aus der Perspektive des Beschenkten nicht im monetären Wert des Geschenks widerspiegelt. Ich wette darauf, dass  jeder unter uns weitere Wirkungen dieses Giftes aus eigenen Erinnerungskisten hervorzukramen vermag.
Im Englischen heißt Geschenk auch „bounty“. Bounty wiederum lässt sich ins Deutsche unter anderem mit Handgeld oder Prämie übersetzen. In ökonomischen Bezügen dieser Semantik können wir darunter Formen erpresserischer Akte konstatieren. Ich beschenke dich aus Gründen der selbstverständlichen Erwiderung dieses Geschenks. So ich dir, so du mir.
Das Geschenk ist insofern mindestens zweierlei. Es ist verpflichtender Aufruf  zu seiner Entgegnung durch ein Gegengeschenk. Andererseits heißt es im Englischen „beware of Greeks bearing gifts“. Gemeint ist damit das Trojanische Pferd, als das „Geschenk“ der Danaer an die Trojaner in der griechischen Mythologie. Das Ende dieser Geschichte ist bekannt. Wir können also voraussetzen, dass ein Geschenk nicht immer in guter, reiner Absicht daherkommt.
Und darin liegt zugleich auch seine Aporie. Also der Tatbestand der Unmöglichkeit, im Geschenk seinen wahren Sinn, seine wahre Bedeutung oder wahre Absicht zu erkennen. Aporetisch ist das Geschenk auch, weil es bisweilen schier unmöglich ist, die richtige Auswahl zu treffen, besonders dann, wenn man der Mühe abhold geht, sich in die Erwartungswelt des Beschenkten hinein zu spüren.
Worte schenken. Wir sollten Worte schenken. Aber wer wäre überzeugt davon und nähme es hin, dass diese in der Nähe des Herzens hausen könnten? Oder gar, dass sie  Vertrauen verdienten im Hinblick auf ein Gesagtes, welches auch das Gemeinte ist? Machen wir uns wenigstens ein Geschenk der Trauer über das verlorene Gewicht des Gesagten, ein Geschenk, das wirklich in der Behausung des  Herzens wohnt. Schenken wir uns ein Krippenspiel aller Versäumnisse. Als Mahnung unserer Verantwortung, der Empathie das Unterpfand des aufrichtig Gefühlten beizufügen. Schenken wir uns sättigende Wortbrotkrumen und die Melancholie der Hingabe und den Reichtum der Aufrichtigkeit.

Ich wünsche meinen Lesern ein schönes Weihnachtsfest und ein gesundes neues Jahr.

Achim

PS: Der Beitragstitel ist ein Zitat von Jean Luc Godard, wiedergegeben von Jim Jarmusch, in einem Interiew