Bob Dylan – „It used to be like that … and now it goes like this!“

"Bob Dylan"
Bob Dylan

Das Genießen ist die Trauerarbeit der Jugend. Der Genuss im Alter ein Repetitorium der abnehmenden Fallhöhe zum ewigen Schlaf. Wundmale, Brandmale, die Märtyrerpfeile des heiligen Sebastian. Der prägende intellektuelle Kopf der amerikanischen Musik wird ohne eigenes Erbarmen oder einer Ausicht auf einen je zurechnungsbefähigten Epitaph auf seinem Grab zur grandiosen Dörrpflaume. Zynismus ist seine musikgewordene Rache an der eigenen Vergänglichkeit und das mythische Wabern seiner Texte ist die Aufhebung der humanistischen Begriffe: Barmherzigkeit und Mitleid. Weil sie nichts taugen. Indem er das tut, leitet er das Leben auf seine Ursprünge um. Es ist nicht dazu da, um uns an die Hand zu nehmen. Wir müssen schon selbst das Laufen lernen. Andere alternde Menschen machen sich rar, werden starr und stumm, weil sie ohne Ende beschäftigt sind mit dem erhabenen, schluchtenweiten Widerspruch, Träger einer Hoffnung zu sein in einem verfaulenden Körper. Skandalon. Sie verschwinden hinter den Masken ihrer Masken. Sie arbeiten an Archiven, damit die Erinnerung etwas zu lachen hat. Darüber, dass die Schriftfarben verblassen und die Stundenbücher der Zeit am Ende so leer sind wie am jungfräulichen Anfang.
Dylan ist und bleibt der Shakespeare der modernen Zeit, der an seinen eigenen Archiven arbeitet, die sich immer wieder neu erfinden. Er beschreibt noch die letzten leeren Blätter der Sinnlosigkeit mit raunendem Nuscheln, hinter dem er zaghaft erkennen lässt, dass es ihm um Sinnfragen nie gegangen ist. Weg ist Ziel.  Auch wenn er bisweilen klingt, als stehe er zum Sterben an der Dusche für Nichtseßhafte an. In irgendeiner Form bleibt er der Androgyne der Musik. Nicht zuordenbar. Ein Hermaphrodit, den die Frauen und die Männer gleichermaßen hassen und lieben. Aber auch ein Berserker der Arbeit, der nicht hätte arbeiten können, wenn er sich als Erfüllungsgehilfe eines Publikumgeschmacks prostituiert hätte. Und je länger die Schatten über seinem Antlitz Schatten werfen, um so sichtbarer wird er für uns bleiben. Schon damals, beim Übertritt  hin zum Gebrauch der elektrischen Gitarre  anstelle der akustischen, hätte Dylan, so wie er es später in einem anderen Zusammenhang tat, sagen können: „It used to be like that … and now it goes like this!“

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