Peter Sloterdijk interviewt Zinedine Zidane – Eine Fiktion aus gegebenem Anlass

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S: Monsieur Zidane, sie versetzten einst die Grande Nation in ein Delirium der Freude. Woher nahmen Sie das messianische Sendungsbewußtsein ihres Spiels, das den Bonvivant, den politischen Elitär und den Proletarier der Banlieus gleichermaßen dazu brachte, sich in den Armen zu liegen, als hätten die Hinterhöfe des Sexus die Champs-Elysées geflutet?

Z: Ich will Ihnen etwas verraten: Hätte ich nach dem Erreichen des Achtelfinales geahnt, dass Dominique de Villepain meiner Frau Veronique unziemlich schöne Augen macht, ich hätte gewiss mehr Steilpässe auf Fabian Barthez gespielt.

S: Man nennt Sie Zizou. Eine, wie ich finde, unpassende Verbalhornung jenes Magiers, der den Ball als mimetisches Abbild der Weltkugel begriff und beherrschte wie kein zweiter. Parpleu, wo sind Sie zu dieser Eleganz gereift?

Z: In der Käserei meines Onkels in der Franche Comté. Wissen Sie, wenn Sie tagein, tagaus Schimmelpilzkolonien aus dem Wege gehen müssen, fangen Sie irgendwann damit an, den Roquefort  mit Füßen zu treten. *(knabbert gemütlich an einem Kous Kous Keks)

S: In Ihrem Spiel paaren sich die ausdifferenziertesten Flugbahnen auf das Harmonischste: hier die statische, flügelschlagende Eleganz des nektarsaugenden Kolibris, dort die filigranen, hyperbolischen Zuckerpässe mitten hinein ins Herz der Abwehrreihen.

Z: Ich stimme Ihnen zu. Pässe schlagen ist wie die Jagd nach der einen Schokoladentafel der Kindheit. Wenn man sie besitzt, dann endet die Hatz der neun Geschwister nach der Schokolade prompt. Fragen Sie Thierry Henry, der hatte Unterzucker oft genug, wenn ich ihn im im Abseits schmoren ließ. *(Bleckt die makellosen weißen Zähne)

S: Ein Wort zu Jens Lehmann. Ich finde, er trägt da etwas sehr islamisches in sich. Obgleich die beiden gehaltenen Elfmeter ihm nicht den Lohn einer Rotte Huris im Paradies eintrugen, reichte es gleichwohl hin, um von einem Körper zu sprechen, der seine Seele verlassen hat.

Z: Ich muss gestehen, dass ich in Jens einen Wiedergänger der deutschen Romantik sehe. Ich hätte ihn zu gerne zu einem wirklich Einsamen zwischen den Pfosten geschossen. Melancholiker mit Spickzettel war er jedoch schon immer.

S: Sie besitzen wundersamer Weise doch eine gewisse Affinität zur deutschen Fussballkultur, die nicht von ungefähr mit der heideggerschen „Lichtung“ eine genuin germanische Metapher für den Anstoßkreis erfunden hat. Kam Ihnen je in den Sinn, Ihre Stiefel in der Bundesliga zu schnüren?

Z: Wenn Sie wie ich so oft durch brennende Edelkarossen und geplünderte Marchès hätten flanieren müssen, so hätten auch Sie keine Lust auf deutschen Rumpelfussball. Sicher, ich hätte mir fintenreich immer einen Weg durch die Maginot Linien deutscher Siegfriede dribbeln können, ich entschied mich jedoch für Spanien. Dort werden Sie nur in Pamplona so richtig aufs Horn genommen.

S: Monsieur Zidane, Ihr schweißtreibendes Spiel ist geradezu legendär und gibt einen Widerschein Ihrer harten Arbeit, welche ansonsten so leichtfüßig über den Äther kommt. Stellen Sie mit Schweiß den körperlichen Abstand zu Ihren Kontrahenten sicher?

Z: Dazu verstehe ich zu wenig von den Wirkungen ausgedünsteter, algerischer Pheromone. Aber ich denke, dass der Genuß von Bockwürsten auf Seiten der Deutschen den gleichen abstandshaltenden Effekt besitzt.

S: (mehr zu sich selbst und an seinen Achselhöhlen schnüffelnd): Ich muss gestehen, dass ich das Erreichen des Olymps postmoderner deutscher Philosophie nicht der Umdeutung des Hegelianismus in eine eklektische Weltsicht durch Blasen, Globen und Schäume zu verdanken habe, sondern dem schweißgetränkten Katheter.

S: Monsieur Zidane, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

 

 

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