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Der Stein und das Meer erzählen

Ich lechze nach den großen Narrativen. Nach Märchen. Mein Sinn steht nach dem Gewicht von Bibeln und den sonstigen Konvoluten des schönen, grausamen Scheins. Die Wahrheit, falls es sie gibt, darf mich betrügen. Sie darf das „Als ob“ und ihre mimetischen Abziehbilder meinen Synapsen zum Fraß vorwerfen.

Ich mag die, die erzählen können, sie kommen über das Meer. Sie kommen als Sisyphos, ein glücklicher Mensch, der den Stein der wundersamen Tage des Nachts herunterrollen lässt, um den bevorstehenden Tag zu küssen. Der Stein, der unsere Freiheit ist. Der absurde Stein, der Ja sagt inmitten des Gerölls der Sinnlosigkeiten und der Horizontlinien der Sterblichkeit.

Wir sind die blinden Erzähler Camus‘, die sehen möchten, obwohl sie wissen, dass die Nacht kein Ende hat. Das gottlose Universum, es kommt mir als Chance gerade recht, dem Husserl’schen Gang hin zu den gerochenen, geschmeckten und gesehenen Sinnesdingen für immer zu versagen. Sisyphos denkt nicht: „Alles in Scherben, ohne Bezug, hier ist zu wenig und dort nie genug. Wir glauben, jeder allein, der Phoenix zu sein, den es nur einmal gibt.“

Wir sind die Herren unserer selbst und in den Erzählungen sowieso. In den Gedichten, die die ontologische Geschichte schreiben jedes einzelnen Dings. Und obwohl wir keine Vorstellung von einer Vorstellung haben, lebt sie in jedem Winkel des Erzählten, und im besten Fall endet das Erzählte in einer vorsprachlichen Welt ohne Sinnanspruch, im Bauch der Lacan’schen Mutter.

Und ja, ich liebe auch das süßlich Sentimentale wie eine nahrhafte Mehlspeise. Ich liebe die Herzensnothelfer von Schmonzetten, denn auch sie erzählen, rollen den Stein und rufen über sich selbst hinaus nach einem metaphysischen Halt und geiseln den Fakt, dass die Kunst immer noch den Experten überlassen wird.
Ich liebe die, die erzählen, denn sie kommen über das Meer. „Und wie zum Sandstrand Welle eilt um Welle, so eilen hin zum Ende die Minuten.“ So lass uns die Ideen, lieber Aristoteles, denn Platon stammt ganz sicherlich von Poseidon ab.

Die Erzählung ist die Idee von Kiemen und Schwimmhäuten und verkörpert so die Schnittstelle der Ideen zum Materiellen, wenn sie zum Land hin sich erzählt. Ich verehre Objekte in Romanen, und ja, sie sind die „Dinge an sich“. Das Bewußtsein ist nicht immer nur Bewußtheit von etwas. Es gibt das Denken, das keinen Gegenstand kennt, da möchte ich mir sicher sein. Vielleicht gibt es ein Denken von einem Stein, den wir den Berg hinaufrollen. Aber das ist gewiss und ich lasse es als das Mindeste gelten, denn es reicht, wenn es erzählt werden kann.

Alles andere soll der Schein von Shakespeares Träumen sein. Denn aus diesen stammt eine Gewissheit, die noch vor dem Wissen liegt. Ich träume von nackten Tatsachen, die unabhängig sind von menschlichen Betrachtungen, Tatsachen, von denen wir nichts wissen. Ich träume vom guten Ende der Sinnlosigkeit durch das Ende der begierigen Interpretationen der Welt. Ich werde das Erzählen lieben, auch wenn es sich die Freiheit nimmt zu schweigen.

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