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Letzte Sätze 26 – Leïla Slimani – All das zu verlieren

Ich erlaube mir, die letzten Sätze von Romanen vorzustellen. Aus allen Epochen seit Anbeginn dieser modernen Erzählform. Romane, die meinen Literaturgeschmack prägten und prägen. Glückliche Romanenden, melancholische Enden, kontrafaktische Enden, bornierte Enden, fahrlässige Enden, Endzeiten, apokalyptische Enden, enträtselnde Enden und immer so weiter. Keine Epiloge, keine Nachrufe, keine fiktiven oder nonfiktiven Autorenkommentare zum zuvor Erzählten. Enden, basta. Höhepunkte des Erzählens, dort wo sie hingehören. An den Schluss.


Welcome back, Madame Bovary im 20.Jahrhundert. Eine Ehefrau, die mit sexuellen Eskapaden die Leere in sich zu füllen sucht. Eine Leere, die verschwistert ist mit einem Ekel, der sich an ihre bourgeoise Existenz haftet, wie eine Mine, die alles zu vernichten droht, was an diffus aufflackernden Emotionen noch vorhanden ist. Das Gefühl für sich selbst, den kleinen Sohn, den Ehemann und ihren Beruf. Sexuelle Obsessionen als eine als ursachlos geschilderte existenzielle Weise, die „Trivialität, die Nichtigkeit der Dinge“ zu verbergen. „Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haar verschlungen werden. Sie will in die Brust gekniffen, in den Bauch gebissen werden. Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.“ Die folgenden letzten Sätze des Romans spricht ihr Ehemann.

Adèle wird älter werden. Ihre Haare werden weiß werden, ihre Wimpern ausfallen. Niemand wird mehr einen Blick für sie übrig haben. Er, er wird sie am Handgelenk festhalten. Er wird sie mit aller Kraft ins Leben zerren. Er wird sie hinter sich herziehen, im Staub seiner Schritte, wird sie niemals loslassen, wenn sie Angst hat vor der Tiefe und Lust zu fallen. Und eines Tages wird er auf ihre pergamentene Haut, ihre rissige Wange einen Kuss hauchen. Er wird sie ausziehen. Er wird in der Vagina seiner Frau kein anderes Echo mehr hören als das des pulsierenden Blutes. Und sie wird sich hingeben. Sie wird ihren bebenden Kopf an seine Schulter legen, und er wird das ganze Gewicht eines Körpers spüren, der Anker geworfen hat. Sie wird Friedhofsblumen auf ihm säen, büschelweise, und sie wird zärtlicher sein, wenn der Tod allmählich näher rückt. Adèle wird irgendwann zur Ruhe kommen. Und sie wird mit ihm schlafen, mit morschen Knochen und steifem Kreuz. Sie wird mit ihm schlafen wie eine arme Alte, die noch an die Liebe glaubt und die die Augen schließt und nichts mehr sagt. Es hört nicht auf, Adèle. Nein, es hört nicht auf. Liebe ist nichts als Geduld. Eine devote, ungeheure, tyrannische Geduld. Eine unsinnig optimistische Geduld. Das mit uns ist noch nicht vorbei.

Leila Slimani – All das zu verlieren
Leila_Slimani_All_das_zu_verlieren
https://achim-spengler.com/2020/03/20/paul-auster-in-the-country-of-last-things/

4 Kommentare

  1. Lieber Achim,
    Leila Slimani bedient sich einer bildmächtigen Sprache…
    Was für ein Verlangen nach Hingabe und Alleinstellungswahn spricht da aus dem ein ums andere Mal gehörnten Ehemann!
    Er, der erst dann ein vaginales Echo hört, wenn all die anderen vaginalen Echos seiner Frau verstummt sind: wenn sie niemand anderer mehr begehrt und will – erst dann will er sie endlich beherrschen und seine letzten Worte klingen wie eine faustdicke Drohung für die ungeheuersüchtige, in ihrem Ehe- und Berufskäfig gefangene Puppe. Sie ist keine arme Puppe….eher „Puppe fatal“ oder sowas…
    Dieses Buch ist ein Abgesang auf die Heilige Institution Ehe und Wohlstandsmentalitäten.
    Will ich unbedingt bald lesen.
    Liebe Grüße
    Amélie

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