Richard Rorty und die Menschenrechte


Richard Rorty vertraute der Erziehbarkeit des Menschen zur Empathie. Wem solche Bildung und Ausbildung nicht vergönnt ist, den nennt Rorty nicht „böse“, sondern wir „sollten mit ihnen umgehen, wie mit Benachteiligten.“ Das gilt auch für sadistische „ethnische Säuberer“. Oder für diejenigen, die sich Mühe geben, Salman Rushdie ausfindig zu machen und umzubringen. Diejenigen sollten nicht wie Vernunftlose behandelt werden. Unsere westliche „intuitive Moralvorstellung“ verlange nicht nach einer philosophisch erstellten Letztbegründung des Ethischen, sondern sie erschließe sich durch Empathie, einer zentralen „politischen“ Eigenschaft also. Das Scheitern der Philosophie in ihrem Anspruch auf Wahrheit ist auch als Scheitern zu begreifen, eine stringente Begründung objektivierbarer Menschenrechte abliefern zu können. Dies mache den Weg frei für ein pragmatisches Denken, welches selbstkritisch ironisch bleibt und Kontingenzen, also das zufällige Nebeneinander von Phänomenen, in Augenschein zu nehmen in der Lage ist.

Die Philosophie sollte sich darauf konzentrieren, die Menschenrechtskultur westlicher Prägung als neues positives Faktum der Welt nach dem Holocaust anzuerkennen und alles dafür tun, die Kraft und Effizienz ihrer Institutionen zu stärken, statt die Überlegenheit der Menschenrechte gegenüber anderen Kulturen durch den Verweis auf kulturübergreifende Faktoren zu demonstrieren. Rorty macht auf diese Weise aus der philosophischen Begründungsproblematik eine empirische Frage: Welche sozialen Faktoren haben in der Geschichte der vergangenen 200 Jahre zur Herausbildung der Menschenrechtskultur beigetragen? Für Rorty geht der Fortschritt des Sittlichen im 19. und 20. Jahrhunderts auf die Zunahme des allgemeinen Wohlstands in westlichen Gesellschaften zurück. Weitaus stärker als die universalistische Moralphilosophie eines Immanuel Kant haben die Verbreitung von Reichtum, Bildung und sicheren Lebensbedingungen dazu geführt, daß immer mehr Menschen in der Lage waren, auch jenseits des eigenen Kulturkreises und in fremden Lebensformen lebende Menschen als Träger gleicher Rechte anzuerkennen.

„Außerhalb der durch die Aufklärung gepräg- ten europäischen Kultur, jenseits des Kreises relativ sicherer Völker […] können die meisten Menschen gar nicht verstehen, warum die Zugehörigkeit zu einer biologischen Art ausreichend für die Mitgliedschaft in einer sittlichen Gemeinschaft sein sollte. Und zwar nicht, weil ihre Rationalität geringer entwickelt wäre, sondern weil sie in einer Welt leben, in der es allzu riskant – und oft in der Tat äußerst gefährlich – wäre, das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer sittlichen Gemeinschaft über den Kreis der Familie, des Klans oder des Stammes hinaus auszudehnen.“

Die materiellen Rahmenbedingungen hätten die Herausbildung der Menschenrechte insofern gefördert, da diese jenen Prozeß der „Kultivierung der Gefühle“ angestoßen haben, der für die Verinnerlichung einer menschenrechtlichen Moral in westlichen Gesellschaften ausschlaggebend gewesen sei. Der Impuls, uns eigentlich fremde Menschen als gleichberechtigte Träger von Rechten wahrzunehmen und uns für ihre Situation im Verletzungsfall einzusetzen, geht, so konstatiert Rorty, auf ein Gefühl der Empathie zurück, das wir einem längerfristigen Kultivierungsprozeß, einer Erziehung der Gefühle verdanken, wie ihn etwa viele weiße Amerikaner in der Literatur bei der Lektüre von Harriet Beecher-Stowes „Onkel Toms Hütte“ durchgemacht haben.

Richard McKay Rorty war ein amerikanischer Philosoph und Komparatist. Rorty gilt als ein Vertreter des Neo-Pragmatismus und eines minimalen Liberalismus. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Richard_Rorty

Kategorien:Allgemein

3 Kommentare

  1. In der Theorie ganz gut – ähnlich wie das Modell der Nächstenliebe eines Mannes, den wir Jesus nennen.

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  2. Interessanter Artikel. Interessant auch, wie sehr ähnliche Diskussionen plötzlich an vielen Stellen auftauchen.

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