Ein Nazi ist ein Ukrainer, der sich zuzugeben weigert, dass er Russe ist


Der amerikanische Historiker Timothy Snyder macht in einem Gastbeitrag für die Neue Zürcher Zeitung ( hier nachzulesen: https://www.nzz.ch/amp/meinung/snyder-ein-russisches-handbuch-zum-voelkermord-in-der-ukraine-ld.1678933) auf ein von der offiziellen russische Presseagentur RIA Nowosti publiziertes explizites Programm für die vollständige Auslöschung der ukrainischen Nation als solcher aufmerksam. Es ist immer noch einsehbar und wurde inzwischen mehrfach ins Englische übertragen. Snyder macht deutlich, wie der real existierende Faschismus des russischen Regimes den Begriff des Nationalsozialismus für die eigenen Zwecke und Ziele seiner Aggression in der Ukraine umdeutet. RIA Nowosti ruft in diesem Pamphlet zum Völkermord auf, einfach deswegen, weil ein Ukrainer ein Nazi ist, der sich weigert, ein Russe zu sein. Das erschütternde propagandistische Machwerk (siehe Link ob) zu lesen erfordert manche Überwindung und lässt Parallelen zu Hitlers Machwerk „Mein Kampf“ aufscheinen.

Ich zitiere Snyder aus seinem Gastbeitrag.

„Wie ich schon seit Beginn des Krieges betont habe, bedeutet «Entnazifizierung» im offiziellen russischen Sprachgebrauch nichts anderes als die Zerstörung des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation. Ein «Nazi», so erklärt das Handbuch zum Völkermord, ist einfach ein Mensch, der sich als Ukrainer identifiziert.

Dem Handbuch gemäss kam die Gründung eines ukrainischen Staates vor dreissig Jahren der «Nazifizierung der Ukraine» gleich. So ist «jeder Versuch, einen solchen Staat zu errichten», ein «Nazi»-Akt. Die Ukrainer sind «Nazis», weil sie «die notwendige Tatsache, dass das Volk Russland unterstützt», nicht akzeptieren. Die Ukrainer sollen dafür büssen, zu glauben, dass sie als eigenständiges Volk existieren; nur diese Busse kann zur «Erlösung von Schuld» führen.

Für alle, die immer noch denken, dass Putins Russland in der Ukraine oder anderswo der extremen Rechten entgegentritt, gibt das Völkermordprogramm Anlass zum Umdenken. Putins Regime spricht nicht von «Nazis», weil es gegen die extreme Rechte ist, was ganz sicher nicht der Fall ist, sondern benutzt den Begriff als rhetorisches Mittel, um einen unprovozierten Krieg und eine völkermordende Politik zu rechtfertigen.

Putins Regime ist selber die extreme Rechte. Es ist das Weltzentrum des Faschismus. Es unterstützt Faschisten und rechtsextreme Autoritaristen in der ganzen Welt. Indem sie die Bedeutung von Wörtern wie «Nazi» verdrehen, schaffen Putin und seine Propagandisten mehr rhetorischen und politischen Raum für Faschisten in Russland und anderswo auf der Welt. Das Handbuch zum Völkermord erklärt, dass sich die russische Politik der «Entnazifizierung» nicht gegen Nazis in dem Sinne richtet, in dem das Wort normalerweise verwendet wird. Das Handbuch räumt, ohne zu zögern, ein, dass es keine Beweise dafür gibt, dass der Nazismus im allgemeinen Sinne in der Ukraine von Bedeutung ist. Es geht von der speziellen russischen Definition des Begriffs «Nazi» aus: Ein Nazi ist ein Ukrainer, der sich weigert, zuzugeben, dass er Russe ist. Der besagte «Nazismus» ist «amorph und ambivalent»; man muss in der Lage sein, hinter die Welt des Scheins zu blicken und die Affinität zur ukrainischen Kultur oder zur Europäischen Union als «Nazismus» zu entschlüsseln. Die tatsächliche Geschichte der tatsächlichen Nazis und ihrer tatsächlichen Verbrechen in den dreissiger und vierziger Jahren ist somit völlig irrelevant und wird völlig beiseitegeschoben. Dies steht in völligem Einklang mit der russischen Kriegsführung in der Ukraine. Im Kreml werden keine Tränen über die russische Ermordung von Holocaust-Überlebenden oder die russische Zerstörung von Holocaust-Gedenkstätten vergossen, weil Juden und der Holocaust nichts mit der russischen Definition von «Nazi» zu tun haben.

Nach dieser absurden Definition, nach der Nazis Ukrainer sein müssen und Ukrainer Nazis sein müssen, kann Russland nicht faschistisch sein, egal, was Russen tun. Das ist sehr bequem. Wenn dem Begriff «Nazi» die Bedeutung «Ukrainer, der sich weigert, Russe zu sein», zugewiesen wurde, dann folgt daraus, dass kein Russe ein Nazi sein kann.

Da für den Kreml das Nazi-Sein nichts mit faschistischer Ideologie, hakenkreuzähnlichen Symbolen, gigantischen Lügen, Aufmärschen, Säuberungsrhetorik, Angriffskriegen, Entführungen von Eliten, Massendeportationen und der massenhaften Tötung von Zivilisten zu tun hat, können die Russen all diese Dinge tun, ohne sich jemals fragen zu müssen, ob sie selbst auf der falschen Seite der Historie stehen.

Und so kommt es, dass die Russen eine faschistische Politik im Namen der «Entnazifizierung» betreiben. Das russische Handbuch ist eines der offensten völkermörderischen Dokumente, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Es fordert die Liquidierung des ukrainischen Staates und die Abschaffung aller Organisationen, die in irgendeiner Weise mit der Ukraine verbunden sind. Es postuliert, dass die «Mehrheit der Bevölkerung» der Ukraine «Nazis» sind, also Ukrainer. (Dies ist eindeutig eine Reaktion auf den anhaltend erfolgreichen ukrainischen Widerstand; zu Beginn des Krieges ging man davon aus, dass es nur wenige Ukrainer gebe und dass diese leicht zu beseitigen seien. Dies geht aus einem anderen Text hervor, der vorschnell bei RIA Nowosti veröffentlicht wurde, nämlich der «Siegeserklärung» vom 26. Februar.)

Diese Menschen, «die Mehrheit der Bevölkerung», also mehr als zwanzig Millionen Menschen, sollen getötet oder zur Arbeit in «Arbeitslager» geschickt werden, um ihre Schuld, Russland nicht geliebt zu haben, zu tilgen. Die Überlebenden sollen einer «Umerziehung» unterzogen werden. Die Kinder werden zu Russen erzogen. Der Name «Ukraine» wird verschwinden.

Wäre dieses Handbuch zum Völkermord zu einem anderen Zeitpunkt und in einem weniger bekannten Medium erschienen, wäre es vielleicht unbemerkt geblieben. Aber es wurde mitten in der russischen Medienlandschaft publiziert, während eines russischen Vernichtungskrieges, der ausdrücklich durch die Behauptung des russischen Staatschefs legitimiert wurde, ein Nachbarland existiere nicht.

Russlands Handbuch zum Völkermord wurde am 3. April veröffentlicht, zwei Tage nach der ersten Enthüllung, dass russische Soldaten in der Ukraine Hunderte von Menschen in Butscha ermordet hatten, und gerade als die Geschichte die grossen Zeitungen erreichte. Das Massaker von Butscha war einer von mehreren Fällen von Massenmord, die nach dem Rückzug der russischen Truppen aus der Region Kiew auftraten.

Das bedeutet, dass das Völkermordprogramm wissentlich veröffentlicht wurde, als die Beweise für den Völkermord bereits vorlagen. Der Autor und die Redaktoren wählten diesen besonderen Zeitpunkt, um ein Programm zur Auslöschung der ukrainischen Nation als solcher zu veröffentlichen.

Als Historiker in Bezug auf Massenmord fallen mir nur wenige Beispiele ein, in denen Staaten den völkermörderischen Charakter ihrer eigenen Handlungen in dem Moment ausdrücklich ankündigen, in dem diese Handlungen öffentlich bekannt werden.

Aus rechtlicher Sicht macht es das Vorhandensein eines solchen Textes (im grösseren Kontext ähnlicher Erklärungen und der wiederholten Leugnung der Existenz der Ukraine durch Wladimir Putin) sehr viel leichter, den Vorwurf des Völkermordes zu erheben. Rechtlich gesehen bedeutet Völkermord sowohl Handlungen, eine spezifische Gruppe von Menschen ganz oder teilweise zu vernichten, als auch die Absicht, dies tatsächlich zu tun. Russland hat die Tat begangen und sich nun auch zur Absicht bekannt.

Kategorien:Allgemein

4 Kommentare

  1. Guten Morgen, Achim. Ich habe eben einen langen Kommentar bei Wolfgang (Castorpblog) gepostet, der deinen Eintrag reblogged hat. Mit geht es dabei immer darum, Möglichkeiten für Entspannung und Frieden zu finden. Der Vorwurf die russische Propaganda rufe zum Völkermord an den Ukrainern auf, weil sie sie Russen und Brudervolk nennen, leuchtet mir nicht ein. Der verlinkte Artikel in der russ Presseagentur gibt das jedenfalls nicht her (ich habe ihn per google übersetzt).
    Zu deiner Information mein Kommentar bei Wolfgang:
    Der Artikel in der russ Presseagentur, auf den verwiesen wird, ist kein „Handbuch für den Völkermord“. Ich habe ihn mir per google übersetzt. Dort ist die Rede davon, dass Ukraine aufhören wird, ein „Anti-Russland“ zu sein, die Ukrainer werden „Kleinrussen“ genannt – es wird ihnen also eine eigenständische völkisch-rassische Existenz abgesprochen – , aber weder von Nazis noch von Völkermord ist die Rede, sondern davon „dass Brüder auf Brüder schießen“ und dass die „Teilung des russischen Volkes“ überwunden werden muss. Die Ukraine als selbständiger Staat wird ausdrücklich nicht in Frage gestellt. Nur „anti-russisch“ soll er nicht sein, weil die Ukrainer eben auch Russen sind.
    Für mich ist diese Kriegsbegründung selbstverständlich inakzeptabel, weil ich nicht in völkisch-rassischen Begriffen denke. Eventuell vergleichen ließe sie sich mit der Besetzung des Sudentenlandes und der Zerschlagung der Tschechoslowakei, die als „künstlicher Staat“ bezeichnet wurde – aber selbst das ist nur bei großzügiger Auslegung möglich, denn die russische Propaganda will die Ukraine ja nicht auflösen, was, nebenbei, vielleicht auch der Grund ist, warum Putin so lange mit der Anerkennung der „Volksrepubliken“ gezögert hat. Er bezeichnet sämtliche Ukrainer als „Russen“, die großdeutsche Propaganda hat aber die Tschechen oder Polen oder Ukrainer nie als Deutsche, sondern als Untermenschen bezeichnet.

    Als „Unmenschen“ oder „Untermenschen“ hat auch die ukrainische Propaganda die Russen bezeichnet, und sie hat hie und da zum Mord an „allen Russen“ aufgerufen. In Deutschland sollte man solchen Tendenzen entschlossen entgegenwirken. Denn darin lebt tatsächlich rassistische menschenfeindliche NAZI-Ideologie auf.

    Dass die Ukraine systematisch zu einem „Anti-Russland“ gemacht wurde, ist eine traurige Wahrheit. Und der jetzige Krieg wird sie leider noch mehr dazu machen. Der ganze Westen wurde zum Anti-Russland und ist dabei, diese geopolitische Entscheidung rassistisch zu untermauern. Oder warum sonst werden Russen als Gesamtheit entmenschlicht?

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    • Hallo Gerda,

      die russische Soldadeska in den von ukrainischen Truppen im Norden Kiews zurückgewonnenen Städten hat sich durch den Mord an Teilen der Zivilbevölkerung selbst entmenschlicht. Sie entmenschlicht sich auch insbesondere in Mariupol selbst. Was in der Ukraine bislang passiert und weiter passieren wird ist der praktische Vollzug genau der Ideologie, wie sie im genannten Pamphlet umschrieben ist. Von einem Staatspropagandisten zu erwarten, dass er das Wort „Völkermord“ selbst in den Mund nimmt, grenzt an Naivität. Aber auf das läuft es tendenziell in der Ukraine aus militärtaktischen und ideologisch unterfütterten Gründen hinaus. Es geht in diesem Machwerk u.a. um das Auslöschen der Empfindung, sich als Ukrainer in einem souveränen Staat fühlen zu können. Dazu haben sich in der letzten Wahl immerhin 90 Prozent der Menschen politisch bekannt. Und ich habe tatsächlich den Eindruck, dass du dieses Pamphlet nicht genau genug oder vollständig gelesen hast. Anders kann ich mir deine Behauptung nicht erklären, dass die Wörter „Nazi“, „Denazifizierung“ nicht. Der entscheidende Passus im Pamphlet ist folgender: „The Nazis who took up arms should be destroyed to the maximum on the battlefield. There should be no significant differences between the Armed Forces of Ukraine and the so-called national battalions, as well as the territorial defense that joined these two types of military formations.“ Extrapolieren wir die angekündigte physische Vernichtung aller militärischen und militärunterstützenden Verbände und der Verbände der territorialen Verteidigung auf alle Zivilpersonen, die sich bewaffnet haben und die in die Hunderttausende gehen, so ist klar, dass diese Vernichtung auf alle Kombattanten ausgedehnt werden wird. Und das ist mit keinem anderen Wort als „Genozid“ zu umschreiben.

      Achim

      Achim

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  2. Als Ungeimpfter und Coronamaßnahmen Kritiker werde ich von manchen auch als Nazi angesehen.
    Heute wird man schnell zum Nazi…

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  3. Es ist schwer unter den Artikel zu unserer so harten Realität ein Like zu setzen. Das steht für deine Maßnahme zur Aufklärung. Ich habe auf Medium und Twitter 1:1 Übersetzungen langer Texte aus der russischen Presse gesehen und war schockiert, dass die russische „Entnazifizierungs-Ideologie“ und was wirklich dahinter steckt (gezielter Völkermord) inzwischen nicht einmal mehr versteckt wird. Das ist nochmal ein ganz anderes Ausmaß..

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