Notate 46 – Herz und Krieg


Diese schrecklichen Zeiten, die aus egoistischen Gründen so schrecklich für uns sind. Da der Jemen, Somalia, Eritrea und Äthiopien, verhungernde Kinder, vergewaltigte Frauen, Mordbrennerei, Kindersoldaten und aufgeputschte marodierende Banden unser mitteleuropäisches Herz und unseren Verstand augenscheinlich nicht erreicht. Aus Gründen, die man fassen kann als Verdrängung durch wirtschaftliche Saturiertheit, hegemonialen kulturellen Elitismus und durch einen tiefenpsychologisch oder evidenzbasiert wirkenden Rassismus. Was wissen wir darüber schon. Könnte man mit gleichem Recht nicht auch behaupten, dass erst das Leid des Nächsten unsere Vorstellung des eigenen Leidens schärft und das Leid der Entfernten anonym verbleibt, weil es die Grenzen unserer Empathiefähigkeit weit übersteigt und nichts gewonnen wäre, wenn sich unser kleines Herz angesichts der weltumspannenden Gewalt in caritativer Absicht überlädt?


Das Gewicht der See fehlt mir, der Treibsand, dessen Fugen mein Herz mit ihm verbunden sein lässt. Was ist das Herz, wenn nicht die Metapher aller Krämerladenemotion? Ich suche nach einem Manifest des vollkommenen Gefühls und sehe wie es begraben wird im Mausoleum der ewigen Kriege und ich denke, dass auch die Schale einer Muschel bersten wird, wenn der Krieg unser Zeitempfinden einfriert und das Leid oder das Mitleid wie Sand durch das Stundenglas rinnt und wir warten müssen auf den Nullpunkt einer neuen Zeit, die sich in Frieden wälzt.


Alles bebt, in Furcht gesotten wie verbranntes Fleisch. Und doch ist Existieren nichts anderes: Dumm am Saum von Heilsversprechungen entlang zu trampeln, immer hart am atomaren Abgrund. Wenn die Freiheit darin besteht, noch einmal davongekommen zu sein, vielleicht besteht sie auch darin, den letzten Schritt zu gehen, der alles klärt. Und sich die Freiheit nicht mehr an unsere Körper heften muss, wenn alles verdampft. Dass alles in Furcht mündet, dort versandet, das wusste ich als Kind nicht. Ich weiß jedoch, dass das Herbeisehnen der Kindheit in Furcht endet. Es ist Furcht, die den Anderen mit Furcht überzieht und es bleibt mir nur, den Schrecken nicht zu beschreiben, da dies nur tiefer schreckt. Es geht um Fremdheit und darum, dass man sich aus den Augen verliert, auf engstem Raum.


Then she drew the curtains down
And said, „When will you ever learn
That what happens there beyond the glass
Is simply none of your concern?
God has given you but one heart
You are not a home for the hearts of your brothers

And God does not care for your benevolence
Anymore than he cares for the lack of it in others
Nor does he care for you to sit
At windows in judgement of the world He created
While sorrows pile up around you
Ugly, useless and over-inflated“

(Lyric Ausschnitt von Nick Caves Song „As I sat sadly by her side“)

Kategorien:Allgemein, KriegSchlagwörter:

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