Krieg – Sitten – Moral


Ich war 7 oder 8 Jahre alt, als ich in der Grundschule an den Begriff des Krieges und insbesondere an die Desaster der beiden Weltkriege behutsam herangeführt wurde. Als Zehnjähriger 1964 bekam ich im Fernsehen zum ersten Mal Bilder von den Leichenbergen in Auschwitz zu sehen, als ich, von Erwachsenen unbegleitet, in eine Dokumentation darüber hineinplatzte.

Diese Erfahrung kam einem Trauma gleich und ich erinnere mich an eine Frage, die ich dutzendfach meinem Vater stellte: Papa, wird es wieder Krieg geben? Wenn ich heute darüber nachdenke, erscheint mir seine Antwort darauf eher dem Seelenheil seines kleinen Sohnes geschuldet, als seiner tatsächlichen Überzeugung, dass es keinen Krieg mehr geben werde. Ich habe meinem Vater geglaubt und navigierte mit seiner Hilfe durch die Ängste meiner frühen und späteren Kindheit.

Mein Vater war 16 Jahre alt, als er 1945 kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs zur Hitlerjugend abkommandiert wurde. Er verbrachte bei dieser Truppe einige Zeit in der Nähe des Chiemsees in Bayern und als es zur deutschen Kapitulation kam, machte er sich allein durch die Wirren auf den Weg zurück in unser Heimatdorf in Rheinland-Pfalz.

Er hat im Laufe meiner Kindheit und meines frühen Erwachsenenlebens, nie über diese Odyssee gesprochen. Erst anlässlich seines 70ten Geburtstags 1999 erlangten wir vier Geschwister darüber Kenntnis, als wir für eine Rede an seinem Ehrentag Etappen seines bewegten Leben zusammentrugen.

Mein Vater starb vor einer Woche und ich bin trotz aller Trauer froh, dass er, der Demenz geschuldet, vom Beginn des Krieges in der Ukraine bewußt nichts mehr erfuhr.

Meine Ängste vor einem Krieg leben nun wieder auf. Sie nisten sich in mein Denken ein, vertreiben die Zuversicht und rücken meine Sicht auf das Erleben persönlichen Glücks zurecht. Sie erzeugen Zorn und Trauer zugleich und werfen mich auf die Erfahrung individueller Hilflosigkeit zurück. Niemand ist eine Insel und es ist bedrückend und faszinierend zugleich, wie sich ein linguistischer Korpus einer Nation zu diesem Ereignis herausbildet, angetrieben von fast archaisch zu nennenden Archetypen menschlicher Grundbefindlichkeiten. Die Fragen nach Gott, Welt und Mensch stellen sich erneut, mit dem heftigem Bemühen nach Grundsätzlichkeit des Urteils versehen. Was ist der Mensch angesichts einer Apokalypse, die im Begriff ist sich zu entfalten? Wo bleibt das Eingreifen eines Gottes angesichts des Schrecklichen, das sich in der Ukraine abspielt? Wie lässt sich seine Abwesenheit erklären? Wie sind Fatalismus und individueller Glaube an das Gute und Schöne miteinander zu vereinbaren?

Ich bin kein gläubiger Mensch und insofern sind für mich die Fragen der Rechtfertigung Gottes hinsichtlich der Übel, die er auf der Welt zurückgelassen hat, nur aus philosophischer Perspektive von Interesse. Die Kirchen und ihre höchsten Vertreter haben in der Geschichte der Kriege schon immer in unterschiedlichsten Formen des Sermons diese Kriege gutgeheißen. So geschieht es aktuell auch in Russland. Kyrill I. ist seit dem 1. Februar 2009 Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche. Nach ihm ist der Frieden in der Ukraine erst dann wiederhergestellt, wenn die Kräfte des Bösen die die Waffen niederlegen. Gemeint ist eine Kapitulation der Ukraine. Die Ukraine gehört nach seiner Auffassung zum heiligen Rus. Sein ideologisches Kozept des Russkij Mir – russische Welt deckt sich mit dem der politischen Führung. Wer u.a. diesen Krieg als Kampf gegen die Homosexualität rechtfertigt, für den stellt sich die Frage nach der Theodizee Gottes nicht mehr. Für den sei festgehalten, dass es nur um die Frage geht, wie er sich herauswinden will aus seiner Sanktionierung des irdischen Schrecklichen. Wenn sich das Sakrale und das Säkuläre ein gemeinsames Bett teilen, ist die An- oder Abwesenheit eines wie auch immer gearteten Gottes eine lässliche Nebensächlichkeit.

Wir sollten nie vergessen, dass der Psychokorpus des Individuums in seinen negativen Ausprägungen von Neid, Mißgunst, Hass, Intrigantentum, Heuchelei, Lüge, Vetternwirtschaft etc. sich auf jede Ebene des Korporatismus erstreckt. Es ist insofern sinnlos, eine distinktive Grenze ziehen zu wollen zwischen diesen Ebenen. Das Politische ist immer auch das Persönliche. Der Reflex zur Unterscheidung ist zwar zutiefst menschlich, aber die sog. Verschwörung der Eliten ist nichts anderes als der Abglanz des Verschwörerischen in uns selbst. Das gegen die eigene Bevölkerung gerichtete Böse existiert als Instrument der Unterdrückung nicht nur auf der Metaebene des gesellschaftlichen Überbaus, sondern bereits in uns selbst. Unserem Nachbarn und Arbeitskollegen gegenüber, den unmittelbaren Mitgliedern der Verwandtschaft gegenüber und so fort.

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Dies ist der Satz, der als Immanuel Kants kategorischer Imperativ in die Philosophiegeschichte eingegangen ist. Kant postuliert, dass die Grundsätze der Moral im guten Willen gesucht werden müssen, da nur dieser allein als Wesen des Guten gelten kann. Der gute Wille folgt ausschließlich dem kategorischen Imperativ, wonach jeder
subjektive Handlungsgrund zugleich allgemeines Gesetz für alle vernünftigen Wesen sein können muss. Die Verbindlichkeit moralischer Gesetze wurzeln weder in der menschlichen noch in der physikalischen Natur, sondern allein in der Vernunft.

Dass wir vernünftige Wesen sind, darf vor allem in Zeiten des Krieges bezweifelt werden. In den Schützengräben verbluten Verstand und Vernunft gleichermaßen. Oder auch nicht, da beide nicht zur Grundausstattung des Menschen zu gehören scheinen?

Die Charta der Vereinten Nationen wurde am 26. Juni 1945 durch 50 der 51 Gründungsmitglieder unterzeichnet. Sie trat am 24. Oktober 1945 in Kraft. Die Charta als völkerrechtlicher Vertrag bindet alle Mitglieder aufgrund der entsprechenden Bestimmungen des Völkerrechts. Änderungen der Charta erfordern eine Zweidrittelmehrheit der Mitglieder der Generalversammlung, darunter die Zustimmung aller fünf UN-Vetomächte.

Die Charta wurde wesentlich von Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden inspiriert.

In allen Kriegen seit Beginn ihres Inkrafttretens erwies sich diese Charta des Papiers nicht wert, auf dem sie steht.

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4 Kommentare

  1. Danke für diesen ergreifenden Bericht. Den folgenden Satz von Emanuel Kant habe ich mir aufgeschrieben:Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“

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  2. Das Fazit – die traurige Wahrheit.

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