Die toten Seelen


Der Russe ist einer der Birken liebt. (Titel des Romans von Olga Grjasnowa)

Existiert die russische Seele? Von Schwermut durchtränkt und mit der Geschichte jener Katastrophen beladen, die dieses Land immer wieder überkamen? Eine Geschichte der Unterwerfungen, beginnend mit dem Joch der Tartaren im Mittelalter, über den brutalen Despotismus der Kirche und weiter über die Autokratie des Zarentums, bis hin zur Atmosphäre geistiger Unterdrückung im 19. Jahrhundert, die sich 1917 in der Oktoberrevolution entlud. Die Liste ließe sich vervollständigen durch den Aufstieg und den Fall der Sowjetunion und durch die heutige Kreml – Diktatur.

Die großen Dichter und Philosophen Russlands attestierten ihren Landsleuten markante Merkmale ebendieser „russischen Seele“ und man möchte meinen, sie hätten allen Grund dazu.

Fjodor Dostojewski in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“: „Ich glaube, das wichtigste, das wesentlichste geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis, immer und unaufhörlich, überall und in allem zu leiden. Mit diesem Lechzen nach Leid scheint es von jeher infiziert zu sein. Der Strom der Leiden fließt durch seine ganze Geschichte; er kommt nicht nur von äußeren Schicksalsschlägen, sondern entspringt der Tiefe des Volksherzens. Das russische Volk findet in seinem Leiden gleichsam Genuss.“

Der Dichter Wladimir Majakowski sprach von seinem Land als durchzogen von unübertroffener Leidenskraft. Und der russische Philosoph Nikolai Berdjajew hält fest, dass seine Landsleute in ihrer Neigung zur Schwermut die katastrophalen historischen Ereignisse nach innen gewendet hätten. Es sich dabei um einen psycho-hygienischen Akt der Verzweiflung handelte, welche im gleichen Atemzug mit der Lähmung rebellischer Tugenden einherginge.

Wie lässt sich nun die russische Seele begreifen? Als metaphorische, externe Zuschreibung oder als die gemähliche Herausbildung einer spezifischer Eigentümlichkeit eines Volkes, die man als sakrosankt erachten darf? Immerhin kennen wir ähnliche Zuschreibungen von Völkern und Nationen auch innerhalb der westlichen Hemisphäre. Es genügt dabei ein Blick auf uns selbst. Über die Herausbildung einer Obrigkeitshörigkeit der deutschen Seele gibt es von seriösen sozialwissenschaftlichen Bemühungen bis zu halbgarem, pseudowissenschaftlichen Krakel einiges, was einem Stempel auf unserer Stirn gleichkommt.

Die Unfähigkeit zu trauern ist der Titel eines Buches von Margarete und Alexander Mitscherlich, das 1967 veröffentlicht wurde und welches mit den Mitteln der Psychoanalyse die Kernpunkte der psychischen Verarbeitung der NS-Diktatur in der Nachkriegszeit zum Thema hat. Ihre Untersuchung konstatiert, dass es den Deutschen insbesondere nicht um die Trauer über die entsetzlichen Folgen der NS-Herrschaft geht, sondern um den Verlust eines Ich-Ideals , welches in der Person Hitlers ausgemacht wird. Dieser Verlust wird betrauert und diese Tatsache verunmöglicht es, sich der eigenen Schuld, der Scham und dem Leiden der Opfer in einem übergreifenden Akt der Reue und Sühne zu stellen. In seiner Schrift Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft von 1963 legt Mitscherlich die Theorie dar, dass durch den Verlust traditioneller Werte und Normen in der Moderne, die Gesellschaft zum einen aufgeklärter und eigenständiger werde, zugleich aber die Gefahr einer Anfälligkeit für Ideologien und Massenwahn virulent bleibe.

Ob Wladmir Putin eine russische Seele besitzt? Man sollte hier nicht fahrlässig mit den Instrumenten der Psychoanalyse versuchen, an sein Inneres, sein Fühlen und Denken heranzutreten. Andererseits verlautbarte er selbst die empfundene Schmach und die Trauer über den Verlust eines Ich-Ideals, welches er in der Macht und Größe der aufgelösten Sowjetunion verortete. Er bezeichnete den Untergang der Sowjetunion als die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Und das will etwas heißen, für einen Mann, der zur Zeit der schrecklichsten Katastrophe des letzten Jahrhunderts noch nicht geboren war.

„Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie sich zurückwünscht, keinen Verstand.“ Dies ist ein Zitat von Putin. Hat er also seinen Verstand verloren und gibt seinem Herzen nach? Geschichte ist sein Steckenpferd, und die Art und die Weise seiner diversen Geschichtsklitterungen sprechen eine beredte Sprache über sein lange gärendes Kalkül, Ansprüche geltend machen zu wollen bezüglich der Heimholung von Territorien, ob diese nun als kleinrussisch, mittelrussisch oder großrussisch zu gelten haben.

Unter diesen Auspizien betrachtet ist das Narrativ der gefährdeten Sicherheit Russlands durch die Natomitgliedstaaten ein pompöser Schleier, hinter dem sich lediglich die Angst davor verbirgt, seinen territorialen Großmachtansprüchen nicht ohne Weiteres nachgehen zu können. Hätte er tatsächliche Angst vor der Nato gehabt, hätte im Kalkül seines Angriffs auf die Ukraine die realpolitische Konsequenz eine Rolle spielen müssen, vor die er sich nun gestellt sieht. Mit den Instrumenten eines logischen Pragmatismus ist diesem Handeln nicht mehr beizukommen. Putin, das steinerne Herz, der durch Hybris korrumpierte Verstand. Eine russische Seele, überlagert durch eine Allmachtphantasie, nach innen durch Repression gekennzeichnet und nach außen durch den Pomp russischer Zaren, die ein ganzes Volk der Leibeigenschaft unterwarfen und die es vermochten, ein Leid der russischen Seele zu oktroyieren.

Der Roman Die toten Seelen stammt von Nikolai Gogol. Dessen erster Teil erschien 1842, zur Zeit der kaukasischen Kriege, die während der Verwaltung dreier aufeinanderfolgender russischer Zaren geführt wurden: Alexander I. (reg. 1801–1825), Nikolaus I. (1825–1855) und Alexander II. (1855–1881). Jene Kriege wurden u.a. gegen die autochthonen Volksgruppen der Tscherkessen und Tschetschenen geführt.

In Gogols Roman besucht der Protagonist Pawel Tschitschikov die Gouvernementstadt N. und erkundigt sich nach den Großgrundbesitzern mit den meisten „Seelen“, also leibeigenen Bauern. Diesen Gutsbesitzern schlägt er ein ungewöhnliches Geschäft vor: Er will ihnen ihre „toten Seelen“ abkaufen, d. h. diejenigen Bauern, die kürzlich gestorben sind. Keiner der Gutsbesitzer versteht den Sinn dieses Vorhabens. Die einen schenken ihm die „wertlosen“ toten Seelen ohne weiteres, die anderen wittern ein Geschäft und feilschen um den Preis.
Gerüchte über Tschitschikow verbreiten sich: Manche halten ihn für einen Millionär, andere für einen Halsabschneider, der die Tochter des Gouverneurs entführen will. Der Hintergrund von Tschitschikows Plan: Die Steuerlisten der Gutsbesitzer werden nur alle zehn Jahre aktualisiert und führen daher viele verstorbene Leibeigene. Wer die Rechte an diesen (offiziell noch lebendigen) Bauern besitzt, kann sie verpfänden und dafür eine ordentliche Stange Geld erhalten. Als Tschitschikows Plan bekannt wird, wird er verhaftet, aber bereits nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Der (unvollendete) Roman endet damit, dass Tschitschikow aus der Gouvernementstadt flieht und sich vornimmt, ein besseres Leben zu führen.

Ursprünglich plante Gogol drei Bände, konnte aber nur zwei davon realisieren und davon wiederum nur den ersten durchsehen und für den Druck freigeben. Der zweite Band wurde aus Manuskripten rekonstruiert, weil Gogol das fertige Exemplar verbrannt hat.
Die Erstveröffentlichung des Buches sorgte für großes Aufsehen. Schriftsteller und Literaturkritiker bejubelten Gogol, für Konservative war er ein Staatsfeind.

Vermutlich tausende russischer Soldaten sind auf dem Schlachtfeld der Ukraine gestorben. Tote Seelen fürwahr. Es steht zu vermuten, dass mit ihnen die russischen Seelen ihrer Mütter, Väter, Schwestern und Brüder gestorben sind. Es sind dies die toten Seelen, für die allein Putin verantwortlich ist. Mit ihnen lässt sich nicht schachern. Sie lassen sich nicht verpfänden, es ist kein Geld aus ihnen zu pressen. Des Zaren neue Kleider hinterlassen ihn nackt.

Kategorien:Allgemein

7 Kommentare

  1. Realy? Putin ganz alleine? Von einem göttlichen Virus der Schlechtigkeit befallen? Niemand ist ihm auf die Pelle gerückt? Niemand hatte die Absicht, die NATO zu erweitern?

    Bis zur Bush-Tournee 2008.

    https://www.dw.com/de/bushs-unterst%C3%BCtzung-wird-heftig-kritisiert/a-3232315

    Der link soll NICHT Putin entschuldigen. Er soll die „Vergessenen Aspekte“ ergänzen.

    Man hat nassforsch-dümmlich oder aber aus rüstungsfinanziellem Profiterwartungen heraus einen Feind recycelt, der keiner mehr sein wollte – und der nun aber wieder marschiert.

    Moralisch mag Putin nun nackt sein. Aber der Westen hat keine weiße Weste. Weil er nicht tat, was er wusste: Reize den Bären nicht in seiner Höhle.

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    • Inzwischen ist klar geworden, dass es bei der Betrachtung dieses Krieges in wesentlichen Punkten einen Dissenz zwischen uns gibt, was die Ursache – und Wirkungsverhältnisse betrifft. Wir sollten es dabei belassen und uns darauf konzentrieren, wie nun dieses Desaster unter Sicherheitsgesichtspunkten für alle beendet werden kann.

      Liebe Grüße

      Achim

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        • Auf diesem Blog muss niemand schweigen 🙂 Man darf sich hier trefflich streiten. J<edoch muss es jetzt darum gehen, wie man den Frieden wiederherstellen kann, der als mittelfristig dauerhaft gelten darf, der alle Interessen auf den Tisch bringt und der mit dem Bemühen versehen ist, Sicherheit für alle Beteiligten zu generieren. Ein Waffenstillstand muss her, der die Opferzahlen reduziert. Es müssen Makler installiert werden, die als frei von Interessenschwerpunkten von West oder Ost gelten können und deren Vermittlungsbemühungen nicht torpediert werden dürfen. Es muss darum gehen, dass sich der europäische Kontinent als Ganzes von seiner Rolle im Spiel der Weltmächte emanzipiert und sich den Nachbarschaftsfragen in Europa selbständig widmen kann. Nach diplomatischer Aushandlung der Fragen Krieg oder Frieden darf sich die Zahl NATO-Mitgliedstaaten wieder auf die Zahl reduzieren, die sie vor der Machtergreifung Putins hatte.

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          • Wie passt das zu “wir solltens dabei belassen“ von grade eben?

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            • Wir sollten es beim Dissenz belassen, also festhalten, dass wir über Ursachen des Krieges unterschiedlicher Ansicht sind. Andererseits würde ich auch von Ihnen gerne hören, wie eine Friedenslösung zustandekommen kann. Ohne Vorbedingungen, mit der Maßgabe, dass man auf einer unbeschriebenen Tafel (tabula rasa) beginnt, Punkte für eine nachhaltige Friedensordnung notiert.

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              • Georgien und Ukraine bräuchten eine Lösung wie Österreich 1955.
                Russland behält die Krim.
                Für den Donbass ein Saarlandabkommen.
                In 10 oder 20 Jahren Volksentscheid wohin die wollen.
                Etwaige Streits in Zukunft sind in der Schweiz oder von mir aus in Pretoria zu klären.
                Es hieß in den ersten Kriegstagen in unseren Medien verschämt in Nebensätzen “Wir hätten die russ. Sicherheitsinteressen ernster nehmen sollen“
                Ja, weiß Gott!
                Eine Ukraine in der EU bedeutet, dass “Der Westen“ eine Ostgrenze hat wie 1943.
                Das demütigt Russland und festigt dort Demokratiefeindlichkeit.

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