Der Winter unseres Missvergnügens 3


Die untenstehende Übersetzung gewisser Teile seines Gastbeitrags im englischen Guardian stammt vom russischen Staatsbürger Wladimir Sorokin. Sorokin ist einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Postmoderne in Russland. Er gilt als einer der schärfsten Kritiker des politischen Systems Russlands.

Weitere Informationen zu ihm unter

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Georgijewitsch_Sorokin

„Putins Lieblingsphilosoph ist Iwan Iljin – ein Monarchist, russischer Nationalist, Antisemit und Ideologe der Weißen Bewegung, der 1922 von Lenin aus Sowjetrussland ausgewiesen wurde und sein Leben im Exil beendete. Als Hitler in Deutschland an die Macht kam, gratulierte Ilyin ihm herzlich dazu, „die Bolschewisierung Deutschlands zum Stillstand gebracht zu haben“.

„Ich weigere mich kategorisch, die Ereignisse der letzten drei Monate in Deutschland aus der Perspektive deutscher Juden zu bewerten … Die liberal-demokratische Hypnose der Widerstandslosigkeit ist abgeworfen …“, schrieb er.

Als Hitler jedoch die Slawen zu einer Rasse zweiter Klasse erklärte, war Iljin beleidigt und die Gestapo nahm ihn bald wegen der Kritik, die er zu äußern begann, in Gewahrsam. Er wurde dann von Sergei Rachmaninov gerettet, woraufhin er in die Schweiz abreiste.

In seinen Artikeln hoffte Iljin, dass Russland nach dem Sturz des Bolschewismus einen eigenen großen Führer haben würde, der das Land von den Knien reißen würde. Tatsächlich ist „Russland erhebt sich von seinen Knien“ der bevorzugte Slogan von Putin und seinen Putinisten.

An Iljin orientierte er sich auch, wenn er verächtlich von einem „von Lenin geschaffenen“ ukrainischen Staat sprach. Tatsächlich wurde die unabhängige Ukraine nicht von Lenin geschaffen, sondern von der Zentralrada im Januar 1918, unmittelbar nach der Auflösung der Konstituierenden Versammlung durch Lenin.

Dieser Staat entstand aufgrund von Lenins Aggression, aber nicht dank seiner Bemühungen. Iljin war überzeugt, dass, wenn die Machthaber in Russland nach den Bolschewiki „antinational und antistaatlich, unterwürfig gegenüber Ausländern [werden], das Land [zerstückeln], patriotisch prinzipienlos [werden] und nicht ausschließlich die Interessen der großen russischen Nation ohne Rücksicht auf verhurte Kleinrussen [Ukrainer], denen Lenin die Eigenstaatlichkeit verlieh, dann [würde] die Revolution nicht enden, sondern in ihre neue Phase des Untergangs durch die westliche Dekadenz eintreten.“

Und weiter:

„In Russland ist Macht eine Pyramide. Diese Pyramide wurde im 16. Jahrhundert von Iwan dem Schrecklichen erbaut – einem ehrgeizigen, brutalen Zaren, der von Paranoia und vielen anderen Lastern überrannt wurde.

Mit Hilfe seiner persönlichen Armee – der Oprichnina – teilte er den russischen Staat grausam und blutig in Macht und Volk, Freund und Feind, und die Kluft zwischen ihnen wurde zum tiefsten Graben. Seine Freundschaft mit der Goldenen Horde überzeugte ihn davon, dass der einzige Weg, die Weite Russlands zu beherrschen, darin bestand, ein Besatzer dieser riesigen Zone zu werden. Die Besatzungsmacht musste stark, grausam, unberechenbar und für die Menschen unverständlich sein. Die Menschen sollten keine andere Wahl haben, als ihr zu gehorchen und sie anzubeten. Und eine einzelne Person sitzt an der Spitze dieser dunklen Pyramide, eine einzelne Person, die absolute Macht und ein Recht auf alles besitzt.

Paradoxerweise hat sich das Prinzip der russischen Macht in den letzten fünf Jahrhunderten nicht einmal im Entferntesten geändert. Ich betrachte dies als die größte Tragödie unseres Landes. Unsere mittelalterliche Pyramide hat die ganze Zeit aufrecht gestanden, ihre Oberfläche hat sich verändert, aber nie ihre Grundform. Und es war immer ein einzelner russischer Herrscher, der auf seinem Höhepunkt saß: Pjotr I., Nikolaus II., Stalin, Breschnew, Andropow …

Heute sitzt Putin seit mehr als 20 Jahren auf seinem Höhepunkt. Nachdem er sein Versprechen gebrochen hat, klammert er sich mit aller Kraft an seinen Stuhl. Die Pyramide der Macht vergiftet den Herrscher mit absoluter Autorität. Es schießen archaische, mittelalterliche Schwingungen in den Herrscher und sein Gefolge und er scheint zu sagen: „Ihr seid die Herren eines Landes, dessen Integrität nur durch Gewalt und Grausamkeit aufrechterhalten werden kann; Sei so undurchsichtig wie ich, so grausam und unberechenbar, dir ist alles erlaubt, du musst Schock und Ehrfurcht in deiner Bevölkerung hervorrufen, die Menschen dürfen dich nicht verstehen, aber sie müssen dich fürchten.“

Nach den jüngsten Ereignissen zu urteilen, hat die Idee der Wiederherstellung des Russischen Reiches Putin vollständig in Besitz genommen
Leider hat Jelzin, der auf dem Gipfel der Perestroika-Welle an die Macht kam, die mittelalterliche Form der Pyramide nicht zerstört; er sanierte einfach ihre Oberfläche: statt düsterem sowjetischen Beton wurde sie bunt und übersät mit Plakaten für westliche Waren. Die Pyramide der Macht verschlimmerte Jelzins schlimmste Eigenschaften: Er wurde unhöflich, ein Tyrann und ein Alkoholiker. Sein Gesicht verwandelte sich in eine schwere, bewegungslose Maske frecher Arroganz. Gegen Ende seiner Regierungszeit entfesselte Jelzin einen sinnlosen Krieg gegen Tschetschenien, als es beschloss, sich von der Russischen Föderation zu trennen. Die von Iwan dem Schrecklichen erbaute Pyramide hatte es geschafft, den Imperialisten sogar in Jelzin, einem nur kurzlebigen Demokraten, zu wecken; Als russischer Zar schickte er Panzer und Bomber nach Tschetschenien und verurteilte das tschetschenische Volk zu Tod und Leid.“

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13 Kommentare

  1. Danke für diese plausible Deutung.

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  2. Intressante und typisch russische Denker, diese beiden. Der alte „weiße“ Iljin und der Sorokon neueren Datums. Und ergänzt werden muss: Warum hat sich diese Pyramide nicht ändern können? Weil da kein aufgeklärtes Bürgertum da war, als Träger. Gibst du einem demokratisch untrainierten Volk die Spielmöglichkeiten der Demokratie – kommt Blödsinn raus, der in die eine oder andere Richtung übersteigert ist. Siehe Jakobiner in Frankreich 1793, siehe Muslimbrüder all over Nordafrika nach jenem so katastrophal verlaufenen Arabischen Frühling, siehe Russland unter Jelzin: Freie Wahlkämpfe von lauter Träumer- und Spinnervereinen. Russland hat reiche Traditionen bäuerlicher Befreier(Tolstoi), Anarchisten(Lenins Bruder und Bakunin), Trotzkisten(Wie der Name schon sagt), aber eben viel zu schwache Parteien herkömmlicher Art, weil von viel zuwenig Mitgliedern und viel zu selten von hellen Köpfen geführt.
    Deshalb konnte auch der Geheimdienst mal schnell einen geeigneten Kandidaten (Putin) mit einer Partei umgeben und an die Spitze bringen. Weil er besser vernetzt war, als jede andere Partei. Und Putin anfangs nicht korrumpiert war, wie alle anderen Parteiführer. Korrupte Oligarchen, die das wirtschaftliche Unvermögen von gorbi und jelzin eiskalt für eigene Zwecke missbrauchten, Milliardäre wurden – und dann „auf Demokrat machten“. Erinnert sei an jenen Chorodowski (oder so ähnlich). Ach man findet da kein Ende…

    Und das jetzige Drama reaktiviert nur bei vielen die alten Reflexe. An Ursache-Folge denkt auch in unseren „aufgeklärten“ Kreisen kein Schwein mehr.

    Kriege haben Ursachen und Anlässe. Haben wir alle mal in der Schule „fürs Leben“ gelernt. Und nu?
    Ursachen sind immer länger schon bestehende Misstände.
    Anläße sind günstige Vorkommnisse, die spontan genutzt werden.

    Dieser Tage dazu in irgendeinem Qualitätsmedium mal was gelesen oder gesehen?

    Aber einen Brennpunkt nach dem andern auf allen Kanälen raushauen…

    Ach, das führt zu weit. Mir läuft die Galle über.

    „Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte!“(Max Liebermann)

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    • Es scheint die Diplomatie zu Grabe getragen worden zu sein. Als ob es sie je gegeben hätte, auf Augenhöhe, mit einer Strategie versehen, die im Ungleichgewicht der Kräfte, nach dem Zerfall der Sowjetunion, mehr hätte bedeuten können als das Loslassen der apokalyptischen Reiter des Neoliberalismus in Politik und Wirtschaft.

      Hier eine kurze Zusammenfassung von Ansichten aus Timothy Snyders Buch „Der Weg in die Unfreiheit“ aus dem Jahr 2018 in Bezug auf Russland. Wie ich finde sehr nachdenkenswert.

      1.) Unter Wladimir Putin scheiterte der Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen. Der Staat wurde zu einer Kleptokratie, in dem sich nun nicht mehr miteinander konkurrierende Clans bereicherten, sondern ein einziger Oligarchen-Clan um Putin alles dominierte. Statt Regeln gegen korrupte Oligarchen durchzusetzen, monopolisierte der Staat selbst das Recht auf Korruption.

      2.)Weil das Land seinen Bürgern weder Demokratie und Rechtsstaatlichkeit noch wirtschaftlichen Wohlstand garantiert, verlegt sich die russische Politik auf ideologische Narrative von einer angeblich höherwertigen russischen Kultur.

      3.) Wenn politische Machthaber ihren Bürgern keine Zukunft bieten können, ohne die eigene Position zu gefährden, tritt die Beschwörung einer großartigen Vergangenheit sowie äußerer Feinde an die Stelle politischer Gestaltung.

      4.) Während Russland eine „Politik der Ewigkeit“ vertritt, eine Mischung aus völkischem Nationalismus, Vergangenheitskult und kulturellem Konservatismus, hat der Westen allzu lange einer „Politik der Unausweichlichkeit“, des alternativlosen Pragmatismus oder der pragmatischen Alternativlosigkeit, gefrönt. Gemeint ist die Behauptung, dass es keine Alternativen zum Kapitalismus gebe. Sie läuft darauf hinaus, dass der Markt an die Stelle politischer Gestaltungsmacht tritt. Der Kapitalismus ist aber nur so lange attraktiv, wie er das Versprechen sozialer Mobilität einlösen kann. Tut er das nicht mehr und bleibt ökonomische Ungleichheit wie in Beton gegossen, wird aus der Politik der Unausweichlichkeit eine der Ewigkeit. Und so nähern sich Ost und West an. Die Fake News Trumps und die Propaganda Putins sind Symptome derselben Entwicklung: Die Produktion dramatischer Hochgefühle und ebensolcher Empörung ist die Strategie der Ewigkeitspolitiker, um ihre Bürger davon abzulenken, dass es keine bessere Zukunft geben wird, weil sie die notwendigen Veränderungen nicht einleiten können oder wollen.

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      • Und Deutschland so? Als ob unser Journalismus noch funktionieren würde.
        Gerd Ruge rotiert im Grab. Die Krone Schmalz winkt resigniert ab.
        Und die Henri Nannen Schule ist auf dem Niveau jetziger Abiturienten mit Nachteilsausgleich angekommen: Schreibe hundertmal “Hurra Amerika.“
        “Sachsen ist/sind doof.“ und “Das Böse ist immer Moskau.“

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        • Guter Journalismus ist nie nur eine Bringschuld. Er ist in Umfang und Qualität auch abhängig von der Holschuld seiner Konsumenten. Jede* die sich über die „Lügenpresse“ beklagt, ist durchaus in die Lage versetzt, sich die Informatiionen zu besorgen, die zufriedenstellend sind. Und dies ohne sich gemäß eigener ideologischen Ausrichtung, auf propagandistische Informationen der Gegenseite zu stürzen und dies als die reine Lehre und Wahrheit zu verkaufen. Wer sich die Bücher von Karl Schlögel, Ivan Krastev, Timothy Synder, um nur einige zu nennen, antun möchte, kann dies tun. Dafür verlangt es jedoch den Willen zur Aneignung von Inhalten, den Willen zur unvoreingenommenen Verarbeitung jener und den Willen zur eigenen Meinungsbildung, der sich nicht darin erschöpft, mit dem Finger der Desinformation auf andere zu zeigen.

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  3. Als ein weiterer Vordenker des „Putinismus“ gilt Alexander Dugin, bekannt und beliebt auch bei den europäischen Neuen Rechten. In seinem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ von 1997 (4. Aufl. 2016), das „als Lehrbuch an der Militärakademie des Generalstabes der Streitkräfte der Russischen Föderation und anderen Militärakademien verwendet“ wird (Zitat Wikipedia), empfiehlt er: „Belarus, Georgien, die Ukraine und Moldawien sollen als Bestandteile Russlands erachtet werden. Auch Finnland soll in Russland aufgehen.“ (Wikipedia)
    Den ganzen Eintrag findest Du hier:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Grundlagen_der_Geopolitik

    Finnland – und übrigens auch Schweden – sind keine NATO-Länder und könnten wegen ihrer Nähe zu Russland leicht von Putin als Bedrohung angesehen werden.

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