Message from the Quarantine 38


Der winzige Hauch einer Berührung, er fehlt mir nicht. Der abkürzende Blick in fremde Augen, er fehlt mir nicht. Worte und Sätze berühren. Mehr bedarf es nicht. Die Arme, die sich um mich legen, sind meine Arme. Sie geben Wärme und Halt. In diesen Zeiten zerstoben die Umrisse der Gesichter. Ich stelle sie in der Erinnerung wieder her und denke, dass ein Telefonat gewichtigere, tiefergehende Gespräche möglich macht. Ich sammele und horte: Worte, Gedanken, Erinnerungen, Träume …. ! Die Erinnerung hört niemals auf sich zu erinnern. Die Sehnsucht nach der Rede bleibt freilich, wenn um sie herum alle Zeichen, alle Signale unter einem Schutt von Gerede verschwinden. Gibt es sie wirklich noch: Das Lindengrün im Meer der Gräser, die Kathedralen der Freude, die Summe ohne Bilanzmacherei, der Verlustvortrag der stehengebliebenen Zeit? Oder die Wächter der Qual, ihre Zugehfrau? Die Vergebung, zu Ballen gepackt wie Heu?

Wie es mir geht? Ich kann es nicht sagen. Ich esse und trinke, alles geht seinen Gang. Manchmal heftet sich mein starrer Blick an einen entfernten, unbestimmten Umriss. Von was? Ich weiß es nicht. Will es auch nicht wissen, da es wichtig ist, diesem Blick keine Bedeutung zu geben. Ich mache mir keine Sorgen, in einem Sinne, dass ich nicht zum Schlafen käme oder zum Aufstehen. Der nächste Tag ist keine Bürde, keine Bürde in jeglicher Hinsicht. Ich wasche mich, koche Kaffee, spinne mich in einen Lesekokon ein, betreibe Bergbau an fremden Gedanken. Sie signalisieren mir, es gäbe Wichtigeres zu tun als das Räsonnieren über das eigene, simple Schicksal. An der Natur zu rütteln, sie begreifen zu wollen, ist müßig. Meinen Körper kränker zu reden als er ist, ist müßig.

Manchmal durchströmt mich pure Lust, weißes, reinstes Koks. Dann bäume ich mich auf. Es ist einfach, dieser Lust, diesem Schock, unspektakulären Lauf zu lassen. Lust entschädigt. Sie dockt an den Leerstellen an, wenn mein Geist nichts zu tun hat. Das aufgestockte Blut nehme ich als Zeichen. Dass es sich lohnt, zu warten. Auf eine Zeit, die Genuß zelebriert. Aber dann denke ich, dass das Genießen sich an kein Zeitgefühl verschwenden sollte. Wozu also der Aufruhr, der in der rückwärtsgewandten Sehnsucht liegt? Haie ziehen in Rudeln oder in Abgesondertheit. Das Knacken meiner Fingerknochen hat mich schon immer begleitet. Der Hader mit mir ist der Hader mit mir. Ein Einhorn zu machen aus jedem Pferd, das ist die Kunst.

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10 Kommentare

  1. Lieber Achim,

    Die Wärme flüchtiger Berührungen im Aneinandervorbeistreifen oder einer Umarmung kann kein Buch mir ersetzen oder geben. Auch einen langen Blick in andere Augen nicht und auch nicht das Zwinkern oder Aufleuchten in ihnen. Zwar kann ich mich zwischen die pappenen Arme zweier Buchdeckel werfen, in eine andere Welt mit einem Anfang und einem Ende vor der Wirklichkeit eine Weile lang wegtauchen, doch ich weiß, dass ich jemandes anderen Gedanken vorstelle und meinen nach Nähe anderer ausgehungerten Körper mit Kunst und Literatur tröste, besonders bei grauem Wetter und dickem Nebel.
    Ein Telefonat ist wie ein Spatz in der hohlen Hand.
    In Stimmen finden sich viele Farben, auch fand ich schon ein lindes Grün darin und dazwischen wuchsen zwar keine Kathedralen der Freude, doch immerhin ein paar gut gelaunte tiny Waldkapellen für den kleinen Verdruss zwischendurch.
    Bilanzen lohnen sich immer nur in großen Geschäftsangelegenheiten und für grundlegende Konzeptkernsanierungen in der prinzipiellen Lebensführung.
    Erwartungen sind nervige Quälgeister, Vorstellungen erst recht und die Genießer entsagen jedem Zeitmass im Augenblick der Hingabe an ihre Lust – kann sie gerade auch nur ein Traum sein.

    Das Gefühl in allerkleinstem Kreis um sich selbst zu drehen und unbestimmt auf andere Zeiten künftiger Begegnungen und Reisen in einer vertrauten Normalität zu hoffen, ist ein Drahtseilakt mit einer Impfspritze als Balancierstange über Abgründen politischer Sinnhaftig- wie -losigkeiten. Noch immer kein Ende in Sicht und noch immer dieses Ausharren und immer wieder einmal mehr das um Geduld bittende Hoffen.

    Deine poetisch scharf geschliffenen und funkelnden Syntaxen scheinen sich ähnlich wie ich mit einem ausgewachsenen Coronakoller herum zu schlagen…
    Aber es ist schön und tut gut, Deine Gedanken gerade wieder öfter hier zu lesen.

    Liebe Grüße

    Amélie

    Gefällt 5 Personen

    • Liebe Amelie,

      von einem Koller kann ich nicht reden. Meine grundlegende Art, zurückhaltend zu leben, hilft mir enorm. Vielleicht hilft mir dabei auch, dass ich von der Natur nicht erwarte, sich gefälligst unseren Bedürfnissen anzupassen. Die Fragilität unseres Menschseins ist ja in Hauptsache den Unwägbarkeiten der Natur geschuldet. Dass sie sich nicht beherrschen lässt erleben wir gerade. Wir erleben, wozu sie fähig ist, um sich vor uns zu schützen. Keine Ahnung, was wir uns dabei denken zu glauben, wir wären der Maßstab aller Dinge und könnten uns risikofrei an ihr bedienen. Sie schuldet uns nichts. Meine sozialen Kontakte sind, wie du weißt, überschaubar. Für mich liegt nichts Ungelebtes darin mit mir gerne allein zu sein. Schon als Kind liebte ich nichts mehr als alleine durch die Gegend zu stromern. Ich hatte alles, alles für mich allein, etwas, was ich nicht teilen musste. Was mir fehlt ist natürlich der Austausch von Gedanken, weniger der Smalltalk, das Schwimmen auf der Oberfläche flüchtiger Erfahrung, auch der Erfahrung mit Menschen. Diese Gedanken durchziehen wie eine Maserung ja immer auch die Beiträge dieses Blogs. Mit dem in diesen Zeiten ausbleibenden Genuss meine ich das, was man als ausgiebiges Ausdruckvermögen seiner selbst bezeichnen könnte. Dazu fehlt vielen einfach der öffentlich verfügbare Raum. Aber dieses Vermögen sich auszudrücken hat auch immer eine Komponente, die aus dem Innersten eines Menschen für sein Innerstes spricht.

      Liebe Grüße an dich

      Achim

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  2. Dein Beitrag und die Antwort von Amélie darauf spiegelt mein Empfinden.
    Komme mir vor wie in einer Endlosschleife, das pulsierende Leben ist irgendwo ausserhalb…
    Hoffnung gibt mir nur die Natur, der erwachende Frühling mit der Hoffnung auf neue Lebendigkeit…

    Gefällt 2 Personen

    • Es gibt vom französischen Philosophen Pascal sinngemäß den Ausspruch, dass das größe Unglück der Welt darin besteht, dass die Menschen nicht für sich allein sein können 🙂 Aber sind wir denn immer und unter allen Umständen allein? Gesellschaft mit sich selbst zu haben, vielleicht können wir an diesesVermögen ein wenig wieder heranreichen, in diesen schweren Zeiten.

      Liebe grüße

      Achim

      Gefällt 1 Person

      • Denke, dass zwischen alleine sein und sich einsam fühlen ein grosser Unterschied ist.
        Alleine mit sich zu sein kann sehr wohltuend sein, aber Einsamkeit ist bedrückend – ich denke da vor allem an die betagten Menschen, die keinen Besuch empfangen können oder zumindest keine körperliche Nähe fühlen dürfen in diesen Zeiten.

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        • Alleine leben, sich nicht einsam fühlen. Viele soziale Kontakte und sich trotzdem einsam fühlen. Es gibt Menschen, die bewußt sozial isoliert leben. Die brauchen diesen Umstand, um zu sich zu kommen oder ganz bei sich bleiben zu können. Ich würde mich zu diesen Menschen zählen. Aber es stimmt schon, dass das Gefühl der Einsamkeit sehr oft einhergeht mit gleichzeitiger sozialer Isolation.

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  3. Sei mutig, Mensch!
    Schritt für Schritt nach vorn
    ist neue Wirklichkeit,
    rückwärts gewandt
    ist längst gelebtes Leben.

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  4. Ja, Achim, das was Du hier schreibst, gefällt mir gut … besser, als mir lieb ist.
    Gruß

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    • Liebe Margarete,

      ich denke, es gibt in dieser Zeit für jeden einen ganz ureigenen Versuch, sich durchzuschlagen. Ein allgemeingültiges Rezept gibt es nicht. Eigene Ressourcen möglichst reibungsfrei abzurufen, das sollte die Devise sein.

      Liebe Grüße

      Achim

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