Message from the Quarantine 37


Es ist besser, nichts zu tun, als zur Erfindung formaler Möglichkeiten beizutragen, das sichtbar zu machen, was das Imperium ohnehin schon als existierend anerkennt.“ (Alain Badiou).

Situatives Schweigen, nicht gegenseitiges Anschweigen, sondern ein Schweigen, in das wir freiwillig verfallen. Derartig, dass es als unabdingbare Voraussetzung dafür gelten kann, den anderen in Ruhe zu betrachten, ihn in der Vollumfänglichkeit seiner Besonderheit sein lassen zu können. Es ist aber auch in einem weiteren Sinne wichtig, anfänglich zu schweigen: Unsere Rede über uns selbst und über den Anderen ist immer kontaminiert durch die Tatsache, dass wir nie von einem Nullpunkt unserer Existenz ausgehen können, dass wir immer in etwas hineingeboren werden, was von Vorurteilsstrukturen durchzogen ist. Wir sind einer ideologisierten und politisierten Gemeinschaft unterworfen, die uns als symbolische Ordnung der Macht, der Sprache und des Denkens umgibt.

Wir können also nicht so tun als ob es einen Punkt gäbe, von dem aus betrachtet unsere ethische Verantwortung dem anderen gegenüber un-schuldig wäre. Wir hassen ihn in heutigen Zeiten bereits von Anfang an, weil Hass offenbar befähigt, den Anderen zum Schweigen zu bringen. Der aktuelle Diskurs über die Pandemie lehrt uns dies. Der Hass ist ein zum Siedepunkt gebrachter Sprechakt, die Ultima Ratio eines Willens, das Urteil des Anderen unaussprechlich zu machen. Also sollte ganz zuforderst ein diszipliniertes Schweigen stehen. Ein Schweigen aufgrund der Vermutung, dass die Wörter verdorben und andere Wege der Kommunikation noch aufzufinden sind.

Das Ziel in diesen heiklen Zeiten sollte lauten: Aus den vorläufigen Bedingungen verunmöglichter Kommunikation Bedingungen ihrer Möglichkeit zu schaffen. Aus dem Schweigen heraus in einen Diskurs zu treten, der die Menschlichkeit des Anderen ins Auge fasst, wie auch die Anteile seines Un-Menschlich-Seins. Es ist notwendig, ihn als Agonist und nicht als Antagonist meiner Urteile anzuerkennen und im Maße zunehmender Disparität der Urteile einen Punkt zu definieren, an dem wir ihm ohne Weiteres den Rücken kehren können, uns entwaffnen, uns abrüsten in ein Schweigen, ohne uns dabei als Verlierer der Debatte zu fühlen. Es sei denn, es gelingt die Verhandlung eines Punkts, ab dem Konsens erzielt werden kann.

Wir lechzen inzwischen alle nach dem Urteil eines übergeordneten Schiedsgerichts. In der Hitze des Gefechts ist ein solches aktuell offensichtlich nicht verfügbar. Jeder exekutiert jeden oder versammelt Mitglieder der eigenen Geschworenengruppe um sich, die das gemeinschaftliche Urteil über den Anderen fällt. Welche Instanz einer Gerichtsbarkeit könnte das sein? Die Sphäre von Regeln und Gesetzen? Die blinde Justiz? Die Gerichte auf allen Ebenen? Die Ironie, die ohne narzisstische Kränkung auskommt? Der Verweis auf Tatsachenbehauptungen? Ein Diskurs als Theatervorstellung, in der der Austausch von Argumenten spielerisch vonstatten gehen kann? Debatten im Rahmen einer Gruppentherapie? Urteile platzieren in der Form einer Familienaufstellung? Die Diskussion geführt anhand eines Hegel’schen Dreischritts von These, Antithese und Synthese? Die Installation eines Expertengremiums, dem wir unsere Urteile zur abschließenden Bewertung überantworten?

Vielleicht sollten wir sagen: Ich achte deine Meinung, achte aber vor allem die Wahrheit, wenn ich voraussetzen kann, dass Wahrheit die Gegenwart eines objektiven Tatbestands in unserem Bewusstsein bedeutet, derart, dass jede Täuschung darüber ausgeschlossen ist.
Wir sollten uns aber in Bezug auf die Wahrheit der Pandemie nichts vormachen. Das Virus gibt den Takt der Enthüllungen vor, mit dem uns jeden Tag neue vorläufige Erkenntnisse zuwachsen. Die Folge der Objektivierungen von Tatsachen erinnert uns an die Entkleidung einer Reihe von Matroschka Puppen, deren letzte, innerste, bildhaft mit dem zusammenfällt, was das Virus schlussendlich über sich verrät. Einen anderen Maßstab von Objektivität haben wir nicht. In der Zwischenzeit sollten wir uns pragmatisch verhalten. Alles das tun und sagen, was sich zur Bewältigung praktischer Probleme bewährt. Manchmal gehört auch das Unterlassen und das Schweigen dazu. Bis dahin herrscht eine Kakophonie von Stimmen, die uns in einem Gespinst von Vermutungen und vorauseilenden Urteilen zu ersticken droht.

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6 Kommentare

  1. würde ich gerne zuende lesen…

    Fehler 404 nicht gefunden

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  2. Du sagst es sehr treffend in deinem letzten Abschnitt!
    Ich staune ja immer wieder, wer was so ganz genau meint zu wissen und vehement verteidigt.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

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