Letzte Sätze 24 – Jean Rhys – Wide Sargasso Sea


Die Sätze sprechen für sich selbst. Die letzten Sätze eines literarischen Werkes sprechen in abschließendem, ausblickendem, resümierendem Sinne zu uns. Sie sprechen für sich selbst und es kam mir bislang nie in den Sinn, ihnen etwas aus meiner Leserperspektive hinzuzufügen.
Mit den folgenden letzten Sätzen sei mir eine Ausnahme gestattet. Wer Charlotte Brontës Roman Jane Eyre gelesen und ihn noch in frischer Erinnerung gehalten hat, weiß von Mr. Rochesters Geheimnis in Gestalt seiner auf dem Dachboden seines Herrenhauses eingesperrten Frau. Diese unglückselige Dame ging als Mad woman in the attic in die Literaturgeschichte ein. Ich erinnere noch gut, dass meine Empathie für sie meine Sympathie für Jane und ihren harten Lebensweg bisweilen erheblich trübte.
Eine nicht unerhebliche Anzahl von Kritiken und Interpretationen des Romans (vornehmlich aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert stammend) brandmarkten mit gutem Recht Brontës literarische Behandlung jener Leerstelle einer Frau, deren Schicksal zum bloßen akzentuierenden Hintergrund von Janes schwindendem Vertrauen gegenüber Mr. Rochester geronnen sei.
Die unglückliche Person ist ohne eigene Biografie geblieben, ohne geografisches, soziales oder sonstiges Schicksal. Verkümmert bis auf die Restfundamente einer Kreatur, im wahren Sinne zur Unkenntlichkeit verbrannt, als Hindernis gebrandmarkt für eine Liebe happily ever after.
Nun, diese Wahnsinnige auf dem Dachboden erfährt und erhält in Jean Rhys Roman posthume Rehabilitation und Gerechtigkeit und ein Antlitz. Ihr weibliches Schicksal wird kenntlich gemacht. In all ihrem Schmerz, der vergeblichen Hoffnungen und ihrem vom Komplex patriarchalischer, kultureller und emotioneller Zuschreibungen definierten Los. Hier nun ihre letzten Sätze aus Wide Sargasso Sea.

Auf einem Tisch standen weitere Kerzen, und ich nahm mir eine und lief die erste Treppe und dann die zweite hinauf. Im zweiten Stock warf ich die Kerze fort. Aber ich blieb nicht, um zuzusehen, was geschah. Ich lief die letzte Treppe hinauf und durch den Flur. Ich kam an dem Zimmer vorbei, in das sie mich gestern oder vorgestern gebracht hatten, ich erinnere mich nicht. Vielleicht war es auch viel länger her, denn ich schien das Haus gut zu kennen. Ich wusste, wie ich der Hitze und dem Geschrei entkommen konnte, denn es gab jetzt Geschrei. Draußen auf den Zinnen war es kühl, und ich konnte sie kaum noch hören. Still saß ich da. Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß. Dann drehte ich mich um und sah den Himmel. Er war rot, und mein ganzes Leben war darin enthalten. Ich sah die Standuhr und Tante Coras Patchworkdecke, alle Farben, ich sah die Orchideen und die Stephanotis und den Jasmin und den Lebensbaum in Flammen. Ich sah den Kronleuchter und den roten Teppich unten und den Bambus und die Baumfarne, die Gold- und die Silberfarne und den weichen grünen Samt aus Moos an der Gartenmauer. Ich sah mein Puppenhaus und die Bücher und das Bild von der Müllerstochter. Ich hörte den Papagei rufen, wie er es immer tat, wenn er einen Fremden sah, Qui est là? Qui est là?, und der Mann, der mich hasste, rief Bertha! Bertha! Der Wind ergriff meine Haare und sie breiteten sich aus wie Flügel. Vielleicht würden sie mich hochtragen, dachte ich, wenn ich auf die harten Steine sprang. Aber als ich über den Rand blickte, sah ich den Badeteich auf Coulibri. Tia war da. Sie winkte mir, und als ich zögerte, lachte sie. Ich hörte sie sagen: Haste Angst? Und ich hörte die Stimme des Mannes, Bertha! Bertha! Das alles sah und hörte ich im Bruchteil einer Sekunde. Und der Himmel so rot. Jemand schrie, und ich dachte: Wieso habe ich geschrien? Ich rief „Tia“! und sprang und wachte auf.
Grace Poole saß am Tisch, aber auch sie hatte den Schrei gehört und sagte: „Was war das?“ Sie stand auf, kam herüber und sah mich an. Ich lag still, atmete gleichmäßig, die Augen geschlossen. „Ich muss wohl geträumt haben“, sagte sie. Dann ging sie zurück, nicht an den Tisch, sondern zu ihrem Bett. Ich wartete lange, nachdem ich sie schnarchen hörte, dann stand ich auf,nahm den Schlüssel und schloss die Tür auf. Ich war draußen und hielt meine Kerze. Jetzt weiß ich endlich, warum ich hierher gebracht wurde und was ich zu tun habe. Es muss Zugluft geherrscht haben, denn die Flamme flackerte, und ich dachte, sie sei ausgegangen. Aber ich schützte sie mit meiner Hand, und sie flammte wieder auf, um mich durch den dunklen Flur zu leiten.

Übersetzt von Brigitte Walitzek

Kategorien:Allgemein, Last Sentences, Letzte SätzeSchlagwörter:,

5 Kommentare

  1. danke, achim.
    das schicksal dieser verb(r)annten frau hat mich auf eine subtile weise verstört, als ich mit anfang zwanzig zum ersten mal den roman las. Jean Rhys roman habe ich leider nie kennen gelernt. ich bin froh, dass du mir mit diesem post eine tür öffnest.
    herzlich: pega

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Pega, über Jean Rhys selbst gäbe es so viel aus meiner Sicht noch zu sagen. Ich hatte ursprünglich vor über ihr Leben zu schreiben, und dann dachte ich, dass die letzten Sätze ihres ikonischen Roman ausreichend seien, um die ganze Kunstfertigkeit ihres Schreibens offenzulegen. Ich habe den Roman nach vielen, vielen Jahren vor ein paar Tagen zum zweiten Mal gelesen. Gewissermaßen gegen den Strich meiner Erinnerung gebürstet. Er hat mich vom Stuhl gehauen 🙂 Als Bronte Maniac, der sich das ganze Werk der Brontes zum wiederholten Mal vorgenommen hat, kommt man um dieses grandiose Werk nicht herum. Unbedingt lesen.

      Liebe Grüße

      Achim

      Gefällt 1 Person

  2. Ich habe beide Geschichten vor vielen Jahren gelesen, aber erinnere mich vor allem an die Frau auf dem Dachboden! Danke, dass du mir diese grossartigen Bücher wieder in Erinnerung gerufen hast😀 Cari saluti

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    • Gern geschehen, liebe Martina. Es ist schön zu lesen, dass du sie kennst und wertschätzt. Inzwischen gibt es Kriminalromane mit den Bronte Schwestern als Detektivinnen und viele Romane und Erzählungen, die um den Themenkreis „the madwoman in the attic“ herum gestrickt sind. Ein Topos, der sich inzwischen wohl verselbständigt hat.

      Liebe Grüße

      Achim

      Gefällt 1 Person

      • Danke vielmals, lieber Achim, für den Zusatztipp! Jane Eyre war damals, vor vielen Jahren einer der ersten Bücher, das ich auf Englisch gelesen habe und die Ausdauer der jungen Frau haben mich beeindruckt und das kann noch heute eine wichtige Eigenschaft sein.
        Cari saluti Martina

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