Notate 42


Hunde in der Nachbarschaft. Ihr klagendes Aufheulen, wenn sich die Martinshörner nähern oder die Sirenen proben. Ihr Heulen drückt etwas aus, was ich nicht anders als melancholischen Fatalismus bezeichnen kann. Ich könnte es auch anders bezeichnen. Es ist wenig überraschend, dass noch die absurdesten Wortkombinationen einen Sinn ergeben können.

Yasmina Reza rückt mir den schweiz-amerikanischen Fotografen Robert Frank ins Blickfeld. Seinen Bildband The Americans nennt sie das traurigste Buch der Welt. Oder besser, die Protagonistin in Rezas Roman Babylon nennt es so. Ich hatte von Frank noch nie gehört oder er war mir aus der Erinnerung gefallen. Was mich betrübt, da ich leidenschaftlicher Betrachter von Street-Fotografie bin. Schwarz-Weiß, körnig, mit Unschärfen, grob. „Tote, Tankstellen, einsame Gestalten mit Cowboyhut. Beim Blättern wandern Jukeboxes vorbei, Fernseher, die Gegenstände des jungen Wohlstands. Sie stehen ebenso einsam da wir der Mann, überdimensionierte Neuankömmlinge, zu schwer, zu licht, in unvorbereitete Räume hineingestellt. Eines schönen Morgens werden sie entfernt. Noch eine kleine Runde werden sie drehen auf dem holprigen Weg zum Schrottplatz. Man steht irgendwo in der Landschaft, bis zu dem Tage, an dem man nicht mehr da ist.“ (aus: Yasmin Reza, Babylon).

Im flüchtigen fotografischen Licht Robert Franks betrachtet, ist die Spur von Rezas Roman bereits auf den ersten zwei Seiten gelegt. Paarbeziehung, flüchtig, erst unscharf, dann fokussiert auf deren Abgründe, heraustretende Schärfe im fortschreitenden Zerfall der Bindungen. Vergänglichkeit, akzentuiert durch Akte sich aufbäumender amoralischer Selbstbefreiung. Bis man nicht mehr da ist. Man tritt unvorbereitet aus unvorbereiteten Räumen hinaus und löst sich auf, nachdem babylonisches Recht über durchschnittliche Ehen gesprochen wurde. Wie kann man über Act of God, eine Naturkatastrophe Recht sprechen?

Kategorien:Allgemein

2 Kommentare

  1. Danke für die Erinnerung an Frank. Und die schönen Worte, die du für Rezas Buch findest.

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  2. Lieber Achim,
    ja, es gibt auch sie, diese melancholische und vielfach unendlich traurige Seite der USA, aber man sollte darueber auch nicht die vielen schoenen Seiten vergessen, die es trotz der unsaeglichen derzeitigen Entwicklung dennoch gibt.
    Liebe Gruesse, ud bleib‘ gesund,
    Pitn

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