Notate 40 – Traum


Träume aufschreiben, wenigstens die erinnerten Fetzen, aber unmöglich, in der Phase des Traums selbst, wenn ich beginne (bei vermeintlich klarem Bewusstsein) ihn zu notieren. Seine Dramaturgie, seine inhaltliche Essenz. Erst dann erkenne ich, dass der Traum mich zweifach betrog. Seine Illusion hat keine Grammatik mit Hand und Fuß. Er bietet mir nichts, um ihn in hellwache Sprache übersetzen zu können. Ein Traumprotokoll führen zu wollen ist ein Widerspruch in sich. Wozu gäbe es denn Träume, wenn nicht aus einem einzigen Grund: Der Traum ist der Anteil der Erlebniswelt, die gute Gründe hat, sich dem Bewusstsein zu entziehen. Er spricht die Warnung aus, es auf sich beruhen zu lassen. Wenn ich ihm die Frage stelle, warum er den zum Träumen anhebt, antwortet er: „Ich spiele gerne mit dir. Ich mag es, wenn deine Rationalität an mir scheitert. Du bist ein Hamster, der in meinem Rad läuft.

Andererseits würde ich nie aufgeben wollen, ihn zu entschlüsseln. Vielleicht ist der Traum der Urgrund alles dessen, was wirkliches Vertrauen in vertrackte Bedeutung verdient. So wie man seinem Gefühl folgen sollte, bevor es sich in der Attitüde des Denkens verliert. Georg Christoph Lichtenberg sagte einmal, dass man dem ersten intuitiven Eindruck von etwas folgen und zu Wort bringen sollte. Der erste Eindruck sei die unverfälschte Stimme unserer Erfahrung. Der Traum, denke ich, ist dann die unverfälschteste.

Ich glaube, dass ich Lichtenbergs Sudelbuch als Formgeber meines eigenen Schreibens gelten lassen könnte. Spontane Aufzeichnungen einer Idee oder eines Gedankens. Vom langem Überdenken erst einmal abgesehen. Eine Art allererste Unordnung. Exzerpte, knappe Bemerkungen, kurze Geschichten, spontane Notizen, von denen er sagt, sie seien die primäre, undressierte Form des Schreibens und der Ursprung des Denkens. Danach kommt das Denken selbst, das von der Frage zur genauen Beobachtung reicht. Vom Sehen zu Assoziationen führt und sich zuweilen vom tiefen Ernst verabschiedet und satirischem Spott hingibt.

Aber auch als Mahnung an mein Schreiben könnte ich Lichtenberg heranziehen. Wenn er zum Beispiel sagt: „Es gibt eine Art von leerem Geschwätz, dem man durch Neuigkeit des Ausdrucks, unerwarteten Metaphern, das Aussehen von Fülle gibt. Klopstock und Lavater sind Meister darin. Im Scherz geht es an. Im Ernst ist es unverzeihlich.“ Das sitzt tief und mir wird fade zumute, wenn ich daran denke, dass nicht nur ich, sondern auch meine Träume nur geschwätzig sind und mit Metaphern überladen.

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2 Kommentare

  1. Was Lichtenberg über das Aufladen von Texten durch hinzunahme stilistischer Kniffe sagt, kann man wohl über jede Kunst sagen.
    Gestern schaute ich mir ein Fernsehspiel aus den 70ern an. Eine zufällige Szene blieb mir hängen, in der der Schauspieler wohl authentisch wirken wollte, aber das vermeintlich echte war dann doch fast unvermeidbar gekünstelt.

    Liken

  2. Lieber Achim,
    ich glaube keineswegs, dass die Sprache des Traums sich dem Bewusstsein entzieht. Die linguistische Struktur der Symbolsprache, der sich der Traum bedient, unterscheidet sich von der Struktur unserer Sprache, die wir gewohnt sind zu sprechen und zu schreiben. Die Sprache des Traums ist am ehesten wie jener der Literatur oder anderer ästhetischer Objekte zu verstehen. Sie hat ein Vokabular, das sind die Symbole, und eine Grammatik, das sind die analogen Bezüge der Symbole untereinander. Angesichts des Traumtextes stellt sich die Frage, was Verstehen bedeutet. Heutzutage sind es ja bes. die Quantenphysiker, die sich eingehend mit der Sprache des Traums beschäftigen. Du kannst dazu ‚mal in das Buch von Fred Alan Wolf „Die Physik der Träume“ schauen. Mich persönlich faszinierte stets die Vieldeutigkeit der Träume, d.h. die Komplexität ihrer Aussage. Es ist z.B. wie es schon Nils Bohr isg. beschrieb, dass eine Wahrheit nur wahr ist, wenn auch ihr Gegenteil wahr ist. Die Aussage eines Traumes ist die Summe aller seiner möglichen Deutungen und diese ist endlich. Höchst verwirrend ist für den Laien der Traumbetrachtung die Relativierung der Zeit im Traum. Sehen wir es von der anderen Seite her, kann es eindeutig bewiesen werden, dass Träume bei der Lösung von Problemen helfen und die Beschäftigung mit seinen Träumen den IQ erhöht, da das Einlassen auf die Traumsprache die Liquidität des Denkens und multiperspektivisches Denken erhöht. Die neusten Forschungen dazu kannst du bei Matthew Walker „Why We Sleep“ und in meinen Büchern über das Traumverständnis nachlesen. Lasse es mich kühn so ausdrücken ‚Träumen ist Yoga fürs Gehirn‘.
    Hier wäre noch gaaaaaanz viel zu zu schreiben, aber das ginge wohl hier zu weit.
    Mit lieben Grüßen vom heute wunderschön sonnig warmen Meer
    Klausbernd 🙂

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