Notate 39 – Kommunikation


In liegender Position überkommt meinen ganzen Körper ein Phänomen, dass ich nur umschreiben kann als Wellen von Vibrationen. Vielleicht sind es Entladungen der Nerven des peripheren Systems. Als würde sich Zittergras inwendig durch sanften, nicht nachlassenden Wind in Bewegung setzen. Als es das erste Mal auftrat, tat ich es ab als den Ausläufer eines kaum merklichen Erdbebenstosses, schließlich lebe ich in unmittelbarer Nähe zum Rheingraben.

Mein Doc klärt mich auf, sagt, dass es zu den Symptomen der Polyneuropathie dazugehöre, sich diese Erscheinung jedoch in den meisten Fällen auf die unteren Extremitäten beschränke. Lege ich Hand auf, ist an der Oberfläche des Körpers von alledem nichts zu spüren. Als würden die Wellen sich brechen, bevor sie die subkutane Sphäre nach außen überschreiten.

Die Natur trinkt begierig vom sachte fallenden Landregen. Sie hat es bitter nötig, ihre Reserven aufzufüllen. Sie hortet die Nässe. Ich bezweifle, dass es genug sein wird, die Wälder unbeschadet über den Sommer zu bringen. Die Trockenheit und ihre Nackenschläge.

Nackenschläge auch für die Arten und Weisen der Kommunikation in der postmodernen Welt. Normengerüste erscheinen obsolet. Der Geifer, der in der Auseinandersetzung über die scheinbar abgeschafften Grundgesetze hochkochte, kann ein Liedchen davon singen. Wir dürfen langsam die Annahme zu Grabe tragen, dass Kommunikation noch in der Lage ist, unter den Teilnehmern der Diskurse einen Konsens qua Austausch rationaler Argumente herzustellen. Nach Jürgen Habermas erheben rationale Argumente einen Geltungsanspruch, der sich an den Gegebenheiten der objektiven Welt auszurichten hat. Ihnen sollte es um die Feststellung der Wahrheit gehen. Eine Feststellung wie, Schnee ist grün, ist insofern Mumpitz und liegt außerhalb eines möglichen Konsenses.

Wenn jemand auf die Gültigkeit seiner Aussage pocht, die Grundgesetze seien abgeschafft, wird kein Konsens zu erzielen sein, wenn andere sich auf gute Gründe dafür stützen, sie seien allenfalls für eine befristete Zeit suspendiert. Geltungsansprüche einer Aussage oder Handlung müssen überprüfbar sein und kritisierbar. Wer die Auseinandersetzungen über Covid-19 verfolgt, wird einzusehen haben, dass eine Vielzahl von diesbezüglichen Argumenten sich den Kriterien Überprüfbarkeit und Kritisierbarkeit gegenüber verweigert. Sie entziehen sich insofern den Boden der Rationalität. Die intersubjektive Anerkennung kritisierbarer Geltungsansprüche von Aussagen ist nicht mehr nur im Schwanken begriffen, sie ist längst im Beschuss unserer Demokratie verschieden.

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4 Kommentare

  1. „… dass eine Vielzahl von diesbezüglichen Argumenten sich den Kriterien Überprüfbarkeit und Kritisierbarkeit gegenüber verweigert. Sie entziehen sich insofern den Boden der Rationalität. “
    Stimme überein. Gegen mathematische Formeln etwa ist kein Kraut gewachsen. Auch, daß 1 + 1 = 2 ist, ist nicht zu stürzen. Aber alles andere?!
    Dieser Tage einen Artikel gelesen: Was ist zu tun, wenn in der Familie jemand an Verschwörungen glaubt? (leicht zu finden).
    Der Autor glaubte doch tatsächlich an seine Punkte des Vorgehens in diesem Fall. Ich aber glaube an keinerlei Macht, jemand beeinflussen zu können. Ausnahmen belegen hier immer die Regel.
    Der Mensch ist komplex. Wenn er sich überreden lässt, dann vielleicht ausgelöst durch etwas anderes, nicht etwa durch sauberste Argumente. Etwa dadurch, daß der Betroffene merkt: Dem anderen geht es um mich und schon kommt ein warmes Gefühlauf: „Ja, ich werde gesehen, meine not, meine Befindlichkeit, auch die Art meines Denkens.

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    • Kommunikation ist so komplex wie die Menschen, die sich einer Kommunikation hingeben. Es geht dabei nicht um Manipulation, die ja unlauter daherkommt und nicht zu einem Konsens kommen will. Über die Regeln kommunikativen Handelns müssen alle Parteien übereinstimmen. Keine Argumente as hominem z.B. Empathie für den Gesprächspartner darf einfließen, doch ist die Sache, über die man Aussagen trifft, das Wichtigste.

      Gruß

      Achim

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  2. Da möchte ich widersprechen. Allgemein werden Hildmann und Naidoo als Witzfiguren wahrgenommen. Zwar finden Verschwörungstheorien vielfach Gehör und Anhänger, aber überwiegend herrscht in der Bevölkerung die Ansicht vor, daß das Quatsch ist, was die von sich geben. Du hast schon recht, es gibt viel zu wenig herrschaftsfreien Dialog, einen wechselseitig respektvollen Austausch von affektfreien, rationalen Argumenten, aber die Demokratie sehe ich deswegen nicht in Gefahr – und noch lange nicht verendet. Ich bewundere die vielen kritischen Sendungen und Artikel, die es in sich der Aufklärung verpflichtet fühlenden Medien gibt. Auch in den sozialen Medien gibt es vernünftige Stimmen, und da wir ein Teil davon sind, unterstützen wir das, so gut es uns gelingt.

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  3. Erst ändert sich der Ton. Dann endet Kommunikation in Selbstreferentiellität. Dann geht es um die Mobilisierung der Anhängerschaften, die Rekrutierungen der Kader. Demokratische Institutionen werden geräumt. Also ich sehe diese Erscheinungen schon als Gefährdung der Demokratie. Nehmen wir allein nur die Vorbehalte gegen Wahlen. Oder die Politikerschelte. Den Skeptizismus gegen Regierungshandeln. Man redet über den Anderen, nicht mehr mit ihm. Der Glaube an erzielbaren gesellschaftlichen Konsens schwindet dramatisch.

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