Notate 38 – Selbstgespräche


Die Satellitenschüssel abgebaut. Leid tut es mir für ARTE, 3Sat und einige andere Sender aus der Nischenkategorie letzte Aufrechte, die sich nicht zu schade sind, auf die Vermittlung von Wissen zu setzen.

Das deutsche Alphabet, darüber gibt es interessante Untersuchungen, könnte ohne Informationsverlust um vier Buchstaben reduziert werden, wenn man ihre Häufigkeitsverteilung und ihre semantische Funktion in Wörtern zugrundelegt. Nimmt man dagegen vier Sender aus dem TV-Programm heraus (vergleichbar u.a. mit dem Buchstaben E im Alphabet) leidet der Gehalt an Information (fundiert, sachbezogen, den Wissenhorizont erweiternd, das kritische Urteilsvermögen anregend, quellenangabenorientiert etc.) gewaltig. Man soll zwar Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Ich lass das aber mal als Anregung der Nachdenklichkeit so stehen.

Vielleicht gibt es das ja wirklich: Nutzer suchen sich ihr Programm gemäß den Impulsen ihrer mentalen und emotionalen Prädispositionen aus und sind lediglich im Rahmen dieser frei in der Entscheidung darüber, was ihnen besser zu Gesicht steht. Die Bandbreite der Disposition ist natürlich enorm und sie besitzt inhärente Widerstandskraft gegen die Einflüsterung alternativer Wahrnehmungskonzepte. Der Rest obliegt den Programmmachern, die nach Zuschauerreflexen (Quote) agieren. Gebt den Affen ihren Zucker.

Wir essen das, was wir mögen. Am liebsten vorgekostet und vorgekaut. Aufgetischte Speisen können wir zwar verweigern, ohne Alternativen droht jedoch der Hungertod. Den Programmen der Seichtigkeit den Rücken zu kehren, macht aus jeder ernst zu nehmenden Stimme eine Stimme des tendenziellen Verschwindens.

Den Finger jetzt umzudrehen, vorwurfsvoll auf mich gerichtet, ist den Empörungsaufwand nicht wert. Da jeder, der sich in Nischen wiederfindet, auf Dauer machtlos bleibt im weißen Rauschen der Diskussionen und Diskurse. Im öffentlichen Raum herrscht das Gesetz der großen Zahl. Und der, der im Regen steht, dessen Stimme verhallt ungehört. Aber auch die Grenzen der Biotope rücken langsam nach innen und aus der Nische wird einmal ein Platz im Nirgendwo. Auch derart kann Jahrhunderte später dem Weg aus der Unmündigkeit das Licht ausgeblasen werden.

Man sitzt zuhause und denkt sich in Selbstgesprächen endlos wiederkäuend seinen nicht mehr sagbaren und nichtssagenden Teil.

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9 Kommentare

  1. Selbstgespräche sind nicht a priori verkehrt, denn schließlich muß man – Stichwort Seelenhygiene – ab und zu mal mit einem vernünftigen Menschen reden… 😉

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  2. also … ich hör dir gern zu.
    lieber als manch anderen stimmen.

    (die freiheit hab ich noch und nehm ich mir: mich nicht an jeden tisch zu setzen …)

    (warum, wenn ich fragen darf, hast du die satellitenschüssel abgebaut?)

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    • Lieben Dank, Pega🙂 Das freut mich sehr. Der Abbau der Schüssel ist ein Akt geistiger Hygiene. Auch ein Abschied von zeitfressenden, redundanten Informationshäppchen. Das was ich noch am TV-Angebot mag hole ich mir aus diversen Mediatheken.

      Liebe Grüße
      Achim

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  3. Die Flamme der Vernunft erlischt nur, wenn sie keiner mehr hochhält. Mehr als ein Nischendasein hatte sie nie, befürchte ich: Die Vielen, die nie von ihr gewärmt wurden, hatten einfach keine Zeit, sie wahrzunehmen. Heute hätten sie sie, aber sie vertrödeln ihre Zeit lieber mit (zum Teil menschenverachtendem) Blödsinn. Daß es auch anderes gibt, das zu zeigen muß unermüdliche Aufgabe bleiben.
    Wir hören ja auch nicht auf, gute Bücher zu lesen, nur weil in den Buchhandlungen jede Menge Schund angeboten wird.;-)

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  4. Die Vernunft ist keine Instanz, die sich elitär gibt, nur weil vergleichsweise wenige auf sie hören. Jeder ist willkommen, ohne Aufnahmeprüfung 🙂 Auch die sog. Bildung oder die Abwesenheit derselben ändert nichts daran, dass sie sich allen anbietet und es ist wie ich finde eine Mär, dass es zeitraubend ist, sich mit ihr zu beschäftigen.

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    • Aber es ist doch viel einfacher und bequemer, seinen Affekten zu folgen, besonders, wenn man auf RTL oder bei Google bestätigt bekommt, daß genau das das Richtige ist – schreibst Du ja selbst: „Gebt den Affen ihren Zucker.“ Du hast Recht, die Vernunft ist frei für alle verfügbar, wieso sind dann so viele unvernünftig? Weil sie anstrengender ist als bloße Affekte. Und anstrengend ist es auch, Vernunft zu vermitteln: Eine halbe Stunde Diskussion mit einem meiner Kollegen über ganz simple Dinge – und ich bin in Schweiß gebadet und völlig verzweifelt, wieso er nicht einmal das Einfachste erkennen kann.
      Vernunft bedeutet: Von sich selbst und den eigenen Bedürfnissen abstrahieren. Für viele leider eine unzumutbare Anstrengung. Aber man darf nicht aufgeben.;-)

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