Notate 37


Ich denke ich bin ein Bildungsphilister im Sinne Nietzsches. Jemand, der im Grunde weiß, was er soll und es schafft, dass dieses Wissen keine Auswirkungen auf sein Handeln hat. Sich selbst verlieren in der Lektüre, das ist ein Drittel Wahrheit.

Ein anderes ist, sich zu spüren, wenn man zu sich sagt, ja, das könntest du auch gedacht, erlebt haben. Diese erzählte Geschichte, dieses Denken könnte deine eigene und deines sein. Bis beides wieder verweht.

Das dritte Drittel dieser Wahrheit ist die Scham darüber, dass ich nichts weiter bin als die Lektüre, so lange sie in der Erinnerung haften bleibt. Entlässt sie sich aus dieser, stehe ich wieder auf Null. Habe mich selbst längst vergessen und lechze wie ein Süchtiger nach einem nächsten Buch, in einer Art Schraubstock des Begehrens, dass es mich neu definieren möge. Wissen wollen ist eine Qual, die ich in früheren Tagen noch mit Lust verwechselt habe.

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11 Kommentare

  1. Die Qual kann ich nachvollziehen ,denn wenn ich so an meinen Regalen vorbeigehe und zwar alles gelesen ,aber bei vielen Büchern nur noch vage weiss, was drin steht, verzweifele ich manchmal. 5

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  2. Top! You took the words right out of my Tastatur. Könnte von mir sein! Aber nee, momentan halte ich mich für „Heyse reloaded“! 🙂

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  3. „Kann ich wollen, was ich will“ hab ich gestern im hochinteressanten Buch „Wer bin ich“ von Richard David Precht gelesen! Ist unser Wille stärker als unser Verstand? Wie lange wird mir dieser Satz wohl in Erinnerung bleiben?

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  4. Scham darüber, dass ich nichts weiter bin als die Lektüre…
    das scheint mir zu hart.
    Die Lektüre mischt sich mit dem, was man zuvor gelesen oder gedacht hat.
    Oder meinst Du etwas anderes?

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  5. Der Begriff „Hybris“ drängt sich mir hier auf.

    Bücher, deren Lektüre einen bewegt, hinterlassen immer Spuren im eigenen Denken, selbst, wenn man den Inhalt insofern vergißt, daß man ihn nach einiger Zeit nicht mehr referieren kann. Schön wäre es, man könne das Gelesene abspeichern wie in einem Computer und hätte es jederzeit zur Verfügung, aber so funktioniert das Gehirn nicht. Es arbeitet mit Assoziationsfeldern, die interagieren, ein Vorgang, der sich unserem Bewußtsein meist entzieht. Nichts von dem, was Du gelesen hast und was Dich beeindruckt hat, ist vergebens, auch wenn Dir Titel, Autor und Inhalt nicht mehr einfallen. Schon mit der ersten Zeile, die Du gelesen hast, fällst Du nicht mehr auf Null zurück, völlig gleichgültig, ob Du Dich daran erinnern kannst oder nicht.
    „Wissen wollen“ kann eine Qual sein, weil die Lebenszeit nicht ausreicht, all das zu lesen, was einen interessiert. Aber es ist insofern ein Vergnügen, daß es nie aufhört und immer neue, interessante Literatur hinzukommt. „Wissen wollen“ war übrigens die Hauptantriebsfeder für Hannah Arendt, wenn ich mich recht erinnere, und das ist ja nicht die schlechteste Empfehlung. Wenn es einen quält, wie Du es beschreibst, sollte man freilich damit aufhören. Ich kann es mir für mich nicht vorstellen, aber ich habe auch nicht den Anspruch daran, den Du zu haben scheinst.

    „Hybris“ denke ich vermutlich deshalb, weil ich mich frage: Ja, was soll denn daraus folgen, aus der Lektüre, außer Vergnügen an den momentanen Erkenntnissen? Scham über die Folgenlosigkeit der Lektüre im konkreten Leben ist die Reaktion einer Selbstüberhöhung. Wir haben sogar die Möglichkeit, einen Blogeintrag zu schreiben, schon hat man eine Wirkung nach außen erziehlt – von der nach innen, die einem nicht bewußt ist, mal ganz abgesehen.

    Oh no! – das ist jetzt schon der dritte Eintrag von Dir, denn ich kritisch kommentiere, und mehr als fünf habe ich noch gar nicht gelesen. Ich hoffe, Du verstehst das richtig und hältst mich nicht für einen notorischen Besserwisser.;-)

    Ach, übigens: Bei Nietzsche findet man Zitate zu allem, völlig egal, was man untermauern möchte. Nietzsche ist kein guter Gewährsmann.

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