Freiheit


Schön, wieder einmal im Café des Vertrauens zu sitzen, mit gehörigem Abstand zu den Nebentischen. Ein laues Lüftchen liefert keinen Vorgeschmack auf die heißen Monate die vor uns liegen. In diesem Maien liegt Weltumarmung in Reichweite. Den Schimmel der Vernunft reite ich gleichwohl. Dennoch, jede Berührung meines geschundenen Körpers in den physiotherapeutischen Sitzungen bin ich geneigt zu einem erotischen Geplänkel umzudeuten. Es sollte immer etwas geben, das unter die Häute geht.

Vorlauf meiner Gedanken hin zu einer noch gebrochenen Normalität. Wenn es in diesen Zeiten denn tatsächlich um meine individuelle Freiheit irgend ging, dann um die bleiern in mir hausende Einsicht, dass ohne Impfstoff meine Freizügigkeit in Scherben liegt. In einer Welt der Kosten-Nutzen-Relationen bin ich gerne bereit mich auf die Seite des Nutzens zu schlagen. Auch wenn andere die Kosten des Risikos als untragbar postulieren.

Ein Begriff von Freiheit also, der sich als eine in die Zukunft gerichtete selbstbestimmte Entscheidung konstituiert, welche in Kauf nimmt, dass sie es, bezogen auf die Gegenwart, mit Unwägbarkeiten und Ungewissheit zu tun hat. Fernab also von vorhandenen Handlungsalternativen in einer Jetztzeit. Eine Art Freiheit, die anderen die je eigene freie Wahl belässt und die unterstellt, dass wir autonom sind in unseren Willensbekundungen. Auch dann noch, wenn wir heteronomen Einflüssen unterworfen sind, wie zum Beispiel naturgesetzlichen Kausalitäten.

Nach I. Kant sind wir Bürger zweier Welten. Nämlich einer sichtbaren, auf Naturgesetzlichkeit basierenden und einer intelligiblen Welt. In letzterer besitzen wir vollkommene Willensfreiheit. Selbstbestimmte Handlungen mögen naturgesetzlich ablaufen, sie sind jedoch zuallererst durch diese intelligible Freiheit veranlasst worden.

Schopenhauer rückt die Freiheit in die Sphäre des blinden und ziellosen Willens, den er als das Wesen der Welt begreift und der zum Leben drängt. Der Wille ist grundlos, frei und vor allem ist er weder Zeit noch Raum oder Kausalität unterworfen. Er ist die Kraft, die alles Leben ermöglicht.

Unsere intuitive Vorstellung von Willensfreiheit, wie wir sie unseren Handlungen zugrundegelegt annehmen, ist nur eine durch diesen Willen vermittelte. Jeder Handlung und Entscheidung ist dieser Wille vorgängig. Wir handeln immer nur frei nach oder gemäß dieses Willens und seiner Motive. Der Mensch, so Schopenhauer „kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Jeglichem, auch dem freien Handeln, liegt immerzu der Wille, das heißt ein Wollen und Begehren zu Grunde.

Jeder Mensch handelt frei nur im Sinne nach dem wie er ist, wie es der Wille ihm auferlegt. Der Wille prägt den Charakter und eine positive Freiheit scheint erst dann möglich zu sein, wenn man sich aus den Fesseln des Willens löst.

Schopenhauer sagt, dass Künstler und Asketen sich noch am ehesten der Bedingungen des Willens entledigen können. Aber auch durch Kontemplation, in der Betrachtung schöner Künste bspw. oder in der Poesie und der Literatur können wir uns (wenigstens vorübergehend) dem Kreislauf des Wollens und Begehrens entziehen und wir können an etwas teilhaben, was Schopenhauer Ideen nennt, die dem Willen nachgegliedert und enthoben sind, eine Stufe der Erkenntnis, die an dem Schönen und Erhabenen teilhat und die über das hinausgeht, was wir ansonsten von der Welt durch bloße Vorstellung erfahren können, die ja nicht mehr sei als die Objektivierung des Willens.

In der buddhistischen Lehre des Nirwana sieht Schopenhauer die vollkommenste Weise, sich vom Willen und dem von ihm geschaffenen Kreislauf des menschlichen Leiden zu befreien. Er sagt:

„Das, was sich gegen dieses Zerfließen ins Nichts sträubt, unsere Natur ist ja eben nur der Wille zum Leben, der wir selbst sind, wie er unsere Welt ist. Daß wir so sehr das Nichts verabscheuen, ist nichts weiter, als ein anderer Ausdruck davon, daß wir so sehr das Leben wollen, und nichts sind, als dieser Wille, und nichts kennen, als eben ihn (…). Wenden wir aber den Blick von unserer eigenen Dürftigkeit und Befangenheit auf diejenigen, welche die Welt überwanden, in denen der Wille, zur vollen Selbsterkenntniß gelangt, sich in Allem wiederfand und dann sich selbst frei verneinte, und welche dann nur noch seine letzte Spur, mit dem Leibe, den sie belebt, verschwinden zu sehen abwarten; so zeigt sich uns, statt des rastlosen Dranges und Treibens, statt des steten Ueberganges von Wunsch zu Furcht und von Freude zu Leid, statt der nie befriedigten und nie ersterbenden Hoffnung, daraus der Lebenstraum des wollenden Menschen besteht, jener Friede, der höher ist als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des Gemüts, jene tiefe Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, deren bloßer Abglanz im Antlitz, wie ihn Rafael und Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres Evangelium ist …“

Kategorien:Allgemein

3 Kommentare

  1. Hier stand ein Kommentar von Klausbernd, der wie von Zauberhand verschwand. Ich habe ihn jedoch noch in der G-Mail Mail herausfischen und kopieren können. Lieber Klausbernd, sorry for that.
    Hier sein Kommentar:

    Deine Darstellung, bes. die von Schopenhauers Ideen, hat mir gut gefallen, lieber Achim. Bislang war mir Schopenhauer fremd; ich fand ihn unzugänglich. Aber nach deinem Post werde ich wohl doch `mal wieder zu ihm greifen.
    Mit lieben Grüßen vom sommerlichen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Achim,
    Zuerst stand Klausbernds Kommi noch hier und dann war er plötzlich weg. Jetzt kann ich ein Like drunterpflanzen. Obwohl Schopenhauer, uff…
    Ausgerechnet der alte Liebestöter mit seinen knöchernen Vorstellungen…
    Und ich gebe ihm ja Recht, was über das Begehren sagt. Doch ist es wirklich Friede, mit dem Verstand alles durchzukontrollieren, was der inteligible Wille vorgibt? Darüber denk ich gerade nach. Der Mensch begehrt mit seinem ersten hilflosen Schrei was er sieht. Seine Wille ist ihm noch unbewusst, es ist bloßes Begehren um des Überlebens willen. Das Baby hat also Bedürfnisse und das Bedürfnis nach Berührung ist wie das Bedürfnis nach Essen. Säuglinge und Kinder, denen Berührungen und soziale Nähe verwehrt bleiben, verkümmern geistig emotional. Sie verstören bis zum Wahnsinn. Dies zeigt wie wichtig Nähe, Berührung, sinnliches Erleben für eine gesunde Entwicklung sind und daher sein müssen. Ändert sich das…? Es mag Asketen geben, die ihre sexuelle Energie in Erleuchtung zu verwandeln vermögen. Die sich vom Frieden ihrer totalen geistigen und körperlichen Beherrschung in Demut üben und die Demut zur Geliebten küren. Die sich über jedes körperliche Verlangen erheben.
    Es ist ein Weg, doch auch einer der Unterdrückung.
    Und jeder wählt seinen Weg. Und Physio kann ganz schön sexy sein. Was ist daran schlimm, überlege ich gerade? Wohliges Kribbeln ist gesund und fördert die Durchblutung, oder?

    Schöne Restpfingsten, begeistert von Deinem Text und dem vollem Pfund Philosophiegenuss,

    wünscht Dir
    Amélie

    Gefällt 1 Person

  3. Der Buddhismus, dem sich Schopenhauer nähert, will ja nicht die Kontrolle des Geistes oder der Vernunft über den Schopenhauerschen Willen. Er zielt auf eine Art Entleerung von beiden ab. Von Herrschaft über beide spricht er nicht, da dazu wiederum mentale Techniken irgendeiner Art notwendig wären. Insofern unterscheidet er sich von Askese.

    Liken

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