Notate 35


Mit dem Fingerabdruck der Schlaflosigkeit unter den Augen denke ich, dass viele die Nessel der Gefahr in eine Blume der Sicherheit umdeuten. Das Ende ist wichtig in allen Dingen. Vielleicht sind unsere Urteile über die Krise am Ende nur Makulatur.

*

Jacques Derida sagt, das Leben eines Menschen ist das Leben seines Körpers. In ihm liegt die Selbstgewissheit des Menschen. In ihm zieht er aus zur erotischen Eroberung der Welt, er ist der Ort seiner Freuden, Leiden, seiner Identität, Signum für Leben und Tod. Nach seinem Dafürhalten war der Körper in der Antike heroisch-ideal, im Mittelalter auf Schuld, Scham und Religion beschränkt. In der Renaissance war er Anlass zur Feier des neuen, gottähnlichen Menschen.

Ich denke, dass man den Körper in der Postmoderne, oder sagen wir im Anthropozän, nur noch aus der Perspektive seiner diversen funktionalen Zurichtungen begreifen kann: Human Capital. Ware. Arbeitsknecht. Opfer der Selbstoptimierung. Schnittstelle eines pornoesk durchdeklinierten Lusttransfers. Werkzeug masochistischer und sadistischer Phantasien. Dies alles kann man rubrizieren unter den Begriffen der Ausbeutung und Selbstausbeutung. Sich in seinem Körper wohlfühlen und mit ihm, hieße, sich seiner Funktionalitäten zu entledigen und wenn es gelänge, ihn an das Für sich sein zu erinnern.

*

Nichts ist mehr wie es war. Mit blauen Augen dem Wagnis in den Arm gefallen, das uns treu beherbergte und dann betrog?Endet es so, wenn man nicht düngt und gießt und zärtlich miteinander spricht? Sind wir in dieser Zeit bewohnt von Schreien, die keine Widerhaken ins Vertrauen setzen?

Kategorien:Allgemein

15 Kommentare

  1. Ja, da ist was Wahres dran. Liebe Grüße, Hannah
    P.S. Eine Frage: sollte es im drittletzten Satz heißen „das“ oder tatsächlich „es“?
    Also sollte es vielleicht heißen: „Mit blauen Augen dem Wagnis in den Arm gefallen, das uns treu beherbergte (… )“ ?

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  2. Ich lese gerade ein Buch von Terzani: noch eine Runde auf dem Karussell. Es ist vielschichtig, was mich immer fasziniert ist seine klare Gegenüberstellung des westlichen Profitdenkens und der damit zusammen hängenden Medizin, versus der asiatischen, insbesondere der indischen Haltung gegenüber Leben und Sterben, Körper und Geist. Ich beschäftige mich schon lange mit dieser Art des Denkens und der dazugehörigen Haltungen, es scheint mir, dass wir viel von ihnen lernen könnten. Gerade in Bezug auf Krankheiten, Viren und dem Umgang damit. Aber das tun wir nicht, also wir als Gesellschaft, Einzelne ja durchaus. Hier bricht immer die Arrogant der westlichen Zivilisation mit alten Traditionen.
    Liebe Grüße
    Ulli

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    • Liebe Ulli,
      Wenn es um die eigene Gesundheit geht, gibt es auch im Westen, außerhalb der Verwertungssysteme der Gesundheitsindustrie, vielerlei Inanspruchnahme alternativer medizinischer Ansätze. Entscheidend ist doch am Ende immer die individuelle Einschätzung darüber, was gegen eine Krankheit hilft. Den Begriff der Arroganz kann ich gelten lassen, kann mich jedoch, wenn ich es denn will, anderen Heilmethoden zuwenden. Im Übrigen geht es immer um Verwertung, Profit, chinesische Heilmedizin ist diesem Prozess genau so unterworfen, da muss man nur nach China schauen, wo unter staatskapitalistischen Verhältnissen diese traditionelle Medizin immer mehr zum Exportschlager wird.

      Liebe Grüße
      Achim

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      • Lieber Achim, ja, selbstverständlich gibt es auch hier die Alternativen zu der Schulmedizin. Sorry, wenn dies missverständlich gewesen sein sollte. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht! Besonders unterstützend.
        Ich wünsche dir von Herzen schöne Pfingsttage.
        Liebe Grüße
        Ulli

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  3. „das Leben eines Menschen ist das Leben seines Körpers. In ihm liegt die Selbstgewissheit des Menschen. “
    Das ist AUCH das Credo von Körpertherapie. Im Körper ist alles gespeichert, was dem Individuum je wiederfuhr, selbst Erfahrungen im pränatalen Zustand.

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  4. „Mittelalter“ statt „Mittelmeer“?

    lieben gruß,
    pega

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  5. „Die Waren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst austauschen. Wir müssen uns also nach ihren Hütern umsehn, den Warenbesitzern. Die Waren sind Dinge und daher widerstandslos gegen den Menschen. Wenn sie nicht willig, kann er Gewalt brauchen, in andren Worten, sie nehmen. Um diese Dinge als Waren aufeinander zu beziehn, müssen die Warenhüter sich zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so daß der eine nur mit dem Willen des andren, also jeder nur vermittelst eines, beiden gemeinsamen Willensakts sich die fremde Ware aneignet, indem er die eigne veräußert. Sie müssen sich daher wechselseitig als Privateigentümer anerkennen. Dies Rechtsverhältnis, dessen Form der Vertrag ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist ein Willensverhältnis, worin sich das ökonomische Verhältnis widerspiegelt. Der Inhalt dieses Rechts- oder Willensverhältnisses ist durch das ökonomische Verhältnis selbst gegeben. Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Ware und daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.“ Karl Marx
    Der Körper, die Person, wird schon lange pervertiert. Die Corona-Krise zeigt es nur deutlicher.

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    • Vielen Dank für diesen Hinweis. Das Warenprinzip, dass ja schon vor Marx die Frühsozialisten in Rede gebracht haben, ist neben den Produktionsverhältnissen das Wirkprinzip der bourgeoisen Ökonomie. Auch die Selbstausbeutung des Körpers ist nicht neu.

      Gruß
      Achim Spengler

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      • Neu ist der Begriff „ökonomische Charaktermasken“, soviel ich weiß. Er ist gut gewähl: Sie begegnen einem ständig, auch in Situationen, die mit Ökonomie nichts zu tun haben, weil die Leute nicht unterscheiden können, es ist ihnen nicht bewußt, und ich selbst bin auch nicht frei davon. Ich bin froh, wenigstens ein paar Freunde zu haben, wo ich mir sicher bin, daß das keine Rolle spielt.

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  6. Dear Videbitis,
    genau an diese Marx-Stelle hatte ich auch gedacht, als ich Achims Text las – an die wahrscheinlich auch J. Derida gedacht hat.
    Das ist der Grund von Entfremdung, statt die wahre Gesellschaft die Warengesellschaft.
    Alles Gute
    Klausbernd

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  7. Lieber Achim,

    Ja, ganz sicher sogar sind wir gerade Schreie mit Füßen, das bringt diese Zeit so mit sich, sie läuft den Erkenntnissen so schnell voraus…
    Ein gesunder Geist hält zärtliche Zwiesprache mit seinem Körper. Er bedankt sich bei ihm, dass er ihn beherbergt und kennt die Notwendigkeit immer neuer Anpassungen. Der Körper trauert mit ihm um die Unversehrtheit, um die verflossene Jugend. Hier denken sich Furchen in die Stirn, da steile ernste Grate über der Nase und hier fließen frische Tränen auf die Asche der Rosen und das Urvertrauen liebt den Geruch eigener Spucke, er ist so urspezifisch und unverhofft zur Gefahr für andere geworden. Diese Augen sind immer noch blau, vielleicht auch braun, grün, türkis oder grau… werden sie wieder wagen können sich selbst zu vertrauen?

    Wie treu muss ich meinem Körper bleiben, damit er mir noch vertraut? Hat er mich jemals belogen? War nicht eher ich es, die ihn belog, betrog? Und wie oft vergab er…?

    Mit Muskelkaterwaden und hundemüden Wanderfüssen,

    Liebe Grüße

    Amélie

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  8. Liebe Amélie,

    Ich glaube, nur in der Krankheit ist der Körper ganz für sich. Nur da werde ich auf etwas aufmerksam, was mir bislang nicht bewusst war: der funktionierende Körper, den ich als selbstverständlich nahm. Er reagiert in je eigener Art und Weise auf verderbliche Fakten im Inneren wie auch durch äußerliche. Betrügt er mich dabei? Ja, dann, wenn ich wünsche, gesund zu sein. Er beschneidet Bedürfnisse und die mentalen Kapazitäten in ihrer Ausrichtung auf Zukunft. Er unterwirft mich einer Zeit, die früher abgelaufen sein wird, als ich es mir erhoffte. Darin erkenne ich seine zerstörerische Macht, auf die mein Geist keinen Einfluss nehmen kann.

    Liebe Grüße
    Achim

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