Message from the quarantine 33


Das Gedächtnis ist ein Luder. Freunde, Familie müssen mir auf die Sprünge helfen. Da ist es ein Treppenwitz, dass es mich in einer Sache nie im Stich lässt. Wenn ich in seinen Archiven grabe, um herauszufinden, wo genau sich die eine Textstelle in einem Buch befindet, dann bringt es mich immer zum Ziel. Es täuscht mich nie und kann mir mindestens sagen , dass jener Text auf einer ungeraden oder geraden Seitenzahl liegt, aus der Leserperspektive betrachtet der rechten oder linken Seite des Buches. Das ist sicher eine banale Erfahrung, die viele Buchwürmer miteinander teilen.

Was man draußen besitzt, lässt uns drinnen nackt zurück. In dieser Leerstelle innerlicher Verarmung wuchert die Achtsamkeit, der Tantrismus, die Yogaübung, sprich, die weltumspannende zweite Welle der Entfremdung. Die Fiktion einer wenigstens innerlichen Hygiene. Offenbar wissen diese Anstrengungen der Selbstoptimierung wenig von den Bedingungen der objektiven Reproduktions- und Ausbeutungsprozesse, unter denen sie zustande kommen, und unter deren deregulierten Marktbedingungen die Illusion eines selbstbestimmten Lebens wie ein Glühwürmchen in der Nacht aufleuchtet. Solange, bis man dieses flackernde Leuchten als die Heilslehre eines Lichtes vollkommener mentaler Gesundheit zu interpretieren beginnt. Im Grunde sind jene Anstrengungen nichts weiter als die Verschleierung der Tatsache, dass sich der Kapitalismus bis in die letzten Synapsen hineingefressen hat.

Vermutlich ist das Lesen einer der privatimsten Akte überhaupt. Ein anderes Leben gegen das eigene gesetzt. Die fluchtpunktartige Fiktion gegen die Klauen der Realität. Der Kurzschluss der Phantasie mit der Erbarmungswürdigkeit unseres Lebens, das sich in Arbeitsbedingungen hoffnungslos verlor. Ein Balsam auf die geschundene Seele. Der Nektar, an dem wir besinnungslos nippen. Wir sind die Kolibris, die in der Luft stehen, bis ein Buch beendet ist und wir abstürzen in die Leere, die wir eigentlich sind. Immerhin haben wir bis zur letzten Seite unsere Depressionen eingehegt, unseren Burnout mundtot gemacht und das Scheitern sinnvoller sozialer Beziehungen gegen fiktive Liebesbeziehungen eingetauscht.

Welche Bücher könnten das sein, die, wenn wir sie draußen verläsen, uns eine liebevolle Hand einbringen könnten, eine Umarmung, ein induziertes Feuer der Leidenschaft? Ich bin es müde, mir vorzustellen, welches öffentlich verlesene Buch im Londoner Hyde-Park einen Zulauf Gleichgesinnter gewänne, einen kleinen Auflauf der Revolution nach innen oder nach draußen. Shakespeares Sonette oder Das Kapital , oder beides? Welches Buch könnte das sein? Eins, zwei oder mehr? Mich würde interessieren, welches Buch ihr als so wertvoll erachtet, von einer Kanzel herab verlesen zu werden.

Kategorien:Allgemein

20 Kommentare

  1. Die Coronakrise beflügelt die Wortschöpfung und Sinnfindung heimischer Grübler.
    Die Kolibrimetapher — herrlich treffend!

    Aber dann der Trugschluss: Lieblingsbuch von der Kanzel lesen lassen? Niemals! Der private Akt des Lesens verträgt keine Zuhörermassen. Ein Trost für mich zu Schulzeiten, wenn wir mit Pflichtliteratur gelangweilt wurden war immer der: Wäre Karl May oder Felix Dahn Pflichtlektüre, würden sie kaputtanalysiert und nicht mehr interessant.

    Hörst du dein Lieblingsbuch öffentlich verlesen, während gelangweilte Meute die Augen verleiert oder Witze reist, zerstörst du dir die Freude am Werk

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    • … ja, darüber denke ich mit Herrn Bludgeon gerade gewissermaßen ganz ähnlich…
      Doch …es gibt unbedingt Bücher, die so klug, so gut und so mitreissend geschrieben sind, dass sie eine Kanzel zum Lautlesen und geneigte Leserschaften verdienen würden…wenn diese sich dann nach der Predigt oder Lesung gegenseitig mit Lieblingszitaten beglücken, würden, wäre das sogar ein noch dollerer Applaus als Klatschen oder Füßegetrommele.
      Die Hemmnis der sozialen Beziehungen, bedingt durch die Quarantänen und Isolationen, zeigt Symptome, denen einer spiegelneurotischen Atemnot nicht unähnlich, von der röchelnden Wirtschaft mal ganz zu schweigen.
      Bücher verbinden Geister und sie Vermögen ein wenig zu trösten, was gerade unabänderlich sein muss…
      Von Shakespeare sowieso jedes seiner Sonette.
      Die funktionieren wie Schnorchel im Vakuum der Wirklichkeit.
      Liebe Grüße,
      Amélie

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      • Lieber Achim,
        ich liebe es, mir wichtige Texte vorgelesen zu bekommen. Alle paar Monate höre ich mir Goethes „Faust“, die Odyssee, 1001-Nacht und Brechts Gedicht als Hörbuch an. Was ich höre, prägt sich mir nicht nur besser ein, sondern ich bemerke zudem genauer Stileigenschaften und speziell den Sprachrhythmus. Meine Lektorinnen empfahlen mir immer wieder, mir meine eigenen Texte vorlesen zu lassen, um wesentlich besser den Sprachfluss beurteilen zu können. Das findet alles freilich im stillen Kämmerlein statt. Aber ich hörte auch bei Veranstaltungen Lesungen von Thomas Mann, wobei ich die Sprachverliebtheit Thomas Manns gar nicht mehr nervig fand. Ich finde, was sich gut zum öffentlichen Vorlesen eignet, ist der köstlich ironische Josephsroman von Thomas Mann. Da kann man gemeinsames Vergnügen teilen.
        Liebe Grüße von der sonnigen Küste Norfolk
        Klausbernd
        und der Rest der Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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        • Ein Hörbuch im stillen Kämmerlein, lieber Klausbernd, das geht allemal an🙂 Die Josefsromane stehen bei mir noch aus.
          Liebe Grüße
          Achim

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          • Lieber Achim,
            der Josefsroman ist das Feinste an Ironie, was Thomas Mann schrieb, finde ich. Als Hörbuch halte ich es für eingängiger als wenn man den Roman liest.
            Ja, super, da geht ja etwas ab auf deinem Blog. Das zeigt ja deutlich, dass kontroverse Themen die Kommunikation fördern – zumindest beim Bloggen.
            Halte dich wacker.
            Liebe Grüße
            The Fab Four of Cley
            🙂 🙂 🙂 🙂

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      • Liebe Amelie, hierzu mein Kommentar zu Hr. Bludgeon.

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        • Was ich vorlesen würde, würde mich in Wahlnot bringen….es hinge allerdings auch vom Publikum ab…Lesewünsche würden per Abstimmung beherzigt und gegen die Heiserkeit hätte ich Emsersalzpastillen. Von Karl May mag ich Winnetou 1 – 3 am liebsten. am liebsten läse ich allerdings aus Leslie Marmons “Almanach der Toten” vor. Das ist das ehrlichste Buch, das mir zu Amerikas Ureinwohnern bislang begegnete.
          “I will tell you something about stories . . . They aren’t just entertainment. Don’t be fooled. They are all we have, you see, all we have to fight off illness and death.
          Leslie Marmon Silko, Ceremony”

          Liebe Grüße
          Amélie

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          • Unterstellen wir einmal, wie dein ideales Publikum aussehen würde. Abstimmungen darüber gäbe es nicht, da ich ein Angebot mache, etwas vorzulesen. Ich stehe im Hyde Park, lese laut vor mich hin aus einem Buch meiner Wahl. Dann kann jede*r sich dazugesellen, wie sie/er gerade lustig ist. Das ist eine schöne Aussicht, weil es erst einmal nur darum geht, einen öffentlichen Raum mit dem einem privatimen Lesestoff „akkustisch“ zu füllen, noch bevor sich Interessierte dazugesellen und daraus machen, was immer sie wollen. Der Preis, ungehört zu bleiben, ist der einzige, den ich zu zahlen habe und der ist umsonst 🙂

            Liebe Grüße

            Achim

            Gefällt 2 Personen

    • Ich bin ja diesem Trugbild nicht unterworfen. Ich nenne das Lesen den privatimsten Akt. Und bezweifle gleich Ihnen , dass öffentliches Vorlesen Sinnstiftung und Sinnvermittlung dadurch möglich wäre. Sie würden also Karl May vorlesen, wenn Sie sich dazu überwinden könnten. So wenigstens verstehe ich Sie 🙂

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  2. Also ich würde mir das Leben des Taugenichts gerne mal von der Kanzel gelesen anhören.

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  3. Da bin ich ganz bei Luhmanns Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. Niemand liest ein Buch mit meinen Augen, meinem Geist und meinem Sein. Deshalb würde ich kein Buch öffentlich hören oder verlesen wollen, sondern nur für mich.

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    • Ich sehe da keinen Widerspruch zu dem, was Luhmann als Kommunikation in sozialen Systemen erachtet.

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      • Luhmann skizziert unter anderem ein Verstehensproblem, welches darauf beruht, dass mein Gegenüber das versteht, was ich wirklich meine. Was ich wirklich meine steht vor allem in Abhängigkeit zu irgendeinem Kontext, den vielleicht nur ich erlebt habe. Von daher ist ein gemeinsames Verstehen abhängig von Erfahrungen, die das Individuum gemacht hat / hatte.

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        • So gesehen ist die Kommunikation im Habermaschen Sinne natürlich in der Falle. Das Vorlesen derat, wie ich es oben beschreibe, macht ein „Angebot“. Dieses Angebot muss keiner annehmen. Wer es tut, hat vielleicht je eigene Gründe ins Gespräch zu kommen. Oder auch nicht. Auch Schweigen ist Kommunikation. Wir entgehen ihr nicht, sogar im Unterlassen meines Angebotes ist ihre Negativität immer im Spiel, weil ich es unterlasse dieses Angebot zu machen. Das Verstehensproblem ist gegeben, hören die Menschen insofern auf, miteinander zu kommunizieren? Eher nicht.

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          • Die Frage ist, wie wir miteinander kommunizieren. Das Verstehensproblem im Sinne Luhmanns, oder die Falle der Kommunikation bei Habermas sind ja nicht jedem bekannt. Kommunikation hört nicht auf, da hast Du Recht und das ist auch gut.

            Nur wie kommunizieren wir? Im öffentlichen Diskurs immer rauer und in Schubladen getaktet. Und was macht das mit der Gesellschaft?

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