Message from the quarantine 31


Man sagte den sozialen Netzwerkwelten des Internet emanzipatorische Wirkungen voraus. Das moderne Individuum sei im Spinnennetz seiner Selbstliebe verpuppt. Das emanzipatorische Gelingen läge darin, diese Selbstliebe aufzubrechen, so dass sie im Echo hunderter von virtuellen Freundschaften etwas gespiegelt sähe, was sich wie partnerschaftliche Aufmerksamkeit, gar Liebe anfühlt.
Das erinnert an Freud’s Theorem der Autoerotik als eine besondere Form einengender Verhaltensmuster, die in der Hauptsache nur um das Individuum selbst kreist. In der virtuellen Welt, so wurde behauptet, wird sich das Selbstbegehren im frei gestaltbaren, partnerschaftlichen Begehren positiv auflösen.
Ein anderer Aspekt sei, dass jedem Individuum eine tausendfach vervielfältigbare Stimme  verliehen wird, mit der es endlich auf sich aufmerksam machen könnte. Das Individuum würde, wenn schon nicht gesehen, so doch wenigstens gehört. Es kann sich zeitnah auf den Basaren der Meinungen und den Jahrmärkten der Eitelkeiten tummeln und verewigen.
Dort könnte der Einzelne sich ganz und gar der Hingabe widmen. Der Hingabe zu Meinungen und  Haltungen und zu Ideen der Selbstverwirklichung. Der Einzelne könnte sein Selbst und seine gleichzeitig stattfindende ekstatische Auflösung in den Kreisen Gleichgesinnter feiern.
Es mag sein, dass sich das Internet tatsächlich als Platz der Inquisition  menschlicher Eigenliebe eignen könnte. Dass es als Verdikt des von sich selbst begeisterten Ich herhalten könnte. Dass es als Analyse und als Therapie eines Missbrauchs des Begriffs der menschlichen Freiheit dienen könnte. Dass es Gemeinschaftlichkeit fördert. Dass es sich als Ort eines neuen Verständnisses von Rätedemokratie entpuppen könnte.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Internet funktioniert nicht als ordnende moralische Instanz. Es untermauert lediglich Dostojewski’s Wort vom Menschen als zweibeiniges undankbares Tier. Es macht das Diktum Thomas Hobbes: augenfällig: homo homini lupus, der Mensch ist dem Mensch ein Wolf.
Ein Tier, das in alle Richtungen kratzt und beißt, immer dorthin, wo es den Feind vermutet. Es potenziert das Gekreische selbstredenhörender Worte. Es fördert keine Gemeinschaft, sondern das Entsetzen darüber, dass wir als Einzelne unter anderen Einzelnen verbleiben. Das Internet dient der Doppelung real existierender Einsamkeiten.
Kategorien:Allgemein

17 Kommentare

  1. Heftig, aber sicher nicht weit her geholt…

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  2. achim, es ist schwer, dir nicht zuzustimmen.

    allerdings ist das netz noch jung. mag also sein, dass entwicklung statt finden wird (oder in nischen, punktuell, bereits wirkt).

    wie auch immer: an mir selbst bemerke ich hie und da einen klaren widerwillen und überdruss, auf den jahrmarkt zu gehen. wieviel rauschen und raunen, wie viel hohlheit, flachheit, eitelkeit ich mir antue, liegt ja ganz bei mir. 😉

    lieben gruß ❤ pega

    Gefällt 7 Personen

  3. Lieber Achim, wenn ich das Große und Ganze des INternets anschaue, dann kann ich dir nur zustimmen und doch haben sich kleinere und größere Kreise von Menschen gefunden. Wie haltbar das Ganze, wie verbindlich auch, das gilt es abzuwarten, aber immerhin sind es kleine Nischen, wie Pega sie genannt hat.
    Und Vieles muss ich nicht lesen und tue es auch nicht und immer noch weniger.
    Aber das Ganze im Auge zu behalten, finde ich schon auch wichtig.
    Liebe Grüße
    Ulli

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  4. Lieber Achim,
    das ist ja alles ganz gut und scheint mir richtig, was du da schreibst, ABER du, ich und alle, die hier kommentieren, machen doch fröhlich mit. Wer nicht eitler Narziss ist, der blogged nicht oder treibt sich in den sozialen Medien herum – oder?
    Mit lieben Grüßen von der sonnigen Küste Nord Norfolks
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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    • Ich finde, dass es einen Unterschied zwischen der Freude des Teilens gibt, gegenüber eitlem Narzismus, lieber Klausbernd.
      Liebe Grüße
      Ulli

      Gefällt 1 Person

      • Liebe Ulli,
        ich glaube, das kann man so allgemein nicht sagen. Mit-teilen im Netz hat m.E. immer eine narzisstische Seite, das ist ja etwas anderes, als wenn ich mein Frühstücksbrot teile. Oder sehen wir es ‚mal so: Jeder narzisstische Ausdruck bereitet dem Narzissten Freude, eben die Freude des Teilens 😉 Als Narziss weiß ich, worüber ich hier schreibe 😉
        Von der sonnigen Küste Nord Norfolks liebe Grüße
        Klausbernd 🚶‍♂️

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        • Ich will hier jetzt eigentlich keine Nebendiskussion aufmachen, aber soviel sei gesagt, Narzismus ist eine psychische Störung, ein Narzist weiß in der Regel nicht, dass er einer ist. Auch hier unterscheide ich in narzistische Züge, die die meisten haben, ja, und echten Narzismus.
          Mich treibt die Freude am Teilen, des Mitteilens und des Austauschs. Natürlich ist da auch eine Portion Selbstdarstellung dahinter. Ohne sie kann wohl keine Künstlerin, kein Künstler auskommen?! Nur, dass es für mich nichts mit Narzismus zu tun hat.

          Gefällt 2 Personen

          • Liebe Ulli,
            nur ganz kurz dazu: Du hast Recht, zu Freuds und Bleulers Zeiten bezeichnete Narzissmus eine psychotische Störung und wurde gar synonym mit Psychose gebraucht, das hat sich aber unter dem zunehmend soziologischen Einfluss in der Psychologie geändert. Landläufig versteht man heute unter Narzissmus die Freude an der Sebstdarstellung und Selbstverliebtheit ganz im klassischen Sinne. Der Sozialpsychologe Ziehe, kann ich mich dunkel von meinem Studium her erinnern, hat unsere narzisstische Gesellschaft wiss. untersucht – aber natürlich nicht nur der.
            Dann mach’s ‚mal gut.
            Keep well and happy
            Klausbernd 🙂
            Also die Rasselbande dankt ganz lieb und grüßt zurück. Die tollt im Garten herum und versucht gerade, auf einen unserer Apfelbäume zu klettern.

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        • ups, die herzlichen Grüße an dich und die andere Rasselbande vergessen 🙂

          Liken

  5. Das Internet ist für die Kommunikation das, was der Hochfrequenzhandel für die Finanzwirtschaft ist, der Industriedünger für die Landwirtschaft usw. Beschleunigung und Wachstum bis zum Kollaps. Ich will dem Internet seine Segnungen auch nicht absprechen, aber unsere Erwartungen (und vor allem unsere Hingabe) an dieses Medium müssen wir argwöhnisch kontrollieren. Na, und einige einfach abschreiben.

    Gefällt 2 Personen

  6. Lieber Herr Spengler, ich habe auf Ihren (mich) anregenden Beitrag mit einem ausführlicheren Kommentar geantwortet. Leider ist er beim Absenden im Orkus des WPKosmos verschwunden.
    Ich habe darin Herrn Klausbernd bestätigend zitiert und auch Frau Ulli mit Ihren ersten Kommentar. Inzwischen haben andere Kommentatoren ihre Gedanlen zum Ausdruck gebracht. Und mir wurde dabei klar, dass dieses Thema zur ernsthaften Auseinandersetzung in einer Kommentarspalte befriedigend kaum zu erörtern ist.
    So unterlasse ich den Versuch, meinen vorherigen Kommentar zu rekonstruieren.

    Mir bleibt letztendlich ohnehin bloss die Frage nach Ihrer Absicht, mit der Sie diesen Beitrag publiziert haben. Und auch darüber liesse sich bei einem wirklichen Zusammensein wahrscheinlich fruchtbringender sprechen.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.
    Bleiben Sie wohlauf,
    Herr Ärmel

    Gefällt 2 Personen

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