Message from the quarantine 30


Boris Palmer: „Wir retten in Deutschland Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund Ihres Alters ihrer Vorerkrankungen. Aber die weltweiten Zerstörungen der Weltwirtschaft sorgen nach Einschätzung der Uno dafür, dass der daraus entstehende Armutsschock dieses Jahr eine Million Kinder zusätzliche das Leben kostet. Da sieht man: Es ist ein Medikament mit Nebenwirkungen, wir müssen es richtig dosieren.“

Der moraltheoretische Standpunkt des Utilitarismus besagt verkürzt zusammengefasst, dass Handlungen, ob individuellen oder kooperativen Ursprungs, in dem Maße richtig sind, wie sie tendenziell in der Lage sind, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen zu produzieren. Umgekehrt sind diese Handlungen falsch, wenn sie dazu tendieren, das Gegenteil von Glück zu produzieren, oder seine bereits vorhandene Menge nicht in der Lage ist zu mehren.

Kaufte ich mir eine neue Kamera, obwohl die alte meinen Ansprüchen noch vollkommen genügt, dann wäre es nach den obigen moralischen Überlegungen geboten, den Kaufpreis der neuen Kamera zu spenden, um beispielsweise den Hunger auf der Welt zu lindern. Zudem benötige ich das vollständige Wissen über die Konsequenz meiner Spendenabsicht, da es durchaus sein kann, dass mein Kampf gegen den Hunger nicht dem Ziel der größtmöglichen Mehrung des Glücks dient. Es könnte ja durchaus sein, dass durch ein hohes privates Spendenaufkommen den Hungernden staatliche, nationenübergreifende oder sonstige korporative Hilfe im gleichen Umfang entzogen wird.

In einem solchen theoretischen Fall habe ich zwar aus der Sicht eines Konsequenzialismus (welcher davon ausgeht, dass die Richtigkeit oder Falschheit einer Handlung einzig auf die guten oder schlechten Konsequenzen dieser Handlung beruht) das Richtige getan, ohne jedoch im Sinne einer Wohlfahrtsethik (die von der Idee ausgeht, dass das Gute oder Schlechte der Konsequenzen einer Handlung allein von der Gesamtmenge von Glück oder Unglück abhängt, die diese hervorbringt) die Gesamtmenge des Glücks (der Hungernden) gemehrt zu haben.

Im Nachhinein betrachtet wäre mein Handeln also falsch, da es in seiner Konsequenz nichts zum wohlfahrtsethischem Ziel der Linderung des Hungers, zur Steigerung des Wohlergehens der Hungernden beigetragen hat. Oder sogar das Unglück derer mehrte, falls korporative Hilfsmaßnahmen im größeren Umfange entzogen werden, als es private Spendenaufkommen kompensieren könnten.

Zurück zu Boris Palmers Statement. Das Medikament Lockdown hat aus seiner Sicht die Nebenwirkungen zusätzlich zu erwartender Hungertoten, darunter vielen Kindern. Das dieser Äußerung zugrundeliegende Kosten-Nutzen-Kalkül, welches Menschenleben gegeneinander aufrechnet, hat in Zeiten des Corona Virus, und bezogen auf die Entscheidungswirklichkeit in unseren Krankenhäusern dort schon längst Einzug gehalten. Wenn es nämlich darum geht bei knappen lebensverlängernden Ressourcen darüber zu befinden, wer leben soll und wer nicht.

Die Unantastbarkeit der Menschenwürde ist mithin längst zu einer Rechnungskonstante in der Gleichung einer utilitaristischen Ethik verkommen. Eine solche Entscheidung in einem Krankenhaus treffen zu müssen, mag im Rahmen einer auf diese Orte begrenzten Kosten-Nutzen Bilanz der Opferung eines alten, vorerkrankten Menschenlebens zugunsten eines jungen und gesunden noch angehen. Aber nur dann, wenn die Kapazitäten zur Rettung beider nicht mehr vorhanden sind. In dieser Situation befinden wir uns in Deutschland gottlob nicht.

Palmer sagt aber mindestens sinngemäß, dass jeder hierzulande gerettete alte, vorerkrankte Mensch anderswo in dieser Welt mindestens zwei verhungerte Kinder kostet. Natürlich unter der Maßgabe eines aufrechterhaltenen Lockdowns. Und das im Umkehrschluss zwei Menschen gerettet wären, wenn man den alten Menschen in unseren Krankenhäusern sterben lässt. Offen bleibt in seinen Ausführungen dabei, ob wir alte Menschen wenigstens retten dürfen, wenn der Lockdown vorüber ist, die Wirtschaft angekurbelt und alles wieder auf den guten kapitalistischen Anfang gesetzt ist.

Die Lehre der utilitaristischen Ethik will die Antwort geben auf die Frage, welche Handlungen einen quantifizierbar höheren Nutzen gewährleistet als die mit ihnen einhergehenden Kosten. Handlungen, die auf solch universale Nutzenmaximierung abzielen, haben schlichtweg nie die vollständige Information oder das vollständige Wissen darüber, ob sie in letzter Konsequenz ihr Ziel erreichen werden und welche unangenehmen Nebeneffekte damit einhergehen. Palmer würde bereits vorab kläglich am Nachweis der Schlüssigkeit seiner unsäglichen Aufrechnung von Menschenleben scheitern. Die Aufhebung des Lockdowns allein auf Grundlage dieser Gesinnungsethik wäre nicht zu rechtfertigen.

Dazu abschließend Eberhart Schockenhoff, Professor für Moraltheologie: „Konsequentialistische Ethikansätze wie der Utilitarismus oder die teleologische Ethik schreiben dem Menschen die Verantwortung für sämtliche vorhersehbaren Folgen seiner Handlungen zu. Wenn dem Menschen die grenzenlose Optimierung seiner Handlungsfolgen aufgetragen ist, stellt dies in vielen Fällen eine rigoristische Überforderung der Handelnden dar“.

Innerhalb der Grenzen seiner Verantwortung, die sich nie auf einen universalen Anwendungsbereich ausdehnen lässt, sollte jeder Verantwortung üben lediglich innerhalb der Sphäre, die er überblicken kann und innerhalb derer er Gewissheit hat über die möglichst vorhersehbaren Folgen seines Tuns oder Unterlassens.

Kategorien:Allgemein

9 Kommentare

  1. Da muss ich dir vollkommen Recht geben. Die Politik handelt nur nach dem Prinzip first in first out, deshalb stellt sich derzeit auch nicht die Frage wer soll leben und wer sterben.

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  2. Lieber Achim,
    auch wenn ich zu deinem letzten Absatz erst einmal zustimmend genickt habe, kam dann der Gedanke auf, dass das Möglichste an Verantwortung zu tragen zwar, von sich selbst aus betrachtet, ein Ziel sein sollte, aber es schließt das Außen aus. Das Außen stellt eine und einen jeden ständig vor neue Entscheidungen, manchmal müssen diese im Moment geschehen, lassen sie wenig Raum für vertiefende Betrachtung.
    Emotionen schieben sich dazwischen und dann wird es schon wackelig mit der Verantwortung für sich, das eigene Handeln und für die Verantwortung dem kleinen Kreis gegenüber.
    Hier lasse ich es mal stehen und denke noch ein bisschen.
    Liebe Grüße
    Ulli

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  3. Hm. Und die Folgen all dieser Maßnahmen, die heute immer noch greifen – ließen die sich zuvor vorhersehen und überblicken?
    Liebe Grüße, Hannah

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  4. Oder, um mal bei der Analogie mit den Medikamenten und ihren Nebenwirkungen zu bleiben: Ist das nicht auch immer ein Stück weit eine Angelegenheit von trial and error? Natürlich: ein Medikament wird getestet, ehe es einem oder vielen Menschen verabreicht wird – und dann stellt sich (leider dennoch) mitunter heraus, daß das Medikament doch sehr viel mehr – und sehr viel schlimmere – Nebenwirkungen hatte als erwartet.
    Und daß nicht jeder Mensch dieses Medikament gleich gut verträgt. (Ebensowenig wie die Maßnahmen). Für manche mag es tötlich sein. (Ebenso wie die Folgen der Maßnahmen). Für viele. Für viel zu viele. Nein, das konnten die Mediziner und / oder Pharmazeuten (oder die Politiker) nicht vorhersehen. Aber sie müss(t)en nun dennoch darauf reagieren. Und die Dosis ändern … Und / oder andere Medikamente (Maßnahmen) anwenden. Oder?
    Liebe Grüße nochmal, Hannah
    P.S. Und was den Utilitarismus anbelangt: Er genießt ja keinen sehr guten Ruf, jedenfalls nicht unter den Kantianern, bei denen ich damals (vor langer Zeit) meine Seminare in Philosophie absolviert habe und die ich den Utilitaristen stets vorgezogen habe. Aber das alles ist doch sehr theoretisch – und ich würde meinen, zu theoretisch. Und weder die Utilitaristen noch die Tranzendentalphilosophen (bzw. Kantianer) noch sonst jemand könnte hier momentan ein Patentrezept zur Lösung all dieser Probleme vorlegen, denke ich.
    Auf jeden Fall sollte man sich genau ansehen, was hier geschieht und was für Folgen das hat. Und dann reagieren…

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  5. Oder, um mal bei der Analogie mit den Medikamenten und ihren Nebenwirkungen zu bleiben: Ist das nicht auch immer ein Stück weit eine Angelegenheit von trial and error? Natürlich: ein Medikament wird getestet, ehe es einem oder vielen Menschen verabreicht wird – und dann stellt sich leider dennoch mitunter (und gar nicht mal so selten) heraus, daß das Medikament doch sehr viel mehr – und sehr viel schlimmere – Nebenwirkungen hatte als erwartet.
    Und daß nicht jeder Mensch dieses Medikament gleich gut verträgt. (Ebensowenig wie die Maßnahmen). Für manche mag es tötlich sein. (Ebenso wie die Folgen der Maßnahmen). Für viele. Für viel zu viele. Nein, das konnten die Mediziner und / oder Pharmazeuten (oder die Politiker) vielleicht nicht vorhersehen. Aber sie müss(t)en nun dennoch darauf reagieren. Und die Dosis ändern … Und / oder andere Medikamente (Maßnahmen) anwenden. Oder?
    Liebe Grüße nochmal, Hannah
    P.S. Und was den Utilitarismus anbelangt: Er genießt ja keinen besonders guten Ruf, jedenfalls nicht unter den Kantianern, bei denen ich damals (vor langer Zeit) meine Seminare in Philosophie absolviert habe und die ich den Utilitaristen stets vorgezogen habe. Aber das alles ist doch sehr theoretisch – und ich würde meinen, zu theoretisch. Und weder die Utilitaristen noch die Tranzendentalphilosophen (bzw. Kantianer) noch sonst jemand könnte hier momentan ein Patentrezept zur Lösung all dieser Probleme vorlegen, denke ich.
    Auf jeden Fall sollte man sich genau ansehen, was hier geschieht und was für Folgen das hat. Und dann reagieren…

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  6. Offen lässt Palmer in seiner unsäglichen Rechnung auch, wie denn der Status quo zuvor war – wieviel Menschenleben kostete unser ungebremster Kapitalismus, der natürlich auf der Ausbeutung von Entwicklungs- und Schwellenländern basiert. Karl Lauterbach hat die Scheinheiligkeit der Plamerschen Argumente gestern in einer Talkshow auf den Punkt gebracht: Wir hätten die letzten zehn Jahre nichts für „arme Kinder in Afrika“, wie es Palmer sagt, getan, was solle das Argument jetzt?
    Dass man diskutieren muss, welche Folgen unser Handeln hat und dass die Coronakrise hier auch eine Chance böte (die wieder nicht genutzt werden wird), globalisiertes wirtschaftliches Handeln mit einem Wertekanon zu verbinden, das sehe ich auch – aber nicht auf diese Art, die Menschenleben gegeneinander aufrechnet.

    Gefällt 2 Personen

  7. Ich unterschreibe Ihren letzten Absatz. Vor der eigenen Haustüre kehren. Grundsätzlich vor der eigenen haustüre kehren.
    Wie denke ich? Wie bewege ich mich in der Welt? Wie fühle ich? Wie konsumiere ich? Wie spreche ich über andere Menschen?
    Die Veränderung der Welt beginnt, indem ich mich verändere.

    Ihnen alles Gute,
    Herr Ärmel

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  8. „Innerhalb der Grenzen seiner Verantwortung, die sich nie auf einen universalen Anwendungsbereich ausdehnen lässt, sollte jeder Verantwortung üben lediglich innerhalb der Sphäre, die er überblicken kann und innerhalb derer er Gewissheit hat über die möglichst vorhersehbaren Folgen seines Tuns oder Unterlassens.“

    Das ist ein Grundsatz, von dem aus man handeln kann.

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