Message from the quarantine 12


„Dies ist ein Abenteuer, das jeder Mensch zu bestehen hat: Dass er lerne sich zu ängstigen, denn sonst geht er dadurch zugrunde, dass ihm nie angst war, oder dadurch, dass er in der Angst versinkt; wer hingegen gelernt hat, sich recht zu ängstigen, der hat das Höchste gelernt“.
(Sören Kierkegaard)

Der junge Graureiher segelt majestätisch auf der Höhe meines Balkons vorbei. Ich treffe ihn sonst nur am größeren der in der Nähe gelegenen beiden Teiche an. Dort steht er wie die große Version von Hans Huckebein mit seinen Beinen knietief im Wasser, vollkommen regungslos, bis sein Schnabel blitzschnell ins Wasser schnellt und mit dem zappelnden Fisch am Haken erneut seinen Hals lauernd streckt.
Dieses freie Geschöpf im Flug, wie es so unfrei scheint in seiner natürlichen Bestimmung  zur Paarung und Nahrungsaufnahme. Sich keinen Begriff davon machen zu können was Freiheit bedeutet oder Unfreiheit, lässt ihn als beides zugleich erscheinen. Wenigstens von unserer Warte aus betrachtet.

Es gibt keinen Menschen, in dem „zumindest nicht doch eine Unruhe, ein Unfrieden, eine Disharmonie wohnt, (…) eine Angst vor einer Möglichkeit des Daseins oder eine Angst vor sich selbst“. Das sagt Sören Kierkegaard in seiner Schrift Die Krankheit zum Tode. Jetzt sollte man aber nicht kurzschliessen, dass für Kierkegaard ein Leben mit oder in Angst zur Freiheit nicht tauglich wäre.
Die Angst ist für ihn die Grundbefindlichkeit unserer Existenz. Sie ist nicht gebunden an  bestimmte geschichtliche Entwicklungsphasen, bei deren Überwindung  sie gleichfalls überwunden wäre, so wie es der zu Ende gedachte Hegel’sche Idealismus vorsieht. Sie sitzt fest in uns. Sie abzuschütteln setzte unseren Tod voraus.

Die  bei Kierkegaard von der Angst unterschiedene  Furcht richtet sich auf ein konkretes Objekt. Der Furcht kann man sich durch Ignoranz  oder durch den Wegfall des Objekts entledigen. Vor dem Virus die aufmerksamen Augen schließen oder abwarten, bis wir es auf die eine oder andere Weise losgeworden sind.
Die  Angst bei Kierkegaard bezieht sich auf kein konkret bestimmbares Objekt. Sie äußert sich nicht durch die übliche emotionale Reaktion auf  eine fassbare Gefahr. Kierkegaard verortet sie in die  Erfahrung eines Nichts, von dem sich der erste Mensch umgeben sieht. Sie ist die Angst,  dieses Nichts durch den freien Akt einer Handlung zu füllen. Eine Tat, vor der das Verbot Gottes steht: Esse nicht vom Baum der Erkenntnis.

In der theologischen Dogmatik kommt so die Sünde in die Welt. An diese bleibt jedes zukünftige Handeln angstbesetzt gekettet. Das ursprüngliche Nichts durch Erkenntniswillen ausgefüllt zu haben und  sich dem zukünftigen Nichts, dem Tod, dem Sterben,  zu stellen, ist beides der gleiche Grund, auf dem jedes freie Handeln ruht. Es ist ein Sprung des Glaubens in dieses Nichts, ein Sprung, von dem  Paul Tillich als „Mut zum Sein“ gesprochen hat. Für mich ist es dabei unerheblich, was diesen Sprung befeuert. Ist es der Glaube an ein Göttliches, oder der Glaube an die eigenen Fähigkeiten des Denkens, oder das sinnvolle Tun und Aufbegehren angesichts der Endlichkeit unserer Existenz?  Jedes  davon wird stets einherzugehen haben mit der Kierkegaard’schen Angst.

Kategorien:Allgemein

16 Kommentare

  1. „Sich recht zu ängstigen“ erscheint mir als eine große Aufgabe, Achim. Ich denke mal heute beim Radieren darüber nach.
    Liebe Grüße von Susanne

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Susanne, die Angst steckt in uns drin, mal weniger, mal mehr. Es ist ja eine existenzielle, die sich um den Tod und das Sterben gruppiert. Hast du etwas rasieren können, um die Angst oder mit ihr herum?

      Liebe Grüße und bleib gesund
      Achim

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      • Lieber Achim,
        ich stecke noch in der Definition meiner Angst, oder vielleicht besser, mein Unbehagen. Angst will ich es nicht nennen. Ist Angst nicht etwas, was bewegungslos macht? Bewegungslos bin ich nicht.
        Liebe Grüße und bleibe auch du gesund,
        Susanne

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  2. Lieber Achim,
    Angst und Furcht aus der Sicht Kierkegaards, welch ein wichtiges aktuelles Thema. Angst gehört zur Conditio Humana. Während die Furcht Schutzfunktion besitzt, schafft die Angst eine innere Spannung, die eine Herausforderung darstellt und deren Annahme nicht unwesentlich zur Schaffung kultureller Werte beiträgt.
    Dann üben wir `mal fein „sich recht zu ängstigen“.
    Danke für diese Post.
    Bleibe gesund und munter.
    Mit lieben Grüßen vom sonnigen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 2 Personen

  3. vielen dank, lieber achim!

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  4. Angst gehört zu uns, das die oft zitierte conditio humana.
    Also geht es darum, welche Angst Sinn macht, welcher man vertrauen kann. Die Angst vor der nichtexistenz ist seit je her ein Schleier, der das Leben belastet. Vielleicht würde es helfen, zu schauen, wo sie es befeuert.

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