Message from the quarantine 11


„Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir selbst uns selbst: das hat seinen guten Grund. Wir haben nie nach uns gesucht, – wie sollte es geschehn, dass wir eines Tags uns fänden? Mit Recht hat man gesagt: „wo euer Schatz ist, da ist euer Herz; unser Schatz, wo die Bienenkörbe unserer Erkenntnis stehn“. 
(Friedrich Nietzsche)

Ist jetzt die Zeit, unser Selbst als das wichtigste Objekt unseres Erkenntnisvermögens zu begreifen? Um endlich besser zu verstehen, was uns ausmacht, antreibt, zu welchem Zweck und Ziel und Sinn?  Innehalten in der Introspektion. Ein sich entwickelndes  Gespür für Wünsche und Träume, auch ein Gespür für die Notwendigkeit einer  Hygiene des Seelischen. Als Folge ihres Gelingens  sollte die Einsicht stehen, dass wir zuallererst allein sind mit uns selbst. Jeder ist anfänglich eine Insel. John Donne in seiner  Meditation XVII. sagt von ihr, dass eine solche niemand sei. Aber ich denke,  genau dort, auf dieser Insel, die jeder zuallererst ist, liegt der  Schatz Nietzsches begraben, die Erkenntnis, dass wir wie Marionetten durchs Leben gehen. 

Wenn wir jetzt ruhelos durch unsere Zimmer streifen, gewinnen wir eine Ahnung   von dem, was uns nie hätte  zustoßen dürfen: Spielball zu sein von entfremdenden Lebensbezügen. Fremd zu sein im vermeintlichen Vertrautem. Takt zu sein im  Gleichtakt eines Immergleichen.

Wir tragen die Kleider des konsumptiven Wahns und sind nicht einmal imstande, die Kleider des nackten Kaisers zu erkennen.  Warum wähnen wir uns in unseren   mephistophelischen Arbeitsbedingungen glücklicher als die Kinder der Hungerlöhne Indiens?

Wir sind das Bedürfnis im Käfig auferlegter Bedürfnisse. Wir sind nicht freie Teilnehmer  freier Austauschverhältnisse, die meine Insel mit der deinen verbindet. Wir sind der Bienenkorb der Erkenntnis, aus der kein Summen mehr zu hören ist.

Wir kehren zurück auf die Insel. Leere vielleicht. Etwas pocht. Ein Sog vielleicht, der  Sog eines Perspektivenwechsels. Eine Häutung. Ein Entzug. Ein kehliges Seufzen. Dann stellen wir fest, dass wir nicht zusammenbrechen. Und dass es keinen Sinn macht zu behaupten, wir wären nicht mit uns selbst allein. Wir sind alles was wir haben. Mehr als genug, mehr als nur notwendig. Wir sind wie Bienen, die mit ihrem Tanz ihr  Selbst zurückgewinnen. Erst dann können wir uns aufmachen, keine Insel mehr zu sein. 

Kein Mensch ist eine Insel, 
ganz für sich allein;
jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents,
ein Teil des Ganzen.

Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird,
wird Europa weniger,
genauso als wenn’s eine Landzunge wäre,
oder das Haus deines Freundes oder dein eigenes.

Jedermanns Tod macht mich geringer,
denn ich bin verstrickt in das Schicksal aller;
und darum verlange nie zu wissen,
wem die Stunde schlägt; 
sie schlägt für dich.
(John Donne)

Kategorien:Allgemein

7 Kommentare

  1. Lieber Achim,
    Immer wenn es im Leben mal wieder so richtig happig kommt, trösten mich Leute wie John Donne in meinen einsamsten und bedrücktesten Momenten.
    Jeder dieser Virustoten tut weh – in Schmerz und Leid wirkt Verbundenheit noch intensiver, wird deutlich wie sehr jeder eine Insel ist, eine Insel im Allein, eine Insel im Zusammensein.
    Das Hinschauen erscheint mir schwerer noch als das Wegschauen. Betroffenheit ist erlaubt und Kunstkonsum der Balsam, der mir gerade die Tage geselliger, die Nächte weniger erschreckend macht. Niemand ist eine Insel und auch wieder jeder, weil das Erkennen von Eiland zu Eiland gerade nur mit Fernrohr und Megaphon funktioniert.
    Das Wort “Social distancing “ erscheint mir wie eine falsche Anweisung. Body distancing Klänge schlüssiger, oder…?
    Denn der Effekt sozialer Distanzierung wäre angesichts der Wichtigkeit die sozialen Kontakte aus der Ferne zu pflegen, verheerend. Nietzsches Bienenkorb der Erkenntnisse wünsche ich mir gut aufgehoben im Bewusstsein, dass ich damit nicht alleine bin, weil ich es nicht bleiben will und sei es ein Türspalt, durch den ich mit den anderen der Welt kommuniziere und immer wieder auch dabei auf Erkennen stoße und das…tröstet manchmal beinah genau so gut wie es sonst nur eine Umarmung vermöchte.
    Liebe Grüße,
    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amelie,

      Body-Distancing scheint mir auch der treffendere Begriff zu sein. Den Mut zu haben, die Dinge zu verfolgen ist wichtig. Genauso wichtig ist aber auch, dass wir uns Zonen der Ruhe schaffen, um nicht erschlagen zu werden von der Informationsflut, und um diese in Ruhe richtig einordnen zu können. Ein Reiz-Reaktion Schema, dass uns im Laufe optimistischerer Informationen ruhiger atmen lässt. Eine Insel zu sein bedeutet nicht, diese zum Wohl anderer Inselwesen zu verlassen. Wir sind dann auf Besuch, und jeder Besuch kehrt zurück in ureigene Gefilde. Nenne es Heimat oder einen Ort in dem wir uns mindestens wohl fühlen sollten. Allerdings gibt es auch Inseln des Unwohlseins, in denen wir uns selbst fremd sind. Es bessert sich langsam die Lage. Geduld ist die Losung dieser Tage🙂

      Liebe Grüße
      Achim

      Gefällt 1 Person

  2. Guten Morgen, lieber Achim,
    uns hält hier das Lesen in Laune. Wir haben das Gefühl, uns mit den geistigen Strömungen des Autors und seiner Welt zu verbinden. Das Lesen öffnet die zur Zeit abgeschlossene Welt für uns. Aber erstaunlicher Weise haben wir auch mehr reale soziale Kontakte als zuvor. Wir rücken in unserem kleinen Dorf am Meer zusammen, wenn auch nicht räumlich, so aber doch gefühlsmäßig. Da gibt es stets Gespräche an der Grundstücksgrenze und über die Gartenmauer, wo vorher eher ein Satz über das Wetter die Pseudokommunikation präge.
    Uns scheint es, dass zwar einesteils jeder eine Insel ist, aber die Inseln verbinden sich angesichts unsichtbarer Bedrohung wenigstens teilweise zu Kontinenten. Man merkt jetzt, wie sehr man den anderen benötigt und man hat zugleich Zeit, sich selbst zu erforschen, was einem im Leben wichtig ist.
    Mit lieben Grüßen von der heute regnerischen Küste
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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    • Lieber Klausbernd,

      Lesen und Schreiben, mehr holprig als elegant, hieven mich durch die Tage. Mit den Hausmitbewohnern ergeben sich intensivere Gespräche.
      Man achtet aufeinander, kauft sich gegenseitig ein. Wir haben vor ein Fest zu feiern, wenn alles in einem ruhigen Fahrwasser verläuft. Das sind schöne Aussichten. Das Lesen insbesondere stellt eine Art Hygiene bereit, die die Gedanken entlastet und einen wirksamen Puffer bietet, der sich zwischen Innen- und Außenwelt schiebt.
      Lasst es euch gutgehen und bleibt gesund.

      Liebe Grüße
      Achim

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Achim,
        da du die heilsame Wirkung des Lesens preist, da kann ich dir ein tolles Buch empfehlen. Ich lese es gerade mit roten Bäckchen und Glitzeraugen. Es heißt „The Silent Patient“ von Alex Michaelides.
        Heute ist indoor Wetter, Nieselregen und kühl, da werde ich das Buch zu Ende lesen.
        Halte dich wacker, keep well
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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  3. „So here’s to the circus
    Let’s drink to the game of forgetting
    The marionette strings that jerk us
    The real world just outside the door
    I know that my legs have gone
    And I know that the light here is far from perfect…
    But I’ve rehearsed it, so I’ll carry on
    Until I wind up on the floor…“

    (Peter Hammill – Happy Hour / 1982)

    Bleiben Sie gesund!

    Gefällt 1 Person

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