Bottle Message from the quarantine 1


Gefahr, Einsamkeit, eine ungewisse Zukunft sind keine bedrückenden Übel, solange der Rahmen gesund ist und die Fähigkeiten eingesetzt werden; besonders solange die Freiheit uns ihre Flügel verleiht und der Stern der Hoffnung uns führt.

(Charlotte Brontë in Villette)

Es gibt zu tun. Ungeheuerlich viel zu tun. Fußnägel erfreuen sich der Pediküre. Banalitäten zuhauf. Der Mikrokosmos noch der kleinsten Bewegungen erscheint mir hilfreich gegen den Ansturm der großen Gefahr. Telefongespräche gewinnen Tiefe, man könnte sie bspw. erotisch aufladen, ihnen philosophierendes Unterfutter beimischen. Die Laute der Nachbarin gewinnen an Gewicht, Zeitvertreib durch genaues Hinhören, Intimsphären durchschreiten, als ginge man über vermintes Feld. Vom Tropf der Hiobsbotschaften abgehängt. Sedierung durch vorenthaltene Informationen. Unfassbar eigentlich die gewonnene Gelassenheit durch Kappen der Nabelschnur. Der Zugewinn der Ruhe ist reziprok zur Wachstumsrate der Infektionen. Ich sitze vor der Felsenwand in Platons Höhle und was hinter mir passiert, interessiert mich nicht mehr.

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There is work to be done. A lot to do. Toenails enjoy pedicures. Banalities abound. The microcosm of even the smallest movements seems helpful to me against the onslaught of great danger. Telephone conversations gain depth, you could, for example, charge them erotically, add philosophical underlay to them. The sounds of the neighbor gain weight, pastime by listening carefully, walking through intimate spheres as if one were walking over a mined field. Suspended from the grip of bad news. Sedation from information withheld. Incredibly the serenity gained by cutting the umbilical cord. The gain in calm is reciprocal to the growth rate of the infections. I’m sitting in front of the rock wall in Plato’s cave not caring about what’s happening behind me.
Kategorien:Allgemein

8 Kommentare

  1. Immer noch ist alles total irrational – zu Hause ist alles wie gewohnt, draußen die große Stille, am Main die um diese Jahreszeit gewohnte Leere, am Himmel bei Ostwind Ruhe – nur was sehr fehlt: das Geschrei, der Lärm der Grundschulkinder gegenüber, das Gewusel im anschließenden Kindergarten und abends die bolzenden türkischen Jugendlichen.
    Ich möchte noch nicht und verdränge das auch an die nächsten zwei Monate denken -nicht was das Virus betrifft- sondern die wirtschaftlichen Folgen für die arbeitslosen von ihrem Tun ausgeschlossenen Menschen.

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    • Hallo Karin,

      Was merkwürdig ist: früher habe ich diejenigen bedauert, weil sie zu sehr in ihren bubbles und Echokammern lebten. Jetzt sind wir froh, wenn keiner mehr vor die Tür geht. Die Balance zu finden zwischen dem Regen der Virus-Verbreitung und der Traufe des wirtschaftlichen Niedergang, da wünsche ich uns allen ein glückliches Händchen.

      Liebe Grüße

      Achim

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  2. Schönes Zitat von Charlotte Brontë! Sollte ich mir vielleicht als Banner irgendwo hin hängen. Danke!

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  3. Lieber Achim,

    Wie bitte? Gefahr, Einsamkeit und eine ungewisse Zukunft sind keine bedrückenden Übel? Sofort schießen mir Leute in den Kopf, die gefährdet, einsam und ungewiss in ihre Zukunft fliehen, nur geführt von ihrem Stern der Hoffnung aus unmöglichen Lebensumständen, nur mit ihrem bloßen Willen zur Freiheit und am Ende steht ihnen der Tod in Aussicht. Insofern ist das keine allgemeingültige Aussage für mich.

    Ein Freund meinte, eigentlich müsse ich doch total aufleben in dieser Zeit. Wo ich doch viele Menschen auf einmal so fürchte. Das Gegenteil ist der Fall. Die verlassenen Kinderspielplätze, die stummen Bolzplätze, der gespenstische Bahnhof – es ist im Moment, als lebte ich in einer Art Paralleldimension, ein surreales Gefühl, in dem ich weniger auflebe als vermisse: nämlich die Freiheit der anderen, sich so zu bewegen wie sie Lust haben und ihr Lachen, ihr Miteinandersprechen, ihr Spiel. Es ist langweilig geworden, so ganz ohne Fremde, es gibt gar nicht mehr so viel zu beobachten,es sind auch keine Fußbälle mehr auf die Wiese zurück zu kicken oder mit neugierigen Schwanzwedelhunden zu schwätzen.

    Ist Dir schon aufgefallen, dass die wenigen Leute auf der Straße sogar den Blickkontakt meiden? Als könnte der auch schon ansteckend sein.

    Dann habe ich schon vor Jahren (erfolglos) versucht, mich Platons philosophischen Ambitionen anzunähern, stürzte in ein Wurmloch und kam bei Thomas Macaulay Babington wieder heraus: Nach Plato’s Ansicht war der Mensch für die Philosophie geschaffen, nach Bacon’s Meinung die Philosophie für den Menschen. Behüt mich bloß wer vor Meinungsmache…

    Nach Gelassenheit gebe ich jedenfalls niemals auf zu suchen und manchmal finde ich sie auch. Wenn ich sie zuhause suche, helfen Blumen, Bücher, Musik, Filme und alles, womit sich der unruhige Geist eine Weile beschwichtigen lässt. Noch können wir hier im Teuto in die Natur gehen, ich weiß nicht, wie es bei Euch aussieht. Im Wald finde ich noch am ehesten Ruhe und Stille, denn im Wald war auch vor Corona schon nicht viel los. Dort hat sich nicht viel verändert, außer dass jetzt noch weniger Leute unterwegs sind.

    Bitte bleibe so gesund wie möglich,
    es entsendet herzliche Grüße nach Freiburg,

    Amélie

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    • Liebe Amelie,

      Charlotte redet auch von Rahmenbedingungen und menschlichen Fähigkeiten, um auf kritische Situationen zu reagieren. Hoffnung und Freiheit (des Denkens und Handelns) müssten sich dazugesellen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Dass dieses Zitat nur ansatzweise auf die aktuelle sich abzeichnende Katastrophe anwenden lässt, steht ebenfalls außer Frage. Den Schrecken der Jetztzeit angemessen (was das auch immer heißt) zu beschreiben, hängt davon ab, wie lange der Schrecken sich fortsetzt.
      Andererseits habe ich Charlottes Zitat gewählt, weil es daran erinnert, in welch schrecklichen Zeiten sie lebte, in einem Städtchen, in dem das Durchschnittsalter 26 Jahre betrug und in dem, wie auch landesweit, Cholera, Typhus, Tuberkulose und andere Seuchen reiche Beute machten.

      Es schmerzt mich zu hören, dass es dir in der Zurückgezogenheit an Vielem mangelt, um dich froher zu stimmen. Die Abwesenheit all der Dinge, der Menschen, der Geräusche, des öffentlichen Lebens gesamt, geht mit Niedergeschlagenheit einher, ist aber vielleicht das einzig wirklich funktionierende Opfer welches wir darzubieten haben.

      Hier liegt die große dämpfende Glocke über allem. Zumindest in meinem Stadtteil. Was die Innenstadt angeht, darüber kann ich nichts sagen, ich war schon seit Wochen nicht mehr dort. Ich vermisse die Cafés, und wenn ich darüber nachdenke, ist es neben dem Vermissen meines Sohnes, meiner Schwiegertochter und zwei anderen Personen hier in Freiburg das einzig Schwierige für mich.
      Ansonsten lebe ich so zurückgezogen wie eh und je.

      Liebe Grüße aus Freiburg hinauf
      Stay Calm and Carry On

      Achim

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  4. Die Erde atmet durch. Wir erleben, dass die menschlich Vernunft bisher nicht gesiegt hat … (nichtmal die Abschaffung der Sommerzeit kommt voran)!

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