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Letzte Sätze 22 – Paul Auster – Im Land der letzten Dinge

Ich erlaube mir, die letzten Sätze von Romanen vorzustellen. Aus allen Epochen seit Anbeginn dieser modernen Erzählform. Romane, die meinen Literaturgeschmack prägten und prägen. Glückliche Romanenden, melancholische Enden, kontrafaktische Enden, bornierte Enden, fahrlässige Enden, Endzeiten, apokalyptische Enden, enträtselnde Enden und immer so weiter. Keine Epiloge, keine Nachrufe, keine fiktiven oder nonfiktiven Autorenkommentare zum zuvor Erzählten. Enden, basta. Höhepunkte des Erzählens, dort wo sie hingehören. An den Schluss.


Angesichts dessen, was uns erwartet, träumt es sich schön von solchen Absurditäten. Das Tauwetter kann jetzt jederzeit einsetzen, und es ist durchaus möglich, dass wir schon morgen früh abfahren. So sind wir vor dem Zubettgehen verblieben: wenn der Himmel einen günstigen Eindruck macht, werden wir ohne weitere Diskussion aufbrechen. Es ist jetzt tief in der Nacht, durch die Risse im Haus weht der Wind. Alle anderen schlafen, und ich sitze hier unten in der Küche und versuche mir auszumalen, was mir bevorsteht. Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich kann nicht einmal ansatzweise denken, was dort draußen mit uns geschehen wird. Alles ist möglich, und das ist praktisch dasselbe wie nichts, so als würde man in eine Welt geboren, die vorher noch nicht existiert hat. Vielleicht finden wir William, wenn wir die Stadt verlassen haben, aber ich will nicht zuviel erhoffen. Das einzige, was ich fürs erste verlange, ist die Chance, noch einen Tag zu leben. Dies schreibt Anna Blume, deine alte Freundin aus einer anderen Welt. Sollten wir einmal irgendwo ankommen, werde ich dir schreiben, wenn’s geht, das verspreche ich.

Paul Auster – Im Land der letzten DInge

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Werner Schmitz
Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1992
ISBN 3 499 13043 2


https://achim-spengler.com/2016/10/29/j-l-carr-ein-monat-auf-dem-land/

5 Kommentare

  1. Das ist ein sehr treffendes Zitat für Jetzt und Hier, lieber Achim, man kann es ja ein bisschen modellieren!
    Viel Gutes dir, ihr habt ja ab Samstag Ausgangssperre, aber ich glaube, dass diese eh ausgeweitet wird, weil sich zu wenige Menschen an die Regeln halten, so schade!
    Herzliche Grüße
    Ulli

  2. Die Fiktion wird von der Wirklichkeit eingeholt – fast unheimlich. Nichts wird wieder so sein wie vorher – welche Lehren wir daraus ziehen, das wird sich zeigen.
    Komm gut über die nächste Zeit – die Flucht in die Bücher, die Musik, in das virtuelle Leben haben wir noch. Lieber Gruß vom Dach, Karin

  3. Lieber Achim,

    Nahezu visionär wirken die letzten Worte Paul Austers. Wir befinden uns im Kriegszustand. Noch können wir nicht genau einschätzen, womit wir es zu tun bekommen haben. Fest steht nur: Das Leben vor Corona und das Leben in einem möglichen Danach wird sich verändern. Wohin der Zug geht, ist noch nicht klar. Besonnenheit klingt nach King-Size-Weg.
    (aus der Graphic Novel: die Drei Leben der Hannah Ahrendt) von Ken Krimstein:

    Letzter Absatz im Epilog:

    „Es gibt keine einzige Wahrheit.
    Keinen Königsweg des Verstandes,
    nur einen gloriosen, nie enden wollenden
    Schlamassel.
    Der nicht enden wollende
    Schlamassel echter
    menschlicher Freiheit.“

    Bitte bleib‘ gesund… und
    sei lieb gegrüßt von Amélie

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