Cambridge – Grantchester – Rupert Brooke


Grantchester, dieser Flecken Erde, ein 600 Seelen Dorf südwestlich von Cambridge gelegen, beherbergt die Erinnerung an den englischen common darling Rupert Brooke. Diese Aufgabe erfüllt das Dörfchen bis heute mit den bescheidensten und ästhetisch irrelevanten Mitteln eines Denkmalpflegevereins.

Rupert Brooke war die merkwürdig-romantische Wiedergeburt des literarischen und politischen Parvenu. Ein literarischer Einzelgänger und Zurückgezogener, der gleichwohl, durch sein charismatisches Auftreten und die Eskapaden seines Eskapismus, eine andauernde Belagerung durch allerlei Bienen zu verzeichnen hatte, die durch den Honig seiner Bisexualität und den Impetus, mit dem er sein Leben zu einem spät-apollinischen Kult machte, angelockt wurden.

Als Literat war er eine eher schwache Fußnote der englischen Lyrik. Doch stilisierte man ihn zum jungverstorbenen patriotischen Heros der durch den ersten Weltkrieg versehrten Generation junger Männer und Frauen.  Virginia Woolf sagte einmal über ihn: „I thought he would be Prime Minister“.

Brooke verachtete die Deutschen. Es nimmt insofern kein Wunder, dass der Golden Boy 1912 im Café des Westens dem Treffpunkt der intellektuellen Bohème Berlins, seine vor Heimweh strotzende Hymne auf England schrieb: The Old Vicarage.

Sentimentalität hat zu jeder Zeit Hochkonjunktur. Wenn du im The Orchard von Grantchester sitzt, wirst auch du von ihr eingeholt. Die Turmuhren schlagen 10 Uhr. Der Kaffee schmeckt fad und fremd, der Kuchen ist zersüßt von der Süße augenfälliger Erinnerungen an diesen jungen Mann.

Das Mitglied der von Virginia Woolf so genannten neuen Heiden  zog aus in den Krieg. Enthusiastisch formulierte Brooke: „The thing God wants of me is to get good at beating Germans“. Gestorben ist er an den Folgen einer Sepsis, die durch einen Mückenstich verursacht wurde. Sein Schicksal ereilte ihn an Bord eines französischen Lazarettschiffes auf dem Weg zum Kriegsschauplatz Gallipoli im ägäischen Meer. Das Leben endet immer nur profan. Egal wie hoch man die eigenen Geschicke hängt.

„If I should die, think only this of me: That there’s some corner in a foreign field, that is forever England“ .

Begraben ist Brooke auf der ägäischen Insel Skyros,  in einem Olivenhain. Sein Grab befindet sich noch immer dort. In den Augen seiner Anhänger ist Grantchester Orchard vermutlich dieses Fleckchen England, von dem er in einem Gedicht The Soldier schrieb.

Sogar hier im Obstgarten der Hinweis auf CCTV, der englischen Variante der Rundum-Ausspähung.  Als hätte man Angst, dass ein Dschihadi die Baumfrüchte gegen kleine Streubomben austauschen könnte.
Zurückgelassen hat Brooke die Heiden Lytton Strachey, Ludwig Wittgenstein, John Meynard Keynes und andere.

Kategorien:Allgemein

2 Kommentare

  1. sehr schöne blicke – und informativ!
    danke, lieber achim 🙂

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