Notate 34 – Krankheit


Rembrandt - Die Anatomie des Dr. Tulp
Rembrandt – Die Anatomie des Dr. Tulp

To my  foreign visitors:  english translation below

„Ich glaube, das ist heute nicht ihr Tag.“ sagt er, schnell, heftig, hinter seinem Schreibtisch verborgen, eine Mahnung, nicht darüber nachzudenken, die Ergebnisse lägen noch nicht vor. Nach Hause gehen, nicht grübeln und eine Form des Vergessens finden, wenn möglich.

Die Intimität meines Körpers, ein Bild, aufgehängt wie an der Schnur in der Dunkelkammer,  durch das Fixierbad lichtbeständig gemacht, eine Intimität, die erklärungsbedürftig ist, mir aber niemand erklärt. Abbildungen eines Traktes, aus denen keine Erkenntnisse sprechen und man sich vollkommen den diagnostischen Entschlüsselungsversuchen auszuhändigen hat. Zeichen, Spuren, versteckte Hinweise: Ein Körper, der an medizinischen Bestimmungsbüchern entlangläuft, Krankheiten, die sich nicht bestimmen lassen, Spuren, die auf einen kranken Körper hinweisen und dann ins Nichts verwehen, Idiopathie, ein ungelöstes Rätsel.

Was die Abbildung nicht fasst, ist die inhärente Wahrheit, die  hinter, über oder unter der Erscheinung liegt. Das Bild repräsentiert nur sich selbst, ein perspektivischer Blick, mit unzulänglicher Apparatur, aus dem die Mühen der Interpretationen sprießen, aber nicht die Fixierung, die Feststellung durch einen Namen, mit dem die Krankheit sich zu erkennen geben müsste und insofern selbstidentisch wäre mit der Bedeutung, den ihr der Name zuweist. Ihr Inhalt, ihre Wahrheit, all das, was sie will und warum sie sich in den gesunden Körper schleicht ist lediglich annäherungsweise zu fassen, durch die Symptomatik, ihre Zeichen, mit denen sie mich auf ihre Spur bringt oder ins Leere greifen lässt, weil sie alles sein kann oder alles nichts.

Sie wird sich entkleiden müssen, irgendwann. Wobei ihre Konturen, im Bild, tröstlicher sein sollten, als ihre Nacktheit. Vielleicht drückt sich in ihr ein Kunstwille aus, der  meinen Körper ästhetisch auskleidet, Neues an ihm offenbart, denn immerhin verrückt sie sein So-Sein in eine kaum mehr fassbare Richtung, mit verfremdenden Schritten, wie es der Kunst zu eigen ist.

Vielleicht würde Richard Rorty  gesagt haben: Lieber Patient, die Symptomatik deiner Krankheit ist alles was du hast. Sie umschreibt  ihren Wirkungsreichtum und mehr benötigen wir nicht, um über sie zu reden oder zu veranlassen was notwendig und möglich ist. Ihre Symptome sind bereits ihr  Inhalt selbst. Mehr hat sie nicht zu offenbaren. Und über ein Rätsel nachzudenken, mit den ästhetischen Mitteln der Kunst, wird ein Zuwachs an Selbstreflexion, an Wissen, ein Zuwachs an Freude und an Trauer bringen, Empfindungen machen uns schließlich reich, so sagt man. Die Krankheit mit mimetischen Mitteln dingfest machen wollen, das genüge. Lassen wir ihr die Metaphern der Symptome. Antworten wir ihr mit den Metaphern, die uns die Sprache zur Verfügung stellt. Der weitere Rest ist Fortschreitung und Ausprägung und Entwicklung. Spannend, da alles was ich darüber hinaus wissen will, sich entkleiden wird, nach Maß und Laune und nach Zeit.


„Never mind I don’t think it’s your day today“ he says with a prompt reply, almost violently, hidden behind his desk, a warning not to think it through, the results are not yet available. Go home, don’t ponder and find some form of oblivion if possible.

The intimacy of my body, a picture, like hanging on a cord in the darkroom, made light-resistant by the fixer, an intimacy that needs an explanation, but nobody explains it to me. Images of a tract, from which no knowledge comes and one has to hand over completely to the diagnostic decryption attempts. Signs, traces, hidden clues: A body that runs along some medical identification books, diseases that cannot be determined, traces that point to a sick body and then disappear into nothing, idiopathy, an unsolved puzzle.

What the figure does not grasp is the inherent truth that lies behind, above, or below the appearance. The picture only represents itself, a perspective view, with inadequate equipment from which the effort of interpretations sprout, but not the fixation, the verification by a name with which the illness could be identified, and in this respect would be self-identical with the meaning the name gives it. Its content, its truth, everything it wants and why it sneaks into the healthy body can only be approximated by the symptoms, which are its signs, with which it brings me on its track or leaves me behind in the void, because it means everything or nothing.

It’ll have to undress someday. Its contours, in the picture, should be more comforting than its nudity. Perhaps it expresses some kind of art that aesthetically dresses my body, reveals something new about it, because after all, it shifts in a direction that is hardly comprehensible, with steps of artistic defamiliarization.

Perhaps Richard Rorty would have said: Dear patient, the symptoms of your illness are everything you have. They describe its effectiveness and we do not need to know more to talk about and to initiate what is ever necessary and possible. Its symptoms are already its content. It has nothing more to reveal. And to think about a riddle, with the aesthetic means of art, will bring an increase in self-reflection, in knowledge, an increase in joy and grief, after all feelings make us rich, they say. To capture the disease with mimetic instruments, that’s sufficient enough. Let’s leave it alone with the metaphors of its symptoms. Let’s answer it with the metaphors that language provides us with. All the rest is progression and manifestation and development. It would be exciting, since everything I want to know will surely undress somehow, according to measure and mood and according to time.

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4 Kommentare

  1. Lieber Achim,

    Das Mögesternchen steht für die tiefe Philosophie,
    für Deinen literarischen Stil, für das Leseerlebnis…
    Der Umstand, dass Du kämpfst, gefällt mir kein Bisschen.
    Es ist ausgesprochen schwer, überhaupt Worte zu finden.
    „Mögen die Grenzen,
    an die du stößt,
    einen Weg für deine Träume
    offen lassen.“
    Das ist ein irischer Segensspruch, den ich sehr mag…
    Etwas Leuchtendes,
    sei es auch noch so winzig klein,
    wollte hier unbedingt sein.

    Liebe nachdenkliche Grüße,

    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amelie,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Es geht mir weniger ums Kämpfen, als um den Versuch, meine zukünftige Herangehensweise an die Krankheit(en) zu ändern. Nicht so sehr ihren Sinn und Herkunft und Gründe herausklamüsern zu wollen, sondern mich in einer Art kleiner Demut in ihre jeweiligen Stadien und Ausprägungen zu schicken. Sie sollen mir zukünftig nicht mehr Energie rauben. Eine Verrückung der Perspektive, eine Neujustierung meines Umgangs mit ihnen, so daß Raum und Zeit bleiben, mich um die schönen Dinge zu kümmern, die mir wichtig waren und die mir wieder wichtig werden sollen.

      Liebe Grüße

      Achim

      Gefällt 1 Person

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