Mutmaßungen über das Fremde


Dies ist mein Gastbeitrag zu dem Thema Mutmaßungen über das Fremde, zu dem die liebe Graugans auf http://www.graugans.org eingeladen hat. Die dort versammelten Beiträge werfen ganz unterschiedliche Blicke auf das, was wohl das Fremde sei. Ein wunderbares Kaleidoskop und allemal sehr lesenswert.

 

„Die kosmopolitische Realität in der Geschichte der Integration ist der letzte Schritt, bei dem das Wort WIR und die Praxis des solidarischen und kooperativen Zusammenlebens auf die Ebene der ganzen Menschheit gehievt werden müssen“. (Zygmunt Baumann)

Das Fremde ist das Unvertraute, das Unsichere. Es ist in mir, im Anderen. Das Fremde existiert. Zuallererst als Kategorie unserer Anschauung, dass es neben mir ein Anderes gibt, das sich nicht unumwunden in die Sphäre meiner Kontrolle und meines Einflusses einpassen lässt. Es grenzt sich in mir ab durch Unbewußtes, Verdrängtes, durch Übertragung. In diesem psychotextuellen Kontext ist es mir als Abspaltung von mir selbst eingeschrieben wie eine Gravur, die unsichtbar bleibt und die ans Licht gehoben werden muss, wenn es mir darum gehen will, mich in allen Facetten meiner Persönlichkeit vollkommen nackt zu sehen. Wer nicht offen ist für das Fremde, dem entgeht es als Bereicherung des Denkens und als Erweiterung seiner kulturellen Matrix , hin zu einer kosmopolitisch gefärbten Aneignung des Weltzusammenhanges, dem wir uns als Ganzes asymptotisch annähern müssen, um zu überleben.

Das Fremde übersteigt meine festgezurrten Traditionen und den Haushalt meiner Sinnlichkeit. Es erweitert meine Erfahrenshorizonte und das Wissen, das ich über Gott und die Welt mit mir herumschleppe. Nicht mehr wissen wollen wäre identisch mit dem Kältetod des Herzens.

Die Integration des Fremden durch dialogisches Verständnis kann zu Krisen führen, da es Veränderungen des eigenen Verhaltens impliziert. Neuorientierung durch Neugierde erweckt den instinktgetriebenen Impuls, dass alles beim Alten bleiben möge, da es mit Angst einhergeht, sich in neue Gefilde zu aufzumachen.

Eine ganze Palette von Reflexen steht uns zur Verfügung, wenn es darum geht, das Fremde als ein Negativum zu bewerten, und ihm den Stachel einer risikobehafteten Neujustierung meines Selbst zu rauben. Ablehnung, Ausgrenzung, Manifestation des Bestehenden. Der Gruppendruck, der Tribalismus, die Verteidigung des eigenen Territoriums. Die Unterwerfung unter die herrschende gesellschaftliche Meinung. Die Vertreibung, die Vernichtung. Das Fremde soll ausschließlich das Eigentum und die Eigentümlichkeit des Fremden bleiben. An den Orten, woher es stammt. Hic sunt leones.

Einige sagen, Argwohn und Angst, Fluchtreflex und Sicherheitsbedürfnis und die aus ihnen aufscheinenden Wirkungsverhältnisse auf das Fremde als Anderer,  seien anthropologische Konstanten, gewissermaßen in unseren genetischen Code eingeschriebene Grundtatsachen.  Sie seien Fußabdrücke des evolutionären menschlichen Selbstverständisses bis heute. So schreibt Umberto Eco, dass die Intoleranz noch vor der Indoktrination beginnt, dass sie biologische Ursachen habe. Und weiter, dass sie allein aufgrund elementarer Triebe entsteht. Insofern ist einzusehen, dass die politische Vereinnahmung der Intoleranz offene Türen einrennt. Die politische Großwetterlage gibt davon ein trauriges Abbild.

Andere glauben, dass gegenteilig zur in der DNA verankerten Fremdenfeindlichkeit diese eine erlernte Eigenschaft ist. Sie sei den Machtspielen einer Gesellschaft geschuldet, welche die Dominanz über das Fremde als das Instrument zur Sicherstellung der Souveränität von Nation, Staat, Volk und Schicksalsgemeinschaft erachtet. Das Fremde ist ein Konstrukt, ein Strategem, dessen Ziel es ist, Austauschverhältnisse zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu unterbinden. Intoleranz wird gesellschaftlichspolitisch erzeugt und nutzbar gemacht.

Aus der Sicht der Verantwortungsethik neigt das Naturwesen Mensch von seiner Anlage her immer schon zur Xenophobie. Die Ethnologie bietet darüber reichliches Anschauungsmaterial. Fremde sind aus dieser Sicht latent bedrohlich, unheimlich, alles in allem zu einer fremden Exosphäre gehörend. Aufgabe sei es solchermaßen , Fremdenfeindlichkeit und  Fremdenangst nicht als unumstößliche Tatsachen hinzunehmen. Der verantwortungsethische Ansatz besteht insofern darin, die jedem Menschen inhärente Xenophobie moralisch abzulehnen. In all ihren möglichen Ausgestaltungen. Durch Eigenarbeit, durch Bildungsarbeit, durch sozialpsychologische und politische Einflußnahme auf das Individuum und seiner Mitgliedschaft in Gruppierungen. Seien diese durch soziale oder ökonomische und anderweitige Klassierung bestimmt. Immanuel Kant glaubte, dass das Wissen um das, was recht und unrecht ist, richtig und falsch, allen Menschen dank ihrer Vernunft gegeben sei. Ob daraus auch unmittelbares moralisches Handeln folgen würde, darüber war er sich nicht sicher. Und nach Hannah Arendt kann niemand behaupten, dass das moralische Handeln sich von selbst verstünde. Hat der Versuch, die Fremdenfeindlichkeit aus den Köpfen zu bekommen, die Rechnung ohne die Biologie gemacht?

Der Schwelbrand der Fremdenfeindlichkeit ist nicht zu löschen. Ist es eine rhetorische Frage, dass sie zu überwinden wäre, wenn wir uns aus der Schicksalsgemeinschaft von Nation und Staat und Volk lösen, sie als Durchgangsstationen zu einem Universalismus sehen und eine Öffnung erfahren könnten, die es erlaubt, uns als Fremde unter Fremden zu begreifen?Immer und überall, wo uns die Mobilität als Rüstzeug unserer Welterfahrung zur Verfügung steht. Dabei geht es nicht nur um die Mobilität innerhalb der Räume. Die Spontaneität unserer Gedanken gehört dazu. Ebenso die aufgeschlossene Emotion und die überallhin reichende Empathie. Nicht zu vergessen die verantwortungsethische Grundierung einer flexiblen Moral in Gesprächen miteinander.
Gegenseitiges Verstehen, Einvernehmen, friedliche Kooperation. Solidarische Existenz, die keinem Kontrollzwang mehr unterliegt. Der Königsweg zum Fremden ist das  Gespräch und es wird unvermeidlich sein. Denn wenn es nicht geführt wird, wird die Hoffnung auf den Beginn der gegenseitigen Anerkennung und der Achtung und des guten Willens für immer zerstört. Wo ist dein Bruder, Kain?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Lieber Achim,
    wir finden das einen hervorragenden Artikel, den du geschrieben hast – richtig gut, differenziert und informationsreich.
    Wir glauben, wir benötigen das Fremde, um uns selbst zu verstehen und um nicht an unserer eigenen Erstarrung zugrunde zu gehen.
    Mit lieben Grüßen und den besten Wünschen für die Weihnachtszeit
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Gefällt 4 Personen

  2. Dein Text ist einfach grandios, mehr brauch ich da nicht dazu sagen! War eine große Ehre für mich, daß du mitgemacht hast! Liebe Grüße Margarete

    Gefällt 1 Person

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